Dienstag, 1.August

Ulmer Bindertanz

Heute haben
Herman Melville * 1819
Peter Kast * 1894
Ernst Jandl * 1925
Bernward Vesper * 1938
Guus Kuijer * 1942
Geburtstag
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Johann Wolfgang Goethe
Dem aufgehenden Vollmonde

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.
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Jetzt als Taschenbuch:


Jens Liljestrand: „Der Anfang von morgen
Aus dem Schwedischen von: Thorsten Alms, Karoline Hippe, Franziska Hüther, Stefanie Werner
S.Fischer Verlag € 14,00

Als das Buch vor einem Jahr als gebundene Ausgabe erschienen ist, war es einer der ersten Romane, die den Klimawandel und die großen Brände (hier in Schweden) zum Thema machte. Nach diesem heissen Sommer ist es noch viel aktueller geworden.
Die Wälder brennen und es wird danach viele Vermisste und Tote geben.
Jens Liljestrand will aber kein Weltuntergangsszenario beschreiben. Er will in seinem Buch die Blickrichtung auf die Menschen richten. Was machen Menschen in so einer Extremsituation? Wie verhalten sie sich? Wie reagieren sie auf andere Menschen in ihrem Umfeld? Liljestrand lässt dabei vier Menschen zu Wort kommen, die auch von vier Personen übersetzt worden sind.
Da ist Didrik, der mit seiner Familie im Herzen Schweden in einer Waldhütte seinen Urlaub verbringt. Zu lange warten sie, bis sich entschließen, aufzubrechen. Dass dann das Auto, durch die Hitze, nicht mehr anspringt, macht die Situation noch gefährlicher. Daneben gibt es noch eine junge Influencerin, den Sohn einer Tennislegende und Didriks älteste Tochter Vilja, die am Ende des Romanes die Zügel in die Hand nimmt. Es sind die Jungen, die sich wehren, die kämpfen, die sich einsetzen und ihr Leben riskieren.

„Ich habe den Roman nicht geschrieben, damit Leute jetzt feststellen, dass es den Klimawandel gibt – das ist bekannt. Was mein Roman kann: helfen, die eigene Gefühlswelt auszudrücken – Verzweiflung oder Wut oder Trauer oder Resilienz. Das kann Kultur. Wir werden den Klimawandel nicht mit Kultur stoppen. Dafür brauchen wir Wissenschaft und Technologie. Aber Kultur lässt Menschen sich selbst und andere erkennen.“

„Der Anfang von morgen“ ist ein prallvoller Roman, über den ich noch seitenlang schreiben könnte, so viele Geschichten sind darin verwoben, in denen es um auch um Liebe und Betrug, politische Engagement und heftige Diskussionen geht.
Liljestrand möchte nicht erklären und physikalische Zusammenhänge aufdröseln. Er nimmt uns mittenhinein in ein mögliche Zukunft, die schon Wirklichkeit geworden ist. Wir hören es knistern und knacken, wir spüren die Hitze und das Brüllen der Feuersbrunst und meinen direkt neben den Personen zu stehen.

„Wenn Sie diesen Roman gelesen haben und mehr über den Klimawandel wissen wollen: Lesen Sie keine Romane. Informieren Sie sich lieber darüber, was Ihre Regierungen und Wissenschaftler dazu sagen.“, schreibt der Autor.

John Ironmonger, Autor von „Der Wal und das Ende der Welt“ schreibt:
„Atemberaubend und kraftvoll. Eine aufwühlende, beeindruckende Geschichte, unverzichtbar für unsere Zeit.“
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„Die erste Seite“

Heute abend liest Clemens Grote aus vier literarischen Neuerscheinungen.
Wir sind mit Johanna Sebauer im heissen Sommer in Kärnten im kleinen Kaff Nincshof, mit Emma Cline bei den Reichen am Meer in den Hamptons, mit Yves Ravey im dramatischen Sommerurlaub in Taormina und räumen mit Doris Knecht ihre alte Wohnung und das alte Leben auf.

