Mittwoch, 24.Mai

Heute haben
Henri Michaux * 1899
George Tabori * 1914
Joseph Brodsky * 1940
Walter Moers * 1957
Michael Chabon * 1963
Geburtsag und Bob Dylan.

Vor einem Jahr schrieb ich hier:
„Wann bekommt der Kerl endlich den Literatur Nobelpreis?“
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Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude
Friedrich Hebbel
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Toni Morrison:Gott, hilf dem Kind
Übersetzt von: Thomas Piltz
Rowohlt Verlag € 19,95

Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab’s
nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte.
Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen mei-
nen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht
stimmte. Ganz und gar nicht stimmte.

Dies sind die ersten Sätze aus dem neuen Buch von Toni Morrison. 86 Jahre alt ist die Literatur-Nobelpreisträgerin. Dieses Alter spürt man allerdings in keiner Sekunde. Schnell, frech, präzise, aktuell und nicht verkopft liegt der Text vor uns. Sie lässt ihre Personen sprechen. Erzählt später mit ihrer Stimme. Sie fordert, sie treibt an. Sie ist gadenlos, laut, derb, brutal. Gleichzeitig zeigt sie die Zerbrechlichkeit ihrer Peronen. Vorneweg natürlich Bride. Bride, die teerschwarz ist. Bride, die sich einen neuen Namen, eine neue exklusive Existenz aufgebaut hat. Bride, die kaum von ihrer Mutter berührt wurde. Bride, die kurzfristig die Nähe ihrer Mutter zu spüren bekam, als sie als Kind in einem Prozess gegen ihre Lehrerin aussagte und sie damit jahrelang hinter Gitter gebracht hat.
Immer wieder war ich fassungslos über die Wendungen in dem schmalen 200 Seiten Buch, habe mich auch mit dem Ende versöhnt.
Versöhnt hat sich allerdings Toni Morrison nicht mit dem täglichen, allgegenwärtigen Rassismus in den USA und ich weiß nicht, wie sie unter Trump zu leiden hat. Ein Mensch, der wohl diametral zu ihrem Wertegefühl steht.

Hier finden Sie viele Zitate, Besprechungen und Meinungen zum Buch.

Leseprobe

Mittwoch

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Alexander Kielland * 1849
Hedwig-Courths-Mahler * 1867
Nikos Kazantzakis * 1883
André Breton * 1896
Toni Morrison * 1931
Elke Erb * 1938
haben heute Geburtstag
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Jones

Cynan Jones: „Der Graben“
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag € 16,90

Das ist einer dieser Romane, die einen zutiefst bewegen. Das Titelbild zeigt eine Dachsjagd mit Hunden. Was sich dahinter versteckt, mag man kaum glauben, wenn wir den Klappentext lesen.
Hier gibt es keine Naturromatik, keine „Landlust“, oder „Liebes Land“
Hier wird um das Überleben gekämpft, sowohl seelisch, als auch materiell.
Gleich zu Beginn des schmalen Buches begegnen sich die beiden Männer, ohne sich zu erkennen. Da ist auf der einen Seite Farmer Daniel, der alleine seine Tiere versorgt und seinen Haushalt irgendwie gebacken bekommt. Eigentlich schafft er es nicht. Es ist ihm alles zuviel. Aber er macht weiter. Was bleibt ihm auch übrig. So denkt er. Daniel hat durch einen blöden Unfall seine Frau verloren. Dass sie schwanger war, braucht Daniel gar nicht wissen. Es hätte seine Situation noch unerträglicher gemacht. So geht er jeden Tag seiner Arbeit dem den Schafen nach. Ist Geburtshelfer und Mädchen für alles. Sein Bauernhof hätte eine helfende Hand dringend nötig, doch er lässt in seiner Trauer niemanden in die Nähe.
Der Gegenspieler wird nur der „große Mann“ genannt. Er wohnt auf einem anderen Gehöft in der Nähe, züchtet Jagdhunde, u.a. auch für illegale Hundekämpfe und illegale Dachsjagden. Er war auch schon deswegen im Gefängnis, kümmert sich nicht um Gesetze und ist das pure Gegenstück zu Daniel; die Verkörperung des Bösen.
Dass diese beiden Menschen Aufeinandertreffen, ist unausweichlich. Wie wir uns jedoch mit dem Autoren Jones diesem Moment nähern, ist von höchster Spannung und fast unerträglicher Beschreibungen, wie solche Dachsjagden vorsichgehen. Nicht, dass Jones auf Gewaltexzesse aus ist, wie in einem Thriller. Diese archaischen, genauen Schilderungen aus der Tierwelt, die Bemerkungen dieser derben Männer dazu, gehört zum Stärksten, was ich in dieser Art gelesen habe und hat mich mehrfach an den höchstausgezeichneten Roman „Vor dem Sturm“ von Jesmyn Ward erinnert, den ich hier auch schon vorgestellt habe.

