Mittwoch

Heute haben
William Faulkner * 1897
Andrzej Stasiuk * 1960
Carlos Ruiz Zafón * 1964
Geburtstag
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Frage an Jagoda Marinic:
„Was ist denn, Deiner Meinung nach, der grundlegende Unterschied zwischen den Menschen in verschiedenen Ländern und Städten, wenn Du an Deine Auslandsaufenthalte denkst? Woran hapert es mit der deutschen Mentalität? Oder ist das Miteinander in New York nur ein notwendiges Muss, um zu überleben?“

JM:
„Die grundlegende Einteilung ist für mich eher die nach Stadt und Land als nach Nationen. Das Urbane ist komischerweise überall auf der Welt ähnlich. Städte wollen zwar individuell sein, gleichen sich jedoch bis zur Austauschbarkeit… Das Eigene eines Landes offenbart sich erst in ländlichen Gegenden. Dort entdeckt man man die Keimzellen der Kulturen, nur aus ihnen heraus wird eine Stadt dann individuell verstehbar…
Die Mentalität hierzulande hapert nicht an sich! Ich bin manchmal hin und weg, wie die Menschen hier sind. Manchmal aber auch nicht, logisch. Ich habe jedoch das Glück, hier das tun zu können, was ich tue und wie ich es tue. Die Arbeit, die ich mache, die Reden, die ich halte und gehört werde, zeigen mir auch: Dieses Land ist gestaltbar! Die Menschen lassen sich ein. Ein unbezahlbares Gut. Nur einige hier leben zu abgeschottet in sich und wie alle solche Kreise, ahnen sie nicht, was ihnen entgeht. Mehr Offenheit. Mehr Glaube ans Glück, ans Gute, ans Gelingen, auch im Chaos, das würde den Alltag hier um einiges leichter machen… Überlebenmüssen miteinander ist immer und überall ein guter Leim für eine Gesellschaft, nicht nur in New York. Ich finde das nicht verwerflich, wenn mir jemand die Hand reicht, weil er weiß, dass er eines Tages meine brauchen könnte… manchmal denk ich, uns hier geht es zu gut, als dass wir nett sein müssten, denn wer angewiesen ist auf den anderen, der ist auch freundlich zu ihm… Und das Erzählen! Ich wünschte, wir würden uns hier mehr Geschichten erzählen, auch im Alltag, mündlich… „Hör mal, ich war grad beim Bäcker und dort… „Diese Mentalität, noch aus dem kleinsten Ding eine Geschichte zu drehen, die fehlt mir manchmal….“
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Das Bayerische Fernsehen berichtet über „Restaurant Dalmatia

Morgen um 19 Uhr liest Jagoda Marinic bei uns in der Buchhandlung.
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Entenhausen