Beginn ist 19 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

Freitag

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Heute haben
Herman Melville * 1819
Ernst Jandl * 1925
Bernward Vesper * 1938
Geburtstag
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Heute haben wir wieder eines dieser Bücher, die wir uns als Erwachsene sicherlich mehrfach anschauen, das wir aber auch mit Kindern durchblättern können und da es ganz wenig Text hat, ist es ideal zum Geschichten erfinden und Dinge entdecken.

Loch

Der rote Pfeil ist von mir hineingefügt und ist auf dem Buchumschlag nicht zu finden.

Øyvind Torseter: „Das Loch“
64 Seiten, ab 4 Jahren
Gerstenberg Verlag € 19,95

Die Wohnung ist noch leer und ein junger Mann mit Kapuzenjacke stellt seine Umzugskartons in die Küche. Müde und schlapp haut er sich dann ein Ei in die Pfanne. Beim Essen entdeckt er ein Loch in der Wand neben der Tür. Wir haben es natürlich schon längst entdeckt, aber er ist mehr als erstaunt und fragt sich: „Was ist das denn?“ Woher nur kommt das Loch, das er Held in seiner neuen Wohnung mit den Händen abfühlt? Und seltsamer noch – das Loch scheint seinen Platz zu wechseln, findet sich mal auf dem Boden, mal im Kleidersack, mal mitten in der Wand … ja, es scheint geradezu Versteck zu spielen!
Es gelingt unserem jungen Mann jedoch das Loch einzufangen und zur Untersuchung in ein Labor zu schicken. Doch es gibt Dinge im Leben, die lassen sich nicht erklären … Auf der Heimfahrt mit dem Taxi hängt das Loch als Mond am dunklen Himmel und verfolgt ihn bis zur Wohnungstür und noch auf dem Balkon hängt es dort oben und wird  von niemanden beachtet. Als er dann müde ins Bett geht, seine Tasse auf die Spüle stellt und seinen Schlafsack auspackt, ist dasLoch wieder da, wo es schon zu Beginn der Geschichte war. Links neben der Tür.
Alles nur erfunden, meinen Sie? das Loch gibt es gar nicht, oder?
Deshalb habe ich den roten Pfeil dem Titelbild hinzugefügt. Es wurde tatsächlich durch die Mitte des Buches ein Loch gebohrt. Ich will ja gar nicht fragen, wer diese vielen Löcher der Buchauflage bohren musste. Und rund um dieses feste Loch hat Øyvind Torseter seine Geschichte entwickelt.
Was ist es nun: Ein Bilderbuch, ein Geschichten- ein Vorlesebuch, oder stelle ich es in die Philosophieecke? Ach egal, es ist eine pfiffige Idee die zu neuen Gedanken anregt. Nicht alles ist so, wie es sein sollte und manchmal gibt es auch keine Erklärung dafür. Zumindest für ein kleines Hirn, wie meines.
Viel Vergnügen damit.

Øyvind Torseter, geb. 1972 in Hamar, lebt in Oslo. Er hat am Kent Institute of Art and Design und an der Osloer School of Graphic Designs studiert. Für sein umfangreiches künstlerisches Werk ist er mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Bologna Ragazzi Award 2008.

Auf dem Filmchen wird einmal durch das Buch geblättert:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Gv6KSEPerI4]

Das schickte mir gerade Werner Färber als Antwort auf das Löcher-Buch:

EIN LOCH

So inhaltslos und völlig leer,
fiel einem Loch das Leben schwer.
„Es ist in mir rein gar nichts drin,
ich finde keinen Lebenssinn.”

Es suchte seinen dunklen Schlund
nach etwas ab bis auf den Grund.
Alles was es drinnen fand,
war des Loches eigner Rand.

Es setzte sich ganz unten nieder
die Dunkelheit war ihm zuwider.
So saß es in sich selbst versunken
und hatte einen Geistesfunken.

„Voller Nichts kann man nicht sein,
ich lass die Sonne in mich rein.
Luft und Licht und Sonnenstrahlen,
ich beende meine Qualen!”

Nun war’s erfüllt mit hellem Licht.
War’s jetzt noch Loch? Oder war’s nicht?
Ich sag’, es blieb ein Nichts mit Rand
und so uns Menschen eng verwandt.

© Werner Färber