Mittwoch, 13.November

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Heute haben
Robert Louis Stevenson * 1850
Geburtstag
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Friedrich Rückert
Lachen und Weinen

Lachen und Weinen zu jeglicher Stunde
Ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde.
Morgens lacht ich vor Lust,
Und warum ich nun weine
Bei des Abends Scheine,
Ist mir selb‘ nicht bewußt.

Weinen und Lachen zu jeglicher Stunde
Ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde.
Abends weint ich vor Schmerz;
Und warum du erwachen
Kannst am Morgen mit Lachen,
Muß ich dich fragen, o Herz.
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Pauline Delabroy-Allard: „Es ist Sarah“
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Frankfurter Verlagsanstalt € 22,00

Dies ist das Debüt einer 30jährigen Französin, die es damit auf die Shortlist für den Prix Goncourt geschafft hat. Zu recht.
Erzählt wird aus der Sicht einer jungen, alleinerziehenden Lehrerin und deren Annäherung an die Geigerin Sarah.
Die Erzählerin führt ein normales Leben mit Kind und Arbeit. Sarah hingegen ist laut, zu stark geschminkt. Sie raucht zuviel, sie trink zu viel und sie lacht. Viel. Dies passt auf den ersten Moment nicht zusammen und doch entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Frauen. Beider Gedanken kreisen um die andere Person und so wird aus deren Sehnsüchten eine leidenschaftliche Liebesgeschichte.
Sarah tourt mit ihrem Quartett durch Europa, die Erzählerin bleibt in Paris. Beide nutzen jede Gelegenheit, sich zu treffen und zu lieben. Sarahs Emotionen sind sehr schwankend und zum Teil auch sehr heftig. Radikal ändert sich die Geschichte, als Sarah erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist.
Pauline Delabroy-Allard hat für diesen schmalen Roman, für diese Liebesgeschichte eine ganz besondere, eigene, neue Sprache gefunden, wie ich sie selten gelesen habe.
Fast habe ich mir am Schluss der Lektüre ein anderes Ende mit den beiden Frauen gewünscht, da ich mich auch ein wenig in Sarah verguckt habe.

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Photo: Delphine Chanet

Pauline Delabroy-Allard, 1988 geboren, erreichte 2018 mit ihrem ersten, von der Presse hochgelobten Roman »Ça raconte Sarah« die zweite Runde des Prix Goncourt und wurde mit dem Prix Envoyé par La Poste, dem Prix du Style und dem renommierten Preis der französischen Buchhändler, dem Prix des Libraires de Nancy, ausgezeichnet. Die Autorin absolvierte ein Literaturstudium und eine Ausbildung zur Buchhändlerin und lebt in Paris.

Dienstag, 6.September

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Heute hat
Edith Sitwell * 1887
Geburtstag
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Mitarbeiterin Katja Böhm empfiehlt:

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Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis
Frankfurter Verlagsanstalt € 21,00

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016

Das Chaos in den Geschichten zu verbessern, die anderen widerfahren sind, war lange der Alltag des ehemaligen Verlegers Reither, der sich im Weissachtal, am Rand der Alpen zurückgezogen hat. Sein Kontakt zu Menschen beschränkt sich auf zwei Frauen, die am Empfang der Wohnanlage arbeiten, in der er wohnt. Beide kommen aus „zurückgelassenen Welten“ wie er selbst. Mit der Entdeckung eines Büchleins, das ihm in der Bibliothek in die Hände fällt, und den Schritten der Frau, die dieses Buch geschrieben hat, vor seiner Haustür, beginnt seine Geschichte – sein „Widerfahrnis“ – , das ihn völlig unvorbereitet zurück in die Welt schleudert und das ihm „noch immer das Herz zerreißt“. Die Geschichte einer Fahrt, die eigentlich nur ein nächtlicher Ausflug sein soll und dann bis nach Sizilien führen muss, die Geschichte zweier Menschen, die sich überrumpeln lassen von unerwarteter Nähe. Die Geschichte einer Begegnung unterwegs mit einem obdachlosen Mädchen, die die beiden hoffen lässt, Wunden aus der Vergangenheit heilen zu können.
Eine Geschichte, deren Chaos der Verleger Reither gern verbessert hätte, wäre sie nicht ihm selbst widerfahren…

Leseprobe
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Wenn Sie in die anderen 19 Romane, die sich auf der Longlist befinden, reinlesen wollen, dann holen Sie sich das Leseproben-Büchle bei uns ab.
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Werner Färbers Ungereimtheit der Woche
Dumme Hummel CII

Die Hummel, heißt es, sei recht dumm.
Jüngst wurde erklärt, warum:
Gemessen hat die Wissenschaft
exakt der Hummel Flügelkraft.