Leseprobe
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Werner Färbers UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (aus der Tierwelt …):
 
SCHICKSAL EINES FROSCHES (1. VERSUCH) 
 
Es hockt auf einem großen Blatt
der Seerose ein Frosch und hat
noch nicht erkannt, dass er in Not
sein Leben wird vom Storch bedroht!
 
Kaum hat der Storch den Frosch entdeckt,
ist sein Hunger auch geweckt.
Wie ein Pfeil saust er hinunter,
schluckt die Beute einfach runter.
UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (… fies bis böse)
 
 
KÖRPERLICHE ZÜCHTIGUNG – MIT WÜRDE VOLLZOGEN
 
Es wirkt schon reichlich angestaubt,
doch der Papst hat’s jetzt erlaubt:
Als Fachmann in Erziehungsfragen,
sagt er, man dürfe Kinder schlagen.
 
Allerdings, so meint er, soll
man dieses tun nur würdevoll.
 
Vor einer Züchtigung zieht man
zunächst einmal die Handschuh‘ an.
Während man ernste Miene trägt,
holt würdevoll man aus und schlägt.
 
Dem Kind, das einem schutzbefohlen,
kann man dann den Arsch versohlen.
 
Mir ist die Vorstellung ein Graus!
und ich sag‘ hierzu frei heraus:
Wer strafend Kinder schlägt, der ist:
a) würdelos und b) Sadist.

 

Montag

Danke an die Aufpasserinnen. Ich habe mal wieder vergessen, den Blog öffentlich zu machen.
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Heute haben
Karl Gutzkow * 1811
Patrick Hamilton * 1904
Siegfried Lenz * 1926
Hans Wollschläger * 1935
William Gibson * 1948
Geburtstag
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Heinrich Heine
Die Liebe begann im Monat März

Die Liebe begann im Monat März,
Wo mir erkrankte Sinn und Herz.
Doch als der Mai, der grüne, kam:
Ein Ende all mein Trauern nahm.

Es war am Nachmittag um Drei
Wohl auf der Moosbank der Einsiedelei,
Die hinter der Linde liegt versteckt,
Da hab ich ihr mein Herz entdeckt.

Die Blumen dufteten. Im Baum
Die Nachtigall sang, doch hörten wir kaum
Ein einziges Wort von ihrem Gesinge,
Wir hatten zu reden viel wichtige Dinge.

Wir schwuren uns Treue bis in den Tod.
Die Stunden schwanden, das Abendrot
Erlosch. Doch saßen wir lange Zeit
Und weinten in der Dunkelheit.
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Sonntag war wieder Lesetag. Endlich. So konnte ich das neue Buch von Toni Morrison lesen, das mit seinen 155 Seiten leicht zu schaffen sei; so dachte ich.

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Toni Morrison: „Heimkehr
Rowohlt Verlag € 18,95

