Mittwoch, 12.Januar


Heute haben
Charles Perrault * 1628
Johann Heinrich Pestalozzi * 1746
Jakob Michael Reinhold Lenz * 1751
Jack London * 1876
Daniil Charms * 1905
Alice Miller * 1923
Haruki Murakami * 1949
David Mitchell * 1969
Geburtstag
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Jakob Michael Reinhold Lenz
Gute Laune

Gute Laune, Lieb und Lachen
Soll mich hier
Unaufhörlich glücklich machen,
Und die ganze Welt mit mir.
Auf dem Sammt der Rosen wiegen
Sich die Weisen nur allein.
Liebe? ist sie nicht Vergnügen?
Nur die Treue macht die Pein.
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Unser Filmtipp:


Pig
Regie: Michael Sarnoski
Darsteller: Nicolas Cage, Alex Wolff, Adam Arkin
DVD € 12,99
freigegeben ab 16 Jahren

Corona hat die Filmwelt ordentlich durcheinandergeschüttelt.
Filme erscheinen nur auf auf Streamingdiensten, die normalerweise in großen Kinosälen laufen würden, wie die neuen Werke von Sorrentino und Jane Campion.
Der neue Film mit Nicolas Cage gibt es im Gegenzug gleich auf DVD und den DVD on demand Portalen. Verrückt.
Die Filmkritiken überschlagen sich zum Teil und die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass dieser Film, der am 4.Januar erschienen ist, vielleicht der Film des Jahres wird.
Ja, er ist wirklich etwas Besonderes. Nicht was die Handlung anbelangt, sondern, wie der Regisseur in seinem Erlingswerk damit umgeht.
Wir kennen die Geschichten: Erfolgreicher Mann zieht sich die Einsamkeit der Wälder zurück und muss nach einem Vorfall wieder zurück in die Zivilisation und startet einen Rachefeldzug mit viel Gewalt und Blut. Und genau das passiert hier nicht. Rob lebt zwar zurückgezogen in der einsamen Wildnis von Oregon – allein, bis auf ein Trüffelschwein, seinen einzigen Freund. Er lebt vom Trüffelfinden und finanziert so sein Leben.
Als ihm sein Schwein gestohlen wird, begibt er sich tatsächlich auch zurück nach Portland, aber nicht um sich zu rächen, sondern auf der Suche nach seinem Schwein. Dabei steckt er selbst Prügel ein; wohlkalkuliert, damit er mehr Informationen über den Verbleib des Schweines zu erfahren.
Im kompletten Film bekommen wir nie eine Waffe zu sehen, sondern Rob spricht mit den Menschen, bekocht sie und bringt sie dazu, ihre wirklichen Wünsche zu äußern und alte Gefühle auszugraben.


Dienstag, 28.Dezember


Heute haben
Alfred Wolfenstein * 1883
und Hildegard Knef * 1925
Geburtstag
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Alfred Wolfenstein
Städter

Nah wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschloßner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.
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Unser Filmtipp:


„The Power of the Dog“
Regie: Jane Campion
Darsteller, u.a.: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kosi Smit-McPhee
Zu sehen auf Netflix

Dieser Film hat mich nachhaltig beeindruckt und ich empfehle ihn immer wieder weiter.
Jane Campion („Das Piano“) hat einen Spätwestern gedreht, in dem sich nicht nur das Umfeld (1925 in Montana) ändert, sondern auch sich zwei ungleiche Brüder auf einen Umbruch zusteuern.
Phil und George leiten eine große Rinderfarm, irgendwo im Nirgendwo. Während Phil der harte Cowboy ist, hält sein Bruder nicht viel von dieser Art von derber Männlichkeit. Er möchte die Farm anders führen, legt Wert auf gute Kleidung, einen städtischen Umgang und ist stolz auf sein Auto. Die Rollen sind verteilt. Als der ruhige, introvertierte Phil heimlich heiratet und seine Frau mit auf die Farm bringt, verhärten sich nochmals die Fronten, worunter die Ehefrau extrem leidet. Eine weitere und sehr entscheidente Wendung nimmt der Film, als der Sohn von Rose in den Ferien auf die Farm kommt. Zuerst ist er der absolute Aussenseiter, bis plötzlich der harte Phil sich des zarten Jungen annimmt.

