Freitag, 3.Februar



Heute haben
Annette Kolb * 1870
Gertrude Stein * 1874
Georg Trakl * 1887
Johannes Urzidil * 1896
Simone Weil * 1909
Richard Yates * 1926
Andrzej Szczypiorski * 1928
Paul Auster * 1947
Henning Mankell * 1948
Sarah Kane * 1971
Geburtstag
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„Mit den Romanen ist es wie mit den Mahlzeiten:
Wenn man sieht, wie sie zubereitet werden, kann einem der Appetit vergehen.“
Annette Kolb (1870-1967)
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Unser Kinderbuchtipp:


Frank Schwieger (Text) und Friederike Ablang (Illustrationen):
Kinder unterm Hakenkreuz
Wie wir den Nationalsozialismus erlebten
dtv € 18,00
Kinderbuch ab 9 Jahren

Frank Schwieger hat schon eine ganze Reihe von Büchern über Helden der griechischen Mythologie geschrieben. Jetzt hat er sich zehn Biographien von Kindern herausgesucht, die das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg ganz unterschiedlich erlebt haben. Diese Lebensgeschichten sind zwar von ihm ausgedacht, lehnen sich aber sehr stark an wahre Personen an.
So beginnt er im Jahr 1933 mit Erna Opitz, die zu diesem Zeitpunkt 11 Jahre alt ist. Überschrieben ist die Geschichte mit: „Ein mutiges Kind“. Schwieger geht die Jahre durch, bis ins Frühjahr 1945. Hier stellt er uns Jana Svobodá vor, die zu Beginn des Kapitels 11 und am Ende 14 Jahre alt ist. Jana war in Auschwitz und Ravensbrück und spielt am Ende vor amerikanischen und russichen Soldaten zum Tanz auf ihrem Akkordeon.
Flankiert werden diese Geschichten von Illustrationen, Fotos und vielen ausführlichen Sachtexten, die die historischen Hintergründe und wichtige Begriffe auf behutsame Art und Weise erklären.
Wir können daraus lernen, wie wichtig Zivilcourage, Mut und gemeinsames Handeln gegen undemokratische Veränderungen sind.

Leseprobe
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Wale in Kasachstan?  – Unterwegs als internationale Wahlbeobachterin
Ökumenischer Abend mit Jana Bürgers
Donnerstag, 09. Februar, 19 Uhr
Gemeindehaus der Auferstehungskirche, Haslacher Weg 72

Gibt es Wale in Kasachstan? Nein, aber Wahlen. Und wenn die Regierung das möchte, dann kommen internationale Wahlbeobachterinnen und Wahlbeobachter, um zu schauen, ob die Abläufe mit eigenen Gesetzen und internationalen Standards übereinstimmen. Das geschieht nicht nur in Zentralasien, sondern fast auf der ganzen Welt, auch in Deutschland oder den USA.
Jana Bürgers ist seit über 20 Jahren als Wahlbeobachterin im Einsatz, vor allem im Auftrag der OSZE in Russland, der Ukraine, auf dem Balkan, im Kaukasus, aber auch in den USA und für die EU in Kenia. Sie erzählt, was sie da während einer Woche als Kurzzeitbeobachterin macht und womit sechs bis acht Wochen ausgefüllt sind, wenn sie als LTO (Long term observer) unterwegs ist, wer das bezahlt und wo die Herausforderungen liegen.

Dienstag, 14.Februar, 19 Uhr
bei uns in der Buchhandlung
Jana Bürgers und ihre Zeit in der Ukraine

Im Rahmen der „Winterhilfe für die Ukraine“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
Im Anschluß Lyrik auf ukrainisch und deutsch

Eine Spendenkasse steht bereit

Mittwoch


Gestern Abend im Stadthaus Ulm
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Heute haben
Daniel Casper von Lohenstein * 1635
William Somerset Maugham * 1874
Virginia Woolf * 1882
Eva Zeller * 1923
Silvio Blatter * 1946
Dzevad Karahasan * 1953
David Grossman * 1954
Alessandro Baricco * 1958
Geburtstag
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Jung sein ist Glück und vergeht wie Dunst, jung bleiben ist mehr und ist eine Kunst.
Friedrich Theodor Vischer
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Jetzt neu als Taschenbuch:


Lana Bastašić: „Fang den Hasen
Aus dem Bosnischen von Rebekka Zeinzinger
Fischer Taschenbuch € 14,00

„Eine europäische Literatur, [die] vollbringt, was hervorragende Literatur vollbringen sollte – uns hoffen lassen, dass sich Wunder erfüllen. Lana Bastašićs Geschichten müssen erzählt werden.“
Saša Stanišić

Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Europäischen Union 2020.

Eigentlich wollte ich hier schreiben, wie gut mir der Roman gefallen hat, wie er mich überrascht, überrollt und auf falsche Fährten gebracht hat. Ihnen die vielen tollen Besprechnungen zeigen, die es gab, als der Roman neu erschienen ist. Dann fällt mir auf der Seite des S.Fischer Verlages dieses Interview auf. Na, besser kann ich es doch gar nicht schreiben. Nehmen Sie sich die Zeit. Es lohnt sich.

