Mittwoch

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Heute haben
Theodor Körner * 1791
Jaroslav Seifert * 1901 (Nobelpreis 1984)
Per Olov Enquist * 1934
Antonio Tabucchi * 1943
Geburtstag

Theodor Körner
Knospen
Sonnenaufgang auf der Riesenkoppe

Die Erde ruht in tiefer, ernster Stille,
Und alles schweigt; es dringt kein Laut zum Ohre.
Doch schnell auf finstrer Spur entflieht die Hore,
Daß sie das Wort der ew’gen Zeit erfülle.

Da bricht der Morgen durch des Dunkels Hülle;
Es tritt der Tag in lichtem Strahlenflore
Mit üpp’ger Kraft aus seinem goldnen Tore;
Der Himmel glüht in frischer Jugendfülle.

Und freudig auf des Lichtes zarten Spuren
Beginnt das Leben sich zu regen
Und keimt und blüht in tausendfacher Lust.

Unübersehbar schimmern Städt’ und Fluren
Aus weiter Ferne meinem Blick entgegen,
Und heil’ge Sehnsucht glüht in meiner Brust.
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Henry James „Die mittleren Jahre“
Erzählung
Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Walter Kappacher
Jung und Jung Verlag  €12,00

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Dieser Text von Henry James über einen Schriftsteller im mittleren Alter hat es in sich. Philip Roth ließ sich von ihm inspirieren und Colm Toibin schreib eine romanhafte Biografie über Henry James mit dem Titel „Prträt des Meisters in mittleren Jahren“. Henry James war selbst in den fünzigern, als er 1893 diese sehr persönliche Erzählung schrieb und die Midlifekrise bei Männern ist ja auch nichts Neues. Hat nicht schon Goethe sich damit befasst.
Walter Kappacher, der ruhige, leise Schriftsteller, erhielt 2009 den Georg-Büchner-Preis und wer noch nichts von ihm gelesen hat, sollte sich schleunigst „Selina“ besorgen. Ein Traum von einem Buch. Kappacher erzählt im Nachwort zu dieser Erzählung, dass er von Erwin Chargaff im Jahr 2000 einen Band mit Erzählungen von Henry James für den Rückflug von New York mitbekommen hat. Er kannte James überhaupt nicht und war fasziniert von der Sprache dieses Autors. Wieder daheim, setzte er sich hin und übersetzte „Die mittleren Jahre“. Doch die Übersetzung ging verloren, tauchte nicht mehr auf seinem Rechner auf. Bis er er sich 2015 wieder daran erinnerte und sein Lektor meinte, dass Kappacher ihm den Text vor Jahren schon zugeschickt hätte. Gerne würde er mit ihm daraus ein kleines Büchlein machen. Also setzte sich Kappacher nochmals hin und übersetzte James‘ Text ein weiteres Mal.
Letzte Woche traf dieses knallrote, kleine, schmale Büchle in unserer Buchhandlung ein. So ein Format, das man gerne in die Hand nimmt, wenn neben dran die 1.000-Seiten-Schinken liegen. Auf den großzügig gesetzten 60 Seiten schreibt James über den alternden Schriftsteller Dencombe, der sich in einem Badeort in Südengland von einer langen Krankheit erholt. Er sitzt auf einer Parkbank und öffnet mit Herzklopfen ein Paket, das sein neuestes Werk enthält, das der Verlag ihm zugeschickt hat. Den Inhalt hat er schon vergessen, so nahm ihn seine Krankheit mit. Im Park sieht er einen jungen Mann, der in die Lektüre eines Buches vertieft ist und stellt fest, dass es das gleiche Buch ist. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und der junge Mann meint, Dencombe müsse ein Literaturkritker sein. Wer hätte denn sonst schon das neue Buch seines verehrten Autoren in der Hand. Dencombe schweigt dazu und erst als er einen Schwächeanfall erleidet und von dem jungen Mann, der Arzt ist, ins Hotel gebracht wird, kommt die Wahrheit ans Tageslicht. Eine verwirrende Situation für beide Männer. Der Arzt ist voller Bewunderung und Dencombe offenbart seine Ängste und Selbstzweifel und hofft durch den Arzt eine zweite Chance, einen zweiten Anlauf zu bekommen.