Jane Campion hat sich, zu Beginn des Filmes, an „Das Piano“ angelehnt, dann geht der Film (der ja auch eine Romanvorlage hat) einen ganz anderen Weg.
Sehr fein, ruhig, mit wenigen Worten erzählt die Filmemacherin diese Geschichte und legt dabei immer wieder Fallstricke aus, die dann zu einem unerwarteten Finale hinführen.

Der Trailer ist mal wieder auf Action geschnitten.
Also bitte nicht irritieren lassen.

Freitag, 3.Dezember

Das dritte Küken von Anke Raum

Heute haben
Ludvig Holberg * 1684
Joseph Conrad * 1857
Geburtstag
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„Your strength is just an accident arising from the weakness of others.“
Joseph Conrad aus „Herz der Finsternis“
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Unser Tipp des Tages:


Thomas von Steinaecker: „Ende offen
Das Buch der gescheiterten Kunstwerke
S.Fischer Verlag € 35,00

Was für ein schönes Buch. Hier stimmt ja alles.
Von Scheitern kann in diesem Fall nicht die Rede sein.
Obwohl, wenn es ein Flop wird, könnte sich dieses umfangreiche Buch in die lange Reihe der gescheiterten Kunstwerke einreihen. Da hilft nur eins: Kaufen.

Weshalb gibt es von Stanley Kubricks monumentalem Filmvorhaben zu Napoleon nur ein Drehbuch? Warum hört Stockhausens Werkzyklus mit dem seltsamen Titel KLANG bei der 21. Stunde auf? Und wieso schaffte es David Foster Wallace nicht, seinen Roman „Der bleiche König“ zu vollenden? Die Liste der gescheiterten Kunstwerke der Kulturgeschichte ist lang und spektakulär. Und die Gründe für das Scheitern sind so unterschiedlich wie die einzelnen Projekte: Mal war es der Größenwahn des Künstlers, ein anderes Mal fehlte plötzlich das Geld, nicht selten kam ein früher Tod dazwischen. Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker erzählt in seinem Buch die außergewöhnlichsten Geschichten hinter dem Scheitern und zeigt, wie einflussreich Ideen sein können, die nur in unserer Fantasie existieren.

Dieses Interview fand ich auf der Seite des S.Fischer Verlages:

Was ist für Dich das Faszinierende am Scheitern in der Kunst? 

Dass ein Kunstwerk gelingt und das heißt in erster Linie: dass es überhaupt fertig und veröffentlicht wird, ist ja eher die Ausnahme als die Regel. Das vergisst man immer angesichts unserer Kulturgeschichte, die mit Meisterwerken reich bestückt ist. Was ist aber mit all der Masse von Werken, die nie fertig wurden? Und warum blieben sie unvollendet? Was ist da passiert? Und was bedeutet das überhaupt: scheitern? Das hat ja immer einen sehr negativen Beigeschmack. Es gibt aber halt auch Werke, die sind nicht zu 100% gelungen – und sei es nur, dass sie nie fertig wurden. Aber trotzdem enthalten sie geniale Passagen, die es lohnt, näher anzusehen.

Die Liste der gescheiterten oder unvollendeten Kunstwerke ist lang, wie hast Du entschieden, welche dieser Projekte Du in Deinem Buch behandeln möchtest?

Ich habe mich einerseits vom Kanon leiten lassen, obwohl das heute natürlich ein problematischer Begriff ist. Trotzdem wird es niemanden geben, der die Bedeutung Michelangelos, Beethovens, Kubricks oder Bachmanns in Frage stellt. Was ist also mit diesen Genies? Was hatten sie außer ihren bekannten Meisterwerken noch in der Schublade liegen und warum sind sie damit nicht zu Rande gekommen? Andererseits war ich egoistisch und habe mir Künstler:innen angeschaut, die ich persönlich toll finde, obwohl sie vielleicht eher nischig sind. Den genialen Dilettanten James Hampton zum Beispiel. Oder die Singer-Songwriterin Judee Sill, die vielleicht tragischste Heldin des Rock ’n‘ Rolls.

Du bist selber Schriftsteller, gibt es gescheiterte oder unvollendete Kunstwerke, die Dich als Autor besonders beeinflusst haben?