Roadtrip ins Identitätskuddelmuddel

Lana Bastašić steht ihrer Lektorin Teresa Pütz Rede und Antwort zu ihrem international gefeierten Debütroman „Fang den Hasen“, der Bedeutung weiblicher Solidarität und ihrem Verhältnis zur zersplitterten jugoslawischen Heimat.

Wovon handelt dein Roman, welcher Hase will da gefangen werden – oder eben nicht? Und ohne das Ende vorwegzunehmen, was hat Dürers berühmte Hasenradierung damit zu tun?

An der Oberfläche handelt mein Roman von Lejla und Sara, zwei Kindheitsfreundinnen, die sich nach zwölf Jahren plötzlich wiedersehen und gemeinsam auf einen ziemlich verrückten Roadtrip durch den Balkan bis nach Wien gehen – um Armin zu finden, Lejlas Bruder, der damals in den Kriegswirren verschwand.

Tiefergehend handelt er vom Geschichtenerzählen und Erinnerungen: inwiefern wir eine andere Person und ihr Leben jemals verstehen und beschreiben können, und wie unsere Erinnerungen von ihr anders oder irreführend sein können. Den Hasen zu fangen bedeutet für mich die Suche danach, den anderen zu verstehen. Dürers Hase in der Albertina war dafür eine nützlicher Erzählschluss – der symbolhafte Hase in meinem Roman entwickelt sich von etwas Lebendigem zu etwas Starrem, zur Kunst, und damit zum Unsterblichen.

Mit Lejla und Sara begegnen wir zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und die trotzdem eine ganz besondere Freundschaft verbindet. Was bedeutet Freundschaft für dich persönlich, insbesondere unter Frauen?

Ich empfinde Freundschaft als etwas sehr Schönes, Komplexes und schwer zu Definierendes. Manchmal sind die Grenzen fließend, so dass es schwierig zu sagen ist, was Freundschaft eigentlich ist. In meinem Buch wollte ich einen Blick auf die Beziehung zwischen zwei Frauen werfen, die manchmal wie eine Freundschaft aussieht und dann wiederum sehr toxisch und zerstörerisch sein kann.

Für mich persönlich sind Frauenfreundschaften in der stark patriarchalischen Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, und die uns gelehrt hat, uns gegenseitig als Konkurrentinnen zu betrachten, immer besonders wichtig gewesen. Ich glaube an weibliche Solidarität und die Praxis der Integration im Gegensatz zum patriarchalischen und kapitalistischen Drang andere zu bekämpfen und auszuschließen.

Wie war es im Bosnien der 90er aufzuwachsen? Warum hast du dein Heimatland verlassen, schreibst aber jetzt darüber – und lässt deine Erzählerin harte Worte dafür finden? An einer Stelle in deinem Roman vergleicht Sara Bosnien mit einer Frau, die von einem Mann vergewaltigt und zurückgelassen wird.

Für uns war es völlig normal, einfach weil wir nichts anderes kannten. Ich darf auch behaupten, dass ich eine privilegierte Kindheit hatte – ich war ein serbisches Mädchen, das in einer Stadt lebte, in der Serben die Mehrheit stellten. Meine Eltern waren zudem Zahnärzte, ich konnte mir Dinge leisten, die manchen meiner Freunde verwehrt blieben. Diese Privilegien wollte ich unter anderem in meinem Roman verdeutlichen. Mir ging es wie Sara, die im Gegensatz zu ihrer Freundin Lejla damals den ›richtigen‹ Nachnamen und die ›richtige‹ Religion hatte. Doch im Unterschied zu meiner Protagonistin habe ich mein Land erst mit 25 Jahren verlassen, um in Barcelona zu leben. Ich ging, weil ich fühlte, dass wenn ich im Nachkriegsbosnien – zerrissen von Nationalismus, Korruption und Hass – bleiben würde, ich zu einer bitteren und zornigen Person werden würde. Und dann wäre ich nicht imstande gewesen zu schreiben. Der jugoslawische Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić hat einmal gesagt: Ein Mann, der nicht hassen kann und sich entscheidet, nicht zu hassen, wird immer ein Fremder in Bosnien sein. Dennoch ist meine Beziehung zu Bosnien nicht so düster, nicht so bitter wie die meiner Erzählerin. Ich kehre immer wieder zurück in meine Heimat, schreibe in meiner Muttersprache. Aber ja, ich musste zuerst aus bosnischen Denkmustern ausbrechen. Ich brauchte die Distanz, um meinen Roman zu schreiben.

Dein Roman erschien zuerst in einer bosnischen und kroatischen Ausgabe. Von dir kursieren ganz unterschiedliche Biographieangaben, die alle versuchen, deine Nationalität und Muttersprache einzukreisen: Jugoslawisch, Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Montenegrinisch, Serbokroatisch? Würdest du für uns etwas Licht ins Dunkel bringen?

Meine Freundin und Schriftstellerin Dubravka Ugrešić sagte einmal zu mir, dass ich »die letzte jugoslawische Autorin« sei. Damit meinte sie, dass ich zu einer jüngeren Generation gehöre, aber mein Hintergrund so kompliziert ist, dass nur dieses allumfassende Adjektiv es festnageln kann: jugoslawisch. Meine Familie war serbisch, aber wie viele Serben lebten wir in Kroatien. Die Sprache ist die gleiche, nur die Religion eine andere.

Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre war der Nationalismus überall auf dem Vormarsch, auch in Kroatien. An Kiosken wurden Dosen verkauft, die »reine kroatische Luft« beinhalten (Ugrešić schreibt darüber in einer ihrer Essays). Mein Vater verlor seine Arbeit und auf uns wurde Druck ausgeübt, Zagreb zu verlassen. Das taten wir dann auch. Wir zogen nach Bosnien, und mein Bruder und ich blieben bei unseren Großeltern auf dem Land, bis unsere Eltern Arbeit fanden. Jeder glaubte, dass das Ganze schnell vorbei gehen würde. Dann aber begann der Krieg und wir blieben in Banja Luka. Nur hatte sich das Blatt jetzt gewendet: plötzlich waren wir die Mehrheit und die nicht-serbische Bevölkerung wurde niedergemetzelt, vergewaltigt und ins Exil geschickt.

Die Sprache, die in Bosnien, Kroatien, Serbien und Montenegro gesprochen wird, wurde ursprünglich einmal als Serbokroatisch bezeichnet. Serbokroatisch haben meine Eltern in der Schule gelernt. Nach dem Zerfall Jugoslawiens und durch den Krieg wollten diese Länder nichts miteinander zu tun haben. Plötzlich wurden Serbisch und Kroatisch zwei unterschiedliche Sprachen. Vielleicht kann man sich das wie Deutsch, Schweizerdeutsch und Österreichisch vorstellen, wenn diese Länder in den Krieg miteinander gezogen wären? Zur gleichen Zeit tauchten zwei neue Sprachen auf, die vorher nicht existiert hatten: Bosnisch und Montenegrinisch. Für einige von uns war das seltsam, wir waren an diese Namen nicht gewöhnt. Im Grunde passierte es also, dass Politik und Nationalismus wichtiger als Sprache und Verstand wurden. Die Wahrheit ist, niemand braucht einen Übersetzer, wenn Menschen aus diesen vier Ländern miteinander sprechen. Aus diesem Grund bevorzuge ich, meine Sprache Serbokroatisch zu nennen, auch wenn ich weiß, dass sie nicht mehr geführt wird – aber sie verdeutlicht mir einfach, dass Sprache keine nationalen Grenzen kennt.

Was bedeutet Heimat für dich als eine Autorin, die ständig unterwegs ist?

Ich habe nur ein Zuhause und das ist die Literatur. Das klingt schmalzig, ist aber wahr. Es ist meine Republik, die ich mit meinen Schriftstellerkolleg*innen teile. Ich sage das nicht, weil ich romantisch bin. Ich sage das, weil ich in einem Land geboren bin, das nicht länger existiert, ich eine Sprache gelernt habe, die nicht länger existiert, und nun habe ich drei verschiedene Nationalitäten. Ich habe also sehr früh verstanden, dass Nationen recht beliebig sind, und dass meine Heimat etwas Größeres sein muss als ein Reihe Koordinaten. Ich bin sehr oft umgezogen und ich reise viel, aber die eine Konstante in meinem Leben, die nie ihre Bedeutung verliert, ist die Literatur.

Welche Bedeutung hat der Literaturpreis der Europäischen Union für dich, mit dem du letztes Jahr ausgezeichnet wurdest? Welche Erfahrungen machst du generell als Autorin im Literaturbetrieb?

Dieser Preis hat mir sehr viel bedeutet, auch weil ich ihn mit zwölf anderen europäischen Preisträgern teile und das Gefühl hatte, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die größer ist als die der serbischen und bosnischen Autor*innen. Frauen werden im Balkan kaum ausgezeichnet, oder überhaupt nominiert. Wir müssen dreimal so hart arbeiten und uns und unseren Platz in der Literaturwelt ständig rechtfertigen. Uns lässt man keine mittelmäßigen oder schlechten Bücher durchgehen – wir müssen Meisterwerke schreiben, um einen Platz an der Tafel zu ergattern. Das ist so ungerecht und leider immer noch allzu sehr Realität. Für mich persönlich bedeutete der Literaturpreis und alle Übersetzungen, die daraus folgten, dass ich woanders akzeptiert werden konnte, dass ich jetzt aufstehen kann und sagen: »Ich bin eine Schriftstellerin«. Ich verstehe heute, dass der sexistische Literaturbetrieb, aus dem ich komme, nur ein winziger Teil einer viel größeren, viel offeneren Gemeinschaft ist.

Was möchtest du Leser*innen zum Schluss mit auf dem Weg geben?

Ich wünsche mir, dass sie sich generell für Bosnien und die Literatur des Balkans interessieren. Mir ist bewusst, dass das, was sie bisher aus Bosnien bekommen, immer nur typische Kriegsgeschichten mit Helden, Bösewichten und Opfern sind. Daher hoffe ich, dass mein Roman sie einen Blick auf die Frauen und jungen Mädchen werfen lässt, die in meiner Heimat aufgewachsen sind und die sich von früh an mit diesem Identitätskuddelmuddel auseinandersetzen mussten. Schlussendlich hoffe ich, sie können sich mit dem ganz universellen Thema identifizieren, dass wir stets bemüht sind, unsere Leben in Geschichten zu verwandeln, dass wir alle versuchen, uns auf die eine oder andere Weise unsterblich zu machen.

