Dienstag, 24.November


Heute haben
Lawrence Sterne * 1713
Carlo Collodi * 1826
Arundhati Roy * 1961
Geburtstag
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Rainer Maria Rilke
Der Leser


Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiss,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten Getränktes liest.
Und wir, die Stunden hatten, was wissen wir,
wieviel ihm hinschwand, bis

er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.
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Maria Popova: „Findungen“
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer, Heike Reissig und Tobias Rothenbücher
Diogenes Verlag € 28,00

Im Internet, in ihren Blogs ist Maria Popova in den USA sehr bekannt. Ich kannte den Namen bisher nocht nicht, traute mich auch nicht an die fast 900 Seiten hin. Knall gelb, das passt irgendwie gar nicht zu Diogenes und was dahintersteckt, war mir nicht klar.
Kaum mit Lesen begonnen, hatte ich einen mächtigen Spaß. Die Autorin verknüpft ihr Wissen über Wissenschaft, Literatur, Kunst, Musik, … zu einem spannenden Lesevergnügen. Das machen auch ihre Internettexte aus, in denen sie ihre Netz-Fundsachen zu einem großen Teppich zusammenwebt und wir erkennen können, dass viele Dinge, Personen, Ideen und Erfindungen eng zusammenhängen. Im Buch nun, stellt sie uns Personen vor, die mit dem was sie machten, die Ersten ihrer Zeit waren.
Johannes Kepler z.B., an dessen Eintrag am Ulmer Rathaus ich fast täglich vorbeiradle, Maria Mitchell, die einen Komente entdeckte, die Journalistin Margaret Fuller, eine Pionierin der amerikanischen Frauenbewegung, Emily Dickinson und ihre Lyrik und auch Rachel Carson, die mit ihrem Buch „Der stumme Frühling“ als Vorreiterin der weltweiten Umweltbewegung wurde. Dies nur ein paar Beispiele aus dem dicken Buch. Das alles liest sich flott und der Text wird immer mit Einschüben unterbrochen, wenn der Autorin ein wichtiger Link, ein passendes Zitat aus einer anderen Epoche einfällt.
Also keine Angst vor 900 Seiten. Und auch bestens für jüngere LeserInnen geeignet.

Freitag, 3.April

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Heute haben
George Herbert * 1593
Washington Irving * 1783
Peter Huchel * 1903
Märta Tikkanen + 1935
Johanna Walser * 1957
Geburtstag
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Rainer Maria Rilke
Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern
schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er
leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.
Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.
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Pocketbook eBook-Reader € 119,00

Ich weiß, ich weiß, so ein eBook-Reader ist kein Buch. Das Gerät raschelt nicht beim Seiten umblättern, es riecht nicht und man kann auch keine richtigen Eselsohren reinknicken und Straßenbahnfahrkarten als Lesezeichen reinstecken. Aber handlich und nützlich sind diese Dinger schon. Für die Reise, im Bett mit Beleuchtung. Und die 1.000 Seiten des Romanes von Frau Haratischwili liegen auch viel leichter in der Hand.
In der jetzigen Zeit, wenn wir doch nicht unbedingt aus dem Haus sollen, ist natürlich so ein Gerät und der einfache Download eines Buches von unserer Homepage (www.jastram-buecher.de) direkt nach Hause, extrem praktisch.

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Der Randomhouse Verlag veranstaltet Online-Lesungen für Kinder und Erwachsene. Auf dem Terminkalender finden sie die Uhrzeiten und die passenden Bücher dazu. Viel Vergnügen.
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https://ox.hosteurope.de/appsuite/api/mail/VIDEO-2020-03-30-22-57-03.mp4?action=attachment&folder=default0%2FINBOX&id=154736&attachment=2.2&user=7&context=10600750&decrypt=&sequence=1&delivery=view

Liebe Freunde,

vielleicht habt ihr Lust, wieder Radio zu hören:: mein neuer Klassik-Klub auf WDR3 wird im Zeichen der Karwoche stehen, der „Heiligen Woche“ vor Ostern, jenen Tagen tiefer Spiritualität.
Eine Hymne der großen Mystikerin Hildegard Von Bingen eröffnet mein Set und führt gleich weiter zu einer Station aus Franz Liszts Via Crucis (interpretiert vom kürzlich verstorbenen Reinbert de Leeuw) – weitere Stationen folgen. Bachs Choräle „ Ach Großer König“ und „Als Jesus Christus in der Nacht“ aus der Johannespassion spiele ich in einer Version für Streichorchester von und mit der großartigen Patricia Kopatchinskaja. Weitere Linien des Sets bilden David Langs Song-Zyklus „Death Speaks“ (die Sängerin Shara Worden, wird von einer Band bestehend aus Owen Pallett, Bryce Dessner und Nico Muhly begleitet), Rossinis Sakralwerk „Stabat Mater“ (u.a. mit Katia Ricciarelli und Carlo Maria Guilini), einem weiteren Sakralwerk, der „Passio domini nostri Jesu Christi secundum Joannem“ von Alessandro Scarlatti und Stücken Jóhann Jóhannssons. Außerdem werde ich Musik u.a. von oder mit Hayden Chisholm, Francesco Donadello, Hildur Guðnadóttir, Antonio Caldara, Ólafur Arnalds, Sebastian Studnitzky und Jürgen Friedrich spielen.

Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Hören jener Musik in dieser speziellen Zeit

Juergen a.k.a. Simon Sarow

WDR 3 Klassik-Klub mit Simon Sarow
Sonntag 5.4. / 16h05 – 17h45
nur Livestream / kein Podcast

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-klassik-klub/index.html

Donnerstag, 16.Januar

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Heute haben
Aleksandar Tisma *1924
Susan Sontag * 1933
Inger Christensen * 1935
Reinhard Jirgl * 1953
Geburtstag
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Rainer Maria Rilke
Wintermorgen

Der Wasserfall ist eingefroren,
die Dohlen hocken hart am Teich.
Mein schönes Lieb hat rote Ohren
und sinnt auf einen Schelmenstreich.

Die Sonne küßt uns. Traumverloren
schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
und wir gehn fürder, alle Poren
vom Kraftarom des Morgens voll.
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Fuchs 8 von George Saunders

George Saunders: „Fuchs 8“
Aus dem amerikanischen Englisch genial von Frank Heibert
Mit Illustrationen von Chelsea Cardinal
Luchterhand Verlag € 12,00

Solche Dinge passieren.
Da erscheint im Herbst ein kleines, buntes Buch von George Saunders, einem der wichtigsten Stimmen der USA und nennt sich „Fuchs 8“. So richtig beachtet wird es allerdings nicht, bis im Literarischen Quartett, kurz vor Weihnachten, Thea Dorn dieses Buch hochhält und meint, dass es das lustigste Buch aller Zeiten sei. Oder so ähnlich. Plötzlich wollen alle „Fuchs 8“ lesen und der Verlag kann nicht liefern. Mal hat das Barsortiment Exemplare, dann sind auch die wieder weg. Irgendwann sind alle Vormerkungen bei uns im Abholfach und einige Kund*Innen haben mittlerweile Ihre Bestellung vergessen und vielleicht auch Fuks 8.
Das ist der Lauf der Literatur.
Aber wer ist Fuks 8?
In seiner Großfamilie bekommen die Kinder keine Namen, sondern Nummern. Und er hat die acht. Was ihn zu einem Romanhelden werden lässt, ist seine Gabe „mänschisch“ zu verstehen und reden zu können. Dies hat er am Fenster zu einem Kinderzimmer gelauscht und gelernt. Dort wurde all abendlich vorgelesen. „Libe Leserinen und Leser: Zuers möchte ich sagen, Entschuldigung für alle Wörter di ich falsch schreibe.“ Was nützt ihm aber, die Menschen zu verstehen? Ganz einfach: In einem Brief an die Menschen (das ist dieser Roman) erzählt er seine abenteuerliche Geschichte, die er gerade erlebt hat und die sein Leben komplett aus der Bahn geworfen hat. Und wenn wir Menschen nicht achtgeben, geschieht mit uns noch Schlimmeres.
In seinem Revier wird ein Einkaufszentrum gebaut, eine Mall, oder wie er sagt „Moll„.
Der Boden ist wi Glas. Oder Eis. Und was wir da geseen haben, Froinde!“ Nämlich: „Zobedaf, mit gefangenen Kazzen!“, „ein klein Flus, der flos zwar, aber roch nich richtig“, dazu noch „falsche Fälsen“, „Boime“ und natürlich eine lange „Fressmaile„.
Hier beginnt die Vertreibung aus dem Paradies und George Saunders wirft sich wieder auf die Seite der Schwachen, der Aussenseiter, in dem er die Reise dorthin von Fuks 8 und seinem Freund Fuks 7 in dieser Form erzählt. Dies geht nicht gut aus. Fuks 8 findet jedoch nach langem Suchen ein neues Zuhause.
Ja, das Buch ist lustig, das stimmt schon. Aber es ist vielmehr ein Buch, wie Fuks 8 diese Tragödie überlebt und verarbeitet und wie wir Menschen mitten in eine Umwelttragödie schlittern, in dem es überall glitzern und klingeln muss und wir nicht daran denken, was wir durch unser Leben alles zerstören. Für mich ist es ein trauriges, sentimentales, hoffnungsvolles Buch, das man mindestens zweimal lesen und unendlich oft vorlesen sollte.

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