Rosenmontag

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Heute haben
Wilhelm Heinse * 1746
Joseph Victor von Scheffel * 1826
Nikolai Leskow * 1831
Alfred Kolleritsch * 1931
Agaron Appelfeld * 1932
Richard Ford * 1944
Ian Banks * 1954
Geburtstag
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»Wenn ich nicht Bob Dylan wäre, würde ich vermutlich selbst denken, dass Bob Dylan mir eine Menge Antworten geben kann.«
Bob Dylan

Letzte Woche kam ein Kunde in den Laden und verlangte seine bestellte Bob Dylan-LP. Vinyl und nicht CD. Er schimpfte über die neue Platte des Großmeisters, weil sie wirklich schei… sei. Er hätte sie sich schon angehört. Auf meine sehr naive Antwort: Na ja, es sei ja auch seine 36. Scheibe und die Kritiken seien wirklich vernichtend gewesen, lacht er beim Hinausgehen und sagt, dass er ca. 150 Scheiben von Dylan daheim hätte und er brauche sie halt alle und es hat immer wirklich sehr schlecht Platten von ihm gegeben. Darauf habe ich ihn auf das Buch von Maik Brüggemeyer aufmerksam gemacht. Mit großen Ohren sagte er, dass ich ihm das Buch sofort reservieren solle, wenn es da sei.
Jetzt ist es soweit.

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Maik Brüggemeyer: „Catfish“
Ein Bob Dylan Roman
Metrolit Verlag € 22,00
als eBook € 15,99

Bob Dylan verfolgt mich in den letzten Wochen. Durch meine Entdeckung von Dylan Thomas‘ „Unter dem Milchwald / Under Milkwood“ und durch seine neue Platte, die ich natürlich für den Laden und die Fans bestellen musste.
Jetzt bin ich selbst angefixt, höre verdammt viel von seiner Musik und habe mir das dicke Buch mit seinen Liedtexte auf englisch und in der deutschen Übersetzung von Gisbert Haefs in der Bibliothek besorgt, da es im Moment nicht lieferbar ist. Gut, dass ich einen Bibliothelsausweis besitze.

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Maik Brüggemeyer ist Redakteur beim deutschen Musikmagazin „Rolling Stone“ und hat sich auf unkonventionelle Art und Weise seinem Helden genähert. Im Bibliotheksregal steht ein halber Meter Dylan-Biografien und Brüggemeyer meint, dass er da kein Buch hinzufügen will. Wie also vorgehen? Er reist einfach nach new York, um Dylan selbst zu treffen. Anhaltspunkte hat er genug. Ein Kneipe namens „Catfish“, das dem Buch seinen Namen gab und gleichzeitig ein Lied von Dylan ist. Das „Bitter End“, eine Kneipe, ein Falafel-Stand, Personen, die er treffen will, sind die Aufhänger für sein Buch. Dabei fiel mir auf, dass Felicitas Hoppe mit ihrer „Biografie“ „Hoppe“ so ähnlich vorgegangen ist. Bei ihr war es ein Kneipenschild „Red Lobster“ in Manhattan, das so auch nicht auffindbar und an diesen halb fiktiv, halb tatsächlichen Fakten hangeln sich beide entlang.

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Brüggemeyer trifft tatsächlich auf Dylan. Oder ist er es etwa nicht? Zu Beginn weiß er es nicht, aber nach mehreren Abenden mit diesem Menschen, in verschiedenen Kneipen, in denen der Fremde oft anders aussieht und sich an die Gespräche des Vorabends zum Teil nicht erinnern kann, entsteht so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden. Wobei dieser Dylan immer mal wieder verschwunden ist und Brüggemeyer irgendwelche versteckten Botschaften mit auf den Weg gibt, wo er vielleicht wieder auffindbar ist. Die Gespräche beruhen zum Teil auf echten Interviewtexten, oder auch aus Liedzitaten. So, wie es dem Autor gerade passt. Unglaublich witzig und beim Lesen wurde ich richtig angefixt, Dylan zu hören. Dank dieser Internet-Streaming-Portale ist dies ja nicht mehr kompliziert. Gleichzeitig hat der Autor eine eigene Playlist auf Spotify zusammengestellt. So können Sie beim Lesen die passende Musik hören.
Ein großer Lesegenuß, der dazu geführt hat, dass ich tatsächlich mit dem Stift in der Hand gelesen habe und mir Adressen unterstrichen habe, für einen eventuellen weiteren New York-Besuch. Wer weiß.
Maik Brüggemeyer nähert sich unorthodox einem der größten Künstler unserer Zeit, einer Person, die es immer wieder geschafft, sich selbt zu ändern, aus sich selbst eine Kunstfigur gemacht hat, die einfach nicht zu fassen ist. Auf seiner Never Ending Tour reist Dylan seit Jahren um die Welt, spielt, singt und ist somit immer auf Achse, wie ein rollender Stein. Immer im Fluss, immer im Wandel.

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Verzeichnisse über Dylans Lieder, Bücher, Filme über ihn und vieles mehr, ergänzen das Buch, das gerade nicht für Dylan-Fachleute geschrieben ist.
Mehr mag ich auch gar nicht über das Buch schreiben. Einfach selbst Reinschmökern. Es lohnt sich.

Die Playlist zum Buch
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Heute Abend um 19 Uhr.
Weltpremiere!