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Die Homepage von Walter Kappacher

Freitag

Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Alexandra David-Neel * 1868
Wenedikt Jerofjew * 1938
Walter Kappacher * 1938
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag.
Aber auch Gilbert Bécaud.
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Tolle Inszenierung, noch bessere Frisuren!
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Rainer Maria Rilke
Wie die Vögel

Wie die Vögel, welche an den großen
Glocken wohnen in den Glockenstühlen,
plötzlich von erdröhnenden Gefühlen
in die Morgenluft gestoßen
und verdrängt in ihre Flüge
Namenszüge
ihrer schönen
Schrecken um die Türme schreiben:

können wir bei diesem Tönen
nicht in unsern Herzen bleiben
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Dieses Gedicht fand sich gestern in der Frankfurter Anthologie, die gerade meine Tageslektüre ist. Jochen Jung, der zu diesen Zeilen von Rilke etwas schreibt, beginnt mit den Sätze, ob man bei Rilke an Alfred Hitchcock denken darf. Ja, meint, bei Lyrik ist alles erlaubt.
In diesem Sinne: Genießen Sie die auffliegenden Vögel von Rilke.
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Hara

Nino Haratischwili: „Das achte Leben (für Brilka)“
Frankfurter Verlagsanstalt € 34,00

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Gestern abend waren wir im Literaturhaus Stuttgart, in dem Nino Haratischwili ihren neuen Roman: „Das achte Leben (für Brilka)“ vorgestellt und daraus vorgelesen hat.
Schön an der Präsentation war, dass es nicht nur eine Lesung gab, sondern dass die Autorin vorgestellt, interviewt wurde, dass Fragen zu ihrem Werk gestellt wurden und dazwischen bekamen wir dann Textpassagen von ihr. So haben wir erfahren, dass sie 1983 in Georgien geboren wurde, dort in eine Schule mit Deutsch als Fremdsprache kam, dass sie als Mädchen mit ihrer Mutter nach Deutschland ging, sich hier nicht wohlfühlte und dass sie zurück nach Tiflis ging, ihr Abitur machte und an der Universität begann, Theaterarbeit zu studieren. Dies war ihr jedoch zu eng, zu streng, so dass sie sich in Deutschland für einen Studienplatz bewarb, in Hamburg hängenblieb, wo sie auch jetzt noch wohnt. Sie stellte klar heraus, dass sie nicht als junge, weibliche Autorin gesehen werden will, die über Georgien schreibt. Dies meinte sie zumindest vor ein paar Jahren, nach Erscheinen ihres ersten Buches. „Das achte Leben“ ist nun ihr dritter Roman (Theaterstücke schreibt sie zwischendurch auch) und sie ist mitten in Georgien gelandet. 100 Jahre Georgien. 100 Jahre Familiengeschichte im schönsten Land der Welt, so sagt es der Entstehungsmythos, den sie zu Beginn des Abends vorgetragen hat. Die Hauptperson (Jahrgang 1973) erzählt die Geschichte ihres Ur-Ur-Grossvaters bis zur Gegenwart. Und dies auf über 1.200 Seiten.
Dass dieses Buch nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis landete, ist schon ein kleiner Skanadal. Nino Haratischwili kann erzählen, wie keine zweite. Sie nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichte(n) des Landes, der Familie, unterhält uns aufs Beste und wer einmal angefangen hat zu lesen, wird gefesselt, wird süchtig, wie die Personen im Roman von der wunderbaren Schokolade, die als Geheimrezept durchs Buch geistert.
Ich kann hier auf die Schnelle die vielen Erzählstränge gar nicht wiedergeben. Sie meinte gestern abend auch, dass es ihr wichtig war, dass die Personen immer präsent im Roman waren, dass es nicht ein dauerndes Kommen und Verschwinden geben sollte. Somit fühlen wir uns in diesem dicken Wälzer richtig gborgen, dürfen mit den Hauptpersonen mitleben und mitleiden. Denn Leiden, Sterben und Trennungen, der ganze Horror des Stalinismus steckt natürlich genuso im Roman, wie die Lebensfreude. Und dass Nino Haratischwili dies in einem lakonischen Ton aufschreibt, rettet uns vor der großen Depression. Es erinnert ein wenig an die Art wie Lemaitre an sein grausliges Thema herangegangen ist, dessen Buch ich hier vorgestellt habe.