PaTrick Bahners: „Entenhausen
Die ganze Wahrheit
C.H.Beck Verlag 19,95

Na, wenn der C.H.Beck Verlag etwas veröffentlicht, hat das Hand und Fuß. Und wenn, dann gleich prima gebunden, mit Leinenrücken und Lesebändchen. Beides schön in knallgelb gehalten. So muss das sein.
PaTrick Bahners ist Kulturkorrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Entenhausen, mit Nebensitz in New York. Bis 2012 leitete er das Feuilleton der Zeitung. Er gehört zur deutschen Fraktion der Donaldisten und gründete die Direpol (=Donaldistisches Institut für Rechtskunde und Politik). Aha! Deshalb auch der C.H.Beck Verlag, wo sonst hätte dieses aufklärerische Werk erscheinen können. Er forschte, neben seinem Studium der Geschichte und Politik, über den Entenhausener Bürgemeister und die Rolle des Adels in der Stadtrepublik. Und: Er tauscht sogar in der deutschen Version eines Donald Duck Heftes als An- und Verkäufer von „Kunst und Krempel“ auf. Mehr Lob geht nicht. Als nächstes könnte nur noch die Adoption in die Ducksche Familie kommen und PaTrick wäre dann der kleine Bruder von Tick, Trick und Track.
Die Ducks, die Entenhausener (es gibt übrigens kaum Enten in Entenhausen!), erklären uns die ganze Welt. Dagobert ist natürlich für die Finanzwelt zuständig und bringt die Finanzmisere auf den Punkt: „Wer zuviel ausgibt, ist eines Tages Pleite.“ Mit dem Zusatz „Das weiss jedes Kind.“ So, nun wissen wir das auch. Würden nur die Ackermänner aller Länder mehr Comics lesen, die Welt sähe besser aus.
Fast hätte es das Ulmer Münster noch in die Welt von Entenhausen geschafft. Dort steht nämlich eine Kathedrale, oder auch Münster genannt, das allerdings nicht mehr liturgischen Zwecken dient, sondern sich als eine Art Museum präsentiert. Donaldistenforscher vermuten eine architektonische Nähe zu Reims. Tick, Trick und Track erwähnen den Stephansdom zu Wien. Dass nun PaTrick Bahners die Höhe des Turmes mit 144 Metern mit dem Kölner Dom vergleicht, möchte ich stark kritisieren. Wenn schon, dann mit dem höchsten Kirchturm, dem des Ulmer Münsters, der noch ein paar Meterchen höher ist.
Im Kapitel: „Enten in Entenhausen“ kommt es zur Erwähnung, dass die Enten dort zur Oberschicht gehören und dass es viele andere, sehr unterschiedliche Wesen dort gibt. Wussten Sie, das es Panzerknacker mit Hundeohren und welche mit Menschenohren gibt? Dies ist aber nur eines der vielen Beispielen, die PaTrick Bahners auflistet.
Große Philosophen kommen genauso zu Wort, wie wichtige Wirtschaftsforscher. Alexander von Humboldt wird zitiert und Jakob Burckhardt. Wagner spielt eine wichtige Rolle (Wussten Sie, dass Donald Wagnerianer ist) und Hans Blumenberg darf nicht fehlen. Das könnten wir der diesjährigen Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff stecken.
Sie merken schon, auf den über 200 Seiten bleiben keine Fragen offen und kein Auge trocken. Ein Muss für alle Donald-Leserinnen und solche, die vor Jahrzehnten welche waren.

Die Inhaltsangabe des Buches:

Einladung zu einer Forschungsreise

KAPITEL 1 Hineinspaziert in die Stadtgeschichte:
Das Rätsel der zwei Gründerväter

KAPITEL 2 Eine Sternstunde der Wissenschaft:
Die Zwei-Welten-Lehre des Hans von Storch

KAPITEL 3 Enten in Entenhausen: Minderheit und Oberschicht

KAPITEL 4 Olaf und die starken Männer:
Die Verfassungskrise des Vierkaiserjahrs

KAPITEL 5 Fluchtpunkt Timbuktu:
Wo die Gumpe ins Meer fließt

KAPITEL6 Was heißt Globalisierung?
Selbst Dagobert Duck kauft jedes Jahr einen neuen Globus

KAPITEL 7 Nach dem großen Knall:
Die Heimkehr des verlorenen Bruders

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Diesen selbstgebastelten Geldbeutel brachte heute ein Kunde mit:

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Mehr Bilder auf dem Jastram Fotoblog.
Alle Pixi-Einsendungen finden Sie hier.

Dienstag

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Heute haben
C.F.Ramuz * 1878
F.Scott Fitzgerald * 1896
Walter Kappacher * 1938
Antonio Tabucchi * 1943
Geburtstag.
Den Jungs gratuliere ich aber sehr herzlich.
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Am gestrigen Montag in der FAZ auf Seite 32:
Einmal Balkanteller für Hartgesottene, bitte
Sabine Berking bespricht Jagoda Marinic’s: „Restaurant Dalmatia„.
BuchSie beginnt, dass der Balkan-Grill um die Ecke nicht gerade bekannt ist für seine kulinarische Höhenflüge, aber berühmt für eine ehrliche, große Portion Fleisch. So auch in Tante Zoras Kneipe im Berliner Wedding, in die Mia zurückfindet.
Am Ende schreibt Sabine Berking, dass Jagoda Marinic keine Freundin konventionell an der Handlung klebenden Schreibens ist und dass man schon genau lesen sollte, um die seelischen Zustände der Figuren zu entschlüsseln.
„Jagoda Marinic bringt das schwierige Erbe des ehemaligen Jugoslawien auf den Tisch“.
Das freut mich aber sehr, dass die FAZ diesem Buch eine so positive Besprechung widmet. Zu Recht.

