Freitag, 28.Juli

Heute haben
Beatrix Potter * 1866
Malcolm Lowry * 1909
John Ashbery * 1927
Remco Campert * 1929
Beat Brechbühl * 1939
Oleg Jurjew * 1959
Geburtstag
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Eduard Mörike
Früh im Wagen


Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;
Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:
So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Feme drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.
Dein blaues Auge steht,
Ein dunkler See, vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.
An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.
Die Sonne kommt; – sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu.
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Unser Buchtipp:


Julia und Lisa Hermes: „Out There
Zwei Schwestern auf der Suche nach einer grüneren Welt“
Malik Verlag € 18,00

Vier Jahre ohne Flugzeug von Deutschland bis nach Mexiko

Die Schwestern Julia und Lisa Hermes sind auf der Suche nach einer nachhaltigeren, einer grüneren, einer solidarischeren Welt. Per Anhalter, Segelboot, Kanu, Fahrrad und zu Fuß machen sie sich auf den Weg gen Westen. Dank der Entschleunigung erleben sie selbst die kleinen Dinge hautnah: die Fischschwärme des Atlantiks, die Gürteltiere der Patagonischen Steppe, die Brüllaffen im Amazonas-Regenwald.
Unterwegs stoßen sie immer wieder auf „gelebte Utopien“. Sie besuchen indigene Gemeinschaften, Aussteiger:innen, Ökodörfer und Kommunen außerhalb der gängigen Normen. Von ihnen lernen sie, wie eine nachhaltige und solidarische Zukunft aussehen könnte und was alles passieren kann, wenn wir den sicheren Hafen verlassen und zu neuen Ufern aufbrechen.

Aus dem Tagebuch:

Eine unvergessliche Nacht
Deutschland | April 2015 bis Juli 2017
Lisa
„Wo kommt denn plötzlich der alte Globus her?“, wundere ich mich, als ich das Wohnzimmer meiner Eltern betrete. Und schon im nächsten Moment schwelge ich in Kindheitserinnerungen: Diese Miniaturausführung der Erde stand früher im Bücherregal unserer Oma Illerich. Manchmal saßen wir davor, während sie uns schwärmerisch von der weiten Welt erzählte. Warum sie so viel von der Ferne wusste, ist mir bis heute ein Rätsel. Sie hatte nie die Möglichkeit, viel weiter zu reisen als bis zur nächsten Stadt – in Gedanken aber besuchte sie die ganze Welt.
„Habe ich eben auf dem Speicher gefunden!“, ruft mein Papa aus der Küche. Es ist kurz vor Ostern, meine ein Jahr jüngere Schwester Julia und ich sind zu Besuch bei unseren Eltern in Hambuch. In diesem beschaulichen Eifeldörfchen im Westen Deutschlands verbrachten wir den Großteil unserer Kindheit – spielten Gummitwist mit unserer kleinen Schwester Michelle und streiften durch die angrenzenden Wälder. Nun knie ich mich vor den Couchtisch, auf dem der Globus steht, und beginne tagträumerisch daran zu drehen, als Jule ebenfalls ins Wohnzimmer kommt und sich neben mich auf den Teppich setzt. Plötzlich hält sie die rotierende Kugel fest und fixiert eine Stelle. „Ist dir schon mal aufgefallen, wie nah Alaska und Russland beieinanderliegen? Da könnte man doch glatt rüberpaddeln!“
Wie elektrisiert setze ich mich auf, das Reisefieber hat Besitz von mir ergriffen. „Dann lass uns das doch machen!“, rufe ich und bin mir nicht sicher, wie ernst ich das meine. Doch als Jule vom Globus auf- und mich mit leuchtenden Augen anschaut, ist es um uns beide geschehen: Die Idee lässt uns nicht mehr los.
Wenn es eine Person gibt, mit der ich mir eine Reise um die Welt vorstellen kann, dann ist das Julia. Zwar haben wir zusammen noch keine Pferde gestohlen, aber für ungewöhnliche oder verrückte Ideen war sie schon immer zu haben. Von Kindesbeinen an sind wir unzertrennlich, und auch wenn uns das Leben wegen Studium oder Reisen manchmal räumlich trennt, bleibt unsere Verbundenheit unerschütterlich.
Zweieinhalb Jahre vergehen. Über Tage, Monate und Jahre nimmt das Hirngespinst Form an und wird allmählich zu einer realen Möglichkeit. Neben dem Abenteuergeist und der Neugier auf das Unbekannte gibt es noch etwas, das uns antreibt: Die Frage nach einer besseren, einer nachhaltigeren, solidarischeren und grüneren Welt. Viele leidenschaftliche Diskussionen haben wir darüber geführt und nächtelang mit Freund:innen über mögliche Lösungen philosophiert. Jetzt wollen wir ohne Flugzeug einmal um die Welt reisen und dabei überall Gemeinschaften, Widerstandsbewegungen, Aussteiger:innen oder lokale Initiativen besuchen. Wir wollen herausfinden, wie Gemeinschaften funktionieren, welche Schwierigkeiten und Lösungsansätze es dort gibt, und dabei viel praktisches Wissen sammeln, das wir irgendwann selbst anwenden können. Die Aussicht, auf unserem Weg Menschen zu treffen, die eine Utopie nicht nur denken, sondern leben, ist letztendlich der entscheidende Faktor, der unseren Traum im Juli 2017 wahr werden lässt.
Seit besagtem Osterwochenende haben wir geplant und gespart, jeder verdiente Cent ist auf ein gemeinsames Reisekonto gewandert. Und jetzt ist es endlich so weit – morgen soll es losgehen!
Vor Aufregung bekomme ich in dieser heißen Julinacht kein Auge zu. Immer wieder gehe ich im Kopf die Liste der Dinge durch, die wir heute im Rucksack verstaut haben: Schlafsack, Zelt, Kocher, Messer und etliche andere Sachen. All das eben, was wir in den nächsten Jahren brauchen werden. Hoffentlich haben wir nichts vergessen! Und dann schweifen meine Gedanken in die Zukunft: Jule und ich in einer Gemeinschaft, trampend am Wegesrand, segelnd auf dem Meer, durch den Dschungel irrend, im Ruderboot die Beringstraße überquerend. Das wirkt hier, im Bett, in unserem ehemaligen Kinderzimmer so surreal und fantastisch wie ein Traum. An Schlaf ist nicht zu denken …
Mit vollen Rucksäcken und einem Gefühl zwischen Wehmut und Vorfreude machen wir uns am nächsten Morgen von unserem Heimatort Hambuch Richtung Südwesten auf. Unser Freund Paul fährt mit uns in seinem klapprigen Volvo bis hinter die französische Grenze, von dort wollen wir per Anhalter weiter. In Gibraltar hoffen wir dann auf eine Mitsegelgelegenheit über den Atlantik nach Südamerika. Wie weit werden wir wohl ohne Flugzeug kommen? Welche Erfahrungen warten auf uns? Und wie wird die Reise uns und unseren Blick auf die Welt verändern?
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Kultur auf Stufen: Lesung mit Caroline Wahl aus „22 Bahnen“
Mittwoch, 2. August, 19:30 Uhr, Freilichtforum der Glaspyramide / Stadtbibliothek Ulm
Eintritt frei