Das Gespräch führte und übersetzte Teresa Pütz.

Leseprobe
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Die Bundesregierung soll sich wegen mutmaßlichen Verstoßes gegen die gesetzlichen Klimaziele vor Gericht verantworten. Einem Zeitungsbericht zufolge reichte der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland Klage gegen die Regierung ein. Er verklagt die Bundesregierung wegen Verfehlung der Klimaziele in den Bereichen Verkehr und Gebäude. Das berichtet unter anderem die „Süddeutsche Zeitung“. Der BUND verlangt in seiner beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eingereichten Klage den Beschluss von Sofortprogrammen, wie sie das Klimaschutzgesetz vorsieht. …

Den kompletten Artikel gibt es tagesschau.de

Mittwoch, 5.Oktober


Heute haben
Paul Fleming * 1609
Denis Diderdot * 1713
Kasimir Edschmid * 1890
Bing Xin * 1900
Magda Szabó * 1917
José Donoso * 1924
Oswald Wiener * 1935
Václav Havel * 1926
Marie-Claire Blais * 1939
Alfred Komarek * 1945
Peter Ackroyd * 1949
Charlotte Link * 1963
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„Mein ideal. ich schreibe für die kommenden klugscheisser; um das milieu dieser ãra komplett zu machen.
Oswald Wiener
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Noch n schönes Insel-Büchlein:


Auftritt: Die Neue Frau
Herausgegebene von Brigitte Landes
Insel-Bücherei € 14,00

Nach dem Ersten Weltkrieg ensteht das Bild der „neuen Frau“. Sie zeigt sich kämpferisch, selbstbewußt, provozierend, fordernd, aber auch frivol, laut, schräg und etwas neben der Spur, außerhalb der gewohnten Bahnen. In Berlin der 20er Jahre treten diese Frauen in Clubs, in Cabarets auf, sie schreiben Bücher, sind in Zeitungen tätig und schreiben dort Reportagen und Kolumnen.
Brigittes Landes hat in unterschiedlichsten Quellen geforscht und dieses Buch mit Texten gefüllt, die die Licht- und Schattenseiten dieser neuen Freiheit aufzeigen.
Für Helen Hessel ist die „Mode eine Waffe im Kampf der Geschlechter“, Fritzi Massary, die „Frau, die weiß, was sie will“, schreibt vom „Glück des Autofahrens“, Marieluise Fleißer denkt nach über „Sportgeist und Zeitkunst“, Vicky Baum boxt und hat keine „Angst vor Kitsch“, Mascha Kaléko erzählt von den „Mädchen an der Schreibmaschine“, Pola Negri will den Männern missfallen, Gabriele Tergit und Else Lasker-Schüler protestieren gegen den §218, Blandine Ebinger und Claire Waldoff erkunden die Nachtseite Berlins, Josefine Baker tut, was ihr passt, und Valeska Gert platzt wie eine Bombe auf die Wilde Bühne, die Trude Hesterberg gegründet hat.
Ein paar Jahre später, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, ist es vorbei mit der errungenen Freiheit. Eine deutsche Frau hat sich so nicht zu verhalten.

Leseprobe

Dienstag, 6.September

Heute haben
Julien Green * 1900
Andrea Camilleri * 1925
Geburtstag
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Christian Morgenstern
Möwenlied

Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich laß sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

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Heute gibt es einen etwas anderen Tipp.
Kein Buch, keine CD, sondern ein Kurzfilm in der ARD Mediathek, der den Grimme-Preis erhalten hat.

„Seepferdchen“
Buch: Nele Dehnenkamp
Regie: Nele Dehnenkamp
Kamera: Tobias Winkel, Sina Diehl
Musik: Paul Chriske
Darstellerin: Hanan Saeed Abdo
Dauer: 15 Minuten

Die junge Hanan Saeed Abdo beschreibt ihre Erinnerungen an die Flucht aus dem Nordirak über das Mittelmeer nach Deutschland, ihre Angst vor dem Wasser und die lebensbedrohliche Lage für ihre Familie.
50 Menschen, Kinder und Erwachsene waren in dem sechs Meter langen Boot. Alle kamen sie an.
Erst später lernte sie schwimmen und verarbeitete so ihr Trauma.
Mittlerweile hilft sie selbst, Kindern das Schwimmen beizubringen.

Nele Dehnenkamp arbeitet als freie Dokumentarfilmerin in Berlin. Sie studierte Sozialwissen- schaften in Berlin und New York und Dokumentarfilmregie an der Filmakademie Baden- Württemberg in Ludwigsburg. Ihre Kurzfilme wurden auf zahlreichen Festivals gezeigt, darunter die IDFA, die DOK Leipzig und das Internationale Kurzfilmfestival in Palm Springs.