In ihrem neuesten Roman führt die 83jährige Nobelpreisträgerin ihre Geschichtsschreibung der schwarzen Bevölkerung in den USA weiter. Noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen (an diesem Roman arbeitet sie noch), nimmt sie sich Frank „Smart“ Money und seine Schwester zur Hand, um uns über den alltäglichen Rassismus in den USA des 20.Jahrhunderts zu erzählen. Dazu braucht sie keine 500 Seiten. Die ganze Grausamkeit, die Hilflosgkeit und den Hoffnungsschimmer verpackt sie in einen schnalen Band. Nicht viel länger als eine Erzählung und trotzdem voll mit Stoff, das mir manchmal die Spucke weggeblieben ist.
Drei Jungs aus dem rassistischen Höllenloch Lotus, Georgia, haben sich freiwillig nach Korea gemeldet. Zwei kehren nicht zurück, der dritte, Frank führt nach dem Krieg zunächst ein haltloses Vagabundendasein. Traumatisiert durch seine Kriegserlebnisse, bei denen er nicht nur Opfer, sondern auch Täter war, findet er sehr schlecht in die amerikanischen Gesellschaft zurück. Es beginnt damit, dass er aus einer psychiatrischen Anstalt ausbricht, in die er zwei Tage zuvor nach einer Schlägerei eingewiesen worden ist. Draußen, im tiefen Winter, spürt er nicht nur die Kälte des Eises und des Schnees, sondern auch die Kälte seiner Mitmenschen und den ungebrochen fortgesetzten Rassismus des weißen Amerika der fünfziger Jahre, aber auch die Selbsthilfeorganisationen der Schwarzen und deren Solidarität. Ausgebrochen ist er deshalb, weil er einen Brief erhalten hat, dass seine Schwetser Cee dringend Hilfe braucht und wenn er trödelt, ist sie wohl tot. Er begibt sich also auf eine lange Reise mit Bus und Zug zu ihr und würde dies alles nicht überleben, wären nicht immer wieder helfenden, schwarze Hände, die ihn mit Geld, Kleidung, Essen und überlebenswichtige Tipps versorgen würden. Er rettet seine Schwester und gemeinsam beziehen sie ihr Elternhaus wieder, das verwahrlost noch steht und an das sie keine besonders guten Erinnerungen haben.
Dies ist aber nur die Kurzform, damit ich Ihnen nicht zuviel erzähle. Es ist eine „Heimkehr“ für die beiden, die im Original „Home“ heisst. Also nicht direkt Heimkehr, sondern Zuhause, Heimat. Das, was die schwarze Bevölkerung nie erlebt hat. So sagt es Toni Morrison selbst in einem Interview mit „Der Welt“, das ich unten velinkt habe. Heimatlos und von einem tödlichen Rassismus bedroht, ist es schwer eine Art Heimat zu finden.
In diesem Roman hat mich beindruckt, dass sie die Schwarzen nicht nur als Opfer zeichnet, sondern ihre eigenen sehr strengen und harten Regeln beschreibt. Die allerdings nicht an die Unmenschlichkeit der Weissen heranreicht, die dadurch gezeigt wird, dass Toni Morrison einen Kampf zwischen zwei Männern beschreibt. Es sind Vater und Sohn, beide schwarz, die gezwungen werden mit dem Messer so lange gegeneinander zu kämpfen, bis einer von beiden tot ist. Um sie herum wetten die Weissen, betrinken sich und bedrohen beide mit dem Leben.
Ein engagierter Roman über das Widerstehen, die Würde des Menschen und die Kraft der Wahrheit.

Leseprobe

Interview in „Der Welt“
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Am kommenden Mittwoch ist es soweit.
Christoph Öhm stellt seinen neuen historischen Thriller vor.

Die Entführung
Mehr als zwanzig Jahre später, am 1. August 1778,
circa eine Stunde vor Mitternacht

Ich wachte wegen eines Geräusches auf, war aber nicht sicher, ob ich es nur geträumt hatte. Doch da war es wieder. Ein lautes Klopfen! Ich schüttelte mich, um munter zu werden, sprang aus dem Bett und spähte durchs Fenster. Draußen war es dunkel, tiefe Nacht. Unten vor dem Haus, vor der Tür unseres Tuchladens, erkannte ich einen Mann. Er blickte zu mir herauf, als ich mich hinausbeugte. Ich wollte ihn beschimpfen und verjagen, er musste einer jener Trunkenbolde sein, die sich regelmäßig nachts in der Tür irrten oder Ärger suchten. Der Mann rief zu mir hoch: »Sind Sie Herr David
Stark?« »Wer sind Sie, wer fragt dies?« »Ich habe einen Brief für Sie. Es ist dringend!« Entgegen meiner üblichen Vorsicht entschied ich, den Unbekannten zu dieser späten Stunde einzulassen. Etwas an seiner Redeweise, an seinem Tonfall erweckte ihn mir den Eindruck, dass er es ehrlich meinte und dass die Angelegenheit wichtig war. Als ich ihm die Ladentür, die zugleich unsere Haustür war, aufsperrte und ihn hereinbat, sah ich sogleich, dass er kein Herumtreiber war. Er war fein gekleidet, sein Haar trotz schwüler Sommernacht mit einem Dreispitz bedeckt, darunter Perücke mit französischem Zopf, der dunkle Gehrock und seine Beinkleider aus seidig glänzendem Stoff. Er zog aus
seinem Revers einen Umschlag und reichte ihn mir. »Bitte, Herr Stark, ein wichtiger Brief. Sie müssen ihn sofort lesen.« Er sprach eigentümlich, drückte sich aber gewählt aus, ich hatte diesen Dialekt jüngst bei Reisenden aus Berlin vernommen, die Halt in der Stadt gemacht hatten.

Dies ein weiterer Textschnipsel aus dem Buch „Der Schatz des Preussenkönigs“ des Wahl-Neu-Ulmer Autoren.

Buchpräsentation: Mittwoch, 19.3. um 19.30 Uhr.
Eintritt kosntenlos.