Montag, 31.Oktober


Heute haben
John Keats * 1795
Nadeschda Jakowlewna Mandelstam * 1899
Jean Améry * 1912
Dick Francis * 1920
Roger Nimier * 1925
Ernst Augustin * 1927
Geburtstag
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Regina Ullmann
Erwachen

Ich lag in dir noch unverzweigt,
Du tiefer Felsen einer Nacht;
So kalt wie Stein und trostesarm.

Da fühlt ich plötzlich, wie der Tag
Sich an dem Sein im Licht verfing
Und liebewarm und flammenhaft
Sich an die kleinsten Dinge hing.

Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
Der sich an einem Zimbal schlug,
Erhörbar,
Und meines Engels Morgengang.
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Unser Buchtipp


Annika Büsing: „Nordstadt
Steidl Verlag 20,00

In der Nordstadt wohnen die, die keine Villen, keine Doppelgarage und keinen tollen Job haben.
In der Nordstadt gibt es ein altes Schwimmbad, in dem sich die Rentner:innen treffen und in dem Nene als Bademeisterin arbeitet. Ein Job, den sie sich als Jugendliche herausgesucht und erlernt hat. Hier kann sie ihre Kindheit und Jugend vergessen. Sie zieht ihre Bahnen, hält den Kopf unter Wasser.
In diesem Schwimmbad trifft sie aber auch Boris. Boris, der hinkt, Boris, der richtig Schwimmen lernen will, Boris, der von Nene ein Schwimmbrett ausgeliehen bekommt, auf das sie auf einem kleinen Zettel Trainingsanweisungen klebt.
Boris hat Puma-Augen und will Nene nicht sofort an die Wäsche. Er bekam mit zwei Jahren Kinderlähmung, lebt mit seinen Schmerzen und seiner Arbeitslosigkeit. Seine Mitmenschen haben nur Spott und Mitleid für ihn übrig.
Ihr erstes Treffen wird ein Desaster (wie vieles danach auch), aber Nene zeckt sich in sein Herz.
Annika Büsing hat mit ihrem Erstling eine genaue, aktuelle Liebesgeschichte über zwei junge Menschen geschrieben, die schlechte Erinnerungen an ihr bisheriges Leben haben und auch nicht viel auf ihre Zukunft geben. Sie schreibt dies aber so direkt, lebensbejahend, witzig, derb und voller Empathie für die beiden, dass wir sie nicht sofort, aber dann, ins Herz schließen, obwohl sie nicht immer sympatisch sind.
Schade, dass dieses Buch nur 120 Seiten hat. Ich hatte gerne noch mehr über die beiden gelesen und wünsche diesem Buch viele junge und alte Leser:innen.

Samstag, 29.Oktober


Heute haben
Lena Christ * 1881
Ezra Pound * 1885
Georg Heym * 1887
Geburtstag
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„Mei Ruah will i habn! I brauch koan Burschn zum Fensterln; wer si net zu der Tür ‚reitraut, soll ganz wegbleibn!“
Lena Christ
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Unser Buchtipp


Elena Medel: „Die Wunder
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Suhrkamp Verlag € 23,00

Ein starkes, intensives Debüt der 37jährigen Spanierin, die allerdings schon seit 20 Jahren im Literaturbetrieb tätig ist. „Die Wunder“ erzählt die Geschichte zweier Frauen, Großmutter und Enkelin, die es beide nach Madrid verschlagen hat (in einem Abstand von 30 Jahren) und die sich nie begegnet sind.
Beide Frauen arbeiten in prekären Stellungen, als Haushaltshilfe, als Putzfrau, Angestellte im Kiosk und in der Kneipe. Immer mit der Angst, dass genügend Geld für den Monat hereinkommt, entlassen zu werden und die Wohnung gekündigt zu bekommen. Beide leben mehr oder weniger alleine und versuchen ihren Alltag in den Griff zu bekommen.
Während Mariá, wegen ihr unehelichen Kindes, von der Familie verstoßen, in den Norden zieht und den Kontakt zu ihrer Tochter mehr und mehr verliert, zieht Alicia aus freien Stücken nach Madrid, um unabhängig von familiären Zwängen zu leben.
Elena Medel gibt diesen beiden Frauen eine Stimme, der man als Leser:in erst nach und nach auf die Schliche kommt. Während Mariá, in der Franco Ära, in der Arbeiterbewegung als Frau eher nebenherläuft und sich ihren Platz erkämpfen muss, hadert Alicia mit den Umwälzungen der Globalisierung und den dadurch veränderten Arbeitsbedingungen.
Elena Medel springt in den Zeiten, wirft Textbrocken ein, die sich erst später auflösen, verwebt Vergangenes mit der Gegenwart und zeigt zwei Frauenbiografien, die als Spiegelbild für Millionen von Frauen auf der ganzen Welt stehen können.

