Freitag, 17.Januar

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Heute haben
Anne Bronte * 1820
Emmy Ball-Hennings * 1885
Einar Schleef * 1944
Geburtstag
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Emmy Ball-Hennings
Nach dem Cabaret

Ich gehe morgens früh nach Haus.
Die Uhr schlägt fünf, es wird schon hell,
Doch brennt das Licht noch im Hotel.
Das Kabarett ist endlich aus.
In einer Ecke Kinder kauern,
Zum Markte fahren schon die Bauern,
Zur Kirche geht man still und alt.
Vom Turme läuten ernst die Glocken,
Und eine Dirne mit wilden Locken
Irrt noch umher, übernächtigt und kalt.
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Susanne Link empfiehlt:

Eine gewoehnliche Familie von Sylvie Schenk

Sylvie Schenk: „Eine gewöhnliche Familie“
Goldmann TB € 10,00

Tante und Onkel sterben hochbetagt und kinderlos. Nichten und Neffen kommen zurück und erinnern sich.
Eine ungewöhnliche Hommage einer gewöhnlichen Familie mit Geheimnissen und schwerem Erbe erzählt von der wunderbaren Sylvie Schenk,die mich schon mit „Schnell,ein Leben“ begeisterte.

Donnerstag, 16.Januar

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Heute haben
Aleksandar Tisma *1924
Susan Sontag * 1933
Inger Christensen * 1935
Reinhard Jirgl * 1953
Geburtstag
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Rainer Maria Rilke
Wintermorgen

Der Wasserfall ist eingefroren,
die Dohlen hocken hart am Teich.
Mein schönes Lieb hat rote Ohren
und sinnt auf einen Schelmenstreich.

Die Sonne küßt uns. Traumverloren
schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
und wir gehn fürder, alle Poren
vom Kraftarom des Morgens voll.
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Fuchs 8 von George Saunders

George Saunders: „Fuchs 8“
Aus dem amerikanischen Englisch genial von Frank Heibert
Mit Illustrationen von Chelsea Cardinal
Luchterhand Verlag € 12,00

Solche Dinge passieren.
Da erscheint im Herbst ein kleines, buntes Buch von George Saunders, einem der wichtigsten Stimmen der USA und nennt sich „Fuchs 8“. So richtig beachtet wird es allerdings nicht, bis im Literarischen Quartett, kurz vor Weihnachten, Thea Dorn dieses Buch hochhält und meint, dass es das lustigste Buch aller Zeiten sei. Oder so ähnlich. Plötzlich wollen alle „Fuchs 8“ lesen und der Verlag kann nicht liefern. Mal hat das Barsortiment Exemplare, dann sind auch die wieder weg. Irgendwann sind alle Vormerkungen bei uns im Abholfach und einige Kund*Innen haben mittlerweile Ihre Bestellung vergessen und vielleicht auch Fuks 8.
Das ist der Lauf der Literatur.
Aber wer ist Fuks 8?
In seiner Großfamilie bekommen die Kinder keine Namen, sondern Nummern. Und er hat die acht. Was ihn zu einem Romanhelden werden lässt, ist seine Gabe „mänschisch“ zu verstehen und reden zu können. Dies hat er am Fenster zu einem Kinderzimmer gelauscht und gelernt. Dort wurde all abendlich vorgelesen. „Libe Leserinen und Leser: Zuers möchte ich sagen, Entschuldigung für alle Wörter di ich falsch schreibe.“ Was nützt ihm aber, die Menschen zu verstehen? Ganz einfach: In einem Brief an die Menschen (das ist dieser Roman) erzählt er seine abenteuerliche Geschichte, die er gerade erlebt hat und die sein Leben komplett aus der Bahn geworfen hat. Und wenn wir Menschen nicht achtgeben, geschieht mit uns noch Schlimmeres.
In seinem Revier wird ein Einkaufszentrum gebaut, eine Mall, oder wie er sagt „Moll„.
Der Boden ist wi Glas. Oder Eis. Und was wir da geseen haben, Froinde!“ Nämlich: „Zobedaf, mit gefangenen Kazzen!“, „ein klein Flus, der flos zwar, aber roch nich richtig“, dazu noch „falsche Fälsen“, „Boime“ und natürlich eine lange „Fressmaile„.
Hier beginnt die Vertreibung aus dem Paradies und George Saunders wirft sich wieder auf die Seite der Schwachen, der Aussenseiter, in dem er die Reise dorthin von Fuks 8 und seinem Freund Fuks 7 in dieser Form erzählt. Dies geht nicht gut aus. Fuks 8 findet jedoch nach langem Suchen ein neues Zuhause.
Ja, das Buch ist lustig, das stimmt schon. Aber es ist vielmehr ein Buch, wie Fuks 8 diese Tragödie überlebt und verarbeitet und wie wir Menschen mitten in eine Umwelttragödie schlittern, in dem es überall glitzern und klingeln muss und wir nicht daran denken, was wir durch unser Leben alles zerstören. Für mich ist es ein trauriges, sentimentales, hoffnungsvolles Buch, das man mindestens zweimal lesen und unendlich oft vorlesen sollte.

