Freitag, 24.Februar

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Heute haben
Erich Loest * 1926
Ferit Edgü * 1936
Keto von Waberer * 1942
Leon de Winter * 1954
Geburtstag
und es ist der Todestag von Uwe Johnson.
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„August 1967
Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit
Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand
kippen. Der straffe Überschlag, schon weißlich gestriemt, umwik-
kelt einen runden Hohlraum Luft, der von der klaren Masse zer-
drückt wird, als sei da ein Geheimnis gemacht und zerstört worden.
Die zerplatzende Woge stößt Kinder von den Füßen, wirbelt sie
rundum, zerrt sie flach über den graupligen Grund. Jenseits der
Brandung ziehen die Wellen die Schwimmende an ausgestreckten
Händen über ihren Rücken. Der Wind ist flatterig, bei solchem
drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern ausgelaufen. Das
Wort für die kurzen Wellen der Ostsee ist kabbelig gewesen.“

So beginnen die 1.700 Seiten der „Jahrestage“ von Uwe Johnson
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„Was fan­gen wir noch an mit die­sem Leben, jetzt, nach­dem wir die halbe Stre­cke schon gegan­gen sind?“

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Zsuzsa Bánk:Schlafen werden wir später
S.Fischer Verlag € 24,00

Lange haben wir auf einen neuen Roman von Zuszsa Bánk gewartet. Daß er jetzt gleich mal mit 700 Seiten daherkommt, ist ein Wort. Und dann auch noch ein Briefroman. Besser ein Roman in Emails, denn das ist es, was sich beiden Freundinnen schreiben. Die eine oft spät in der Nacht, die andere manchmal in aller Frühe. Drei Jahre lang lesen wir die sehr persönlichen Briefe, die vom schwarzen Wald nach Frankfurt und wieder zurück geschickt werden. Briefe, in denen sich die Freundinnen in aller Gänze anvertrauen. Die eine, Márta, ist dauermüde mit ihren drei Kindern, will endlich ihr neues Buch veröffentlichen. Johanna, aus dem schwarzen Wald ist Lehrerin und muß die Leere ihres Häuschens füllen, nachdem ihr Partner nicht mehr dort wohnt und sie Angst hat, daß der Krebs wieder an die Tür klopft.

„Simon und ich, wir haben keinen Augenblick für uns, nachts tragen wir Mia und Franz in ihre Betten, Füße, Arme, Kopf baumelnd, zu jeder Stunde ein anderes Kind, das zwischen uns, in unsere Mitte gekrochen ist, in die Mulde aus Kissen, Mártaschulter und Simonduft, oder ich taste mich durch die Dunkelheit, um den weinenden Henri aus der Wiege zu heben, so benommen, als hätte er mich aus tiefstem ruhigen Schlaf gerissen, obwohl ich den schon lange nicht mehr kenne, diesen tiefruhigen Schlaf, von dem ich erholt aufwache. Schlafen werde ich später einmal, wenn ich alt bin, werde ich schlafen, Johanna, Nacht und Tag, soviel ich will.“

„Liebste Márta, vergib mir, dass ich Dich letzte Nacht ans Telefon geholt habe. Vergib mir die frischen Tränen. Nachdem der Krebs so heftig an meine Schlaftür gehämmert hatte. Der Panikvogel zurückgekehrt war. Obwohl ich Dir versprochen hatte aufzupassen. Ihn nicht mehr hereinzulassen. Dazu mein blöder, tausendfach durchgekauter öder Kram. (…) Es ist die Zeit, die ich beschuldige Márti. Die Zeit hat Schuld. Die Zeit hat mir alles weggefressen. Selbst die Orte meines Lebens hat sie geschluckt.“

Ein Buch voller Sehnsucht und Hoffnungen, mit Fluchten in die Literatur, die beide aus dem Grau des Alltags rettet. Es ist die Suche nach dem Glück und der Zufriedenheit in einer unüberschaubaren Welt, die einen mitreisst und zu verschlingen droht. Ein Buch über eine große, feste Freundschaft, die nie in Frage gestellt wird. Das Leben drumherum schon. Dies schreibt Zsuzsa Bánk in einem melancholischen, zuversichtlichen Ton, der die Geschichte nach vorne treibt und keinen rückwärtigen Blick zuläßt.

