Mittwoch, 27.März


Heute haben Geburtstag:
Heinrich Mann * 1871
Francis Ponge * 1899
Golo Mann * 1909
Hansjörg Schneider * 1938
Harry Rowohlt * 1945
Dubravka Ugresic * 1949
Patrick McCabe * 1955
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„Demokratie ist im Grunde die Anerkennung, dass wir, sozial genommen, alle füreinander verantwortlich sind.“
Heinrich Mann
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Jetzt als Taschenbuch:

Shelly Kupferberg: „Isidor
Ein jüdisches Leben
Diogenes Verlag Taschenbuch € 14,00

Die Berliner Journalistin Shelly Kupferberg schreibt in diesem biografischen Roman über ihren Urgroßonkel, der, aus der tiefsten jüdischen Provinz kommend, in Wien einen grandiosen gesellschaftlichen Aufstieg hinlegte. Zuerst änderte er seinen Vornamen Israel zu Isidor, hatte eine einzigarte Idee, um viel Geld zu verdienen und lebte fortan im Wiener Jetset. Die Prominenz ging bei ihm aus und ein. Gleichzeitig war er überall ein gern gesehener Gast. Um seine Familie kümmerte sich Isidor auch und finanzierte u.a. das Studium des Großvaters der Autorin.
Was kaum möglich zu sein schein: Isidor kommt unter die Räder der Nazi, wird enteignet, inhaftiert, gefoltert und stirbt entkräftet, bevor er seine Flucht in die USA organisieren kann.
Shelly Kupferberg beschreibt Isidors Aufstieg und Leben so hautnah, dass man diese Geschichte beim Lesen kaum glauben kann. Umso heftiger dann sein bitteres Ende.
Doch damit noch nicht genug. Als Walter, der obengenannte Großvater, nach dem Krieg die Wohnung von Isidor aufsucht, wird ihm mit dem Aufschrei: „Der Jud“ die Tür vor der Nase zugeschlagen.
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Kommenden Dienstag, den 2.April, stellen wir ab 19 Uhr wieder vier neue Romane vor.
Clemens Grote liest aus:

Percival Everett: James
– Ein Roman über Rassismus, angesiedelt zur Zeit und in der Stadt von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Der Aufmacher in der ZEIT Beilage zur Leipziger Buchmesse.

Doris Dörrie: Die Reisgöttin
– Gesammeltes im doppelten Sinne. Doris Dörrie schreibt über die vielen Dinge, die sie von ihren vielen Reisen von Bali bis ins Allgäu mitgebracht hat.

Lize Spit: Der ehrliche Finder
– Schmal und sehr intensiv ist dieser Roman, in dem zwei Jugendliche versuchen, die Abschiedung ihrer Familie verhindern wollen.

Vigdis Hjorth: Ein falsches Wort
– Jetzt wieder neu auf dem deutschen Buchmarkt. Der Roman, der die norwegische Autorin weltberühmt gemacht hat und in Norwegen für einen Skandal sorgte.

Bei uns in der Buchhandlung
Eintritt frei

Freitag, 11.August


Heute haben
Enid Blyton * 1896
Louise Bogan * 1897
Alex Haley * 1921
Fernando Arrabal * 1932
Wolfgang Holbein * 1953
Geburtstag
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Gotthold Ephraim Lessing
Der Sommer

Brüder! lobt die Sommerszeit!
Ja, dich, Sommer, will ich loben!
Wer nur deine Munterkeit,
Deine bunte Pracht erhoben,
Dem ist wahrlich, dem ist nur,
Nur dein halbes Lob gelungen,
Hätt er auch, wie Brocks, gesungen,
Brocks, der Liebling der Natur.