Hier können sie den Film bis November 2022 anschauen:
ardmediathek.de/video/kurzfilme/seepferdchen
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Heute abend ab 19 Uhr liest Clemens Grote aus vier neuen Romanen.
Wir stellen in der „1.Seite“ folgende Bücher vor:

Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“
Giulia Caminito: „Das Wasser des Sees ist niemals süß“
Shelly Kupferberg: „Isidor“
Kristina Gorcheva-Newberry: „Das Leben vor uns“

Dienstag, 30.August

Heute haben
Mary Shelley *1797
Ivan Kusan * 1933
Libuse Monikova * 1945
Geburtstag
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Bald ist es soweit:

September
Gedichte ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 6,00

Kaum zu glauben. Jetzt hatten wir einen heißen Sommer, kaum Regen und doch bricht so langsam der Herbst an. Die Tage werden kürzer, morgens brauche ich Licht zum Arbeiten und abends zum Lesen ist es das Gleiche. Rote Tomaten, Zwetschgen in allen Farben gibt es zu kaufen und die Morgennebel hängen in den Ebenen.
Die Klimaveränderung zeigt sich bei uns immer deutlicher. Wassermangel in den Flüssen und Dürren auf den Feldern. In Ulm hat sich ein Klimabündnis gegründet, in dem viele Gruppierungen teilnehmen. Vielleicht ist es Ihnen auch ein Bedürfnis mitzumachen.
Doch zunächst zwei Gedichte auf den sich anbahnenden Herbst.

Rainer Maria Rilke
Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten reif zu sein
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dräng sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Friedrich Hebbel
Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
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Dienstag, 6.September, 19.00 Uhr
„Die erste Seite“

Wir stellen vier neue Bücher vor:


Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“
Giulia Caminito: „Das Wasser des Sees ist niemals süß“
Shelly Kupferberg: „Isidor“
Kristina Gorcheva-Newberry: „Das Leben vor uns“

Es liest Clemens Grote
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Der Jastram-Blog macht ein paar Tage Ferien und Pause und meldet sich nächste Woche wieder.

Samstag, 6.August

Heute haben
Paul Claudel * 1868
Christa Reinig * 1926
Kjell Westö * 1961
Geburtstag
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Friedrich Hebbel
Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.
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Das neue Buch des Nobelpreisträgers:


Patrick Modiano: „Unterwegs nach Chevreuse
Aus dem Französischen von Elisabeth Edel
Hanser Verlag € 22,00

Patrick Modiano ist immer noch auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Wie in seinen vorhergegangenen Romanen taucht er in die 60er Jahr in Paris ein. Erinnerungen kommen hoch, manchmal verblasst wie Tintenschrift, oder verfärbt wie alte Fotos. Wieso erinnern wir uns plötzlich an Dinge, die längst verschollen sind ?Und waren die Begebenheit tatsächlich so, wie sie jetzt vor uns liegen?
Patrick Modianos Hauptperson, ein alter Mann, sieht die Zeit der 60er Jahre wieder vor sich. Wie er damals in Kontakt kommt mit einer jungen Frau, die sich Totenkopf nennt, aber Camille heißt. Sie bewegt sich in einer undurchsichtigen Clique, von der nicht klar ist, auf was sie hinauswill. Als ihm auffällt, dass die Frau ein Haus mietet, in dem er selbst 15 Jahre zuvor gelebt hat, kann das doch alles kein Zufall sein.
Auf drei Zeitebenden bewegt sich der schmale Roman und reiht sich ein in das Gesamtwerk des großen französichen Autors.

Leseprobe


Mittwoch, 20.Juli


Heute haben
Francesco Petrarca * 1304
Erik Axel Karlfeldt * 1864 (Nobelpreis 1931)
Thomas Berger * 1924
Pavel Kohout * 1928
Lotte Ingrisch * 1930
Cormac McCarthy * 1933
Uwe Johnson * 1934
Geburtstag
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August 1967

Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit
Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand
kippen. Der straffe Überschlag, schon weißlich gestriemt, umwik-
kelt einen runden Hohlraum Luft, der von der klaren Masse zer-
drückt wird, als sei da ein Geheimnis gemacht und zerstört worden.
Die zerplatzende Woge stößt Kinder von den Füßen, wirbelt sie
rundum, zerrt sie flach über den graupligen Grund. Jenseits der
Brandung ziehen die Wellen die Schwimmende an ausgestreckten
Händen über ihren Rücken. Der Wind ist flatterig, bei solchem
drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern ausgelaufen. Das
Wort für die kurzen Wellen der Ostsee ist kabbelig gewesen.

Uwe Johnson aus dem Beginn der „Jahrestage
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Unser Buchtipp:


Osuma Okamura, David Böhm, Jiří Franta: „Eine Stadt für alle“
Handbuch für angehende Stadtplanerinnen und Stadtplaner
Aus dem Tschechischen von Lena Dorn
Karl Rauch Verlag € 25,00

Ein unglaubliches Buch. Im ersten Moment weiss man gar nicht, was das ist. Ein Kinderbuch, ein Kunstobjekt, ein Buch für Architekten, oder ein großer Spaß für Bastelfreunde?
Ich denke, es ist eine Mischung aus allem und es steckt ein großer Gedanke dahinter:
Wie wollen wir leben in der Stadt?
Die meisten Menschen wohnen heute in einer Stadt. Riesige Gebilde entstehen daraus. Manchmal aus dem Nichts. Aber wie funktionieren diese menschlichen Ansammlungen? Mit welchen Problemen haben wir es damit zu tun? Wie werden sich unsere Städte entwickeln? Was muss sich verändern, in den Zeiten des Klimawandels? Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Aus dem Inhalt:
Wer plant die Stadt und bestimmt ihre Form?
Kann ich in der Stadt bauen, was mir gefällt?
Wer versorgt die Stadt mit Energie?
Was verbirgt sich unterirdisch unter der Stadt?

