Samstag

So! Freitag, den 13. haben wir hinter uns gebracht.
Es war halt doch mal wieder nur ein ganz normaler Freitag, oder?
Und heute, am 14.September haben
Theodor Storm * 1817
Michel Butor * 1926
und
Ivan Klima * 1931
Geburtstag
_______________________

Theodor Storm
Das ist der Herbst

Das ist der Herbst; die Blätter fliegen,
Durch nackte Zweige fährt der Wind;
Es schwankt das Schiff, die Segel schwellen –
Leb wohl, du reizend Schifferkind! —
Sie schaute mit den klaren Augen
Vom Bord des Schiffes unverwandt,
Und Grüße einer fremden Sprache
Schickte sie wieder und wieder ans Land.
Am Ufer standen wir und hielten
Den Segler mit den Augen fest –
Das ist der Herbst! wo alles Leben
Und alle Schönheit uns verlässt.
_________________

Heute folgt Teil 2 aus Jagoda Marinics:Restaurant Dalmatia

Buch

RAFAEL Toronto
14. Januar 2013

Sie greift nach dem Koffer und verdreht die Augen: „Warum packe ich eigentlich immer zu viel ein? Selbst wenn ich nur drei Tage verreise, packe ich zu viel ein! All das Zeug für keine zwei Wochen Europa!“ Plötzlich steht Rafael hinter ihr, atmet ihr in den Nacken und löst ihre Gedanken, ihre rechte Hand vom Gepäck. Sie schließt die Augen, als er nach ihren Handgelenken greift, sie hinter ihrem Rücken zusammenlegt, übereinander. Ihr Rücken rundet sich. Ihre Brust hebt sich. Ihr Kopf fällt mit sanftem Druck gegen sein Schlüsselbein. Er presst ihre Fingerknöchel gegen ihre unteren Wirbel, fährt auf und ab mit ihnen, bis ihr die Knöchel fast weh tun. Sie halten den Atem an, doch sie dreht sich nicht um. Kein Kuss jetzt, nein. Die Entscheidung ist gefallen. Seither ein Beil aus Gestern zwischen den beiden.
Vor ein paar Nächten war ihm dieses alte Polaroid-Bild von ihr in die Hände gefallen, und nur wenig später fiel die Entscheidung, zurück zu gehen. Du musst zurück nach Hause, flüsterte er in jener Nacht, du musst einfach zurück. Der letzte Kuss, bevor sich alles nur noch um Zurück drehte. ZURÜCK. Als wäre das ein Ort, der auf einen wartet, der dasteht, selbst wenn man sich verspätet, wie warme Suppe auf Großmutters Herd. Trotzdem nickte sie. Rafael, in jener Nacht noch ihr Rafael, strich ihr mitten in dieses Nicken hinein die Haare aus dem Gesicht, fasste sie in seinen Händen zu einem Zopf, zog fest an ihrem Haaransatz, dass sich ihre Augen zu Schlitzen verzogen. Dann kam er nah, so nah an ihr Gesicht, bis sich seine Augen in ihren verzerrten. Er sagte nichts weiter, nicht in jener Nacht – aber sie meinte, sie hätte etwas wie Liebe in seinem Schweigen gehört. Ja, sie würde nach Hause gehen. Dorthin, wo er es vermutete. Zuhause schien ein Ort zu sein für ihn, ein gestriger Ort, einer, der mehr mit dem zu tun hatte, wer man einst war, als mit dem, wer man sein wollte, jetzt. Oder morgen. Sie schwieg. Widersprach nicht. Fügte sich. Ihm zuliebe. Das wusste er. Denn er wusste von ihrer weiblichen Unfähigkeit, etwas sich selbst zuliebe zu tun. Über das Weibliche an dieser Unfähigkeit hätte sie sich stundenlang erzürnt, wenn er es ausgesprochen hätte, doch war sie ihm weiblich, diese Eigenschaft, das Eigene zu vergessen, sich in den Dienst von etwas zu stellen, völlig ungebeten und ungefragt; Frauen sind große Aufopfernde, diese Erfahrung hatte er längst gemacht, wusste von daher, wie kurz die Halbwertszeit dieser Aufopferung war, die alles Opfern in Zersetzung verwandelte, eine alles Wesentliche zersetzende Zersetzung, die nichts von dem mehr stehen ließ, was zuvor noch ein Opfer wert gewesen war; gerade die aufopfernden Frauen sind es, die eines Tages ihre Schwerter heben und sich vor alles stellen, was ihnen diese Opfer abverlangt; Es muss jetzt einzig um dich gehen, ließ er sie spüren in jener Nacht, als er ihr den Zopf hielt. Kaum dass sie ausgeatmet hat, ausgeseufzt, lässt er ihre Handgelenke los. Rafael verschwindet aus ihrem Nacken. Und die Tür fällt ins Schloss.