Hör ein größer Lob von mir,
Sommer! ohne stolz zu werden.
Brennst du mich, so dank ichs dir,
Daß ich bei des Strahls Beschwerden,
Bei der durstgen Mattigkeit,
Lechzend nach dem Weine frage,
Und gekühlt den Brüdern sage:
Brüder! lobt die durstge Zeit!
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Gestern erschienen:

Louise Kennedy: „Übertretung
Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
Steidl Verlag € 25,00
Im Original Trespasses € 13,90

Im Belfast des Jahres 1975 eskaliert der Bürgerkrieg. Täglich werden Verletzten und Toten gezählt. Mitten drin die junge Lehrerin Cushla Lavery. Ein falsches Wort, eine unvorsichtige Handlung und schon kann sie auf der Todesliste in dem „Höllenloch“ landen.
Sie kümmert sich um ihre alkohlkranke Mutter, betreut einen Schüler und hilft abend in der Kneipe der Familie aus. Dabei ist es immer wichtig, sich in den eigenen Kreisen zu bewegen. Für sie bedeutet das, sich mit Katholiken zu umgeben und Protestanten zu meiden. Dies ist allerdings nicht so einfach, da die Kneipe sich in einem protestantischen Viertel befindet. Als der Vater des Jungen wegen einer Kleinigkeit fast zu Tode geprügelt wird und sie sich in einen protestantischen, politisch sehr engagierten, verheirateten Anwalt verliebt, eskaliert die Welt um die junge Frau.
Der international gefeierter Roman erzählt eine Geschichte, die bei mir schon fast vergessen war. Er berichtet über eine tiefgespaltene Gesellschaft, dessen Wunden bis heute noch nicht verheilt sind.
Louise Kennedy schreibt dies aber so voller Empathie, Nächstenliebe, in Verbindung mit einer Liebesgeschichte, dass es ein unvergessliches Buch bleiben wird.
Und das Besondere am Lesen, an Literatur, sind die vielen Bezüge und Querverweise:
Cushla überreicht im Roman dem Jungen, dessen Vater so schwer verletzt worden ist, den Roman „Jude Fawley, der Unbekannte“ von Thomas Hardy. Dieses Buch ist ihr Lieblingsbuch. Kurze Zeit später gibt er es ihr zurück und meint, dass es das beste Buch sei, das er kenne.
Ich besorgte mir den Roman und war fasziniert. Bei Erscheinen, im Jahr 1985, weckte er einen Entrüstungssturm, so dass der Autor Thomas Hardy nie wieder einen Roman geschrieben hat. Beim Lesen stellte ich für mich fest, dass die Autorin Hanya Yanagihara diesen Roman gelesen haben muss, als sie ihren grandiosen Roman „Ein wenig Leben“ geschreiben hat. Nicht nur, dass eine ihrer Hauptpersonen Jude heisst, sondern auch die Verhaltensmuster des jungen Mannes erinnern an den alten Klassiker.

Donnerstag, 27.April

Heute haben
Marry Wollstonecraft * 1759
Cesare Pascarella * 1858
Arnold Höllriegel * 1883
Marta Karlweis * 1889
Cecil Day Lewis * 1904
Zhang Jie * 1937
Aminata Sow Fall * 1941
Geburtstag
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Heinrich Heine

Ich hab’ mir lang den Kopf zerbrochen,
Mit Denken und Sinnen, Tag und Nacht,
Doch deine liebenswürdigen Augen,
Sie haben mich zum Entschluß gebracht.

Jetzt bleib’ ich, wo deine Augen leuchten,
In ihrer süßen, klugen Pracht —
Daß ich noch einmal würde lieben,
Ich hätt’ es nimmermehr gedacht.
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Unser Buchtipp:

Caroline Wahl: „22 Bahnen
DuMont Verlag € 22,00

„Ich bin durch ›22 Bahnen‹ gerauscht und hellauf begeistert.
Herzerwärmend, fein, gnadenlos und richtig schön zugleich.“
Alina Bronsky

Hörprobe:

