Dienstag, 22.September

Heute haben
Theodor Körner * 1791
Rosemunde Pilcher * 1924
Fay Weldon * 1931
Lutz Rathenow * 1952
Peter Prange * 1955
Geburtstag.
Aber auch Hans Scholl (Weiße Rose)
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Wie gehts weiter?

Die Zeit eilt vorbei.
Wie gehts weiter?
Die Uhr läuft schon ab.
Wie gehts weiter?

Rauf und runter geh’n die Zahlen
so wie manchmal auch vor Wahlen.
Heute ist ein Brennpunkt hier,
morgen ganz weit weg von mir.

So geht es nun schon seit Wochen,
die zum Herbst vorangekrochen.
Kein Verantwortlicher will sagen,
wie was wird. Und bloß nicht fragen.

Dennoch ist kaum etwas klar.
Wird es je so, wie es war?
Ein Gedanke lugt dahinter:
Kommen wir gut durch den Winter?

Und jetzt sagt mir nur:
Wie gehts weiter?
Verstellt Ihr die Uhr?
Wie gehts weiter?

A hat B etwas gesagt,
aber D noch nicht gefragt.
C wurde dabei vergessen,
E und F sind aufgesessen.

Heute soll nun dieses gelten,
wofür morgen man wird schelten.
Hin und her geht es fast täglich,
und das find ich unerträglich.

Es gibt leider keine Klarheit
und auch keine letzte Wahrheit.
Und wir werden weiterleben
und uns dabei nicht aufgeben.

Bitte, sagt mir,
Ich wills wissen:
Wie gehts weiter
Für mich?
Sagt, wie?

© Thomas Dietrich
© Fred Ebb | Robert Gilbert
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Lang Lang: Johann Sebastian Bach
Goldberg-Variationen

BWV 988
Deutsche Grammophon 2 CDs € 19,99 (Studioaufnahme)
4 CDS € 33,99 (Studio- und Live-Aufnahme)

„Die Goldberg-Variationen aufzunehmen war ein Lebenstraum. Ich arbeite schon seit über 20 Jahren an dem Werk, habe es als 17-Jähriger Christoph Eschenbach und einige Jahre später Nikolaus Harnoncourt vorgespielt. Damals habe ich auf Harnoncourts privatem Cembalo gespielt, unter anderem die Variationen 13 und 25 und die Arie. Wir haben über die Einsamkeit des Musikerlebens gesprochen und über musikalische Stimmung. Er sagte: »Du spielst sehr schön, aber es klingt nicht einsam genug. Du ruhst nicht genug in dir selbst.« Er spielte mir ein paar Stellen vor – und das eröffnete mir ganz neue Dimensionen und Zugänge zu Bach.“
(Lang Lang zu seiner Einspielung)

Wir alle kennen die Goldberg-Variationen und der Name Glenn Gould ist mit seinen zwei Aufnahmen sehr damit verknüpft. Jetzt kam Lang Langs Einspielung heraus und die Fachwelt ist voll des Lobes. Interessant ist wirklich, dass Lang Lang sowohl eine Studio- und eine Live-Aufnahme gemeinsam herausbringt. Er spricht darüber, wie unterschiedlich sich das für ihn fühlt und anhört, dass die Aufnahme in der Thomaskirche in Leipzig nicht ganz astrein gespielt ist, aber dafür im zweiten Teil viel lockerer und emotionaler. Das ist auf dem Video auch zu sehen, als ihm in der letzten Variation die Tränen herunterlaufen.

Hier geht es zum Video auf der ZDF-Mediathek, auf der wir den Pianisten auf seinem Weg zu seiner Interpretation eine Stunde begleiten können:

https://www.zdf.de/kultur/musik-und-theater/lang-langs-goldberg-variationen-104.html

Dienstag, 7.Juli

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Heute haben
Ludwig Ganghofer * 1855
Lion Feuchtwanger * 1893
Geburtstag
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Von Hysterie bis scheißegal

Sitz‘ daheim am Pianoforte,
spiele Lieder ohne Worte
und versuche auszuschalten,
wie manch‘ Leute sich verhalten.

Viele immer noch nicht checken,
Mund und Nase zu bedecken.
Denn auch Niesen birgt Gefahr.
Das ist einfach, logisch, klar.

Halbherzig die Welt zu schützen,
wird uns allen garnichts nützen.
Hier gibt’s keine Qual der Wahl,
außer man denkt: „Scheißegal!“

Andre Leute sich verstecken
in den heimischen vier Ecken,
schauen höchstens aus dem Fenster
und seh’n aus fast wie Gespenster.

Und auch dieses ist fatal,
denn ihr Leben wird zur Qual.
Glücklich scheinen selten sie
in dem Zustand Hysterie.

Neulich war ich in der Schweiz.
Und das hatte seinen Reiz,
ohne Maske einzukaufen –
dafür aber Menschenhaufen.

Auch in Austria nebenan
man die Maske sparen kann.
Ach, was soll ich denn nur tun,
dass ich bleibe g’sund, immun?

