Samstag

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Das 7.Blatt von Christel Müllers  und Ursula Selbmanns Adventskalender
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Heute haben Johann Nestroy * 1801
Willa Cather * 1873 (unbedingt von ihr etwas lesen!)
Gertrud Leutenegger * 1948
Geburtstag.

Gestern gab es im Radio und TV kaum ein anderes Thema als der Tod von Nelson Mandela. Viel gab es dabei nochmal zu hören und zu sehen über Madiba, wie er oft auch genannt wurde. Und wenn das alles wieder hochkommt, dann ist Mandela eine wirklich sehr bemerkenswerte Persönlichkeit, wie wir sie nicht viele auf diesem Planeten haben. Bis zuletzt haben sich andere in seinem Licht gesonnt. Er sei kein Heiliger, sondern ein Sünder, der es versucht. Das können wir uns alle auf die Fahne schreiben und vielleicht haben das auch die hohen Politiker und Wirtschaftsbosse mitbekommen. Wahrscheinlich ist dieser Satz nicht weit in ihr Hirn vorgedrungen.
1988 gab es im Wembley Stadion in London ein riesiges Konzert zu Ehren von Nelson Mandela, bei dem alle großen Bands aufgetreten sind. Und plötzlich steht auf der gigantischen Bühne eine (unbekannte) kleine schwarze Frau mit einer Gitarre. Es war der Startschuss einer tollen Karriere von Tracy Chapman.

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Um Leben und Tod geht es auch im Blog von Wolfgang Herrndorf, der jetzt als Buch erschienen ist.

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Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“
Rowohlt Berlin Verlag € 19,95
als eBook € 16,99

Dann Telefonat mit einem mir unbekannten, älteren Mann in Westdeutschland. Noch am Tag der Histologie war Holm abends auf einer Party mit dem Journalisten T. ins Gespräch gekommen, dessen Vater ebenfalls ein Glioblastom hat und noch immer lebt, zehn Jahre nach der OP. Wenn ich wolle, könne er mir die Nummer besorgen. Es ist vor allem dieses Gespräch mit einem Unbekannten, das mich aufrichtet. Ich erfahre: T. hat als einer der Ersten in Deutschland Temodal bekommen. Und es ist schon dreizehn Jahre her. Seitdem kein Rezidiv. Seine Ärzte rieten nach der OP, sich noch ein schönes Jahr zu machen, vielleicht eine Reise zu unternehmen, irgendwas, was er schon immer habe machen wollen, und mit niemandem zu sprechen. Er fing sofort wieder an zu arbeiten. Informierte alle Leute, dass ihm jetzt die Haare ausgingen, sich sonst aber nichts ändere und alles weiterliefe wie bisher, keine Rücksicht, bitte. Er ist Richter. Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur.

In den Feuilletons wurde das Buch in den höchsten Tönen gelobt, die Literaturbeilage der Zeit startete sein Heft mit drei Seiten über ihn. So konzentriert, lesen sich diese Blogeinträge viel besser. Die täglichen Lücken verschwinden. Herrndorf hatte ausdrücklich den Wunsch geäußert, dass diese Einträge als Buch erscheinen sollen und u.a. Kathrin Passig beauftragt nochmals die Texte durchzusehen. Auch sagte er eindeutig, dass die Art seines Selbstmordes beschrieben werden soll.
Herrndorf nimmt einen an die Hand, schildert seinen Krankheitsverlauf und damit verbunden auch seinen wahnsinnigen Drang zu schrieben und viele Bücher zu veröffentlichen. Wir lesen über das Entstehen von „tschick“ und „Sand“, erinnern uns selbst, wie das war, als plötzlich so ein schmales Büchlein auf dem Tisch lag, mit dem wir nichts anzufangen wussten, bis wir selbst reingeschaut hatten und begeistert waren.
Herrndorf, ein fanatischer Leser seit seiner Kindheit, lässt immer wieder Autorennamen fallen, gibt Lesetipps und zerreist Bücher in der Luft, wenn sie ihm nicht gefallen haben. Er schreibt, dass man schlecht aus Neu-Ulm herauskommt, meint damit aber Harald Schmidts Geburtsort und nicht das Einbahnstraßenchaos der Donaustadt.
Bei Öffnen seines neuen Computers entdeckt er eine Datei namens: „Der Tanz der seligen Geister“, fliegt fast vom Hocker, weil der denkt, dass das zwar nicht die Weltformel sei, aber vielleicht der Text seines Lebens. Somit hat er die aktuelle Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro auch im Boot.
Obwohl er sehr persönlich über seinen Krankheitsverlauf berichtet, hat der Text nichts Voyeuristisches und ist mit großer Liebe an das Leben geschrieben, auch wenn gegen Ende die Texte kürzen, fragmentarischer werden.
Gut, dass es diesen Blog nun in gedruckter Form zu lesen gibt.

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