Dienstag, 9.Januar

Heute haben
Karel Capek * 1890
Kurt Tucholsky * 1890
Simone de Beauvoir * 1908
Heiner Müller * 1929
Klaus Schlesinger * 1937
Geburtstag
_________________________

Kurt Tucholsky
Imma mit die Ruhe!

Wenn ick det sehe, wat se so machn,
wie se bei de jeringsten Sachn
sich uffpustn, det man denkt, se platzen –
wie se rot anlaufn, bis an die Jlatzen,
ahms spät un morjens um achte –:
sachte! sachte!
Warum denn so furchtbar uffjerecht?
Wir wem mal alle inn Kasten gelecht.

Wissen Se, ick wah mal dabei –
da hattn se uff de Polessei
eenen Selbstmörda, jänzlich nackt,
in eenen murksijen Sarch jepackt.
Die hatten det eilich! Un ick dachte:
Sachte! Sachte!
Un der Anblick hat sich mir injeprecht:
Wir wern mal alle inn Kasten jelecht.

Janich reliejöhs.
Wie soll ick det sahrn … ?
Ick kann det Jefuchtel nich vatrahrn.
Wir komm bei Muttan raus mit Jeschrei,
un manche bleihm denn auch dabei.
Wenn ick mir det so allens betrachte:
Imma sachte!
Mal liechste still. Denn wird ausjefecht.
Un wir wern alle inn Kasten jelecht.

Theobald Tiger
Die Weltbühne, 06.10.1931, Nr. 40, S. 525.
_______________________________

Die Karte meiner Träume
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Schauspieler: Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie, …
F/CDN 2013, FSK ab 0, DVD-Video, Dt/eng, UT: Dt
DVD € 12,99

Der Regisseur Jean-Pierre Jeunet entführt uns mit dem märchenhaften Abenteuerfilm „Die Karte meiner Träume“ in die skurile Welt des kleinen zehnjährigen Wissenschaftlers T.S. Spivet. „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ist vom selben Filmemacher und wir merken es diesem sehr liebevollen Film auch an. Trauer und Witz, Einsamkeit und Familie, eigenwillige Charaktere und ein sehr starker Hauptdarsteller sind beiden Filmen gemeinsam. Herrliche Farben, tolle Aufnahmen und graphische Einschübe lassen uns gebannt auf den Bildschirm schauen. Die Weite der Landschaft, in der die Familie auf ihrer Farm in Montana wohnt, die Reise mit dem Zug durch Canyons, entlang von Flüssen sind schon meisterhaft gefilmt. Als der Zug dann in Washington hält ist dies leider vorbei und auch die Art des Filmes ändert sich.
Wie Sie schon im Trailer gesehen haben, besteht die Familie um T.S. aus lauter sehr speziellen Persönlichkeiten. Aber so ist das halt in Familien. Und wenn dann noch ein Todesfall dazukommt, werden die jeweiligen Charkaterzüge noch markanter. Und mitten drin T.S., der ganz spezielle Talente hat, über die seine Familie den Kopf schüttelt, ihm aber eine Einladung in die große Stadt beschert. Dass es zum Schluß natürlich ein glückliches Ende gibt, ist klar und freut uns natürlich umso mehr, nachdem die Familie fast am Auseinanderkrachen war.

zum Film gibt es / gab es einen Soundtrack mit all den wunderbaren tollen Country Melodien. Gute Unterhaltung.

Ach, fast vergessen: Der Film beruht auf den sehr schön gestalteten, gleichnamigen Roman von Leif Larsen.
Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall. Fast schon ein Muss.

Freitag, 23.Juni

Heute haben
Ernst Rowohlt *1887
Anna Achmatowa * 1889
Wolfgang Koeppen * 1906
Jean Anouilh * 1910
Paul Kersten * 1943
Pascal Mercier * 1944
Geburtstag
___________________________

Endlich auf DVD:

0889853878093

Paterson
Regie: Jim Jarmusch
Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Kara Hayward, Jared Gilman, William Jackson Harper, Barry Shabaka Henley
Weltkino € 12,99