Keiner weiß es, viele raten
dies und das und andre Taten.
Mag Extreme nicht so leiden.
In der Mitte liegt’s Bescheiden.

© Thomas Dietrich
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„Transit“
Regie: Christian Petzold
Schauspieler: u.a. Franz Rogowski/Paula Beer
DVD 2018, FSK ab 12 € 9,99

Warum ich „Transit“ vorstelle, hat mit dem neuen Film von Christian Petzold zu tun. Jetzt läuft er endlich im Ulmer Mephisto. Wer die Petzold Filme mag, wird auch von „Undine“ begeistert sein. In „Undine“ verarbeitet er den gleichnamigen Mythos und verlegt ihn in das jetzige Berlin. In „Transit“ nimmt er sich den Roman von Anna Seghers vor und verlegt die Handlung von 1941 in die Gegenwart nach Marseille. Auch hier ist es ein ewiges Suchen und (Nicht)finden, ein Leben zwischen Hoffen und Verzweiflung, Menschsein und -bleiben zwischen Leben und Tod.  Petzolds Figuren bewegen sich auf unsicherem Boden, wissen nicht, wo es lang geht, zu wem sie gehören. Oft tauchen sie geisterhaft auf und verschwinden wieder. So auch in „Transit“, den es schon auf DVD zu kaufen gibt. („Undine“ kommt im Oktober 2020 auf DVD).
In beiden Filmen spielen Paula Beer und Franz Rogowski die Hauptrollen. Sie bleiben ihren Charakteren treu und das muss wohl sein in Petzolds Filmen.
Ich habe beide in den letzten Tag angeschaut und bin noch ganz erfüllt von den Bildern, der Stimmung und vielen Sequenzen, die mir nicht aus dem Kopf gehen.

Mittwoch, 24.Juni

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Heute haben
Ambrose Bierce * 1842
Bruce Marshall * 1899
Yves Bonnefoy * 1923
Anita Desai * 1937
Gerhard Roth * 1942
Eugen Ruge * 1954
Geburtstag
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Maskenleid & Maskenfreud

Die Maskenpflicht ist so gesehn
für manchen Menschen unbequem
denn sie verhüllt ja das Gesicht
und man sieht seine Schönheit nicht

Auch die, die sich Vampire heißen
die hindert sie ran zuzubeißen
So ist sie auch auf alle Fälle
ein Paradox für Kriminelle

Manch Pausenclown & Fratzenschneider
den hindern diese Mundverkleider
am Maulaufreißen und Grimassen
weshalb sie solche heftig hassen

Doch eines ist nicht zu bestreiten
Sie hat auch ihre guten Seiten:

Zum Beispiel bei sehr krummen Nasen
bei Narben oder Herpesblasen
Bei Zahnlücken und Hautekzemen
wird gern man eine Maske nehmen

Auch ist ihr Tragen, das ist logisch
für Scheichs und Machos pädagogisch
Da sie nun erstmals selbst erkennen
wozu sie ihre Frauen drängen

Drum ist die Maske so per se
ein Zeichen für égalité

© Jörn-Peter Dirx
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„Systemsprenger“ € 12,99
Regie: Nora Fingerscheidt, D 2019, FSK ab 12

Ein unglaublicher Film, der mich im Kino umgehauen hat, wie eine harte Linke in die Magengegend. Laut, direkt und, das mag man fast kaum glauben, sehr zart und liebevoll.
Das Mädchen Benni ist zehn und egal wo sie hinkommt, wo sie wohnt, in welche Schule sie geht: sie fliegt hinaus. So etwas nennt das Jugendamt einen „Systemsprenger“. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen. Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.
Benni ist anders, seid ihr als kleines Kind eine Windel ins Gesicht gepresst wurde, bis sie beinahe erstickt ist. Seitdem darf niemand ihr Gesicht berühren, sonst tickt sie aus. Aber nicht einfach nicht nur ein kleiner Ausraster. Ihr Ausbrüche sind lebensgefährlich für sie und ihre Gegenüber.
Gleichzeitig ist sie ein Kind voller Zärtlichkeit, die ein großes Schmusebedürfnis hat, lustig und traurig sein kann. Zu ihrer Mutter kann sie nicht, da sie überfordert ist mit ihrem Leben, mit ihren Beziehungen und mit Benni.
„Systemsprenger“ kann ich nicht beschreiben. Sie müssen schon selbst den Film erleben, sonst glauben sie mir nicht wie schön und traurig dieser Film über ein schwer traumatisiertes Kind ist. Gleichzeitig sind wir erschlagen von dem Gewaltpotential Bennis und unserer Hilflosigkeit ihr gegenüber. Wenn sie uns mit glasigem Blick anschaut, nachdem sie wieder einmal mit Medikamenten ruhiggestellt worden ist, ist kaum auszuhalten. Der Regisseurin ist ein sehr intensiver, nicht belehrender, Film gelungen und wie die Hauptdarstellerin Helena Zengel diese Rolle spielt, ist mir wirklich ein Rätsel.
Zurecht wurde der Film mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.