Was dieses Buch aber vorallem ausmacht, ist die Idee dahinter, diese vielen Gedanken in große Installationen aus Pappe, Haushaltsgegenständen, Kartons, Fundstücken und uralten, verbeulten Matchboxautos umzusetzen. Großartig!!!
Sie müssen sich das in Ruhe anschauen.

Leseprobe

Osamu Okamura ist Architekt und Dekan der Fakultät für Kunst und Architektur der Technischen Universität Liberec und u.a. Kurator des Projekts Shared Cites: Creative Momentum. Er ist für den Mies van der Rohe Preis der Tschechischen
Republik nominiert..
David Böhm ist Absolvent der Akademie der Bildenden Künste in Prag, eine Arbeiten waren bereits in Galerien in New York, Berlin, Kiew und anderen Städten zu sehen. Als Autor und Illustrator wurde er mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Bologna Ragazzi Award und dem höchsten Tschechischen Buchpreis, dem Magnesia Litera..
Jiří Franta ist ein Künstler, dessen Spektrum sich nicht aufs Zeichnen und Malen beschränkt. Als Illustrator und Comicautor wurde er mehrfach ausgezeichnet..
Lena Dorn (wir kenen sie, seit sie noch ganz klein in unserem Buchladen Kinderbücher durchgestöberte) hat Slawistik und Geschichte studiert und arbeitet als Wissenschaftlerin, Übersetzerin, Autorin und Kuratorin. Sie lebt in Berlin und übersetzt Kinderbücher, Sachtexte, Lyrik und Prosa aus dem Tschechischen und Slowakischen.
2021 wurde sie mit dem Sonderpreis Neue Talente des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet.
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Hardy on Tour
Tag 54

158 km von Vencimont in den Ardennen über Sedan und Verdun nach Woimbey


Radfahren, so heisst es ja, sei gesund.
Mein Radtag heute geht definitiv nicht als gesundheitsfördernde Betätigung durch und dies lag an den Elementen Hitze und Wind. Die 37 Grad allein waren ja schon heftig genug, aber den Gegenwind dazu hätte es echt nicht gebraucht. Hab mich ziemlich platt gestrampelt heute und hoffe, ich bin morgen wieder radtauglich munter. Und ich hab schlecht geplant, da ich nicht dran gedacht hatte, daß die Geschäfte über Mittag geschlossen haben und so ging mir das Wasser aus und das war richtig übel.
Wie wertvoll Wasser ist, schätzt man besonders dann wenn man keines hat. Diese Erfahrung durfte ich heute machen. Um die Mittagszeit war es heut überall wie ausgestorben, niemand zu sehen in den Dörfern, Roll- und Fensterläden der Häuser dicht. Meine „Rettung“ war schließlich der Wasserhahn im Friedhof und ich war echt glücklich als ich den entdeckte und noch mehr als auch tatsächlich herrlich kühles Wasser aus dem Hahn kam.
Immer sehr bewegend ist es, die Soldatengräber rund um Verdun zu sehen. Ich war schon mal mit Freunden hierhergeradelt und wir hatten uns damals das eindrucksvolle Museum und das ganze Gelände drumherum angeschaut. Kann ich jedem nahelegen. Es macht den unfassbaren Schrecken dieses Krieges damals deutlich und wenn man an die Situation in der Ukraine dabei denkt und weiß, daß auch heute wieder Menschen dort gestorben sind, dann ist das nur unsagbar traurig und man begreift nicht, warum sowas immer wieder geschieht.
Mich erfüllt es mit Dankbarkeit, daß unsere Völker, die sich vor 100 Jahren hier so brutal niedergemetzelt haben, es geschafft haben, sich zu versöhnen und darüberhinaus ein gemeinsames Europa geschaffen haben. Nur so kann die Zukunft funktionieren. Es lohnt sich.

Donnerstag, 14.Juli


Heute haben
Irving Stone * 1903
Issac B.Singer * 1904
Natalia Ginzburg * 1916
Polina Daschkowa * 1960
Geburtstag
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Auf einer Veranstaltung, im Rahmen der Lyrikwoche in Ulm, drücke mir jemand ein schmales Buch in die Hand. Ich solle einfach mal reinschauen. Dieser Jemand ist Milan Gonzales, deutscher Journalist, Dichter, Fotograf, Filmemacher mit bolivianischen Wurzeln, der seine neuesten Gedichte unter dem Titel „Sieben“ veröffentlicht hat.
Mal zärtlich intim, mal kritisch mit sich und der ganzen Welt, kämpferisch und genauhinschauend, zeigt der Autor verschiedene Facetten unserer Welt und unserem Zusammenleben.
Die folgenden Gedichte und Illustrationen hat er mir für den Blog zugeschickt.


Milan M.A.Gonzales: „Sieben“
Gedichte
Illustrationen von Alex Subkoff
herbst Verlag € 20,00

Das Lant*
*vom Protogermanischen: hlanda ̧

Es heißt der Rhein, die Zugspitze,
weil ein Mann wie ein Berg
den Äther erreichen kann,
vom Bodensee bis Kleve,
es heißt mein Lant.