Leseprobe

Tilda lernt für ihr Mathematik-Studium, sitzt wegen des Geldes an der Supermarktkasse (sie versucht die KundInnen anhand der Produkte auf dem Förderband zu erkennen), kümmert sich um ihre kleine Schwester Ida (die mit ihr nur bei Regen ins Schwimmbad geht), macht den Haushalt und schaut immer wieder nach ihrer alkoholkranken Mutter. Ihre Schulfreundinnen sind alle weggezogen, studieren und sitzen in den großen Städten. Nur Tilda kommt nicht aus ihrem getakteten Alltag heraus.
Dies alles klingt düster und negativ. Weit gefehlt. Das Debüt der 1995 geborenen Autorin hat es in sich. Es macht, trotz der Härte, unglaublichen Spaß, ist voller Wortwitz, temporeich erzählt und wird nicht umsonst mit „tschick“ verglichen.
22 Bahnen schwimmt sie im Becken. Nicht mehr und nicht weniger. Als Viktor es ihr gleichtut, kommt einiges in Bewegung. 2 x 22 Bahnen und 2 Biografie, die aufeinandertreffen.
Auch sonst ergeben sich Neuigkeiten, da ihr einePromotionsstelle angeboten wird.
Caroline Wahl rührt nicht im Sentimentalbrei, sondern gibt ihrem Text nochmal so richtig Tempo.
Ein unerwarteter Liebling in diesem Frühjahr, der mich sehr berührt hat.
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Unsere Veranstaltung am Freitag, den 27.4., mit Milena Michiko Flašar ist jetzt schon gut besucht.
Bringen Sie ein Sitzkissen mit, damit die Plätze auf dem Teppichboden nicht so hart sind.
Wir freuen uns auf die Autorin und ihren neuen Roman „Oben Erde, unten Himmel„.

Dienstag, 4.April

Heute haben
Gabriele Tergit * 1894
Giorgio Bassani * 1926
Alan Silitoe * 1928
James Ellroy * 1948
Khaled Hosseini * 1965
Geburtstag
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Eduard Mörike
Es ist doch im April fürwahr

Es ist doch im April fürwahr,
der Frühling weder halb noch gar!
Komm Rosenbringer, süßer Mai,
komm du herbei!
So weiß ich, daß es Frühling sei.
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Und wieder ist das marbacher magazin eine literarische Wundertüte.


„Exilbriefe aus dem Deutschen Literaturarchiv“
Herausgegeben von Nikola Herweg
288 Seiten, zahlr. farb. Abb., fadengeheftete Broschur mit Schutzumschlag
marbacher magazin 177/178/179 € 20,00

Das Thema „Exil“ ist dem Deutschen Literaturarchiv seit seiner Gründung ein Anliegen. Während es damals vor allem um die ab 1933 aus Deutschland vertriebene Literatur ging, prägen im späten 20. und im 21. Jahrhundert auch die Zeugnisse von Menschen, die aus anderen Ländern kommend hier Schutz suchen, die Marbacher Sammlungen. Für diesen Band haben Mitarbeiter/-innen aus unterschiedlichen Bereichen des DLA Exil-Korrespondenzen versammelt: von Schillers 1782 nach seiner Flucht aus Württemberg verfasstem Brief über Schreiben aus der NS-Zeit und den Jahren danach bis hin zu einer 2022 nicht mehr auf Papier, sondern via Internet übermittelten Botschaft eines aus der Türkei stammenden Dissidenten. Gleich zweimal taucht die Schriftstellerin Gabriele Tergit auf, die heute Geburtstag hat. Bekannte und unbekannte, nüchterne, manchmal komische, oft verzweifelte und berührende Nachrichten sowie ein sehr bewegendes Essay, aus dem April 2022, der aus der Ukraine geflohenen Schriftstellerin Natalka Sniadanko geben Einblick in 240 Jahre Exilgeschichte.
Eine fesselnde Lektüre, die mich schon beim ersten Durchblättern nicht mehr losgelassen hat und auf aufzeigt, wie politische Willkür Menschen am Leben verzweifeln lässt.
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Heute Abend gibt es wieder eine „Erste Seite“ mit neuen Büchern,
aus denen Clemens Grote vorliest:
Wir beginnen, wie immer, pünktlich um 19 Uhr.
Dieses Mal sind es sogar fünf Bücher.

Carolina Schutti: „Meeresbrise“
Markus Orths: „Mary & Claire“
Judith Hermann: „Wir hätten uns alles gesagt“
Tarjei Vesaas: „Der Keim“
Laurent Mauvignier: „Von Menschen“

Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 16.März

Heute haben
César Vallejo * 1892
Sybille Bedford * 1911
Tiziano Scarpa * 1963
Zoe Jenny * 1974
Geburtstag
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Theodor Storm
März

Und aus der Erde schauet nur
Alleine noch Schneeglöckchen;
So kalt, so kalt ist noch die Flur,
Es friert im weißen Röckchen.
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Unser Buchtipp:

Toni Morrison: „Rezitativ
Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels
Mit einem langen Nachwort von Zadie Smith
Rowohlt Verlag € 20,00
Random House € 14,90