In Relation zum Leibgewicht
reicht diese Kraft im Grunde nicht,
den schweren Körper hochzuheben,
damit die Hummel kann entschweben.

Dass sie fliegt, kann gar nicht sein –
der Hummel Flügel sind zu klein!
Doch weil die Hummel ist so dumm,
hummelbrummt sie trotzdem rum.

Freitag

Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Alexandra David-Neel * 1868
Wenedikt Jerofjew * 1938
Walter Kappacher * 1938
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag.
Aber auch Gilbert Bécaud.
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Tolle Inszenierung, noch bessere Frisuren!
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Rainer Maria Rilke
Wie die Vögel

Wie die Vögel, welche an den großen
Glocken wohnen in den Glockenstühlen,
plötzlich von erdröhnenden Gefühlen
in die Morgenluft gestoßen
und verdrängt in ihre Flüge
Namenszüge
ihrer schönen
Schrecken um die Türme schreiben:

können wir bei diesem Tönen
nicht in unsern Herzen bleiben
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Dieses Gedicht fand sich gestern in der Frankfurter Anthologie, die gerade meine Tageslektüre ist. Jochen Jung, der zu diesen Zeilen von Rilke etwas schreibt, beginnt mit den Sätze, ob man bei Rilke an Alfred Hitchcock denken darf. Ja, meint, bei Lyrik ist alles erlaubt.
In diesem Sinne: Genießen Sie die auffliegenden Vögel von Rilke.
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Hara

Nino Haratischwili: „Das achte Leben (für Brilka)“
Frankfurter Verlagsanstalt € 34,00

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Gestern abend waren wir im Literaturhaus Stuttgart, in dem Nino Haratischwili ihren neuen Roman: „Das achte Leben (für Brilka)“ vorgestellt und daraus vorgelesen hat.
Schön an der Präsentation war, dass es nicht nur eine Lesung gab, sondern dass die Autorin vorgestellt, interviewt wurde, dass Fragen zu ihrem Werk gestellt wurden und dazwischen bekamen wir dann Textpassagen von ihr. So haben wir erfahren, dass sie 1983 in Georgien geboren wurde, dort in eine Schule mit Deutsch als Fremdsprache kam, dass sie als Mädchen mit ihrer Mutter nach Deutschland ging, sich hier nicht wohlfühlte und dass sie zurück nach Tiflis ging, ihr Abitur machte und an der Universität begann, Theaterarbeit zu studieren. Dies war ihr jedoch zu eng, zu streng, so dass sie sich in Deutschland für einen Studienplatz bewarb, in Hamburg hängenblieb, wo sie auch jetzt noch wohnt. Sie stellte klar heraus, dass sie nicht als junge, weibliche Autorin gesehen werden will, die über Georgien schreibt. Dies meinte sie zumindest vor ein paar Jahren, nach Erscheinen ihres ersten Buches. „Das achte Leben“ ist nun ihr dritter Roman (Theaterstücke schreibt sie zwischendurch auch) und sie ist mitten in Georgien gelandet. 100 Jahre Georgien. 100 Jahre Familiengeschichte im schönsten Land der Welt, so sagt es der Entstehungsmythos, den sie zu Beginn des Abends vorgetragen hat. Die Hauptperson (Jahrgang 1973) erzählt die Geschichte ihres Ur-Ur-Grossvaters bis zur Gegenwart. Und dies auf über 1.200 Seiten.
Dass dieses Buch nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis landete, ist schon ein kleiner Skanadal. Nino Haratischwili kann erzählen, wie keine zweite. Sie nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichte(n) des Landes, der Familie, unterhält uns aufs Beste und wer einmal angefangen hat zu lesen, wird gefesselt, wird süchtig, wie die Personen im Roman von der wunderbaren Schokolade, die als Geheimrezept durchs Buch geistert.
Ich kann hier auf die Schnelle die vielen Erzählstränge gar nicht wiedergeben. Sie meinte gestern abend auch, dass es ihr wichtig war, dass die Personen immer präsent im Roman waren, dass es nicht ein dauerndes Kommen und Verschwinden geben sollte. Somit fühlen wir uns in diesem dicken Wälzer richtig gborgen, dürfen mit den Hauptpersonen mitleben und mitleiden. Denn Leiden, Sterben und Trennungen, der ganze Horror des Stalinismus steckt natürlich genuso im Roman, wie die Lebensfreude. Und dass Nino Haratischwili dies in einem lakonischen Ton aufschreibt, rettet uns vor der großen Depression. Es erinnert ein wenig an die Art wie Lemaitre an sein grausliges Thema herangegangen ist, dessen Buch ich hier vorgestellt habe.