Auf meine Frage:
„Nun schreibst Du Romane, Erzählungen, arbeitest journalistisch. Das Überthema bei Deiner Arbeit ist Integration. Auch der Blick einer in Deutschland geborenen Kroatin auf die Deutschen und ihr Verhältnis zu Ausländern. Du hast den deutschen Pass beantragt und erhalten, bist nun also Deutsche. Und damit wird Deine Situation auch nicht überschaubarer. Wie unterscheidet sich Deine journalistische Tätigkeit, mit der literarischen?“

antwortete Jagoda Marinic:
„In einem Sinn ähnlich: Beide erzählen Geschichten. Mit Worten und auf Papier. Doch als Journalistin findet man Geschichten, als Schriftstellerin er-findet man sie, selbst dann, wenn man sie im Leben findet. Mein Überthema sind Menschen. Ihre Liebe zueinander, ihre Abhängigkeit voneinander. Integration wird es dadurch, dass ich neue Figuren in die deutsche Literatur bringe. Ein anderes Erleben von Deutschland in den Mittelpunkt stelle. Die Literatur bietet da eine andere Freiheiten, jenseits politischer Debatten. Es geht um die. Menschen, nicht die Zahlen.
Ein Roman muss nicht an dieser Welt gemessen werden; im Gegenteil, er kann gerade deshalb faszinieren, weil er eine eigene Welt schafft. Bei einem Zeitungsartikel will der Leser auch informiert werden. Romane hingegen dürfen alles. Doch nicht jeder liest gern Romane und so ist der Journalismus eine andere Form des Gesprächs mit den Lesern.“

Wenn du schreibst, dass nicht jeder Romane liest, … was liest du denn im Moment? wie lange hast du für das Restaurant gebraucht? Lag dir das schon lange auf dem Herzen und musste einfach geschrieben werden?

Ich lese : Immer wieder von vorn die ersten hundert Seiten von David Grossmans Das Gedächtnis der Haut… Restaurant Dalmatia hat mich knappe sechs Jahre gekostet, mit Lektorat, also nicht grad ein billiges Restaurant… Ich hätte nie gedacht, dass sowas geht, sechs Jahre in einem Buch bleiben. Aber es ging, denn der Roman lag mir nicht nur auf dem Herzen, er ist Teil davon. Weil er ein Tribut ist an Menschen, die ich liebte, die sich in all diesen Figuren wie Zora, Jesus, Mia, wiederfinden… Einwanderer, Abenteurer, Träumer und Enttäuschte. Ich wollte ihre Geschichten erzählen… Die FAZ schrieb heute ja, ich hätte den Einwanderern mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt. Das war ein Antrieb, ja, diese Geschichten vor dem Vergessen zu bewahren. Und wenn schon Denkmal, dann ist ein Buch mit Sicherheit das Denkmal, das am ehesten lebt und atmet…. Erfahrbar ist… Diese Menschen haben mir dauernd erzählt, mündlich – ich wollte ihnen ihr Leben zurückerzählen, schriftlich. Damit sie bleiben. Wenigstens ein bisschen.

Mehr Fragen beantwortet Jagoda Marinic sicherlich während ihrer Lesung bei uns im Buchladen.
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Heute ist ein ganz besonderer Tag für alle Ulmer und Neu-Ulmer.
Der Restaurantführer 2014 ist erschienen und damit schaffe ich auch eine gute Überleitung nach dem „Restaurant Dalmatia“.

