Mittwoch, 27.März


Heute haben Geburtstag:
Heinrich Mann * 1871
Francis Ponge * 1899
Golo Mann * 1909
Hansjörg Schneider * 1938
Harry Rowohlt * 1945
Dubravka Ugresic * 1949
Patrick McCabe * 1955
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„Demokratie ist im Grunde die Anerkennung, dass wir, sozial genommen, alle füreinander verantwortlich sind.“
Heinrich Mann
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Jetzt als Taschenbuch:

Shelly Kupferberg: „Isidor
Ein jüdisches Leben
Diogenes Verlag Taschenbuch € 14,00

Die Berliner Journalistin Shelly Kupferberg schreibt in diesem biografischen Roman über ihren Urgroßonkel, der, aus der tiefsten jüdischen Provinz kommend, in Wien einen grandiosen gesellschaftlichen Aufstieg hinlegte. Zuerst änderte er seinen Vornamen Israel zu Isidor, hatte eine einzigarte Idee, um viel Geld zu verdienen und lebte fortan im Wiener Jetset. Die Prominenz ging bei ihm aus und ein. Gleichzeitig war er überall ein gern gesehener Gast. Um seine Familie kümmerte sich Isidor auch und finanzierte u.a. das Studium des Großvaters der Autorin.
Was kaum möglich zu sein schein: Isidor kommt unter die Räder der Nazi, wird enteignet, inhaftiert, gefoltert und stirbt entkräftet, bevor er seine Flucht in die USA organisieren kann.
Shelly Kupferberg beschreibt Isidors Aufstieg und Leben so hautnah, dass man diese Geschichte beim Lesen kaum glauben kann. Umso heftiger dann sein bitteres Ende.
Doch damit noch nicht genug. Als Walter, der obengenannte Großvater, nach dem Krieg die Wohnung von Isidor aufsucht, wird ihm mit dem Aufschrei: „Der Jud“ die Tür vor der Nase zugeschlagen.
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Kommenden Dienstag, den 2.April, stellen wir ab 19 Uhr wieder vier neue Romane vor.
Clemens Grote liest aus:

Percival Everett: James
– Ein Roman über Rassismus, angesiedelt zur Zeit und in der Stadt von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Der Aufmacher in der ZEIT Beilage zur Leipziger Buchmesse.

Doris Dörrie: Die Reisgöttin
– Gesammeltes im doppelten Sinne. Doris Dörrie schreibt über die vielen Dinge, die sie von ihren vielen Reisen von Bali bis ins Allgäu mitgebracht hat.

Lize Spit: Der ehrliche Finder
– Schmal und sehr intensiv ist dieser Roman, in dem zwei Jugendliche versuchen, die Abschiedung ihrer Familie verhindern wollen.

Vigdis Hjorth: Ein falsches Wort
– Jetzt wieder neu auf dem deutschen Buchmarkt. Der Roman, der die norwegische Autorin weltberühmt gemacht hat und in Norwegen für einen Skandal sorgte.

Bei uns in der Buchhandlung
Eintritt frei

Samstag, 12.August

Heute haben
Jacinto Benaventa * 1866 (Nobelpreis 1922)
Alfred Kantorowicz * 1899
Miguel Torga * 1907
Karl Mickel * 1935
Ulrich Treichel * 1952
Geburtstag
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Carl Busse
Im August

Moorblüthe leuchtet im Purpurkleid,
Singende Bienen weit und breit.

Badende Kinder, sonnenbetaut,
Plätschern im Flusse mit jubelndem Laut.

All die Lerchen aus Rand und Band,
Wanderlieder durchklingen das Land.

