Freitag

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Heute hat Wilhelm Hauff (* 1802) Geburtstag

Und der Lyrikkalender bringt:

Conrad Ferdinand Meyer
Lethe

Jüngst im Traume sah ich auf den Fluten
Einen Nachen ohne Ruder ziehn,
Strom und Himmel stand in matten Gluten
Wie bei Tages Nahen oder Fliehn.

Sassen Knaben drin mit Lotoskränzen,
Mädchen beugten über Bord sich schlank,
Kreisend durch die Reihe sah ich glänzen
Eine Schale, draus ein jedes trank.

Jetzt erscholl ein Lied voll süsser Wehmut,
Das die Schar der Kranzgenossen sang –
Ich erkannte deines Nackens Demut,
Deine Stimme, die den Chor durchdrang.

In die Welle taucht ich. Bis zum Marke
Schaudert ich, wie seltsam kühl sie war.
Ich erreicht‘ die leise ziehnde Barke,
Drängte mich in die geweihte Schar.

Und die Reihe war an dir zu trinken,
Und die volle Schale hobest du,
Sprachst zu mir mit trautem Augenwinken:
„Herz, ich trinke dir Vergessen zu!“

Dir entriss in trotzgem Liebesdrange
Ich die Schale, warf sie in die Flut,
Sie versank, und siehe, deine Wange
Färbte sich mit einem Schein von Blut.

Flehend küsst ich dich in wildem Harme,
Die den bleichen Mund mir willig bot,
Da zerrannst du lächelnd mir im Arme
Und ich wusst es wieder – du bist tot.
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Sehr passend zu meinem Filmtipp, in dem das Vergessen eine große Rolle spielt:

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Die Wohnungvon Arnon Goldfinger
Deutschland, Israel 2011
DVD € 19,90

Dass ich auf den Film gekommen bin, verdanke ich wieder einmal meiner Tippgeberin Marianne. Auf arte lief der Film am vergangenen Montag und kann noch bis Ende der Woche auf deren Internetportal angeschaut werden (arte+7), oder bei uns als DVD gekauft werden.
Ich konnte zuerst nur die erste Hälfte anschauen und war so aufgewühlt, dass ich es kaum erwarten konnte die kompletten 97 Minuten zu sehen.

Die Großeltern des israelischen Dokumentarfilmers Arnon Goldfinger sind vor dem Holocaust aus Deutschland nach Israel geflohen. Nach dem Tod der Großmutter löst Arnon Goldfinger gemeinsam mit seiner Mutter die Wohnung der Großeltern in Tel Aviv auf, in der Gerda Tuchler mit ihrem Mann Kurt gelebt hat. Doch zunächst will Arnon Goldfinger die Wohnung in ihrem ursprünglichen Zustand mit der Kamera festhalten. Dabei geht es sehr turbulent und lustig zu. Die Familie, die Jungen und Alten machen endlich alle Schubladen und Schränke auf, was sie sich vor ein paar Wochen nie getraut hätten. Unglaubliche Mengen von Handtaschen und Handschuhe kommen hierbei zum Vorschein. Ein Nerz (?) mit Kopf und Füssen sorgt für spitze Schreie bei den Urenkeln. Die Mutter beschließt, dass das Meiste wegkommt, da es nichts wert sei. Arnon Goldfinger ist immer nah dran, steht mit seiner Kamera mitten im Gewühl.
Bei der Sichtung des Nachlasses entdecken Mutter und Sohn neben unzähligen Haushaltsdingen und Kleidungsstücken Dokumente, Briefe und Fotografien, die eine bislang der Familie unbekannte Geschichte erzählen. Die jüdischen Großeltern des Filmemachers pflegten eine Freundschaft mit der Familie eines SS-Offiziers. Leopold von Mildenstein, war einst Vorgesetzter Adolf Eichmanns. Und selbst nach Ende des Krieges bestand der Kontakt zwischen Kurt Tuchler in Israel und von Mildenstein in Deutschland weiter.
Die Freundschaft zwischen den Tuchlers und den von Mildensteins hatte auf einer gemeinsamen Reise der beiden Männer nach Palästina begonnen. Kurt Tuchler war damals Richter in Berlin und überzeugter Zionist. Leopold von Mildenstein war seit 1935/36 Kommandant des sogenannten Judenreferats. Ihr gemeinsames Ziel bestand darin, Einwanderungen von deutschen Juden nach Palästina zu vereinfachen. Denn Palästina war damals das einzige Land, das bereit war, Juden in größerer Zahl aufzunehmen.
Eine unglaubliche Geschichte, so scheint es. Für mich sehr fremd und unbekannt. Es öffnen sich für Arnon Goldfinger jedoch Welten, als er anfängt, seine Mutter über deren Mutter und ihre Großmutter zu befragen. Großes Kopfschütteln. Ich weiß es nicht, ich habe nicht nachgefragt, darüber wurde nie gesprochen, sind die Antworten, die er zu hören bekommt. Dabei war die Beziehung zwischen den beiden Ehepaaren sehr intensiv und langandauernd. Goldfinger forscht weiter, liest sich durch Berge von Briefe, die nie weggeworfen worden sind und nimmt Kontakt zur Tochter der von Mildensteins auf, die als ältere Dame in Wuppertal lebt. Auch dort großes Kopfschütteln und Reinwaschen des Vaters. Bis zum Schluss weigert sich die Tochter an die Nazi-Vergangenheit ihres Vaters zu glauben, oder dies zu akzeptieren. Goldfinger legt ihr Dokumente vor, die sie zwar liest, aber für sie nie glaubwürdig genug sind.
Arnon Goldfinger kommt dieser unwahrscheinlich klingenden Geschichte immer näher und bringt seine Mutter dazu, mit ihm viele Fotos anzuschauen und sich erzählen zu lassen, was darauf zu sehen ist. Sie reisen nach Berlin,wo seine Urgroßmutter lebte und von dort nach Theresienstadt abtransport und ermordet worden ist, weil sie nicht nach Palästina auswandern wollte. Ein Stolperstein am Hauseingang erinnert an sie. Es kommt zu einem Treffen der beiden Töchter in Wuppertal. Alles ist herzlich und freundlich und doch herrscht eine Atmosphäre des Schweigens, wenn es um die heiklen Themen geht.
Arnon Goldfinger hat einen Dokumentarfilm gedreht, der mich wirklich bis ins Innerste bewegt hat.
Was hat es mit diesen verschiedenen Arten des Vergessens auf sich? Warum wurde nie richtig nachgefragt? Wie konnte eine solche Freundschaft überhaupt entstehen und so lange anhalten? So ganz kann er dieses Phänomen nicht aufdecken, aber das, was hochgespült worden ist, reicht schon mehr als genug.

awards

Hier geht es zur website des Filmes mit vielen Fotos, Dokumenten und Hintergrundinformationen, u.a. zum Haavara-Abkommen.

Trailer

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=qT7Ty6b0rng]