1983 veröffentlichte Toni Morrison diese Erzählung. „Rezitativ“ bleibt ihre einzige in ihrem umfangreichen Werk. In deutsch steht sie uns jetzt jetzt zum ersten Mal zur Verfügung.
Wie ein Experiment mutet die Lektüre im Nachklang an. Eine Versuchanordnung, über die wir lange gemeinsam diskutieren könnten.
Twyla und Roberta trafen sich in einem Kinderheim. Ihre alleinerziehende Mütter konnten sich nicht ausreichend um die beiden Mädchen kümmern. Twylas Mutter hatte die Nächte durchgetanzt und ihr Kind allein gelassen. Robertas Mutter war ständig krank. Vier Monate lebten sie dort zusammen.
„Schlimm genug, früh am Morgen aus dem eigenen Bett geholt zu werden – aber dann noch an einem fremden Ort festzusitzen, zusammen mit einem Mädchen von ganz anderer Hautfarbe. Und Mary, so heißt meine Mutter, hatte ja recht. Von Zeit zu Zeit hörte sie nämlich gerade so lange mit dem Tanzen auf, um mir was Wichtiges zu erklären, und unter anderem hat sie mir erklärt, dass die sich nie die Haare waschen und komisch riechen.“
Eines der beiden Mädchen ist schwarz, das andere weiss. Nach diesem Zitat ist klar, wer. Aber stimmt das? Toni Morrison lässt das, ganz bewusst, offen. Bis zum Schluss, wissen wir es nicht, erahnen, verwerfen.
Dieses raffinierte Spiel mit den verschiedenen Wahrnehmungen zieht sich durch den kompletten Text. Dazu kommen noch die Fallstricke mit unseren Erinnerungen, an denen wir ein halbes Leben festhalten, obwohl es sich vielleicht/wahrscheinlich ganz anders ereignet hat. Denn Jahre später treffen sich die beiden Frauen mehrfach wieder. Irgendwie sind die Rollen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben, wie auf den Kopf gedreht, wenn wir uns an die beiden Mädchen zu Beginn der Erzählung erinnern.
Die Rassentrennung ist seit den 60er Jahren in den USA abgeschafft, aber weder 1983, noch 2023 hat die Gewalt gegen die schwarze Bevölkerung nachgelassen. Erst vor zwei Tagen haben wir das in den Texten von Mumia Abu-Jamal zu hören bekommen.

Wichtig an dieser Ausgabe ist das sehr lange Nachwort (im Original heisst es: Einführung) von Zadie Smith, das unglaublich klug, erhellend ist und uns die Erzählung nochmals aufdröselt, in das Werk der Nobelpreisträgerin einführt und die Bezüge zum täglichen Rassismus herstellt.

Eine kleine Sensation.

Leseprobe
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Donnerstag, 9.März

Heute haben
Peter Altenberg * 1859
Agnes Miegel * 1879
Umberto Saba * 1883
Vita Sackville-West * 1892
Marie Cardinal * 1929
Ota Filip * 1930
Keri Hulme * 1947
Geburtstag.
Es ist der Todestag von Charles Bukowski.
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„Das Leben ist so kurz, und die Menschen verstehen es nicht einmal, sich aus den doch noch bestehenden vierundzwanzig Stunden ein kleines, feines, flüchtiges Paradies zu machen!“
Peter Altenberg
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Gestern erschienen:


Gilda Sahebi: „‚Unser Schwert ist Liebe‘
Die feministische Revolte im Iran
S.Fischer Verlag € 24,00

Gilda Sahebi, im Iran geboren und in Deutschland aufgewachsen, ist ausgebildete Ärztin und studierte Politikwissenschaftlerin. Sie arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Antisemi-tismus und Rassismus, Frauenrechte, Naher Osten und Wissenschaft. Sie ist Autorin für die ‚taz‘ und den ‚Spiegel‘ und arbeitet unter anderem für die ARD. Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini und der darauf folgenden Protestbewegung berichtet sie unermüdlich über die Geschehnisse im Iran.
Diese aktuellen Berichte finden sich in dieser Neuerscheinung wieder. Fast unerträglich ist es zu lesen, wie das Regime in Iran Menschen auf offener Straße ermordert, Jugendliche erschießt, in Gefängnisse steckt und nach ein paar Tagen behauptet, die Personen hätten Selbstmord begangen. Kaum zu glauben, dass es immer noch zu Protesten kommt, wo doch die Repressalien immer heftiger werden.
Gilda Sahebis Buch ist gestern, zum Weltfrauentag, erschienen und sie schreibt: „Was im Iran geschieht, ist feministische Weltgeschichte.“
Gilda Sahebi schreibt, in historischen Rückblicken, wie es dazu kommen konnte, wie der Unterdrückungsapparat seit Jahrzehnten existiert und zum Machterhalt des Regimes dient.
Auf Kosten von Freiheit und vieler, vieler Menschenleben.