Zsuzsa Bánk schafft es auch hier wieder, daß wir uns in ihrem Roman wiederfinden, daß wir meinen, woher sie das nur über uns weiß. Ein Roman, der mit solch einer Liebe mit ihren Figuren spielt, daß die 700 Seiten zu kurz sind. Man möchte noch mehr über Johanna und Márta wissen, sie noch ein paar Jahre begleiten dürfen. Und da sind wir wieder bei den „Jahrestagen“. Auch hier war ich als Leser traurig, als das gemeinsame Jahr mit Gesine und Marie zu Ende war. Die Geburtstage der beiden stehen in meinem Kalender und somit denke ich zumindest zwei Mal im Jahr an sie.

Donnerstag, 9.Februar

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Heute haben
Felix Dahn * 1834
Amy Lowell * 1874
Brendan Behan * 1923
Thomas Bernhard * 1931
John Maxwell Coetzee * 1940
Alice Walker * 1944
Geburtstag
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Gestern auf dem Duden Gedichtekalender:

Detlev von Liliencron
Mühle in der Ferne

Steht eine Mühle am Himmelsrand,
Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand,
Und mahlt immerzu, immerzu.

Hinter der Mühle am Himmelsrand,
Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt,
Und mahlt immerzu, immerzu.
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Zsuzsa Bánk:Schlafen werden wir später
S.Fischer Verlag € 24,00

Gestern wurden BuchhändlerInnen nach Stuttgart ins Literaturhaus eingeladen. Der Grund? Das neue Buch von Zsuzsa Bánk, das in diesem Monat noch erscheinen wird.
Nach einem Imbiss führte der Lektor Jürgen Hosemann in den Briefroman der Autorin ein, zeigte die Merkmale der beiden Frauen auf, die sich über drei Jahre hinweg Emails schreiben. Seine sehr feine , launige, witzige Rede stimmte bestens ein auf die Lesung der Autorin, die sich eine größere Passage aus dem Februar 2010 herausgesucht hatte, die zum Teil auch in Stuttgart spielt.

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In ihrer gewohnt sehr guten Art des Vorlesens war es nicht schwer einzutauchen, wegzutrifften in das Leben der beiden Freundinnen.
Danach wurde noch kräftig signiert und der rote Bücherstapel im Hintergrund wurde immer kleiner.
Mein Zug fuhr um 23:22 Richtung Ulm und um 1:00 war ich im Bett.

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Wenig Schlaf, aber ein gutes Gefühl.
„Schlafen werden wir später“
Vielen Dank an den S.Fischer Verlag, vielen Dank an Zsuzsa Bánk.
Ach, bevor ich es vergesse: Der Roman ist super. Unbedingt vormerken.

Besprechungen sind sicherlich noch nicht erlaubt. Gelesen habe ich den 700 Seiten Roman schon. Und so drucke ich den Text des S.Fischer Verlages hier ab, der Sie hoffentlich animiert, das Buch zu lesen.

Die Schriftstellerin Márta lebt mit Mann und drei Kindern in einer deutschen Großstadt. Obwohl sie ihre Kinder über alles liebt, kämpft sie jeden Tag darum, in ihrem Leben nicht unterzugehen und ihre Arbeit gegen die Zumutungen des Alltags zu verteidigen.
Ihre Freundin Johanna hingegen, mit der sie seit früher Kindheit eine innige Freundschaft verbindet, ist Lehrerin im Schwarzwald und kinderlos. Statt mit ihrer Doktorarbeit über Annette von Droste-Hülshoff weiter zu kommen, kämpft sie mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit: mit dem Mann, der sie verlassen hat, mit dem Krebs, den sie überwunden geglaubt hat, mit ihrem Vater, der so jung gestorben ist.
Jetzt, mit Anfang 40, liegt die Mitte des Lebens hinter ihnen, sind Lebensweichen gestellt, wichtige Entscheidungen getroffen, ist ein Richtungswechsel nicht mehr vorgesehen. Aber soll das alles gewesen sein? Márta und Johanna schreiben einander E-Mails von großer Tiefe, Offenheit und Emotionalität. Ihre Mails sind ergreifende Dokumente eines täglichen Ringens um Selbstbehauptung, Freiheit und Glück. Beide Frauen wissen, dass sie mehr wollen als noch nicht sterben. Aber was machen sie jetzt mit diesem Leben, dessen Weg sie zur Hälfte schon gegangen sind? Und was macht das Leben mit ihnen?