Und vom Himmel das leuchtendste Stück
Blieb in den Blicken der Menschen zurück.
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Eine Entdeckung:


Yevgeniy Breyger: „Frieden ohne Krieg
Gedichte
kookbooks € 24,00

Auf diesen Lyrik-Band, auf diesen Autor, bin ich durch eine Buchbesprechnung gekommen.
Unglaublich starke, emotionale, aktuelle und wohl auch sehr biographisch-persönliche Texte finden sich in dem schön gestalteten Band.
Yevgeniy Breyger hat einen Gedichtband fertig, ist mit dem Lektorat im Gespräch, letzte Änderungen stehen an. Dann fällt Russland in die Ukraine ein, tötet und mordert. Jetzt kann er den vorgelegten Gedichtband nicht veröffentlichen. Ein Buch voller Lyrik, in denen dieser Krieg nicht vorkommt.
Also zieht er alles zurück und beginnt neu zu schreiben. Wie soll das gehen, in der Schnelle?
Das Ergenis sehen wir hier. Texte über den Überfall, über Literaturveranstaltungen in Deutschland, in der viel geredet wird, aber nicht über den Krieg. Nicht über Mord, Folter und Vergewaltigung.
Für den Autor ist es nicht zum Aushalten. Aber er schreibt es auf.

Dies schreibt der Verlag:

Der Gedichtband „Frieden ohne Krieg“ von Yevgeniy Breyger beginnt mit einem tagebuchartigen erzählenden Langgedicht in einfacher mündlicher Sprache, das die Geschichte seiner jüdischen Familie während des Holocausts bis hin zur Flucht aus der Ukraine nach Beginn des russischen Angriffskriegs beschreibt. Dieses und die folgenden zahlreichen Erzählepisoden verbinden dabei stets aktuellste Ereignisse aus dem Krieg mit unmittelbaren Erfahrungen des Dichters und seiner Familie, die damit in Kontext gesetzt werden. Die Gedichte sind hochgradig emotional, privat und autobiographisch. Es entsteht der Eindruck eines nicht-fiktionalen persönlichen Kriegsjournals, einschließlich der Auseinandersetzung mit den zwei Muttersprachen Deutsch und Russisch, die der hadernde Dichter als russischsprachiger ukrainischer Jude nun als kontaminiert begreift, um im letzten Gedicht doch einen Ausblick auf die Möglichkeit von Glück, Frieden und dem Entwachsen von Neuem aus Altem zu bieten. Folgerichtig schließen sich an diesen etwa 50-Seitigen-Zyklus zwei weitere Teile an – eine wieder klassisch gedichthafte leise und feine Auseinandersetzung mit der Tatsache, das Ukrainische Mütter während des Kriegs in die Idee entwickeln, Kontaktadressen auf die Rücken ihrer Kinder zu schreiben, sollten sie selbst im Zuge der Angriffe umkommen, um den Kindern ein Weiterleben zu ermöglichen; sowie ein dreisprachiges Langgedicht, zu gleichen Teilen Deutsch, Russisch und Englisch, das Verbindungen zu T.S. Eliots „The Waste Land“ herstellt und Parallelen zu den Ereignissen aufzeigt die 2022 inzwischen ihr 100-jähriges Jubiläum fristen und damals zu Faschismus, Krieg und Massenmord geführt haben. Bei aller Verzweiflung dieser Gedichte, scheint jedoch stets Ergriffenheit und damit Hoffnung aus ihnen hindurch. „Frieden ohne Krieg“ ist ein tröstendes aktuelles Werk, eines, das in diesen Zeiten dringend gebraucht wird.

#reite den weg

liebes tagebuch, kriegsbuch, asbestbuch und schwefelbuch dampf-
schwadenbuch über panzerkarossen, das kind
rollt in den haufen fallobst. die botschaft auf seinem rücken
wird lesbar. neben mir sitzt die lampe, denn jedes
bescheidene ding ist ausgezogen. rette weiter! reite den weg
du flüsterst: wir treten den weg, wir malträtieren den weg
verschwinde weg, verschwinde phosphor, greller als wort
und idee. du flüsterst dem kind: dreh dich um, schöner stein°

Samstag, 15.April

Heute haben
Anatol France *1844
Edmond Jabès * 1912
Peter Ustinov * 1921
Sarah Kirsch * 1935
Rolf Dieter Brinkmann * 1940
Sibylle Lewitscharoff * 1954
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Traumverloren