Leseprobe

Gilda Sahebi ist Morgen, Freitag, 10.März, von 14.00 bis 16.30 Uhr im Stadthaus Ulm und hält einen Vortrag genau zu diesem Thema im Rahmen der Ulmer Denkanstöße.

Am Samstag, den 11.März ist die Vernissage zur Ausstellung im Haus der Begegnung Ulm.


Ausstellung: „Frau, Leben, Freiheit“                                         

Illustrationen von Demonstrierenden der Revolution im Iran vom 11.3.- 21.4.2023
täglich 9-18 Uhr, Sonntag bis 16 Uhr im Haus der Begegnung

Herzlich willkommen zur Vernissage: Samstag, 11. März um 18.00 Uhr im Haus der Begegnung
Bei der Vernissage wird es eine Liveschaltung zu der Künstlerin Naghmeh Jah aus Kanada geben und die Schauspielerin Jasmin Tabatabai spricht per Videobotschaft zur Situation im Iran.

Mittwoch, 8.März

Heute haben
Kenneth Grahame * 1859
Heinar Kipphardt * 1922
Walter Jens * 1923
Juri Rytcheu * 1930
Jeffrey Eugenides * 1960
Geburtstag
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„Es gibt Leute, die bereit sind, die Freiheit zu schützen, bis nichts mehr von ihr übrig ist.“
Heinar Kipphardt
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Platz 1 der SWR Bestenliste März 2023


Friedrich Christian Delius: «Darling, it’s Dilius!»

Erinnerungen mit großem A
Rowohlt Verlag € 24,00

F.C.Delius war immer für eine Überraschung gut. Politisch, gesellschaftlich hat er sich mit seinen Texten eingemischt und das in seiner literarisch ruhigen, oft auch ironischen Art aufnotiert. Frühe Werkreportagen, wie bei Siemens, seine SPD Zeit mit Willy Brandt, das Erlebnis Fußball-Weltmeister zu werden und das am Sonntagnachmittag am Radio verfolgen zu können, die Flucht eines Mannes aus der DDR und seine Rückkehr, das Zittern des Papst beim Gebet in einer römischen Kirche und vieles vieles mehr, hat er in seinen (meist schmalen) Romanen veröffentlicht.
80 Jahre wäre er im Februar diesen Jahres geworden. Gestorben ist er im Frühjahr davor. Hinerlassen hat er uns eine Biographie in 300 Kapiteln, die alle mit einem Wort mit A in der Überschrift beginnen.
Von „Abbey Road“, „Abendrot“, „Adorf“, „Adorno“, „Akte“, „Aktien“, „Altkanzler“, „Abstand“, „Anstand“, „Aufstand“ bis zu „Arroganz“ und „Azzurro“ geht die Reihe und dahinter verstecken sich poetische, gedankenscharfe, sehr perönliche Erinnerungen aus seinem Leben. Rom, Berlin, New York, Kindheit, Familie, Arbeit und Mitmenschen sind u.a. Themen darin und zeigen einen sehr klugen, zurückhaltenden Menschen und Autor, der versteht, uns zu unterhalten.
Hi, Dilius, schade, dass es beim A geblieben ist. Was wäre es wohl für ein Buch geworden, wenn Sie den Buchstaben D ausgesucht hätten?
Vielen Dank für diese Lebenserinnerung und Auf Wiedersehen.