Mich haben als Jugendlicher die Romane Franz Kafkas beim Schreiben stark beeinflusst. Gerade weil sie alle drei nicht vollendet sind und das natürlich – wie bei jedem unvollendeten Kunstwerk – bei mir ein Kopfkino in Gang gesetzt hat: Wie geht diese Geschichte aus? Davon handelten dann manchmal meine allerersten Texte, was im Nachhinein natürlich ziemlich größenwahnsinnig war, dass ich da einfach Fortsetzungen von »Der Process« und »Das Schloss« geschrieben habe. Aber das Unvollendete der gescheiterten Kunstwerke ist in gewisser Weise auch ein Urknall für die Fantasie. 

Das Buch erzählt vom Scheitern unterschiedlichster Kunstwerke im Film bis zur Architektur, gibt es eine Kunstform, bei der das Risiko zu scheitern höher ist als bei anderen und wenn ja, warum?

Ja, ich denke schon. Und zwar weiß ich das aus eigener leidvoller Erfahrung als Regisseur. Beim Fernsehen und besonders beim Kino gibt es so viele unterschiedliche, höchst riskante Faktoren, dass der Friedhof der gescheiterten Filme geradezu unermesslich ist und täglich anwächst. Film ist ja nicht nur – mehr als alle anderen Kunstsparten – Teamarbeit (vom Drehbuch über die Schauspieler:innen, die Kamera und die Regie), wo nur ein Gewerke ausfallen muss und schon explodiert alles,  es ist auch die neben der Architektur teuerste Kunst. Und Filmfirmen tendieren ja manchmal dazu, bankrott zu gehen…

Bei all den Projekten, mit denen Du dich beschäftigt hast, gibt es da eines, bei dem Du dir es am meisten wünschen würdest, es wäre vollendet worden?

Da ist die Liste lang. Beethoven zehnte Sinfonie würde mich brennend interessieren. Auch der vierte Satz der 9. Sinfonie Anton Bruckners. Wenn es nach mir ginge, hätte Ludwig II. noch ein paar seiner geplanten Schlösser bauen dürfen. Und natürlich würde man zu gern wissen, wie Charles Dickens‘ »Edwin Drood« oder Jane Austen’s »Sanditon« denn nun ausgegangen wären. 

Und andersherum gefragt: Gibt es ein Kunstwerk, bei dem Du dir wünschen würdest, es wäre nie vollendet worden, weil die Realität nicht so spannend ist, wie die Vorstellung davon, was alles möglich gewesen wäre?

Ich freue mich sehr für Brian Wilson, den Kopf der »Beach Boys«, dass er nach sage und schreibe 35 Jahren dann doch noch sein »Smile«-Album fertigstellte. Aber die fünf, sechs Stücke, die es von dem originalen Album aus den 1960ern gibt, haben so eine unglaubliche Strahlkraft, dass die Neuaufnahme mit einem hörbar gealterten Wilson und Originalinstrumenten von damals, denen aber digital nachgeholfen wird, den Eindruck der ursprünglichen Fragmente nachträglich ein bisschen beschädigt.

Häufig scheitern Projekte an den Kosten oder am Tod der Künstler:innen, mittlerweile sind die Produktionskosten in vielen Bereichen geringer und selbst verstorbene Schauspieler:innen sind aufgrund neuester Technik noch in aktuellen Filmen zu sehen. Wird es in Zukunft weniger gescheiterte Kunstwerke geben?

Das Scheitern wird nicht aufhören. Und das ist gut so. Denn gerade, dass etwas nicht gelingt, ist ja oft Anstoß für etwas, das dann doch noch glückt. Wenn auch vielleicht viel später und jemand anderem. Aber auch Ideen, die nicht umgesetzt wurden, weil sie vielleicht zu groß und unrealistisch waren, sind ja ständiger Ansporn, es trotzdem und nun erst recht zu versuchen. Fail again! Fail better!
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Thomas von Steinaecker, geboren 1977 in Traunstein, wohnt in Augsburg. Er schreibt vielfach ausgezeichnete Romane – unter anderem »Wallner beginnt zu fliegen« und »Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen« – sowie Hörspiele. Außerdem dreht er Dokumentarfilme, für die er unter anderem den ECHO Klassik erhielt. Für S. Fischer Hundertvierzehn initiierte er das »Mosaik-Roman«-Projekt »Zwei Mädchen im Krieg« und veröffentlichte zusammen mit der Zeichnerin Barbara Yelin den Fortsetzungs-Webcomic »Der Sommer ihres Lebens«. Zuletzt erschien 2016 der Roman »Die Verteidigung des Paradieses«, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war.