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Seien Sie also nicht geschockt vor dem dicken Buch. Beginnen Sie zu lesen. Es wird sie begleiten, begeistern und nicht mehr loslassen.

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Hier sehen und hören Sie die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse. Sie erzählt Ihnen viel besser und aus erster Hand, was es mit ihrem Roman auf sich hat.

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Samstag

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Heute haben
Julien Green * 1900
Andrea Camilleri * 1925
Alice Sebold * 1962
Geburtstag
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Wir haben Einlesehefte zu Nina Haratischwilis 1.100 Seiten Buch im Laden. Darin ein Interview mit der jungen Autorin und eine Leseprobe. Wem kann ich ein Heftchen schicken? Einfach hier einen Kommentar abgeben, eine Mail schicken, oder gleich im Laden abholen.
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Merz

Klaus Merz: „Jakob schläft“
Eigentlich ein Roman
Haymon Verlag € 9,95

Es gibt doch immer Wiederentdeckungen. Und dann gleich was für eine. 1997 kam dieser schmale Roman („Eigentlich ein Roman“) heraus und schnell machte er die Runde, als ein Buch, das man wirklich gelesen haben muss. Jetzt erscheint es als Taschenbuch im Hausverlag Haymon, nachdem er schon bei S.Fischer als Taschenbuch zu haben war.
Klaus Merz ist einer der ganz ruhigen, klugen Autoren, die sich nicht in den Vordergrund drängeln, die in verschiedenen Bereichen (z.B.Kunst) versiert schreiben und doch nicht den großen Durchbruch schaffen. Kappacher ist auch so einer, oder  Genazino. Wobei beide mit höchsten Preisen ausgezeichnet worden sind.
„Jakob schläft“ ist die Geschichte einer Familie aus Merzens Kindheit. Alle sind vom Schicksal schwer gebeutelt und doch erzählt der Autor die einzelnen Ereignisse mit einer leichten Lakonie, mit pointiertem Witz und frechen Wortwendungen.
Jakob ist der älteste Sohn der Familie und kam tot zur Welt, der jüngere Bruder hat einen Wasserkopf und wird Sonne genannt. Den Vater erwischen immer wieder epileptische Anfälle und die Mutter verfällt in tiefe Melancholie. Und so weiter. Ich mag gar nicht weiter ausholen. Ausser der Hauptperson, dem Buben, sind alle geschlagen von ihrem Schicksal und stürzen sich zu Tode, fliegen vom Himmel, oder verblöden durch einen Kuhtritt.
Wie Merz dies aber in wenigen Sätzen, in kurzen Kapiteln aufnotiert hat, ist schon weltmeisterlich. Allein schon seine Fahrten auf dem Rad mit Hilfsmotor sind eine Wucht. Für diejenigen, die bei der Lesung von Silivia Trummers „Vierhändig“ dabei waren, können etwas von der Art und Weise dieses Buches erahnen. Auch dort wurden einschneidende Ereignisse mit großer Leichtigkeit beschrieben.
Gut, wenn es die Zeit zulässt und wenn die Bücher so schön schmal sind, immer wieder mal einen Blick zurück zu tun und nicht nur auf Neuerscheinungen zu schielen und sich an Bestsellerlisten zu orientieren.
Und wenn Klaus Merz jetzt im Oktober den Literatur Nobelpreis bekommt, dann sagt nicht, ich hätte ihn hier nie erwähnt. (Ha!)

Leseprobe

Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, lebt in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997, Gottfried-Keller-Preis 2004, Aargauer Kulturpreis 2005, Werkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2005 sowie zuletzt Basler Lyrikpreis und Friedrich-Hölderlin-Preis (beide 2012)