Freitag, 11.Juni

Heute haben
Ben Jonson * 1572
William Styron * 1925
Diana Kempff * 1945
Richard Pietraß *1946
Geburtstag
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Kurt Tucholsky
Park Monceau


Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.
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Unser Sachbuchtipp:


Stefan Klein: „Wie wir die Welt verändern

Eine kurze Geschichte des menschlichen Geistes
S.Fischer Verlag € 21,00

Was passiert, wenn man bei einem Sachbuch mit dem letzten Kapitel anfängt?
In diesem Fall bin ich über jede Menge Zahlen gestolpert und war mitten in den Themen Artensterben, Klimawandel und warum wir Menschen nicht kapieren, dass wir jetzt handeln müssen, um diesen Umwandlungen ernsthaft etwas entgegensetzen zu können.
Ein paar Zahlen gebe ich hier weiter:

60 % aller Säugetiere sind Zuchtvieh, 70 % aller Vögel Geflügel.
In den letzten 30 Jahren ging die Zahl der Brutvögel um 14 %, die der Fluginsekten in Deutschland um 80 % zurück.
Zum Thema, dass wir zu viele Menschen auf der Erde sind, schreibt Stefan Klein:
Die Biomasse aller 7,8 Milliarden Menschen bildet zusammen nicht einmal ein Zehntausendstel der irdischen Biomasse der Erde. Im Vergleich zur Biomasse aller Tiere sind es nicht einmal ein Dreißigstel
Die gesamte Weltbevölkerung wiegt weniger als alle Termiten zusammen.
Wir wissen, und nicht erst seit gestern, das wir mitten in einer Klimakrise stecken. Wir merken das sogar mitten in Deutschland. Aber warum wollen wir das nicht wahrhaben?
„Der Zweck der Gemeinschaft ist es, ein Bollwerk gegen das innere und äußere Chaos zu schaffen, um das Leben erträglich zu machen und die menschliche Rasse am Leben zu erhalten.“
Dies schrieb James Baldwin 1962 in einem Essay und Stefan Klein bemerkt dazu, das wir diese Sicherheit als Menschen suchen und brauchen und eine unsichere Zukunft wollen wir nicht an uns heranlassen und er schreibt weiter, dass es zwei Arten der Problembehandlung gibt.
1.Phase: Hier wird nach bewährten Methoden ein Problem behandelt und gelöst.
2.Phase: Wenn dies nicht gelingt, dann kommen unorthodoxe Lösungsmöglichkeiten ins Spiel, die bisher als nicht realisierbar, undenkbar waren und es stellt sich heraus, dass diese Möglichkeiten doch existieren und wir uns wundern, warum wir das nicht schon viel früher gemacht haben.

Was hat dies aber mit dem Rest des Buches zu tun? Darin geht es um die Geschichte des kreativen, schöpferischen Denkens, von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Klein zeigt auf, dass viele wegweisende Ideen lange brauchten, bis sie sich durchgesetzt haben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Kreativität in der Interaktion zwischen Menschen entsteht. (s.a. das Buch „Im Grunde gut“) Einstein hat seine Relativitätstheorie nicht alleine entwickelt, Frau Curies forschte zusammen mit vielen aus ihrer Familie, die mehrere Nobelpreise bekommen haben. Mozart stammt aus einem sehr musikalischen Haus.
Und dies alles zusammen führt uns dann zum letzten Kapitel, in dem wir gefordert sind, an die Probleme des Anthropozäns (s. John Green) gemeinsam heranzugehen.

Gestern abend habe ich mich online zur Jahreshauptversammlung der GLS Bank zugeschaltet. Dort gab es u.a. ein Interview mit Eckhart von Hirschhausen und eine Diskussionsrunde mit einer jungen Frau von der Insel Pellworm, die mit anderen jungen Menschen, die Klage (Recht auf eine lebenswerte Zukunft) ans Bundesverfassungsgericht eingereicht hat und Recht bekommen hat, mit Carola Rackete und dem Vorstandssprecher der Bank. Diese Menschen beschäftigen sich auf verschiedenen Ebenen mit den oben genannten Themen (Klimawandel, Biodiversität, …) und wurden am Schluss gefragt, was sie rückblickend vom Jahr 2030 her gesehen, sagen würden, was sie am meisten gefreut hat.
Einstimmig kam die Antwort, dass wir Menschen es gemeinsam geschafft haben, Lösungen zu finden.

Leseprobe

Mittwoch, 28.April

Heute haben
Kark Kraus * 1874
Bruno Apitz * 1900
Harper Lee * 1926
Terry Pratchett * 1948
Roberto Bolano * 1953
Ian Rankin * 1960
Geburtstag
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Friedrich Hölderlin
An die Deutschen


Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch‘ und Sporn
   Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
      Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid
         Tatenarm und gedankenvoll.

Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
   Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
      O ihr Lieben, so nimmt mich,
         Daß ich büße die Lästerung.
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Judith Hermann: „Daheim
S.Fischer Verlag € 21,00
als Hörbuch von ihr selbst gelesen im Hörverlag für € 21,00

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021

Lange mussten wir auf den neuen Roman von Judith Hermann warten. Mit ihren Erzählungen war sie schon mehrfach in Ulm, zuletzt im Roxy. Sie hatte ja tatsächlich einen Bezug zu Ulm, da ihr Bruder hier arbeitete und sie sozusagen nach einem Nachmittag im Sandkasten mit ihrem Kind zur Lesung ins Museum kam.
Ja, ihre Figuren werden älter. Sie sind nicht mehr die kellernden jungen Menschen aus „Sommerhaus, später“ und auch nicht mehr die jungen Familien in „Aller Liebe Anfang“.
Dieses Mal lebt die Erzählerin schon seit einem Jahr alleine in einem kleinen Haus am Meer. Sie schreibt liebevolle Briefe an ihren Ex-Mann und weiß ihre erwachsene Tochter irgendwo auf der Welt. Sie beginnt ein neues Leben mit Fahrradtouren, Aushelfen in der Kneipe ihres Bruders, mit der Nachbarin Mimi und deren Bruder. Sie hat schon vieles erlebt und findet hier am Meer, in der Natur zu neuer Kraft. Einfach ist es nicht, aber in der Melancholie liegt auch ein gehöriges Stück Glück, Trost und Geborgenheit.
So ändern sich Biografien. Schon als junge Frau hatte sie kurzfristig ein Engagement bei einem Zauberer, der sie zersägte. Dieses Zweigeteiltsein, das Zerissene, Zersägte verfolgt die Erzählerin ihr Leben lang und Judith Hermann hat dies in ihrer ruhigen Art genial in Form gebracht.

Der Hessische Rundfunk strahlt vom 03. bis zum 20.05 in 13 Folgen das Hörbuch aus.
Jeweils Montag bis Freitag um 09:05 Uhr, Wiederholung um 14:30 Uhr.
Jede Folge nach Ausstrahlung für 7 Tage online auf hr2.de und 14 Tage in der ARD-Audiothek.

Am Mittwoch, 5.Mai ist Buchprämiere im Literaturhaus Frankfurt,
am Freitag, 7.Mai ist sie im Literaturhaus Freiburg.
Zu beiden Online-Veranstaltungen gibt es Karten ab € 5,00.

Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis (Durch Zufall steht heute ein Hölderlin-Gedicht auf dem Blog). Der neue Roman „Daheim“ ist jetzt in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert. Im Wintersemester 2021/22 übernimmt Judith Hermann die Poetikdozentur an der Goethe-Universität Frankfurt.

(Foto: Michael Witte)

Leseprobe

Freitag, 16.April


Heute haben
Anatole France * 1844
Peter Ustinov * 1921
Sarah Kirsch * 1935
Rolf Dieter Brinkmann * 1940
Geburtstag
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Ein Gedicht mit fast schon einer coronartige Vorahnung:

Barthold Heinrich Brockes
Frühlings-Seufzer

Grosser Gott, in dieser Pracht
Seh‘ ich Deine Wunder-Macht
Aus vergnüg’ter Seelen an.
Es gereiche dir zu Ehren,
Dass ich sehen, dass ich hören,
Fühlen, schmecken, riechen kann!
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Die Nominierungen sind raus:

Belletristik:

Iris Hanika: „Echos Kammern
Literaturverlag Droschl

Judith Hermann: „Daheim
S.Fischer Verlag

Christian Kracht: „Eurotrash
Kiepenheuer&Witsch Verlag

Friedrike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete
Suhrkamp Verlag

Helga Schubert: „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten.
dtv

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Sachbuch/Essayistik:

Heike Behrend: „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung
Matthes & Seitz Verlag

Dan Diner: „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942
DVA

Michael Hagner: „“Foucaults Pendel und wir. Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter
Verlag Walther König

Christoph Möllers: „Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik
Suhrkamp Verlag

Uta Ruge: „Bauern, Land: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang
Verlag Antje Kunstmann
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Übersetzung

Ann Cotten übersetzte aus dem Englischen „Pippins Tochters Taschentuch“ von Rosmarie Waldrop
Suhrkamp Verlag

Sonja Finck und Frank Heibert übersetzten aus dem Französischen (Québec) „Der große Absturz. Stories aus Kitchike“ von Louis-Karl Picard-Sioui
Secession Verlag für Literatur

Hinrich Schmidt-Henkel übersetzte aus dem Norwegischen „Die Vögel“ von Tarjei Vesaas
Guggolz Verlag

Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren übersetzten aus dem Englischen „USA-Trilogie. Der 42. Breitengrad / 1919 / Das große Geld“ von John Dos Passos
Rowohlt Verlag

Timea Tankó übersetzte aus dem Ungarischen „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ von Miklós Szentkuthy
Die Andere Bibliothek
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Hier geht es zu den Leseproben.