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Eintritt frei
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Montag

Heute haben
Beatrix Potter * 1866
Malcolm Lowry * 1909
John Ahsbery* * 1927
Remco Campert * 1929
Geburtstag
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Antonie Jüngst
Sommernebel

Duftumgraut der Himmelsbogen,
Schattenbilder rings die Höhen;
Träge rinnt des Stromes Welle,
Regungslos die Linden stehen.
Kaum ein Raunen in den Tannen,
Kaum ein Flüstern in den Halmen,
Ein Verklingen ferner Glocken,
Gleich dem Widerhall der Psalmen.

Die geheimnisvolle Stille
Bricht kein Laut, nur leise, leise
Singt aus sommergrünen Zweigen
Eine Amsel ihre Weise.
Rote Rosen, weiße Lilien
An geneigtem Stengel schwanken,
Und um beide schmiegt das Geißblatt
Seine blütenschweren Ranken.

Ausgelöscht und wie versunken
Hinter einem Dunstgeschiebe
Bläulich weißer Nebelmassen
Dieser Erde wirr Getriebe,
All ihr Hasten, all ihr Jagen,
Ihr verzweiflungsvolles Sehnen
Nach den glanzumflossnen Bildern
Eitlen Glücks und eitler Tränen.

O, ich lieb‘ euch, sanft umflorte,
Dämmerstille Sommertage,
Wenn mir ungezählt verrinnet
Stund‘ um Stund‘ im grünen Hage,
Wenn verstohlen durch die Wipfel
Hundertjähr’ger, alter Bäume
Auf des Westwinds leichten Flügeln
Gleiten süße Märchenträume.
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Lappert

Simone Lappert: „Wurfschatten“
Metrolit Verlag € 20,00
als eBoook € 16,00

In ihrem Erstlingsroman schreibt die Schweizer Autorin Simone Lappert über Ada, die eigentlich Adamine heisst (aber wer schon so heissen), die erst 25 Jahre alt ist, aber voller Ängste. Lange zu leben hat sie wohl eh nicht, so meint sie. Mit einem Stetoskop hört sie sich ab, wenn ih Herz mal wieder anfängt zu rasen, oder auszusetzen.

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Die Nächte sind das Schlimmste. Meist stirbt sie in ihren Träumen aufs Neue und kann sich am Tag kaum auf den Beinen halten. Um diese Ängste, die sie schön alphabetisch auflistet von A wie Atomtod bis Z wie Zyste, zu verarbeiten, hat sie in einem leeren Zimmer ihrer Wohung ein Zimmer eingerichtet, in dem sie auch eine Therapietapete unterhält, auf der sie Text- und Bildmaterial sammelt und dran befestigt.
Jetzt muss ich aber eines sofort klarstellen:
Simone Lappert schreibt zwar über Ada und ihre schrecklichen Ängste, das aber in so einem flotten frechen Ton, dass wir uns unweigerlich an Hendrikje aus dem Roman „Hendrikje vorübergehend erschossen“ von Ulrike Purschke erinnern. Diesen saukomischen Roman über eine Pechvogelin erster Güte. Simone Lappert ist eine Wortschöpferin, eine Ideenfinderin und baut immer wieder hintergründig witzige Situationen ein, dass einem das Schmunzeln im Gesicht stehen bleibt.
Genau dies passiert nämlich, als ihr Vermieter die längt überfälligen Mieten einfordern, Ada aber nicht vor die Türe setzen will. Sie strebt nämlich eine Karriere als Schauspielerin an, verdient ihr Brot aber als Leiche in einem Krimispiel. Das mit dem Vorsprechen an einem Münchener Theater hat sie wegen einer Panikattacke im Zug verpasst, weil sie erst in Rosenheim entdeckt hat, dass sie längst an ihrem Treffpunkt vorbeigefahren ist.
Nun also zurück zum Vermieter. Er setzt ihr seinen Enkel in die Wohnung, wo sie doch ein leeres Zimmer dort habe, und verzichtet auf das längst fällige Geld. Juri hat die Goldschmiedewerkstatt seines Vaters übernommen und ist frisch in die Stadt gezogen. Also alles prima, denkt der Vermieter und Juri richtet sich auch sehr unkompliziert ein und legt Adas Therapedinge ihr fein säuberlich auf ihr Bett. Ada ist entsetzt über diesen Störfaktor auf ihrem „Leidensweg“ und beginnt zuerst mit Störmanöver gegen den Eindringling. Sehr frech und böse beschreibt Simone Lappert dies und auch wie Juri sich widerum an ihr rächt.
Zum Glück hat Ada einen Freundeskreis im Haus und vom Beruf her, so dass sie von dieser Seite Unterstützung und neue Tipps bekommt. Aber eigentlich ist Juri ein ganz normaler junger Mann, der Ada aus dem Schlamassel herausziehen könnte und Ada entwickelt immer mehr Zuneigung zu ihm, wenn da nicht mehrfach in der Woche morgens fremde Frauen aus seinem Zimmer kämen.

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Simone Lappert hat einen gekonnten Roman veröffentlicht, der von der Grundstruktur nicht von einem herkömmlichen Beziehungsroman (sagen wir ruhig Liebesroman) abweicht, der aber voller Esprit, literarischen Bildern und Ideen ist, der immer wieder ein sprachliches Feuerwerk zündet, dass er sich von der obengenannten Buchkategorie weit absetzt.
Ein großes Vergnügen.

Simone Lappert liest auf „zehnseiten“:

http://zehnseiten.de/de/buecher/detail/simone-lappert-wurfschatten-457.html