Das Grundgesetz regiert uns,
über diesem steht nur der Himmel
und die Macht des Herrn.

Gegen den Hass unsere Waffe ist die Hoffnung.
Um unser Lant zu verteidigen
brauchen wir Mühe,
Engagement und Loyalität.

Wir haben zwei Weltkriege inszeniert,
verloren und dadurch eine neue
Bewusstheit erlangt.

Wir existieren,
wir haben eine Struktur,
eine Form, ein Ziel,
ein neues Konstrukt ist entstanden.

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Der Bäcker

Zwei Drittel der Stadt schlafen,
auf der Straße tanzen Fuchs und Kaninchen,
das andere Drittel gleichmäßig
verteilt zwischen Puffs, Insomnia und Tankstellen.

Im Süden verdaut ein Dorf
die Träume seiner Mitbewohner,
im Norden übergibt sich die Stadt
auf die Psyche der Millennials mit Burnout und Cuts.
Ein paar Süchtige spielen noch online,
woanders suchen Zuschauer
etwas im Leben der Anderen,
Asoziale Medien für die Vampire
Stoff für die Tratschtanten und Demagogen.

Stamsried ist nicht Berlin, Gott sei Dank!
Doch ab 4 Uhr morgens sind beide eins,
auf dem Hügel wie auf meiner Straße
bringt ein Bäcker das Licht mit.

Moment mal!
Heißer Dampf kommt aus der Bäckerei.

Manchmal lohnt sich
nur eine Bushaltstelle in dem ganzen Dorf
anstatt der Dekadenz der Metropole.

Hauptsache beide backen
das Abendbrot des Volkes.
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Der Garten

Strahl von stillen Kometen,
eine Sekunde Dämmerung und Niemandsland.
Ist der Fleischfresser in die Tiefe gegangen?

Wenn die Seele sprechen muss,
bleibt die Ruhe des Windes,
das Abendbrot des Kindes.

Ist die Sehnsucht und das Feld
der Abgrund des Grünen?

Ist das Fenster eine Tür
und der Garten ein Wald?
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Etwas Neues

Wir lassen es darauf ankommen

Es sind die Kleinigkeiten
Die Kindheit erzählen
Mit einem Freund strahlen
Eine Neuigkeit mitteilen Die Wahrheit sagen
Langsam sprechen
Langsam hören
Langsam schreiben
Langsam lieben
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Vor dem Einschlafen

Ich bohre ein Loch in die Erde,
immer tiefer und tiefer,

Schnurgerade durch den Erdball,
und komme auf der anderen Seite wieder heraus.

Ob da wohl auch ein Haus steht und auch einer,
der im Bett liegt und bohrt,
irgendwo treffen wir uns,

hoffe ich doch.
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Hardy on Tour
Tag 48

110 km von Brentford über Greenwich, Dantford und Rochester nach Faversham

Da lagen heut morgen, als ich aufgewacht bin, doch tatsächlich einige meiner Sachen, die im Außenzelt platziert waren, wild verstreut auf der Wiese. Auch die Einlegesohlen der Radschuhe. Ich hatte anscheinend – tierischen???- Besuch heute Nacht und hab nix davon mitbekommen. Das nennt man dann wohl einen gesunden Schlaf.
Heut bin ich sicherlich 60 Kilometer nur durch Städte und Vorstädte geradelt und hab ordentlich Ruß und Bremsgummi und was weiß ich sonst noch alles geschluckt und dies bei ordentlich warmen Schwitzwetter. Zeitweise ging es wieder neben der Autobahn entlang und dann gab es noch diesen unendlich langen Stau am späten Nachmittag, wo gar nix mehr ging. Es sei dann man hatte ein Fahrrad. Die Autofahrer taten mir echt leid. War wohl ein Unfall, der da zum völligen Verkehrskollaps führte und sämtliche Straßen kilometerweit blockierte.
The never ending Story schrieb heut auch eine einfach nur nervige Fortsetzung:
Kaum aus London raus, brach mal wieder ne Speiche und sämtliche Radläden auf der Strecke sahen sich außerstande, diese heut noch zu reparien oder mir ne andere Felge zu verpassen. Jetzt radle ich halt mit einer Speiche weniger und hoffe voll und ganz auf Canterbury morgen und die Radmechaniker dort!
Schön dagegen war meine Pause in dem netten Cafe in Rochester mit leckerem Apple-Pie und das feine Brot vom Vortag bekam ich, inklusive netter Plauderei, sogar geschenkt von der symphatischen Verkäuferin, die vor 12 Jahren vom Plattensee mit ihrer Familie nach England umsiedelte.
Und ganz überraschend entdeckte ich dann doch tatsächlich am frühen Abend noch eine Obstplantage mit mega leckeren, dicken Kirschen und konnte mich dort so richtig sattessen. Dass ich das in diesem Sommer noch erleben darf. Es hatte was Paradiesisches.
Emotionales Highlight war dann definitiv der Besuch bei der Old Bunce Court School und bei Fam. Miller, die dort nun seit 35 Jahren leben.
Anna Essinger leitete diese so besondere Schule. Sie floh 1933 mit den Kindern aus Ulm vor den Nazis und fand dort im Destrikt Kent glücklicherweise eine neue Heimat. Dieses Jahr erst ist in England ein Buch über diese Schule und ihre Menschen erschienen.
„The School that Excaped the Nazis“ von Deborah Candbury.
Und diese Buch bekam ich nun von den Millers geschenkt, verbunden mit herzlichen Grüßen an die Menschen rund um Herrlingen.
Es war echt ein sehr bewegender Besuch dort und als Herr Miller die alte Schulglocke ertönen ließ bekam ich Gänsehaut.