Paterson heisst der Busfahrer in der Geschichte und Paterson heisst die Stadt, in der er aufgewachsen ist und immer noch wohnt. Aus dieser Kleinstadt in New Jersey stammen auch die Lyriker William Carlos Williams und Allen Ginsberg. Paterson ist ein großer Verehrer der beiden und schreibt in jeder freien Minuten eigene Gedichte in eine Kladde, die er immer mit sich führt. Jim Jarmush hat sich der Gedichte Ron Padgetts bedient und in seinen Film eingebaut. Wir sehen, wie Paterson jeden Morgen im Bett neben seiner Frau aufwacht, wie er sich auf den weg zur Busstation aufmacht und sich über die Vesperbox seiner Frau freut. Es sind die kleinen Alltäglichkeiten eines kleines Mannes, der sich über sein eigenes Schreiben freut. Im Gegensatz dazu Patersons Frau. Laura. Sie ist offen, laut, lustig, sprudelt vor neuer Ideen, Und nicht zu vergessen der Hund Marvin, der eigentliche Held der Geschichte. Mit ihm geht Paterson jeden Abend Gassi, bindet ihn vor seiner Stammkneipe fest und trinkt sein Bier. Marvin strahlt eine stoische Ruhe aus, hat für seine Rolle die Palme für den besten Hundedarsteller in Cannes bekommen und sorgt gegen Ende des Filmes für ein kurzfristiges Desaster. Vieles, das meiste habe ich vergessen zu erwähnen: Die Bilder, die Farben, das Licht, die Musik, die Ruhe und die Freude am Alltäglichen, die Zufriedenheit und Harmonie. Ein großartiges Meisterstück, sowohl was die Darsteller, als auch den Regisseurs anbelangt.

Freitag, 9.Juni

Heute haben
Bertha von Suttner * 1843
Rudolf Borchardt * 1877
Richard Friedenthal * 1896
Curzio Malaparte * 1898
Jurij Brezan * 1916
Patricia Cornwell * 1956
Wolfram Fleischhauer * 1961
Geburtstag
__________________________

Wer die Opfer nicht schreien hören, nicht zucken sehen kann, dem es aber, sobald er außer Seh- und Hörweite ist, gleichgültig ist, daß es schreit und zuckt – der hat wohl Nerven, aber – Herz hat er nicht.
Bertha von Suttner, Friedensnobelpreis 1905
__________________________

Manchester by the Sea
Regie: Kenneth Lonergan
Schauspieler: Casey Affleck/Michelle Williams/Kyle Chandler u a,
USA 2016 € 14,99
FSK ab 12

Endlich gibt es dieses Film auf DVD. Ein Film, für den Casey Affleck den Oscar für die beste Hauptrolle bekommen hat und in dem Michelle Williams so grandios spielt.
Eine Großstadt in den USA. Ein irisches Quartier. Wir sehen Lee Chandler wie er immer und immer wieder Schnee schnippt, Rohre repariert und anderen Hausmeistertätigkeiten nachgeht. Er ist verstockt, redet kaum, hebt nicht die Augen. Es scheint eine selbstgewählte Einsamkeit zu sein, in die er sich gezwängt hat. Nur während seinen abendlichen Trinkgelagen geht er aus sich raus, in dem er Schlägereien provoziert und somit seinen Körper wieder spürt. Wenn auch sehr schmerzhaft.
Aus diesem Alltag wir er herausgerrissen, als sein Bruder stirbt und er das Sorgerecht für dessen Sohn bekommt. Ein Unding für ihn. Er, der seinen Job dafür aufgeben und wieder nach Manchester-by-the-Sea ziehen muss. Ein kleines Fischer- und Arbeiterstädtchen an der Ostküste der USA. Dort hat er gelebt, bis ihn ein grausamer Vorfall aus der Spur geworfen hat. Seine Frau lebt noch dort. Hochschwanger von einem neuen Mann.
Wie Blitze, wie Einschüsse bekommen wir in kurzen Sequenzen Stück für Stück mit, was damals vorgefallen ist und wie Lee und seine Frau den Boden unter den Füßen verloren haben.
Der Film hat jedoch auch jede Menge humorvolle, slapstickartige Szenen. So jongliert sein Neffe, der ihm zugewiesen worden ist, den ganzen Film über mit zwei Schulfreundinnen. Die Dialoge der beiden Männer sind voller kleiner Weisheiten, Fragen an die Welt und Witz, der gut zu den beiden Alleinstehenden passt.
„Manchester by the Sea“ ist ein ruhiger Film über die Trauer, über das Versuchen das Leben, das neue Leben zu meistern. Verluste und Hoffnungen sind eng miteinander verbunden. Und wenn sie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ gelesen haben, finden Sie auch dort mit Jude einen Mann, der sein Leben lang versucht, sein Leben zu meistern und sich bei seinen Freunden für sein Fehlverhalten entschuldigt. Dort geht es nicht gut aus. Hier in diesem Film gibt es ein Happy- mit einem Nicht-Happy-End. Ein Ende das zeigt, daß Lee auf dem für ihn passenden Weg ist. Daß er es versucht und die neuen Kontakte nicht verbricht.