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Seien Sie also nicht geschockt vor dem dicken Buch. Beginnen Sie zu lesen. Es wird sie begleiten, begeistern und nicht mehr loslassen.

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Hier sehen und hören Sie die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse. Sie erzählt Ihnen viel besser und aus erster Hand, was es mit ihrem Roman auf sich hat.

Samstag

Heute haben
Frida Kahlo * 1907
Unica Zürn * 1916
Bernhard Schlink * 1944
Geburtstag
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In meinem aktuellen Gedichte-Buch „Frauen dichten anders“ gestern dieses Gedicht gelesen:

Karoline von Günderrode
Der Luftschiffer

Gefahren bin ich im schwankenden Kahne
Auf dem blaulichen Oceane,
Der die leuchtenden Sterne umfließt,
Habe die himmlischen Mächte begrüßt.
War in ihrer Betrachtung versunken,
Habe den ewigen Aether getrunken,
Habe dem Irdischen ganz mich entwandt,
Droben die Schriften der Sterne erkannt
Und in ihrem Kreisen und Drehen
Bildlich den heiligen Rhythmus gesehen,
Der gewaltig auch jeglichen Klang
Reißt zu des Wohllauts wogendem Drang.
Aber ach! es ziehet mich hernieder,
Nebel überschleiert meinen Blick,
Und der Erde Grenzen seh‘ ich wieder,
Wolken treiben mich zurück.
Wehe! das Gesetz der Schwere
Es behauptet nur sein Recht,
Keiner darf sich ihm entziehen
Von dem irdischen Geschlecht.
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Und hier eine kleine Besonderheit für das Wochenende.

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Walter Kappacher: „Der 24.Mai“
Ulrich Keicher Verlag € 10,00

Darin beschreibt Walter Kappacher die Tagen um den 24.Mai 2009, an dem er erfährt, dass er den Büchner Preis erhalten wird. Sehr einfach, lakonisch schreibt er über diese Tage, die er in Berlin auf der Frühjahrstagung der Darmstädter Akademie und bei einer Lesung in Tübingen verbringt. Er beschreibt über Stühle als Folterinstrumente, über seine Kollegen, die er dort trifft, über laute Berlin-Touristen, und dass ihm eigentlich die Fahrt nach Tübingen viel zu viel wird. Er unternimmt sie dann alerdings trotzdem, kommt mit 90 Minuten Verspätung in Stuttgart wan und wir dann von seinem Verleger Ulrich Keicher flott nach Tübingen gefahren.
„Als wir die Stufen zum Rathaus hinaufstiegen, kamen uns vier ode fünf ältere Damen entgegen. Eine erkannte mich. Sie hätten bis jetzt gewartet, und kehrten wieder um. Im ersten Stock der Büchertisch, zwei Damen. Tja. vor einer Viertelstunde seinen viele Zuschauer gegangen. Ein Herr habe sich bereit erklärt, aus meinem Buch vorzulesen.“
In diesem Stile sind die 22 Seiten des Texten geschrieben, die diese sehr schöngemachte und gestaltete Ausgabe füllen. Es macht richtig Spaß, sich darin versinken zu lassen. Dass dann noch Dramatik in’s Spiel kommt, hätte er wohl nicht gedacht. Nach so viel Belanglosem auf der Tagung, nach dem Treffen mit all seiner Kollegen, die er sicherlich oft nur im Vorbeigehen gegrüßt hat, erhält er dann nachts im Tübinger Hotel den besagten Anruf.
Der Dienstag, 26.Mai beginnt dann so: „In der Früh wollte ich mir einen Espresso zubereiten, da klingelte es an der Tür. Das Fenrseh-Team der Austria-Presse-Agentur. Dann ging es weiter, das Telefon klingelte ohne Pause.“
Wenn Sie irgendwann mal ein halbes Stündchen Zeit haben, dann ist dieser Text genau das Richtige. Und in diesem Stile gibt es im Keicher Verlag eine ganze Reihe davon.

Hier können Sie im Programm des Keicher Verlages stöbern.