Nichts ist geblieben
Kein Alaska
Keine Wüste
Kein Dschungel mehr
Kein Shangri-La
Ohne das Leid der Welt
Ohne Fieber und Gier
Ohne die Irrungen
Im großen Labyrinth
Ist alles
Verpixelt und verwischt
Inmitten der Verlorenen
Gibt es keinen Rückzugsort
Allein
Das BesinnungsLos
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Lesung mit Janina Hecht
Mittwoch, 19.April, 19 Uhr
im Studio der Sparkasse Ulm Neue Mitte
Hans-und-Sophie-Scholl-Platz 2
Eintritt € 17,00

Karten für die Lesung mit Janina Hecht sind per Mail an innerwheelclub.ulm@gmx.de sowie an der Abendkasse erhältlich.
Mit den Erlösen der Veranstaltung wird das Kinderschutzzentrum des Kinderschutzbundes Ulm/Neu-Ulm e.V. unterstützt. www.kinderschutzbund-ulm.de

Spenden sind herzlich willkommen:
Inner Wheel Hilfe e.V. Ulm
IBAN: DE24 6305 0000 0021 1422 39
Verwendungszweck: Spende Kinderschutzbund

Dank an den Förderkreis der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg für die Unterstützung dieser Veranstaltung. www.schriftsteller-in-bawue.de


Unsere Besprechung auf dem Jastramblog im Januar:

Janina Hecht: „In diesen Sommern
C.H.Beck Verlag € 20,00

„Mein Vater, wie er ganz ruhig den Tag beginnt, nicht ausgeglichen, aber stabil. Nie schrie er am Beginn des Tages, er ging mit vorsichtigen Schritten, manchmal etwas Weiches in seinem Gesicht. Als hätte sich erst danach etwas verändert, als führten erst der Mittag und der Nachmittag in eine andere Richtung, und an jedem Morgen hätte es die Möglichkeit zu einem anderen Verlauf der Geschichte gegeben, die ich schreibe.“

Die 1983 bei Stuttgart geborene Autorin tastet sich leise und vorsichtig an „ihre“ Kindheit und Jugend heran. An die schönen Tage im Urlaub, das erste Fahren auf dem Rad, an die Sportsendungen im Fernseher mit dem Vater und das Blumenkübelbepflanzen mit der Mutter. Mit dabei ist meist ihr drei Jahre jüngerer Brüder. Diese Idylle wird durch die Gewaltausbrüche des Vaters gestört. Wenn er einen bestimmten Alkoholpegel überschritten hat, weiß niemand in der Familie, auf welche Art es dieses Mal wieder eskaliert.
In kurzen Kapiteln blättert Janina Hecht ihr „Tagebuch“ auf und nimmt uns mit auf eine Reise ins Erwachsen-, ins Unabhängigwerden mit.
Ein ruhiges Buch, das lange nachhallt.

Samstag, 18.März

Heute haben
Stéphane Mallarmé * 1842
Christa Wolf * 1929
John Updike * 1932
Sergio Pitol * 1933
Joy Fielding * 1945
Geburtstag
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„Laß durch nichts in der Welt dich binden als durch deine höchste innere Wahrheit.“
Emma Herwegh (1817 – 1904),
verheiratet mit dem Dichter Georg Herwegh, deutsche Revolutionärin, Vorkämpferin der Frauenrechtsbewegung.
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Carolina Schutti kommt zu uns in die Buchhandlung.


Carolina Schutti: „Meeresbrise
Droschl Verlag € 21,00

In diesem schmalen Roman von Carolina Schutti steckt die ganze Welt. Sie erzählt darin das Aufwachsen zweier Mädchen, deren alleinerziehende Mutter sie mit Geschichten, mit Manipulation, mit Strenge, vor der Aussenwelt schützen will. Für sie sind ihre Töchter zwei Prinzessinnen, für die Dorfbewohner zwei Hurenkinder. Der Vater der einen Tochter stürzte sich von einer Brücke, die andere Tochter wurde gewaltsam gezeugt.
Das alles wird jedoch aus der kindlichen Sicht erzählt. Die beiden Mädchen hängen sehr aneinander und tauschen sich immer wieder ihre unbekannten Väter, so dass sie oft nicht wissen, wer denn nun der richtige ist. Carolina Schutti begibt sich ganz nah und auf Augenhöhe mit den beiden, schildert deren Erfahrungen in der Schule und mit Freundinnen, aber auch das undurchsichtige Verhalten der Mutter.
Das kindlichen Spiel, das den Alltag verdrängen soll, bekommt Risse, als das ältere Mädchen in die Pubertät kommt und sie ihre Situation hinterfragt, neugierig wird und sie endlich das Meer in Wirklichkeit sehen will und nicht nur aus dem Kinderatlas, dem einzigen Buch das es im Haushalt gibt und mit dem sie sich die Welt erklärt haben.