Tildas Tage sind strikt durchgetaktet: studieren, Geld verdienen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern – und manchmal auch um die Mutter. Ihre Freunde leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist in der trostlosen Kleinstadt geblieben, einer muss ja Verantwortung für Ida übernehmen. Eines Tages aber geraten die Dinge in Bewegung: Es blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Und Viktor taucht auf. Viktor, der genau wie sie immer 22 Bahnen schwimmt. Doch als Tilda glaubt, alles könnte gut werden, gerät die Situation außer Kontrolle.
Eines der besten Romane dieses Jahres.
Caroline Wahl, 1995 in Mainz geboren, wuchs in der Nähe von Heidelberg auf. Sie hat Germanistik und Deutsche Literatur studiert. „22 Bahnen“ ist ihr Debütroman.

Montag

Heute haben
Beatrix Potter * 1866
Malcolm Lowry * 1909
John Ahsbery* * 1927
Remco Campert * 1929
Geburtstag
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CIMG1356


Antonie Jüngst
Sommernebel

Duftumgraut der Himmelsbogen,
Schattenbilder rings die Höhen;
Träge rinnt des Stromes Welle,
Regungslos die Linden stehen.
Kaum ein Raunen in den Tannen,
Kaum ein Flüstern in den Halmen,
Ein Verklingen ferner Glocken,
Gleich dem Widerhall der Psalmen.

Die geheimnisvolle Stille
Bricht kein Laut, nur leise, leise
Singt aus sommergrünen Zweigen
Eine Amsel ihre Weise.
Rote Rosen, weiße Lilien
An geneigtem Stengel schwanken,
Und um beide schmiegt das Geißblatt
Seine blütenschweren Ranken.