Leseprobe
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Ausstellung: „Frau, Leben, Freiheit“                                         

Illustrationen von Demonstrierenden der Revolution im Iran vom 11.3.- 21.4.2023
täglich 9-18 Uhr, Sonntag bis 16 Uhr im Haus der Begegnung

Herzlich willkommen zur Vernissage: 11. März um 18.00 Uhr im Haus der Begegnung
Bei der Vernissage wird es eine Liveschaltung zu der Künstlerin Naghmeh Jah aus Kanada geben und die Schauspielerin Jasmin Tabatabai spricht per Videobotschaft zur Situation im Iran.

Unter den politischen Slogans des Jahres 2022 dürfte jener aus dem Iran der bekannteste sein: „Frau, Leben, Freiheit“ riefen Tausende in den Straßen der Islamischen Republik. Auslöser der landesweiten Massendemonstrationen in Iran war der Tod der 22-jährigen iranischen Kurdin JînaMahsa Amini.
Mittlerweile sind es Proteste von enormem Ausmaß, angeführt von Frauen, die unter Einsatz ihres Lebens ihre Stimme erheben gegen brutale Menschenrechtsverletzungen. Es ist demographisch die jüngste Widerstandsbewegung, die auch von mutigen Männern unterstützt wird.
Mittlerweile gibt es ca. 19000 inhaftierte Demonstrierende und unzählige Ermordungen und Hinrichtungen. Die im Exil lebende iranische Künstlerin Frau Naghmeh Jah möchte diese mutigen Menschen, die entweder hingerichtet, ermordet, gefoltert oder inhaftiert wurden und werden ein unvergessliches Gesicht geben, indem sie tagesaktuell auf social Media kunstvolle Grafiken von ihnen veröffentlicht.

Veranstalter*innen:   Diakonische Bezirksstelle, Iraniansofulm, Haus der Begegnung

Montag, 27.Februar

Heute haben
Henry Wadsworth Longfellow * 1807
John Steinbeck * 1902
Lawrence Durrell * 1912
Elisabeth Borchers * 1926
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Nymphaea

Alles was in die Tiefe sinkt
Stinkt, fault, gärt
Nährt dich
Ist Kraft für deine Blüte
Dein Blatt
Blassrosa, blutrot oder weiß
Wie der Schnee auf den Bergen
Deine Reinheit
Verwandelt den Schmutz der Welt
In pures Licht
Als wäre Leid und Schmerz
Nicht mehr als eine
Dunkle Erinnerung
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Unser Buchtipp, frisch ausgepackt:

Michel Bergmann: „Mameleben
oder das gestohlene Glück
Diogenes Verlag € 25,00

Michel Bergmann kennen Sie wahrscheinlich noch von seinem Roman „Die Teilacher“, der 2010 erschienen ist. Damals schrieb er sehr verschmitzt über seinen Vater, der mit seinen Angestellten nach dem Krieg wieder von Tür zu Tür ging, um Weisswäsche zu verkaufen. Das wäre ja an sich nichts besonderes. Aber die Familie Bergmann sind Juden und viele Angehörige wurden während der Zeit des Nationalsozialismus ermordert. Michel Bergmann führte uns damals schon in das jüdische Denken ein, erzählte über das Verhalten der Menschen an der Tür, die den überlebenden Bergmann erstaunt wiedererkennen.
Jetzt, nach so vielen Jahren kommt der Roman, der Bericht, über seine Mame, seine Mutter. Schon die ersten Kapitel zeigen auf, wo es in diesem Buch lang geht. Bergmann liebt seine Mutter, aber oft ist sie nicht zum Aushalten. Das war schon, als er ein Kind war und hörte auch 50 Jahre später nicht auf.
Sie ist eine übergriffige Mutter, eine egozentrische Frau, eine verletzende Person, aber auch gleichzeitig eine extrem starke Person, die die Nazizeit schwer traumatisiert überlebt hat, nie mehr nach Deutschland zurückkehren will, das Glück bei zwei Ehemännern sucht und sich durch ihr Leben kämpft. Auf dieser Suche durchlebt sie alle Höhen und Tiefen und behält ihr jüdischen Mutter-Glucken-Verhalten bei, das ihr Sohn bei jedem Gespräch zu spüren bekommt.
Wieder hat Michel Bergmann eine sehr ernste Lebensgeschichte mit viel Humor erzählt und uns eine jüdische Biografie sehr nahegebracht.
Eine besondere Leseempfehlung.

Lesen Sie die beiden Kapitel in der Leseprobe und Sie bekommen einen guten Einstieg ins Buch.