Leseprobe

Freitag

Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Alexandra David-Neel * 1868
Wenedikt Jerofjew * 1938
Walter Kappacher * 1938
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag.
Aber auch Gilbert Bécaud.
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Tolle Inszenierung, noch bessere Frisuren!
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Rainer Maria Rilke
Wie die Vögel

Wie die Vögel, welche an den großen
Glocken wohnen in den Glockenstühlen,
plötzlich von erdröhnenden Gefühlen
in die Morgenluft gestoßen
und verdrängt in ihre Flüge
Namenszüge
ihrer schönen
Schrecken um die Türme schreiben:

können wir bei diesem Tönen
nicht in unsern Herzen bleiben
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Dieses Gedicht fand sich gestern in der Frankfurter Anthologie, die gerade meine Tageslektüre ist. Jochen Jung, der zu diesen Zeilen von Rilke etwas schreibt, beginnt mit den Sätze, ob man bei Rilke an Alfred Hitchcock denken darf. Ja, meint, bei Lyrik ist alles erlaubt.
In diesem Sinne: Genießen Sie die auffliegenden Vögel von Rilke.
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Nino Haratischwili: „Das achte Leben (für Brilka)“
Frankfurter Verlagsanstalt € 34,00

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Gestern abend waren wir im Literaturhaus Stuttgart, in dem Nino Haratischwili ihren neuen Roman: „Das achte Leben (für Brilka)“ vorgestellt und daraus vorgelesen hat.
Schön an der Präsentation war, dass es nicht nur eine Lesung gab, sondern dass die Autorin vorgestellt, interviewt wurde, dass Fragen zu ihrem Werk gestellt wurden und dazwischen bekamen wir dann Textpassagen von ihr. So haben wir erfahren, dass sie 1983 in Georgien geboren wurde, dort in eine Schule mit Deutsch als Fremdsprache kam, dass sie als Mädchen mit ihrer Mutter nach Deutschland ging, sich hier nicht wohlfühlte und dass sie zurück nach Tiflis ging, ihr Abitur machte und an der Universität begann, Theaterarbeit zu studieren. Dies war ihr jedoch zu eng, zu streng, so dass sie sich in Deutschland für einen Studienplatz bewarb, in Hamburg hängenblieb, wo sie auch jetzt noch wohnt. Sie stellte klar heraus, dass sie nicht als junge, weibliche Autorin gesehen werden will, die über Georgien schreibt. Dies meinte sie zumindest vor ein paar Jahren, nach Erscheinen ihres ersten Buches. „Das achte Leben“ ist nun ihr dritter Roman (Theaterstücke schreibt sie zwischendurch auch) und sie ist mitten in Georgien gelandet. 100 Jahre Georgien. 100 Jahre Familiengeschichte im schönsten Land der Welt, so sagt es der Entstehungsmythos, den sie zu Beginn des Abends vorgetragen hat. Die Hauptperson (Jahrgang 1973) erzählt die Geschichte ihres Ur-Ur-Grossvaters bis zur Gegenwart. Und dies auf über 1.200 Seiten.
Dass dieses Buch nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis landete, ist schon ein kleiner Skanadal. Nino Haratischwili kann erzählen, wie keine zweite. Sie nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichte(n) des Landes, der Familie, unterhält uns aufs Beste und wer einmal angefangen hat zu lesen, wird gefesselt, wird süchtig, wie die Personen im Roman von der wunderbaren Schokolade, die als Geheimrezept durchs Buch geistert.
Ich kann hier auf die Schnelle die vielen Erzählstränge gar nicht wiedergeben. Sie meinte gestern abend auch, dass es ihr wichtig war, dass die Personen immer präsent im Roman waren, dass es nicht ein dauerndes Kommen und Verschwinden geben sollte. Somit fühlen wir uns in diesem dicken Wälzer richtig gborgen, dürfen mit den Hauptpersonen mitleben und mitleiden. Denn Leiden, Sterben und Trennungen, der ganze Horror des Stalinismus steckt natürlich genuso im Roman, wie die Lebensfreude. Und dass Nino Haratischwili dies in einem lakonischen Ton aufschreibt, rettet uns vor der großen Depression. Es erinnert ein wenig an die Art wie Lemaitre an sein grausliges Thema herangegangen ist, dessen Buch ich hier vorgestellt habe.

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Seien Sie also nicht geschockt vor dem dicken Buch. Beginnen Sie zu lesen. Es wird sie begleiten, begeistern und nicht mehr loslassen.

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Hier sehen und hören Sie die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse. Sie erzählt Ihnen viel besser und aus erster Hand, was es mit ihrem Roman auf sich hat.