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KSM Verlag € 13,00

Obwohl nachher dann wieder alle schimpfen, was hier und da und dort nicht stimmen würde, stürzen sich doch sehr viele auf diese Veröffentlichung.
Der Herausgeber Jens Gehlert bezeichnet die Gastronomie als einen lebenden Organismus. So lange die Sachen dann auch wirklich tot sind, die auf den Tellern landen und dass die Tiere davor ein gutes Leben hatten, wäre mir dann schon ein Anliegen. Obwohl: Als Vegetarier betrifft es mich nicht direkt.
Wieder gibt es eine Hitparade der Top Ten der Region. Und Bewertungen der 150 getesten Restaurants. Zusätzlich dieses Mal 25 Frühstücksadressen.
Da heisst es dann schon mal: „Gehört unter Artenschutz“, weil dort einfach prima gekocht wird, oder „Wenn die Engel die Flucht ergreifen“ und dem Gasthaus selbigen Namens eine nicht gerade schöne Bewertung zuteil wird. Es wird gelobt, gemeckert, Frühstückseier getestet und dann bekommt IKEA auch noch zwei Punkte. Was für eine Welt, möchte man fast sagen. Da kommen Oktopus-Salat auf den Tisch, mit Steinbeisser, Riesengarnelen und Jakobsmuscheln, oder es klappern die Teller zu laut und landen zuviele Gläser auf dem Boden.
Ein Spaß, wenn man es nicht zu ernst nimmt, ein Muss für alle Ausgeher und ein schöner Reingucker, wenn man doch selbst mal Lust hat, oder wenn sich Gäste angekündigt haben.
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Und das schrieb Eva Stotz, die Ulmer Filmemacherin, in ihrer Rundmail:

Liebe Freunde und Kollegen,

Am 24.09.2013 um 00:35 (heißt in der Nacht von Montag auf Dienstag) läuft mein Film Global Home im ZDF – Kleines Fernsehspiel. Ich freue mich wenn ihr einschaltet!
Auf der Suche nach einer unerwarteten Seite von Globalisierung, wurde mein Team und ich auf weite Reisen nach Mali, Japan, in die USA, die Türkei und in die Westbank geführt.
Letztes Jahr feierten wir Weltpremiere in Austin. Inzwischen lief der Film in Berlin, San Francisco, London, Warschau, München, Kairo – jetzt ist er endlich im Deutschen Fernsehen zu sehen!
Wer ihn dort verpasst, oder wem die Sendezeit zu spät, der kann noch eine Woche den Film online in der ZDF Mediathek anschauen.
Und wer ihn immer und immer wieder sehen möchte, oder seine Freunde damit beschenken möchte, der sollte eine schicke DVD bestellen – hier bei Good Movies!
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Film und freue mich sehr über jedes Feedback!
Liebe Grüße,
Eure Eva

http://www.globalhome-themovie.com/index.php?id=1&spr=eng
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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und so will ich nur auf nächste Woche verweisen.
Am ersten Dienstag im Monat stellen wir wieder vier neue Bücher vor.
Die erste Seite“ mit Clemens Grote am Mikrophon.
Mit Erzählungen und einem Erinnerungsbuch aus New York, einem Gedankenspiel in Rom und einem noch größeren Fabulierwerk aus Pildau.
Um 19 Uhr geht’s los.

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Samstag

So! Freitag, den 13. haben wir hinter uns gebracht.
Es war halt doch mal wieder nur ein ganz normaler Freitag, oder?
Und heute, am 14.September haben
Theodor Storm * 1817
Michel Butor * 1926
und
Ivan Klima * 1931
Geburtstag
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Theodor Storm
Das ist der Herbst

Das ist der Herbst; die Blätter fliegen,
Durch nackte Zweige fährt der Wind;
Es schwankt das Schiff, die Segel schwellen –
Leb wohl, du reizend Schifferkind! —
Sie schaute mit den klaren Augen
Vom Bord des Schiffes unverwandt,
Und Grüße einer fremden Sprache
Schickte sie wieder und wieder ans Land.
Am Ufer standen wir und hielten
Den Segler mit den Augen fest –
Das ist der Herbst! wo alles Leben
Und alle Schönheit uns verlässt.
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Heute folgt Teil 2 aus Jagoda Marinics:Restaurant Dalmatia