Mit „Meeresbrise“ ist der Autorin ein Sprachkunststück gelungen. So unaufgeregt sie erzählt, so eindringlich sind ihre Bilder geworden.

Am Donnerstag, 20.April, 19 Uhr, kommt der Droschl Verlag zu uns.
Im Rahmen der Leipziger Buchmesse und Österreich als Messeschwerpunktland stellt die Verlagsleiterin Annette Knoch ihren Verlag vor und hat Carolina Schutti und Bodo Hell mit im Gepäck.

Also: Termin vormerken und Plätze reservieren.
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Für die Sterne
Ein musikalischer Abend zum Wesen der Wünsche

Sonntag, 19.März, 17:00 Uhr Pfleghof Langenau

https://heyoka-theater.de/

Ein Anderssein, das die Normalität in Frage stellt.
Der Begriff „Heyoka“ stammt aus der Sprache der nordamerikanischen Lakota. In der Kultur der Plainsindianer hatten die Heyoka die Aufgabe, die gewohnte Form des Zusammenlebens immer wieder in Frage zu stellen.
Auch „Contraries“ genannt, stellten sie zum Beispiel den Arbeitsrhythmus auf den Kopf, spielten verrückt und brachten eine heilsame Unordnung in den Alltag. Die Bedingung für diese ­wichtige Aufgabe war die grundsätzliche Bereitschaft, anders zu sein als die anderen.

Im HEYOKA-Theater spielen Menschen mit Behinderungen, Menschen mit psychischen Krankheiten, engagierte ­Laienschauspieler und Profis zusammen.

Grundvoraussetzung und ­Potential unserer Arbeit sind gegenseitiger Respekt, ­Akzeptanz und Vertrauen in jeden einzelnen Teilnehmer und das daraus entstehende Ensemble als Ganzes. Auf ­dieser Basis können wir die unterschiedlichsten Begabungen entdecken, zusammenführen und auf die Bühne bringen.

Montag, 27.Februar

Heute haben
Henry Wadsworth Longfellow * 1807
John Steinbeck * 1902
Lawrence Durrell * 1912
Elisabeth Borchers * 1926
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Nymphaea

Alles was in die Tiefe sinkt
Stinkt, fault, gärt
Nährt dich
Ist Kraft für deine Blüte
Dein Blatt
Blassrosa, blutrot oder weiß
Wie der Schnee auf den Bergen
Deine Reinheit
Verwandelt den Schmutz der Welt
In pures Licht
Als wäre Leid und Schmerz
Nicht mehr als eine
Dunkle Erinnerung
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Unser Buchtipp, frisch ausgepackt:

