Dienstag, 6.September

Heute haben
Julien Green * 1900
Andrea Camilleri * 1925
Geburtstag
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Christian Morgenstern
Möwenlied

Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich laß sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

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Heute gibt es einen etwas anderen Tipp.
Kein Buch, keine CD, sondern ein Kurzfilm in der ARD Mediathek, der den Grimme-Preis erhalten hat.

„Seepferdchen“
Buch: Nele Dehnenkamp
Regie: Nele Dehnenkamp
Kamera: Tobias Winkel, Sina Diehl
Musik: Paul Chriske
Darstellerin: Hanan Saeed Abdo
Dauer: 15 Minuten

Die junge Hanan Saeed Abdo beschreibt ihre Erinnerungen an die Flucht aus dem Nordirak über das Mittelmeer nach Deutschland, ihre Angst vor dem Wasser und die lebensbedrohliche Lage für ihre Familie.
50 Menschen, Kinder und Erwachsene waren in dem sechs Meter langen Boot. Alle kamen sie an.
Erst später lernte sie schwimmen und verarbeitete so ihr Trauma.
Mittlerweile hilft sie selbst, Kindern das Schwimmen beizubringen.

Nele Dehnenkamp arbeitet als freie Dokumentarfilmerin in Berlin. Sie studierte Sozialwissen- schaften in Berlin und New York und Dokumentarfilmregie an der Filmakademie Baden- Württemberg in Ludwigsburg. Ihre Kurzfilme wurden auf zahlreichen Festivals gezeigt, darunter die IDFA, die DOK Leipzig und das Internationale Kurzfilmfestival in Palm Springs.

Hier können sie den Film bis November 2022 anschauen:
ardmediathek.de/video/kurzfilme/seepferdchen
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Heute abend ab 19 Uhr liest Clemens Grote aus vier neuen Romanen.
Wir stellen in der „1.Seite“ folgende Bücher vor:

Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“
Giulia Caminito: „Das Wasser des Sees ist niemals süß“
Shelly Kupferberg: „Isidor“
Kristina Gorcheva-Newberry: „Das Leben vor uns“

Montag, 11.April

Heute haben
Luise Gottsched * 1713
Wieland Herzfelde * 1896
Sándor Nárai * 1900
Marlen Haushofer * 1920
Franz Herre * 1926
Geburtstag
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Heute auf dem Gedichtekalender:

Nikolaus Lenau (*1802)
Schilflieder

Auf dem Teich, dem regungslosen.
Weilt des Mondes holder Glanz,
Flechtend seine bleichen Rosen
In des Schilfes grünen Kranz.

Hirsche wandeln dort am Hügel,
Blicken in die Nacht empor;
Manchmal regt sich das Geflügel
Träumerisch im tiefen Rohr.

Weinend muß mein Blick sich senken;
Durch die tiefste Seele geht
Mir ein süßes Deingedenken,
Wie ein stilles Nachtgebet!
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Ein Filmtipp:


„Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann“
Regie: Jerry Rothwell

Wie Autisten die Welt wahrnehmen schildert Jerry Rothwell anhand fünf junger Protagonisten in seinem eindringlichen und preisgekrönten Dokumentarfilm.

Sie stammen aus Indien, Großbritannien, den USA und Sierra Leone und sie eint ein gemeinsames Schicksal: Die jungen Menschen sind autistisch und ihr Alltag unterscheidet sich in vielen Bereichen von den Erfahrungen ihrer Mitmenschen. Jerry Rothwell lässt in seiner auf dem Buch von Naoki Higashida, basierenden Dokumentation fünf von ihnen schildern, wie ihr Leben mit Autismus aussieht.
2007 veröffentlichte der 13 jährige Autist Naoki Higashida ein Buch mit dem gleichnamigen Titel (ins Englische übertragen vom amerikanischen Schriftsteller Dvaid Mitchell mit dem Titel „The Reason I Jump) und sorgte damit für Aufsehen. Wie kann ein jugendlicher Autist, der nicht sprechen kann, sich so genau ausdrücken? Seine Gefühle, seine Gedanken, seine Sichtweise haben die Fachwelt verblüfft und zu einem Umdenken im Umgang mit Autisten geführt.
Der Regisseur Jerry Rothwell zeigt uns den Alltag der fünf jungen Menschen und lässt auch deren Eltern zu Wort kommen. Die Textpassagen aus dem Buch verarbeitet er filmisch, in dem er Nahaufnahmen, Töne, Geräusche, schnelle Schnitte verwendet und dann wieder seinen Figuren viel Zeit lässt.
Eine beeindruckende Dokumentation, die morgen, Dienstag, 12.4. um 18 Uhr im Ulmer Obscura läuft.