Ausgelöscht und wie versunken
Hinter einem Dunstgeschiebe
Bläulich weißer Nebelmassen
Dieser Erde wirr Getriebe,
All ihr Hasten, all ihr Jagen,
Ihr verzweiflungsvolles Sehnen
Nach den glanzumflossnen Bildern
Eitlen Glücks und eitler Tränen.

O, ich lieb‘ euch, sanft umflorte,
Dämmerstille Sommertage,
Wenn mir ungezählt verrinnet
Stund‘ um Stund‘ im grünen Hage,
Wenn verstohlen durch die Wipfel
Hundertjähr’ger, alter Bäume
Auf des Westwinds leichten Flügeln
Gleiten süße Märchenträume.
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Lappert

Simone Lappert: „Wurfschatten“
Metrolit Verlag € 20,00
als eBoook € 16,00

In ihrem Erstlingsroman schreibt die Schweizer Autorin Simone Lappert über Ada, die eigentlich Adamine heisst (aber wer schon so heissen), die erst 25 Jahre alt ist, aber voller Ängste. Lange zu leben hat sie wohl eh nicht, so meint sie. Mit einem Stetoskop hört sie sich ab, wenn ih Herz mal wieder anfängt zu rasen, oder auszusetzen.

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Die Nächte sind das Schlimmste. Meist stirbt sie in ihren Träumen aufs Neue und kann sich am Tag kaum auf den Beinen halten. Um diese Ängste, die sie schön alphabetisch auflistet von A wie Atomtod bis Z wie Zyste, zu verarbeiten, hat sie in einem leeren Zimmer ihrer Wohung ein Zimmer eingerichtet, in dem sie auch eine Therapietapete unterhält, auf der sie Text- und Bildmaterial sammelt und dran befestigt.
Jetzt muss ich aber eines sofort klarstellen:
Simone Lappert schreibt zwar über Ada und ihre schrecklichen Ängste, das aber in so einem flotten frechen Ton, dass wir uns unweigerlich an Hendrikje aus dem Roman „Hendrikje vorübergehend erschossen“ von Ulrike Purschke erinnern. Diesen saukomischen Roman über eine Pechvogelin erster Güte. Simone Lappert ist eine Wortschöpferin, eine Ideenfinderin und baut immer wieder hintergründig witzige Situationen ein, dass einem das Schmunzeln im Gesicht stehen bleibt.
Genau dies passiert nämlich, als ihr Vermieter die längt überfälligen Mieten einfordern, Ada aber nicht vor die Türe setzen will. Sie strebt nämlich eine Karriere als Schauspielerin an, verdient ihr Brot aber als Leiche in einem Krimispiel. Das mit dem Vorsprechen an einem Münchener Theater hat sie wegen einer Panikattacke im Zug verpasst, weil sie erst in Rosenheim entdeckt hat, dass sie längst an ihrem Treffpunkt vorbeigefahren ist.
Nun also zurück zum Vermieter. Er setzt ihr seinen Enkel in die Wohnung, wo sie doch ein leeres Zimmer dort habe, und verzichtet auf das längst fällige Geld. Juri hat die Goldschmiedewerkstatt seines Vaters übernommen und ist frisch in die Stadt gezogen. Also alles prima, denkt der Vermieter und Juri richtet sich auch sehr unkompliziert ein und legt Adas Therapedinge ihr fein säuberlich auf ihr Bett. Ada ist entsetzt über diesen Störfaktor auf ihrem „Leidensweg“ und beginnt zuerst mit Störmanöver gegen den Eindringling. Sehr frech und böse beschreibt Simone Lappert dies und auch wie Juri sich widerum an ihr rächt.
Zum Glück hat Ada einen Freundeskreis im Haus und vom Beruf her, so dass sie von dieser Seite Unterstützung und neue Tipps bekommt. Aber eigentlich ist Juri ein ganz normaler junger Mann, der Ada aus dem Schlamassel herausziehen könnte und Ada entwickelt immer mehr Zuneigung zu ihm, wenn da nicht mehrfach in der Woche morgens fremde Frauen aus seinem Zimmer kämen.

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Simone Lappert hat einen gekonnten Roman veröffentlicht, der von der Grundstruktur nicht von einem herkömmlichen Beziehungsroman (sagen wir ruhig Liebesroman) abweicht, der aber voller Esprit, literarischen Bildern und Ideen ist, der immer wieder ein sprachliches Feuerwerk zündet, dass er sich von der obengenannten Buchkategorie weit absetzt.
Ein großes Vergnügen.

Simone Lappert liest auf „zehnseiten“:

http://zehnseiten.de/de/buecher/detail/simone-lappert-wurfschatten-457.html