Michel Bergmann: „Mameleben
oder das gestohlene Glück
Diogenes Verlag € 25,00

Michel Bergmann kennen Sie wahrscheinlich noch von seinem Roman „Die Teilacher“, der 2010 erschienen ist. Damals schrieb er sehr verschmitzt über seinen Vater, der mit seinen Angestellten nach dem Krieg wieder von Tür zu Tür ging, um Weisswäsche zu verkaufen. Das wäre ja an sich nichts besonderes. Aber die Familie Bergmann sind Juden und viele Angehörige wurden während der Zeit des Nationalsozialismus ermordert. Michel Bergmann führte uns damals schon in das jüdische Denken ein, erzählte über das Verhalten der Menschen an der Tür, die den überlebenden Bergmann erstaunt wiedererkennen.
Jetzt, nach so vielen Jahren kommt der Roman, der Bericht, über seine Mame, seine Mutter. Schon die ersten Kapitel zeigen auf, wo es in diesem Buch lang geht. Bergmann liebt seine Mutter, aber oft ist sie nicht zum Aushalten. Das war schon, als er ein Kind war und hörte auch 50 Jahre später nicht auf.
Sie ist eine übergriffige Mutter, eine egozentrische Frau, eine verletzende Person, aber auch gleichzeitig eine extrem starke Person, die die Nazizeit schwer traumatisiert überlebt hat, nie mehr nach Deutschland zurückkehren will, das Glück bei zwei Ehemännern sucht und sich durch ihr Leben kämpft. Auf dieser Suche durchlebt sie alle Höhen und Tiefen und behält ihr jüdischen Mutter-Glucken-Verhalten bei, das ihr Sohn bei jedem Gespräch zu spüren bekommt.
Wieder hat Michel Bergmann eine sehr ernste Lebensgeschichte mit viel Humor erzählt und uns eine jüdische Biografie sehr nahegebracht.
Eine besondere Leseempfehlung.

Lesen Sie die beiden Kapitel in der Leseprobe und Sie bekommen einen guten Einstieg ins Buch.

Freitag, 25.Oktober

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Heute haben
Peter Rühmkorf * 1929
Harold Brodkey * 1930
Geburtstag
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Heute auf dem Gedichtekalender:

Otto zur Linde
Amarylle

Oh stille Amarylle,
Du blühst, wenn Herbst schon leer.
Von Frucht- und Blütenfülle
Bliebst du mir und nichts mehr.

Ich trug dich in mein Zimmer,
Balkon war schon zu kalt.
Leucht Sommers letzten Schimmer
Du mir. Das Jahr ist alt.

Und alt ist auch mein Herz schon,
Und weiß ist schon mein Haar.
Sei du mein letzter Herbstlohn –
Stumm, traurig. Und was mir war

An Herzblühn und Geistfruchtzeit,
Ist abgewelkt, wurmtaub.
Auf Schmerz und Mühn und Sucht streut
Enttäuschung totes Laub.

Ach wenn auf meinem Grab nur
Die stille Flamme ständ!
Oh Amaryll, ich hab nur
Das Licht, das jenseits brennt.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“
Bildungsroman
Suhrkamp Verlag € 10,00

Judith Schalansky widmet ihren Roman denen, die in ihren Köpfen und Herzen nicht den Sprung geschafft haben in ein neues System, das die Wende ihnen beschert hat. Denjenigen, die die alten Zeiten heimlich zelebrieren. Im Lehrerzimmer. Denn der Roman spielt in einem mecklenburgischen Gymnasium, das aufgrund dramatischen Schülerschwunds, in vier Jahren geschlossen werden soll.
Damit gibt es für Inge Lohmark, Lehrerin für Biologie und Sport, noch weniger Zukunft als zuvor. Sie hat sich, trotz Wende und Bildungsreform, nicht abbringen lassen von einem nahezu militanten Unterrichtsstil, frei von jeder Empathie, unnahbar für die noch übrig gebliebenen Schüler. So kommt sie gut voran im Lehrplan, scheucht die lethargischen jungen Menschen verbittert über den Sportplatz und denkt dabei an die Jahre, in denen die Schüler noch für den Kader gesichtet wurden. Damals war, zumindest für sie, alles besser.
Was ihr bleibt, ist die Leidenschaft zur Biologie und ein Ehemann, der Strauße züchtet und mit dem sie nicht mehr verbindet, als das gemeinsame Dach überm Kopf.
Inge Lohmark sieht wie ihre kleine Stadt immer kleiner wird, entvölkert durch die Stadtflucht und wie sich die Natur durch brüchige Straßen und leerstehende Gemäuer frisst. Sie findet keinen Zugang zu dieser neuen Welt, hält sich fast schon pathologisch fest an den Regelmäßigkeiten und Verlässlichkeiten der Biologie und seziert ihr Umfeld nach den Kriterien eines Biologiebuchs. Aber alle naturwissenschaftliche Analyse hilft ihr nicht über den Schmerz hinweg, den der Verlust ihrer Tochter hinterlässt. Früher ein schüchternes, sozial unfähiges Wesen, zu dem sie nie Zugang bekam und schließlich und erwachsen, ausgewandert nach Amerika. Wo sie blieb und den Kontakt aufs Nötigste beschränkte. Obwohl Inge Lohmark immer darauf gehofft hatte, sie käme zurück und würde bauen auf dem elterlichen Grundstück.
Was Judith Schalansky 2011 in ihrem, damals zum Bestseller avancierten Bildungsroman als schonungsloses Gesellschaftsportrait skizziert hat, liest sich heute noch immer wie ein Tableau zu den aktuellen Debatten über den Osten des Landes.
Gerne würde man wissen, was Inge Lohmark in Frührente jetzt wohl macht?