Dienstag, 1.Februar

Die erste Reihe ist geschafft.

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Heute haben
Hugo von Hofmannsthal * 1874
Jewgeni Samjatin * 1884
Günter Eich * 1907
Muriel Spark * 1918
Horst Bosetzky (-ky) * 1938
Monika Felten * 1965
Geburtstag
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„Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! /… / Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! / Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“
Günter Eich
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Jetzt auch auf DVD:

Jessica Bruder: „Nomaden der Arbeit
Überleben in den USA im 21.Jahrhundert
Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner und Iris Hansen
Blessing Verlag € 22,00
Nomadland“ TB € 13,90 (englisch)
DVD € 15,99

Wo gibt es denn so etwas? „Nomadland“, ein Film, der 3 Oscars, 2 Golden Globes, den Goldenen Löwen in Venedig bekam und Sieger beim Filmfestival in Toronto war, beruht auf eine Reportage. Und zwar eine höchstdotierte und vom New Yorker zum Buch des Jahres erkoren. Zurest gab es eine Kurzversion in Harper’s Magazine, bevor der ganz große Erfolg kam.
Jessica Bruder hat über Jahre hinweg Kontakte zu diesen Arbeitsnomaden gepflegt, ist mit ihnen gereist, hat mit ihnen gewohnt und auch gearbeitet. Einerseits das Gefühl von Freiheit, andererseits, und das überwiegt bei weitem, ein letzter Hoffungsschimmer für die vielen Menschen über 60, die eigentlich in Ruhe ihre Rente genießen könnten. Sie wohnen in ihren Wohnwagen und Wohnmobilen, ziehen von Job zu Job, verdienen meist nur den Mindestlohn und schauen, ob sie etwas für ein warmes Essen auf die Seite legen, oder für eine Zahnprothese sparen können. Sie arbeiten als ErntehelferInnen, auf Campingplätzen und sehr häufig bei Amazon, der sich diese Menschen an sich bindet. Amazon weiss, dass sie auf das (wenige) Geld angewiesen sind und ohne zu murren täglich 20 km in den Gängen zwischen den Regalen Warencontainer schieben und scannen, bis alles weh tut. Kein Problem: In den Gängen gibt es kostenlos Schmerzmittel – gesponsert von Amazon. Der hat noch einen weiteren Vorteil: da diese „Rentner“ während ihrer Zeit bei Amazon keine Sozialhilfe bekommen, erhält Amazon eine Steuererleichterung vom Staat. Aaah, so geht das.
Linda May (im Film gespielt von Frances McDormand) ist die Person, die sich durch die Reportage zieht, mit der Jessica Bruder den nähesten Kontakt hält, ohne bis ganz tief in deren Beweggründe, sich auf so ein Leben einzulassen, vorzudringen.
Sie haben alles verloren: den Job, das Haus, das Ersparte (durch die Finanzkrise 2008) und versuchen mit einer Art Galgenhumor über die Runden zu kommen. So lange zu arbeiten, bis ….
In dieser Reportage zeigt sich, dass die Schere zwischen arm und reich in den USA immer größer wird und deutsche Kritiker zeigen auf, dass Deutschland davon überhaupt nicht weit entfernt ist.

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