Buch

RAFAEL Toronto
14. Januar 2013

Sie greift nach dem Koffer und verdreht die Augen: „Warum packe ich eigentlich immer zu viel ein? Selbst wenn ich nur drei Tage verreise, packe ich zu viel ein! All das Zeug für keine zwei Wochen Europa!“ Plötzlich steht Rafael hinter ihr, atmet ihr in den Nacken und löst ihre Gedanken, ihre rechte Hand vom Gepäck. Sie schließt die Augen, als er nach ihren Handgelenken greift, sie hinter ihrem Rücken zusammenlegt, übereinander. Ihr Rücken rundet sich. Ihre Brust hebt sich. Ihr Kopf fällt mit sanftem Druck gegen sein Schlüsselbein. Er presst ihre Fingerknöchel gegen ihre unteren Wirbel, fährt auf und ab mit ihnen, bis ihr die Knöchel fast weh tun. Sie halten den Atem an, doch sie dreht sich nicht um. Kein Kuss jetzt, nein. Die Entscheidung ist gefallen. Seither ein Beil aus Gestern zwischen den beiden.
Vor ein paar Nächten war ihm dieses alte Polaroid-Bild von ihr in die Hände gefallen, und nur wenig später fiel die Entscheidung, zurück zu gehen. Du musst zurück nach Hause, flüsterte er in jener Nacht, du musst einfach zurück. Der letzte Kuss, bevor sich alles nur noch um Zurück drehte. ZURÜCK. Als wäre das ein Ort, der auf einen wartet, der dasteht, selbst wenn man sich verspätet, wie warme Suppe auf Großmutters Herd. Trotzdem nickte sie. Rafael, in jener Nacht noch ihr Rafael, strich ihr mitten in dieses Nicken hinein die Haare aus dem Gesicht, fasste sie in seinen Händen zu einem Zopf, zog fest an ihrem Haaransatz, dass sich ihre Augen zu Schlitzen verzogen. Dann kam er nah, so nah an ihr Gesicht, bis sich seine Augen in ihren verzerrten. Er sagte nichts weiter, nicht in jener Nacht – aber sie meinte, sie hätte etwas wie Liebe in seinem Schweigen gehört. Ja, sie würde nach Hause gehen. Dorthin, wo er es vermutete. Zuhause schien ein Ort zu sein für ihn, ein gestriger Ort, einer, der mehr mit dem zu tun hatte, wer man einst war, als mit dem, wer man sein wollte, jetzt. Oder morgen. Sie schwieg. Widersprach nicht. Fügte sich. Ihm zuliebe. Das wusste er. Denn er wusste von ihrer weiblichen Unfähigkeit, etwas sich selbst zuliebe zu tun. Über das Weibliche an dieser Unfähigkeit hätte sie sich stundenlang erzürnt, wenn er es ausgesprochen hätte, doch war sie ihm weiblich, diese Eigenschaft, das Eigene zu vergessen, sich in den Dienst von etwas zu stellen, völlig ungebeten und ungefragt; Frauen sind große Aufopfernde, diese Erfahrung hatte er längst gemacht, wusste von daher, wie kurz die Halbwertszeit dieser Aufopferung war, die alles Opfern in Zersetzung verwandelte, eine alles Wesentliche zersetzende Zersetzung, die nichts von dem mehr stehen ließ, was zuvor noch ein Opfer wert gewesen war; gerade die aufopfernden Frauen sind es, die eines Tages ihre Schwerter heben und sich vor alles stellen, was ihnen diese Opfer abverlangt; Es muss jetzt einzig um dich gehen, ließ er sie spüren in jener Nacht, als er ihr den Zopf hielt. Kaum dass sie ausgeatmet hat, ausgeseufzt, lässt er ihre Handgelenke los. Rafael verschwindet aus ihrem Nacken. Und die Tür fällt ins Schloss.