Leseprobe
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Nicht vergessen.
Heute abend ab 19:30 in der Stadtbibliothek Ulm.

Das-Buch-der-Schicksale-Spirito

und

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Am kommenden Dienstag, den 29.Oktober kommt Elisabeth Hager zu uns in die Buchhandlung liest aus ihrem Buch „Fünf Tage im Mai“.
Beginn: 19 Uhr
Eintritt: € 8,00

Donnerstag, 24.Oktober

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Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag
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Dorothea von Schlegel
Draußen so heller Sonnenschein…

Draußen so heller Sonnenschein,
Alter Mann, laß mich hinaus!
Ich kann jetzt nicht geduldig sein,
Lernen und bleiben zu Haus.

Mit lustigem Trompetenklang
Ziehet die Reuterschar dort,
Mir ist im Zimmer hier so bang,
Alter Mann, laß mich doch fort!

Er bleibt ungerührt,
Er hört mich nicht:
»Erlaubt wird, was dir gebührt,
Tust du erst deine Pflicht!«

Pflicht ist des Alten streng Gebot;
Ach, armes Kind! du kennst sie nicht,
Du fühlst nur ungerechte Not,
Und Tränen netzen dein Gesicht.

Wenn es dann längst vorüber ist,
Wonach du trugst Verlangen,
Dann gönnt man dir zu spät die Frist,
Wenn Klang und Schein vergangen!

Was du gewähnt,
Wonach dich gesehnt,
Das findest du nicht:
Doch bleibt betränt
Noch lang dein Gesicht.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Whitney Scharer: „Die Zeit des Lichts“
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
Klett-Cotta Verlag € 22,00

Paris, 1929. Die erst 23jährige Lee Miller kehrt ihrem Modelljob in den USA den Rücken, um selbst hinter der Kamera zu stehen. So ihre Vorstellung von einem Künstlerleben in Paris. Doch die Stadt nimmt sie nicht, wie erhofft, mit offenen Armen in Empfang. Irgendwann spielt ihr dann doch der Zufall die Karte von Man Ray in der Tasche und sie wird seine Assistentin. Aus dem Arbeits- wird ein Liebeverhältnis und sie beflügeln sich gegenseitig und werden am Ende vor allem wegen ihrer experimentellen Fotoarbeiten bekannt. Bis Miller beginnt sich zu emanzipieren aus dem Korsett, das Ray ihr auferlegt und das sie immer nur als Teil von ihm selbst interpretiert. Als sie schließlich mitbekommt, dass er ihre Fotoarbeiten unter seinem Namen für eine Ausstellung eingereicht hat, trennt sie sich von ihm und geht ihren eigenen Weg, der sie vor allem mit einem Foto in Hitlers Badewanne berühmt machen wird.
Whitney Scharers Buch erzählt in drei Zeitebenen: Die Autorin schreibt über das Leben der alten und alkoholsüchtigen Lee Miller, springt in die Zeit als Miller Mitglied der Alliierten Truppen war, mit der sie die Befreiung Buchenwalds und Dachaus dokumentierte und eben in deren Pariser Zeit, als unglaublich junge, umwerfend schöne Frau. Das ist auch der längste Plot und das wichtigste Thema im Roman: ihre Beziehung zu Man Ray und die Pariser Künstlerszene um Picasso und Cocteau.
Es macht Spaß in dieses Künstlerleben vor bald hundert Jahren einzutauchen und einer Figur zu folgen, die trotz ihrer Errungenschaften in der Fotografie und der historischen Dokumentation, keine solche Bekanntheit erreicht hat wie etwa Man Ray oder andere ihrer männlichen Kollegen. Vielleicht auch, weil sie nach den Kriegseinsätzen seelisch gebrochen, die Fotografie als solches und die vielen Abzüge als Konkretes auf den Dachboden verbannte, wo die Kisten mit ihren Arbeiten erst nach Millers Tod von ihrem Sohn entdeckt, archiviert und der Öffentlichkeit (wieder) zugänglich gemacht wurden.