Samstag

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Eine „Unbekannte“ bringt uns Nahrhaftes vorbei.

Heute haben
Dorothy Parker * 1893
Wolfdietrich Schnurre * 1920
Ray Bradbury * 1920
Irmtraud Morgner * 1933
Geburtstag und morgen
Alfred Lichtenstein * 1889
Ephraim Kishon * 1924
Ilija Trojanow * 1965.

Alfred Lichtenstein
An Frida

Zwischen uns sind Wände Trennung.
Spinn-Netze Sonderbares.
Doch oft fliege ich schmal in meiner sinkenden,
Händeringenden Stube, ein blutender Piepmatz.
Wärst du da.
Ich bin so ermordet.
Frida.

Der Angetrunkene

Man muß sich so sehr hüten, daß man nicht
Ohn jeden Anlaß aufbrüllt wie ein Tier.
Daß man der ganzen Kellnerschaft Gesicht
Nicht kurz und klein haut, übergießt mit Bier.

Daß man sich nicht die ekle Zeit verkürzt,
Indem man sich in einen Rinnstein legt.
Daß man sich nicht von einer Brücke stürzt.
Daß man dem Freund nicht in die Fresse schlägt.

Daß man nicht plötzlich unter Hundswauwau
Die Kleider sich vom feisten Leibe reißt.
Daß man nicht irgendeiner lieben Frau
Den finstern Schädel in die Schenkel schmeißt.

Der Morgen

… Und alle Straßen liegen glatt und glänzend da.
Nur selten hastet über sie ein fester Mann.
Ein fesches Mädchen haut sich heftig mit Papa.
Ein Bäcker sieht sich mal den schönen Himmel an.

Die tote Sonne hängt an Häusern, breit und dick.
Vier fette Weiber quietschen spitz vor einer Bar.
Ein Droschkenkutscher fällt und bricht sich das Genick.
Und alles ist langweilig hell, gesund und klar.

Ein Herr mit weisen Augen schwebt verrückt, voll Nacht,
Ein siecher Gott … in diesem Bild, das er vergaß,
Vielleicht nicht merkte – Murmelt manches. Stirbt. Und lacht.
Träumt von Gehirnschlag, Paralyse, Knochenfraß.
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Rasmus Schöll empfiehlt:

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Tim Krohn: „Nachts in Vals“
Galiani Verlag € 16,99

Tim Krohn dürfte noch so manchen mit „Aus dem Leben einer Matratze bester Machart“ bekannt sein. Respektive, der ein oder andere erinnert sich noch an den Auftritt des Schweizers in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Jedenfalls liegt nun ein neues Buch von ihm vor: “ Nachts in Vals“. Krohn hat diese Erzählungen als „Zimmerlesungen“ im „Hotel Therme“ in Vals gelesen. Erzählt werden die ganz unterschiedlichen Beweggründe einzelner Menschen, warum sie im besagten Hotel zu Gast sind und in der Therme baden. Da gibt es das junge Pärchen, dem das Geld zu Übernachtung nicht reicht und die sich in einer kleinen heruntergekommenen Absteige einquartieren. Beim Nachtbaden schleichen sie sich als Gäste ein und erhoffen sich ein biaachen mehr für ihre Liebe. Ein vom Leben verzagter Barmusiker findet im Laufe der Geschichte seinen eigenen Klang. Da ist ein alter Schriftsteller, der des ganzen Trubels
müde, genötigt wird, seinen achtzigsten Geburtstag zu feiern und doch noch Ruhe findet. Da sind die Berge, da ist der Schnee und die kalte Luft und ganz viel „Therme“. Ein  Buch für ein kurzweiliges Lesevergnügen, ob im Zug, oder Abends, wenn die Augen schwer werden und lange Handlungstränge in den Träumen untergehen. Ein Buch das Lust macht, den kleinen Ort Vals einmal selbst zu besuchen.

Die Homepage des Autors
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Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015 ist bekannt.
Hier finden Sie alle Buchdecke. Nur zwei von den zwanzig ausgewählten Büchern haben wir (noch) nicht im Sortiment, werden dies aber sofort nachholen. Kostenlos zum Mitnehmen, das Reinlesenheft mit Leseproben aus allen Titeln der Longlist.