Jagoda Marinic liest bei uns im Buchladen am Donnerstag, den 26.9. um 19 Uhr.

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(Copyright : crisbeltran.com)

Ein Bericht über die Autorin und ihr Buch auf SWR2.
Ein Hörbeitrag auf Radio Bremen.
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Gestern kam ein ganzer Schwung Bücher aus der Insel-Bücherei.
Viele schöne Exemplare für Weihnachten mit Liedern, Gedichten und Geschichten.
Aber auch zwei Besonderheiten:

Sibylle Lewitscharoff, Friedrich Meckseper: „Pong redivivus
Insel Bücherei € 13,95
Vorzugsausgabe € 78,00

Pong

1998 bekam die Autorin für „Pong“ den Bachmann Literaturpreis und 2012 den Büchner Preis für ihr Gesamtwerk.Jetzt kommt Pong wieder. In dieser herrlich illustrierten Ausgabe lässt er seinen Gedanken freien Lauf. Kann er ja auch, denn er liegt im Krankenhaus.

Aber nun kommt mein wirklicher Liebling. Eines der Bücher, die auf meiner immerwährenden Bestenliste ganz oben stehen, praktisch Champions League:

Arno Schmidt:Tina“
Mit Illustrationen von Eberhard Schlotter
Insel Bücherei € 13,95

Tina

„Ja, Mann, haben Sie denn immer noch nicht gemerkt, dass Sie im Elysium sind“

Wenn ich nur daran denke, beginne ich zu schmunzeln. Schmidts Gang mit Tina in die Unterwelt. Der Eingang dorthin geht durch eine Litfasssäule (ähnlich wie beim „3.Mann“) und dort unten sind sie nun alle, die zwar tot sind, aber halt noch nicht vergessen. Ein ewiges Leben im Jenseitigen. Nicht in Ruhe tot sein können, was für eine Qual. Dies kennen wir natürlich von Homer und seinem Achill und Dantes Kömödie. Aber hier bei Schmidt ist es eine böse Satire und Schmidt zieht alle Register seines (oberlehrerhaften) Wissens. Eine name dropping vom Allerfeinsten. Da gibt es kein Halten. Wie fluchen die Alten dort unten und schimpfen auf jede Statue aus Marmor, die noch hunderte von Jahre mit ihrem Namen versehen ist. Denn, es kann nur eine wirkliche Ruhe geben, wenn nichts mehr an die jeweilige Person erinnert. Also kein Zettelchen, kein Straßenschild, keine Metallplatte. Ganz schlimm für solche Jungs wie Goethe und Schiller, die rund um den Erdball in verschiedensten Formen verewigt sind.
Entstanden ist diese Miniatur 1955 in Darmstadt, die Stadt, die Schmidt „am Darm“ bezeichnete.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und rate Ihnen, essen Sie vorher keine Linsen. Die Blähungen bereiten auch unserem Reisenden einige Peinlichkeiten.

Leseprobe
Ein Wikipedia-Beitrag zu Arno Schmidts: „Tina“

Donnerstag

Heute haben Dorothy Parker * 1893
Ray Bradbury * 1920
Wolfgang Schnurre * 1920
Irmtraud Morgner * 1933
Geburtstag
und es ist der Todestag von Nikolaus Lenau (* 1850)
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Passend zu diesem Jahrestag und auch für alle, die aus dem Urlaub zurückkehren gibt es heute das Gedicht „Heimatklang“.

Nikolaus Lenau
Heimatklang

Als sie vom Paradiese ward gezwungen,
Kam jeder Seele eine Melodie
Zum Lebewohl süß schmerzlich nachgeklungen,
Darauf umschloß die Erdenhülle sie.
Noch ist dies Lied nicht völlig uns verdrungen,
Doch tönt es leiser stets auf Erden hie.
Gib acht, o Herz, daß in den Schütterungen
Dir nicht des Liedes letzter Hauch entflieh!
Ein Nachhall dieses Liedes ist entsprungen
Des Morgenlandes süße Poesie,
Von Jugendträumen wirds manchmal gesungen,
Doch dunkel, unbewußt woher? und wie?
Wem aber einmal klar und voll geklungen
Die wunderbare Heimatmelodie,
Der wird von bangem Heimweh tief durchdrungen,
Und er genest von seiner Sehnsucht nie.
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Ich doch versprochen, über meine Bücher zu schreiben, die ich in meinen Urlaubstagen gelesen habe.