Mittwoch, 18.Mai

Heute haben
Franziska von Reventlow * 1871
Bertrand Russell * 1872
Ernst Wiechert * 1887
Gunnar Gunnarsson * 1889
W.G.Sebald * 1944
Geburtstag
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„Der Jammer mit der Menschheit ist, dass die Narren so selbstsicher sind und die Gescheiten so voller Zweifel.“
Bertrand Russell, engl. Philosoph und Mathematiker, Nobelpreis 1950
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Magdalena Schrefel: „Brauchbare Menschen
Erzählungen
Edition Suhrkamp € 16,00

Die in Österreich geborene und in Berlin lebende Autorin arbeitet hauptsächlich als Dramaturgin und ist somit schon mitten in ihrem Thema.
Wie leben Menschen von dem bisschen Geld, das sie für harte Arbeit verdienen? Wie gehen sie mit diesem kapitalistischen System der Automatisierung, Ausbeutung, Verunmenschlichung um?
Aber keine Bange – die Erzählungen der Autorin lesen sich wie gut recherierte Reportagen. Wir tauchen ein in die Arbeit eines Schlachters aus Rumänien, der seine eigene Sicht der Dinge erzählt. Eine spielsüchtige Mutter mit Kindern, ein Sexroboter soll das Angebot in einem Bordel erweitern, MitarbeiterInnen einer Flughafen-Security sind nur ein paar wenige Theman in diesen Geschichten. Immer schreibt Frau Schrefel von hart arbeitenden Menschen, die versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen, da Hilfe von aussen nicht zu erwarten ist.
Am Ende lesen wir eine Preisrede (ist es eine?) der Autorin, in der sie ihre Arbeitszeit mit dem Verdienst vergleicht und sich auch bei den Geringverdienenden wiederfindet.
Tolle Geschichten, die ich immer wieder herausziehe, wenn ich mal 15 Minuten Muse habe.

Leseprobe
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Heute abend:

Mittwoch, 18.Mai 2022 um 19:00 Uhr Haus der Begegnung
Ulm, Grüner Hof 7, 89073 Ulm
Lesung Sibylle Knauss „Der Glaube, die Kirche und ich“
Veranstaltung im HdB und online

Bin ich noch Christin? Werden meine Enkel noch Christen sein? Oder wird es eine Zukunft geben, in der die Erzählung von Kreuzestod und Auferstehung des Gottessohns in Vergessenheit geraten sein wird? Nein, sagt entschieden die Autorin, sie ist einfach zu ergreifend. Das größte Narrativ der Welt, nennt sie sie.
Es ist das persönlichste Buch der Romanautorin Sibylle Knauss, in dem sie ihr Leben als eine Beziehungsgeschichte mit Gott erzählt. Eine Beziehung zwischen den Polen Distanz und Nähe, Gläubigkeit und kühler Betrachtung, Ein aufgeklärtes zeitgenössisches Bewusstsein und ChristSein schließen sich nicht aus.

Kostenbeteiligung: 8,-/ ermäßigt 6,-
Infos unter www.hdbulm.de
Tel. 0731 92 000 0
Keine Anmeldung für die Teilnahme vor Ort. Es gilt Maskenpflicht.

Mittwoch, 20.April

Heute haben
Pietro Aretino * 1492
Herman Bang * 1857
Hermann Ungar * 1893
Arto Paasilinna * 1942
Geburtstag
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Theodor Storm
Die Nachtigall

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut;
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.
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Ein kleiner Nachtrag zum Nachtigallenbuch-Beitrag.
Hier eine Mail von Frau Kipper mit einem Radiohinweis:

Hallo Herr Wiltschek,
es freut mich, mit dem Nachtigallen-Buch Begeisterung geweckt zu haben!
Falls Sie das hier vorher noch lesen: morgen nach halb elf gibt es ein
Interview zum Buch auf Deutschlandfunk Kultur
. (10.05 – 11.00 Lesart).
Tatsächlich sind die Herren Nachtigallen seit dem Wochenende wieder in
Berlin eingezogen – zumindest die ersten, der große Schwung braucht wohl
noch ein paar Tage. Im Norden Brandenburgs warten wir dagegen noch auf
die ersten Ankommenden. Gibt es in Ulm denn Nachtigallen? Ich weiß, dass
die Populationen im Süden des Landes ja leider eher sehr rückläufig waren.

Ganz herzliche Grüße, Silke Kipper
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Bei uns in der Buchhandlung:
Albert Cüppers: „Landschaft mit Gräberhügel“

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Stadtradeln in Ulm von 01.05. bis 21.05.2022
Das Team „Jastram radelt“ macht wieder mit und sucht noch Mitradelnde.
Einfach anmelden, Kilometer sammeln und Spaß haben.