Jagoda Marinic liest bei uns im Buchladen am Donnerstag, den 26.9. um 19 Uhr.

marinic_jagoda1
(Copyright : crisbeltran.com)

Ein Bericht über die Autorin und ihr Buch auf SWR2.
Ein Hörbeitrag auf Radio Bremen.
_____________________

Gestern kam ein ganzer Schwung Bücher aus der Insel-Bücherei.
Viele schöne Exemplare für Weihnachten mit Liedern, Gedichten und Geschichten.
Aber auch zwei Besonderheiten:

Sibylle Lewitscharoff, Friedrich Meckseper: „Pong redivivus
Insel Bücherei € 13,95
Vorzugsausgabe € 78,00

Pong

1998 bekam die Autorin für „Pong“ den Bachmann Literaturpreis und 2012 den Büchner Preis für ihr Gesamtwerk.Jetzt kommt Pong wieder. In dieser herrlich illustrierten Ausgabe lässt er seinen Gedanken freien Lauf. Kann er ja auch, denn er liegt im Krankenhaus.

Aber nun kommt mein wirklicher Liebling. Eines der Bücher, die auf meiner immerwährenden Bestenliste ganz oben stehen, praktisch Champions League:

Arno Schmidt:Tina“
Mit Illustrationen von Eberhard Schlotter
Insel Bücherei € 13,95

Tina

„Ja, Mann, haben Sie denn immer noch nicht gemerkt, dass Sie im Elysium sind“

Wenn ich nur daran denke, beginne ich zu schmunzeln. Schmidts Gang mit Tina in die Unterwelt. Der Eingang dorthin geht durch eine Litfasssäule (ähnlich wie beim „3.Mann“) und dort unten sind sie nun alle, die zwar tot sind, aber halt noch nicht vergessen. Ein ewiges Leben im Jenseitigen. Nicht in Ruhe tot sein können, was für eine Qual. Dies kennen wir natürlich von Homer und seinem Achill und Dantes Kömödie. Aber hier bei Schmidt ist es eine böse Satire und Schmidt zieht alle Register seines (oberlehrerhaften) Wissens. Eine name dropping vom Allerfeinsten. Da gibt es kein Halten. Wie fluchen die Alten dort unten und schimpfen auf jede Statue aus Marmor, die noch hunderte von Jahre mit ihrem Namen versehen ist. Denn, es kann nur eine wirkliche Ruhe geben, wenn nichts mehr an die jeweilige Person erinnert. Also kein Zettelchen, kein Straßenschild, keine Metallplatte. Ganz schlimm für solche Jungs wie Goethe und Schiller, die rund um den Erdball in verschiedensten Formen verewigt sind.
Entstanden ist diese Miniatur 1955 in Darmstadt, die Stadt, die Schmidt „am Darm“ bezeichnete.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und rate Ihnen, essen Sie vorher keine Linsen. Die Blähungen bereiten auch unserem Reisenden einige Peinlichkeiten.

Leseprobe
Ein Wikipedia-Beitrag zu Arno Schmidts: „Tina“

Ein Kommentar

Kommentare sind geschlossen.