Leseprobe

Freitag, 28.Oktober

Heute haben
Otto Flake * 1880
Jean Girodoux * 1882
Claire Goll * 1890
Geburtstag
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Theodor Fontane
Spätherbst

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern sind im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh‘ Stille, Schnee und Winter kommt.
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Unser Jugendbuchtipp


Anna Woltz: „Nächte im Tunnel“
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Carlsen Verlag € 16,00
Jugendbuch ab 14

Wir sind jetzt zu dritt.
Wir waren zu viert, aber einer von uns wird sterben. Besser, du weißt das. Jetzt schon, bevor ich anfange.
Einer von uns stirbt, aber darum geht es nicht. Es änderte alles, das schon. Aber es geht darum, dass drei von uns weiterleben.
Wir drei haben alles überstanden. Die Bomben, die Brände, die Nächte. Wir sind noch da.
Unser Leben fängt gerade erst an.

Wir waren zu viert, aber oft hätten wir genauso gut allein sein können.
Wenn du Nächte im Dunkeln wartest, die knallharten Eisenrippen des Tunnels im Rücken, während über deinem Kopf die Welt zusammengeschlagen wird, was bringen dir dann andere Menschen?

Manchmal gar nichts.
Aber manchmal hilft es.

Wir waren zu viert, und das half.

London, September 1940. Fast jede Nacht wird die Stadt bombardiert.
Die 14jährige Ich-Erzählerin Ella verbringt mit ihrem 9jährigen Bruder Robbie und ihren Eltern die Nächte in den U-Bahnschächten unter der Stadt. Eng aneinandergedrängt liegen hier hunderte, tausende Menschen und das über acht Monate hinweg.
Ella begegnet immer wieder Jay, einem 16jähren, undurchsichtigen, Jungen, der irgendwelche krumme Dinger dreht. Und plötzlich steht da noch Quinn, ein Mädchen aus adligem Hause, die die Enge in ihrer Familie nicht mehr aushält und helfen will. Sie weiss zwar nicht wie, aber sie will mit ihren Händen zugreifen und nicht nur bedient werden.
Ella, Jay und Quinn haben jeweils ihre Geheimnisse, die im Laufe des Romanes aufgedeckt werden. Es ist fast schon, wie die „Letzte Brownie“-Geschichte aus Nottinghill, da jeder von sich meint, das schlechteste Lebenslos gezogen zu haben.
Diese Freundschaften müssen sich erst noch finden und festigen, aber dann halten sie auch auf Dauer.
Anna Woltz hat diesen Roman 2021 in den Niederlanden veröffentlicht und wohl nicht gedacht, wie aktuell er jetzt, ein Jahr später, werden wird. Wenn wir uns an die Berichte von Serhji Zhadan erinnern, der über die Bombadierungen der Städte berichtet, wie Menschen sich wieder in Luftschutzbunkern begeben müssen (sogar Herr Steinmeier musste ein paar Stunden dort verbringen) und wie Zhadan dort unten Konzerte gibt (genauso wie Quinns älterer Bruder), ist es schon verblüffend.
Ein Buch über eine brutale Realität, über die jeweiligen Hoffnungen für die Zukunft. Denn eigentlich fängt das Leben ja erst an.
Ein bewegender, spanndender Jugendroman mit einem hoffnungsvollen Ende in eine bessere Zukunft und einem Sprung sechs Jahre später.