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Mittwoch

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Heute haben
Jacinto Benavente * 1866 (Nobelpreis 1922)
Alfred Kantorowicz * 1899
Karl Mickel * 1935
Stefano Benni * 1947
Hans-Ulrich Treichel * 1952
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Thomas Mann (+ 1955)

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Byung-Chul Han: „Die Errettung des Schönen“
S.Fischer € 19,99
als eBook € 18,99

Han bleibt mit diesem neuen Buch seinem Thema treu. Er ist ein großer Kritiker der neuen Medienwelt und misstraut dem allzu Glatten, dem Sauberen und rechnet dazu auch die Informationen und Texte, die durchs digitale Netz schwirren.
Augangspunkt diesmal ist die Kunst Jeff Koons, die mit extrem glatten Flächen aufwartet, in denen sich der Zuschauer spiegeln kann und über die man so gerne streicheln würde, wäre da nicht das aufmerksame Wachpersonal. Alles, was Jeff Konns von den Zuschauern seiner Werke hören will ist ein lautes „Wow“, so zitiert in Han. Mehr nicht. Glatt sind auch unsere iPhones und Tablets. Keine Kanten, keine Ecken. Sogar leicht geformt tauchen sie auf, damit sie besser in die hintere Hosentasche passen. Dies wird uns als schön vorgestellt. Und auch das, was wir uns als Email, über WhatsApp, oder Facebook schicken, sind glatte Botschaften, Nichtigkeiten. Wir sind scharf darauf, möglichst viele dieser Likes zubekommen und formulieren dementsprechend unsere Kurztexte. Informationen aus dem Netz entsprechen dieser Art von Text und lassen meist keine Doppeldeutigkeit der Worte und Formulierungen zu, wie es in einem Roman oft der Fall ist.
Han zitiert Brecht und misstraut der Schönheit, die uns ohne Brechung und Riss vorgestellt wird. Schönheit entsteht erst durch eine Art der Verhüllung. Sonst, so Han, sind wir auf einer Ebene der Pornografie. Erotik entsteht dort, wo sich eine Kleinigkeit offenbart und unsere Phantasie angeregt wird. Diese Begriffe der Pornografie und Erotik verwendet Han in den verschiedensten Bereichen und nicht nur für Fotos und Filme.
Han kramt in den Werken von Roland Barth, Adorno und Hegel, zitiert Heidegger und Kant und belegt mit vielen Zitaten seine These. So sagt Hegel, dass kein Gegenstand des Konsums schön sein kann, weil ihm die Freiheit fehlt. Und Han schreibt, dass es die Aufgabe von Schriftstellern ist, sich zu poetisieren, denn die Schönheit ist ein Beziehungsereignis. Schönheit hat ein Nachleuchten und alles was wir mit einem „Wow“ begrüßen,verschwindet auch schnell wieder aus unserem Gedächtnis.
Han vergelicht das Digitalschöne mit dem Naturschönen, geht auf den Begriff des Desasters ein, schreibt über die Wahrheit des Schönen und das pornographische Theater, das der Grund war, warum Botho Strauss keine Theaterstücke mehr schreibt. Pornographie auch hier in dem Sinne, dass nichts mehr verborgen bleibt, dass plakativ auf der Bühne agiert wird und dem Zuschauer keine Unstimmigkeiten mehr zugemutet werden, über die er grübeln kann.
„Verweilen am Schönen“ und „Schönheit als Reminiszenz“ nennt er noch eine der letzten Kapitelüberschriften seines Buches.
Han zeigt uns auf seinen etwas 100 Seiten einen Querschnitt durch das Thema Schönheit in unserer modernen Welt, schreibt, wie dieser Begriff in der Antike gesehen worden ist, und bleibt ein Kritiker der schnelllebigen Welt, in der uns Konsumgegenstände als das einzig Wahre, Gute, Schöne vorgegaukelt werden.

Byung-Chul Han, geboren 1959, studierte zunächst Metallurgie in Korea, dann Philosophie, Germanistik und katholische Theologie in Freiburg und München. Nach seiner Habilitation lehrte er Philosophie an der Universität Basel, ab 2010 Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, und seit 2012 Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.
Im S. Fischer Verlag ist zuletzt erschienen „Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken“ (2014).

Zwölf Seiten Leseprobe, die sich lohnen.

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