Freitag

Heute haben
Annette von Droste-Hülshoff * 1797
Alexei Nikolajewitsch Tostoi * 1883
Axel Eggebrecht * 1899
Ingeborg Drewitz * 1923
Yasmina Khadra * 1949
Geburtstag

Und deshalb gibt es heute auch ein Gedicht von der Droste, das zwei sehr bemerkenswerte letzte Seiten hat.

Annette von Droste-Hülshoff
Am Weiher
Ein milder Wintertag

An jenes Waldes Enden,
Wo still der Weiher liegt
Und längs den Fichtenwänden
Sich lind Gemurmel wiegt;

Wo in der Sonnenhelle,
So matt und kalt sie ist,
Doch immerfort die Welle
Das Ufer flimmernd küßt:

Da weiß ich, schön zum Malen,
Noch eine schmale Schlucht,
Wo all die kleinen Strahlen
Sich fangen in der Bucht;

Ein trocken, windstill Eckchen,
Und so an Grüne reich,
Daß auf dem ganzen Fleckchen
Mich kränkt kein dürrer Zweig.

Will ich den Mantel dichte
Nun legen übers Moos,
Mich lehnen an die Fichte,
Und dann auf meinen Schoß

Gezweig‘ und Kräuter breiten,
So gut ich’s finden mag:
Wer will mir’s übel deuten,
Spiel ich den Sommertag?

Will nicht die Grille hallen,
So säuselt doch das Ried;
Sind stumm die Nachtigallen,
So sing‘ ich selbst ein Lied.

Und hat Natur zum Feste
Nur wenig dargebracht:
Die Lust ist stets die beste,
Die man sich selber macht.
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Im aktuelle Heft von „Lettre International“ fand ich gestern einen Text von Priya Basil, die 2011 bei uns in der Buchhandlung aus ihrem wirklich tollen Roman „Die Logik des Herzens“ gelesen hat. Der Roman passt gut zu Zadie Smiths: „London NW“, das ich vor ein paar Tagen vorgestellt habe. Auch er schildert ein junges Paar mit verschiedenster Herkunft. Sowohl kulturell als auch wirtschaftlich und wie die beiden versuchen ihr Glück zu finden.

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Hier schreibt sie in 81 kurzen, durchnummerierten Abschnitten über das Alter, über das Altern, auch über das Sterben ihres geliebten Grossvaters, der in London lebte und den sie oft von Berlin aus besucht hat. Sie schreibt über Veränderungen in unserem Körper, aber auch in der Gesellschaft. Und zwar global. Sie zitiert alte Philosphen und ihren Grossvater. Sie schreibt über sich und das, was uns alle einmal erwartet. Das Alter und auf jedenfall der Tod.

1. Langsam, aber stetig nimmt mit Erreichen des dreißigsten Lebensjahres die Herzleistung ab. Wie aber kann das sein, dass ich doch nie intensiver empfunden habe als gerade?

2. Der Körper altert, Geist und Seele aber halten sich nicht an die Beschränkungen der Zeit.

3. Wir werden uns wohl nicht wiedersehen“, meinte Grossvater Papaji …

Das ist der Aufhänger für diese Seite in „Lettre“. Grossvater Papaji, schon immer ein Hypochonder (im Alter), merkt, dass es mit ihm zu Ende geht, was er aber schon immer wieder in den letzten Jahren meint/gesagt hat. Als Priya ihn bittet, mit dem Sterben noch etwas zu warten, meint er: „Ich verspreche dir, mir größte Mühe zu geben„.
Das tut er auch und sie hat noch einige gute Gespräche mit dem alten Herrn und macht sich für sich selbst ihre Gedanken. Worin hat er recht, obwohl es auf den ersten Moment nicht so scheint und was kann sie für sich selbst sehr gut übernehmen? In England wird Ärzen geraten nicht länger von „Geriatrie“, sondern von „elderly care“ / „Altenpflege“ zu reden. Also auch eine kosmetische Mutation der Sprache. Wir erfahren, dass eine weltweite Studie herausgefunden hat, dass alle unsere staatlichen Altersversorgungen nicht genügend Geld und Mittel haben, um mit der großen Anzahl von Altern klarzukommen, die es in den nächsten Jahren geben wird.

34. Wir wäre das Leben, wären wir schon vor dem Schaden klug.

Priya schreibt auch darüber, dass wir nicht einfach von der Kindheit, Jugend, in das Erwachsensein und ins Alter wechseln, sondern, dass wir täglich zwischen diesen Formen hin und her wechseln. Wenn wir morgens aufstehen, merken wir unser Altern, wenn wir aber mit einem Spiel (mit Freunden) beschäftigt sind, können wir uns wie Kinder verhalten. Desgleichen sind wir wahre Erwachsene, wenn wir ernsthaft irgendwelche Dinge diskutieren. Dies und noch viel mehr interessante Gedanken bringt Priya Basil hier zu Papier, die ich gar nicht alle auflisten kann, sich aber zu Lesen lohnen.
Am Ende des Artikels schreibt sie, dass Seneca meint, dass das Leben lang ist, wenn wir es nützen und dass sie sich auf die durchschnittliche Lebenserwartung (für Frauen in England) von 82 Jahren freut, zumal sie in Indien nur bei 69 ist. Das wünsche ich Ihr auch und hoffe noch mehr von ihr lesen zu können und vielleicht kommt sie mal wieder in unsere Buchhandlung.
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