Leseprobe

Mittwoch, 15.Januar

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Heute haben
Moliere * 1622
Franz Grillparzer * 1791
Ossip Mandelstam * 1891
Franz Fühmann * 1922
Geburtstag
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Franz Grillparzer
Polarszene

Auf blinkenden Gefilden
Ringsum nur Eis und Schnee,
Verstummt der Trieb zu bilden.
Kein Sänger in der Höh.
Kein Strauch, der Labung böte,
Kein Sonnenstrahl, der frei,
Und nur des Nordlichts Röte
Zeigt wüst die Wüstenei.

So siehts in einem Innern,
So stehts in einer Brust,
Erstorben die Gefühle,
Des Grünens frische Lust.
Nur schimmernde Ideen,
Im Kalten angefacht,
Erheben sich, entstehen
Und schwinden in die Nacht.
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Kent Haruf: „Lied der Weite„
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Diogenes Verlag € 13,00

Wie gut es ist, wenn mal vom Guten erzählt wird. Vom Guten im Menschen und vom Guten in der Welt. Das ist, was Kent Harufs „Lied der Weite“ eigentlich zu einem modernen Märchen macht. Der Roman erzählt von einer Handvoll Bewohner der kleinen Stadt Holt in Colorado, die sich gegenseitig helfen, obwohl sie sich fremd oder davor nie begegnen sind. Die sich nicht scheren, um Etikette oder das Gerede der Leute, weil sie eh ihr ganzes Leben außerhalb der Gesellschaft zugebracht haben. So etwa die Brüder McPheron, die alt und grau ihren gemeinsamen Hof weit außerhalb der Stadt ohne Frau und Kinder betreiben und kein anderes Leben kennen. Erst recht keinen Damenbesuch. Die Lehrerin Maggi Jones bringt deshalb ihr Junggesellenleben gehörig durcheinander mit ihrem Vorschlag, die siebzehnjährige, schwangere Victoria bei sich aufzunehmen. Ihre Mutter hat sie vor die Tür gesetzt und so steht sie perspektiv- und hoffnungslos vor dem kaputten Nichts. Mit welchem Zartgefühl, welcher Empathie, welcher Freude und Dankbarkeit die Brüder dem Mädchen schließlich begegnen, ist so pur und genau geschrieben, dass jedes Wort, jede unbeholfene Äußerung der McPherons die Welt ein kleines bisschen heller machen.
Neben den Brüdern McPheron, erzählt Haruf außerdem von Guthrie, einem Lehrer und Ranchbesitzer und seinen beiden neun- und zehnjährigen Söhnen Ike und Bobby, von deren Mutter und von der Lehrerin Maggi Jones. Und dann ist da noch die einsame alte Frau, Iva Stearns. Haruf durchbricht Traditionsmuster und gesellschaftliche Normen, zeichnet mit Guthrie einen liebevollen, sorgenden Vater, dessen Frau aus dem gemeinsamen Leben ausbricht, in Depressionen versinkt und schließlich die Familie verlässt. Er beschreibt eine starke und unabhängige Frauen wie Maggi und die alte Mrs. Stearns, der Ike und Bobby Gesellschaft leisten, um ihrer eigenen Langeweile und Einsamkeit zu entfliehen. In einem Mikrokosmos von derben Verhältnissen und Aussichtslosigkeit knüpfen diese Figuren ein Netz voll Hilfsbereitschaft und Freundschaft, das einem Neugeborenen den hoffnungsvollen Start ins Leben ermöglicht und den Brüdern McPheron eine ungeahnte Chance auf einen Alltag in weiblicher Gesellschaft eröffnet.

Das schreibt der Verlag zum Autor:
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award (für ›Lied der Weite‹) ausgezeichnet. Sein letzter Roman, ›Unsere Seelen bei Nacht‹, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt.
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Heute abend (Mittwoch, 15.01.) kommt Norbert Scheuer mit seinen „Winterbienen“.
Wir beginnen um 19 Uhr.