Leseprobe
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Am kommenden Freitag in der Stadtbibliothek Ulm
Buchpräsentation:

Das-Buch-der-Schicksale-Spirito

Lorenzo Spirito: „Das Buch der Schicksale“
Ein Würfellosbuch
Aus dem Altitalienischen gereimt übersetzt von Werner Menapace unter Mitarbeit von Donatella Capaldi
Mit einer Einleitung von Alexander Rosenstock
Gebunden, mit Faksimiles und drei Würfeln
Folio Verlag € 30,00
Beginn: 19:30
Eintritt: frei

Donnerstag, 11.Oktober

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Heute haben
Conrad Ferdinand Meyer * 1825
Gertrud von Le Fort * 1876
Francois Mauriac * 1885 (Nobelpreis 1952)
Boris Pilnjak * 1876
Anne Anright * 1962
Geburtstag.
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Heute auf dem Gedichte-Kalender.
Hier allerdings in der kompletten Fassung.

Nikolaus Lenau
Der Kranich

Stoppelfeld, die Wälder leer,
Und es irrt der Wind verlassen,
Weil kein Laub zu finden mehr,
Rauschend seinen Gruß zu fassen.

Kranich scheidet von der Flur,
Von der kühlen, lebensmüden,
Freudig ruft er’s, daß die Spur
Er gefunden nach dem Süden.

Mitten durch den Herbstesfrost
Schickt der Lenz aus fernen Landen
Dem Zugvogel seinen Trost,
Heimlich mit ihm einverstanden.

O wie mag dem Vogel seyn,
Wenn ihm durch das Nebeldüster
Zückt ins Herz der warme Schein,
Und das ferne Waldgeflüster!

Hoch im Fluge über’s Meer
Stärket ihn der Duft der Auen;
O wie süß empfindet er
Ahnung, Sehnsucht und Vertrauen!

Nebel auf die Stoppeln thaut:
Dürr der Wald; — ich duld‘ es gerne,
Seit gegeben seinen Laut
Kranich, wandernd in die Ferne.

Hab‘ ich gleich, als ich so sacht
Durch die Stoppeln hingeschritten,
Aller Sensen auch gedacht,
Die in’s Leben mir geschnitten‘.

Hab‘ ich gleich am dürren Strauch
Andres Welk bedauern müssen,
Als das Laub, vom Windeshauch
Aufgewirbelt mir zu Füßen:

Aber ohne Gram und Groll
Blick‘ ich nach den Freudengrüften,
Denn das Herz im Busen scholl,
Wie der Vogel in den Lüften:

Ja, das Herz in meiner Brust
Ist dem Kranich gleich geartet,
Und ihm ist das Land bewußt,
Wo mein Frühling mich erwartet.
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Das Känguru ist zurück.
Oder soll ich besser schreiben, es war eh nie weg.

1956  1492

Marc-Uwe Kling:Die Känguru-Apokryphen
Ullstein TB € 9,00
4 CDs bei HörbuchHamburg € 14,00

Das ist der Anfang der ersten Episode aus seinem neuen Buch. Natürlich geht der Wettbewerb noch in diverse Runden und Marc-Uwe steht mal wieder als totaler Loser da. Wie könnte es auch anders sein. Als Einführung erfahren wieder in einer Vorwort-Geschichte, wie es zu diesem Buch kommt und was es mit Apokryphen auf sich hat.