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The Love Affairs of Nathaniel P.“ von Adelle Waldman war eines davon. Auf dem Blog finden Sie eine Besprechung des Buches, das ich auf dem eReader gelesen habe. (Das Ding ist einfach unerotisch, aber halt sehr platz- und gewichtsparend).

Dazu gab es jeden Tag einen Gesang aus der „Göttlichen Komödie“ von Dante, bei der ich mittlerweile im Paradies angekommen bin. Seit Jahren mache ich an diesem Werk herum, habe eine italienische Ausgabe mit Kommentaren, die ich nicht verstehe, eine dt. Reclam-Ausgabe mit einer sehr genauen Übersetzung und ein Inseltaschenbuch, das sich an die Versform hält. Nun kam vor Kurzem eine Neuübersetzung mit deutschen Kommentaren bei Reclam heraus. Davon schnappte ich mir den dritte Band (Paradies) und genieße es außerordentlich. So habe ich den italienischen Originaltext, eine deutsche Übersetzung und sehr viele Kommentare verschiedenster Art. Es macht wieder richtig Spaß und lässt mich wirklich vergessen, dass diese Thematik nun wirklich nicht meines ist. Und trotzdem packt es mich jeden Tag.
Leseprobe.

Als Fahnen (Kopien auf Papier) hatte ich noch „Restaurant Dalmatia“ von Jagoda Marinic dabei. Darin erzählt die Autorin von einer jungen Frau namens Mia, die in Kanada endlich den Durchbruch als Fotografin geschafft hat, dann aber in ein großes Loch fällt. Ihr Freund rät ihr zu einer Reise zurück zu ihren Wurzeln, also nach Berlin, wo sie aufgewachsen ist. Im Restaurant Dalamtia ihrer Tante Zora im Berliner Wedding findet sie das, wonach sie solange gesucht hat. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, in der Kanada, Berlin und Kroatien sich zu einem großen Reigen vereinen. Mehr mag ich noch nicht schreiben. Das Buch erst am 20.9. im Verlag Hoffmann & Campe erscheint. Am 26.9. liest Jagoda Marinic bei uns in der Buchhandlung. Worauf wir uns sehr freuen.
Die website der Autorin.

Noch auf dem eReader hatte ich Imre Kertészs: „Letzte Einkehr„. Dieses Buch ist echt eine Wucht und rundet diesen Kanon sehr schön ab. Dante, Brooklyn, Berlin/Dalmatien und jetzt Berlin/Ungarn.
Im Gegensatz zu seinem berühmten „Galeerentagebuch“, das in Ungarn spielt, sind dies Tagebuchaufzeichnungen von 2009 bis 2011. Die Zeit, in der er dann doch noch den Nobelpreis erhält, nach Berlin umzieht, einen noch kritischeren Blick auf Ungarn entwickelt. Es ist die Zeit, in der der ganze Trubel über ihn hereinbricht, er jedoch auch endlich reisen kann, wohin er will. Er steigt in den besten Restaurants ab und übernachtet bei Einladungen in den feinsten Hotels. Es ist jedoch auch die Zeit von dramatischen Erkrankungen bei seiner Frau und ihm. Kretesz ist ein großer Kritiker, was die Politik Ungarns anbelangt. Der Umgang mit dem Judentum ist ein ständiges Thema in seinen Aufzeichnungen. Aber auch die Bewertung einzelner Schriftsteller. Ein geniales Buch, das mich nicht mehr losgelassen hat, obwohl ich erst sehr kritisch an die Texte rangegangen bin.
Das Buch erscheint am 20.9. im Rowohlt Verlag.
Leseprobe