Und wer für lange Winterabende noch ein Gesellschaftsspiel braucht.
Hier kommt die Gebrauchsanweisung zu „Game of Quotes – Verrückte Zitate“.
Erschienen bei Franck Kosmos für € 14,99.

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Mittwoch 12.April

Heute haben
Alexander Ostrowski * 1823
Gustav Lübbe * 1918
Tom Clancy * 1947
Antje Ravic Strobel * 1974
Geburtstag.
Aber auch Joschka Fischer und Herbert Grönemeyer.
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Christian Morgenstern
Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Hg.: Matthias Reiner
Ich wollt‘ dein Bett mit einer Rose schmücken
Ein Rosenbuch herausgegeben von Matthias Reiner.
Mit farbigen Illustrationen von Christina Kraus
Insel Bücherei € 14,00

Ungaretti, Brecht, Emily Dickinson, Paul Celan, Nikolaus Lenau, Ausländer, Rilke, Goethe, die Bachmann und Mörike, Friedrich Rückert und natürlich die Knef. Storm und Morgenstern dürfen nicht fehlen und schön ist es, Erich Mühsam und Johannes Bobowski mit im Buch zu haben. Prosa und Lyrik wechseln sich ab. Zum Schluß gibt es noch einen Sachbuchteil über die Rose von der Frankfurter Gärtnerin und Floristin Mariannae Beuchert. Dazu noch die vielen Rosenbilder von Christina Kraus.
Es regent somit rote Rosen in allen Farben.
Passend zum Buch gibt es bei uns in der Buchhandlung die Buchtüte.

Leseprobe

Rainer Maria Rilke

Rose, oh reiner Widerspruch,
Lust,
Niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern.

Heinrich Heine
Alte Rose

Eine Rosenknospe war
Sie, für die mein Herze glühte;
Doch sie wuchs, und wunderbar
Schoß sie auf in voller Blüte.

Ward die schönste Ros im Land,
Und ich wollt die Rose brechen,
Doch sie wußte mich pikant
Mit den Dornen fortzustechen.

Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt
Und verklatscht von Wind und Regen –
Liebster Heinrich bin ich jetzt,
Liebend kommt sie mir entgegen.

Heinrich hinten, Heinrich vorn,
Klingt es jetzt mit süßen Tönen;
Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,
Ist es an dem Kinn der Schönen.

Allzu hart die Borsten sind,
Die des Kinnes Wärzchen zieren –
Geh ins Kloster, liebes Kind,
Oder lasse dich rasieren.

Dienstag, 31.Januar

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Heute haben
Marie Luise Kaschnitz * 1901
Kurt Marti * 1921
Norman Mailer * 1923
Kenzaburo Oe * 1935
Geburtstag
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Jaaaa, ein neues Buch von Jon Klassen.
Schauen Sie sich bitte den Buchtrailer an. Mit der unterlegten Musik ist das doch ein kleines Kunstwerk. Und bitte achten sie auf die Augen der beiden Schildkröten.

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Jon Klassen:Wir haben einen Hut
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
NordSüd Verlag € 16,00
Bilderbuch ab 4 Jahren

Endlich gibt es ein weiteres Hut-Bilderbuch. Dieses Mal sind es zwei Schildkröten, die einen Hut finden. Einen halt. Also nur einen und nicht für jeden einen. Was tun?
Die eine Schildkröte träumt, daß jeder von ihnen einen Hut aufhat. Die andere Schildkröte ist jedoch hellwach und wir wissen (noch) nicht, was sie vorhat.
Jon Klassen hat wieder ein großartiges Werk geschaffen. Mit sehr wenigen Mitteln, mit einer einfachen Geschichte und wenig Text trifft er voll ins Schwarze. Und alleine die Augen der beiden Tiere. Wie sie sich hin und her bewegen, wie sie die Gedanken der beiden andeuten ist wahrlich meisterhaft.

Hier die anderen beiden Hut-Bilderbücher und sein super „Dunkel“-Buch.

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Werner Färbers Ungereimtheit der Woche
Keine Kuschelkatze CCCXXXVI

Hat die süße kleine Mieze
keine Lust auf Nähe, flieht se
um diese und um jene Ecke,
auf dass sie sich vor dir verstecke.