Dienstag, 16.Mai

Heute haben
Friedrich Rückert * 1788
Jakob van Hoddis * 1887
Juan Rulfo * 1918
Geburtstag
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Endlich! Wir mussten ein ganzes Jahr warten:

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Frankfurter Anthologie
Herausgegeben von Hubert Spiegel
Gedichte und Interpretationen
S.Fischer Verlag € 25,00

Als Marcel Reich-Ranicki vor vier Jahrzehnten die „Frankfurter Anthologie“ begründete, war nicht abzusehen, wie lange dieses Experiment Bestand haben würde. Und auch nach vierzig Jahren ist der Vorrat deutscher Poesie keineswegs aufgebraucht.
Inzwischen liegen über 2.150 Gedichte vor.
Ja wirklich, es ist so gut, daß es diese Anthologie noch gibt und auch gut, daß seit dem letzten Band fremdsprachige Lyrik vorgestellt und besprochen wird. Schlecht allerdings ist, und das muß ich Herrn Spiegel unbedingt schreiben, daß diese Gedichte nicht im Original abgedruckt sind. Da verweist der Rezensent auf eine bestimmte Textzeile und wir können diese nur in der deutschen Übertragung nachlesen. Geht gar nicht.
Genug gemeckert. Diese einzigartige Anthologie lädt ein zum Verweilen, zum täglichen Lesen, bevor einem die Augen zufallen. Matthias Claudius, Goethe, Fichte, Schopenhauer, Eichendorff, Heine bis zu Jan Wagner, Ulrich Zieger, Thomas Kling, Hans-Ulrich Treichel sind u.a. vertreten. Nicht zu vergessen den aktuellen Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan.

Matthias Claudius
Der große und der kleine Hund
oder
Packan und Alard

Ein kleiner Hund, der lange nichts gerochen
Und Hunger hatte, traf es nun
Und fand sich einen schönen Knochen
Und nagte herzlich dran, wie Hunde denn wohl tun.

Ein großer nahm sein wahr von fern:
»Der muß da was zum Besten haben,
Ich fresse auch dergleichen gern!
Will doch des Wegs einmal hintraben.«

Alard, der ihn des Weges kommen sah,
Fand es nicht ratsam. daß er weilte;
Und lief betrübt davon, und heulte,
Und seinen Knochen ließ er da.

Und Packan kam in vollem Lauf
Und fraß den ganzen Knochen auf.

Ende der Fabel

»Und die Moral?« Wer hat davon gesprochen? –
Gar keine! Leser, bist du toll?
Denn welcher arme Mann nagt wohl an einem Knochen.
Und welcher reiche nähm‘ ihn wohl?

Walt Whitman
Leaves of Grass
49. City of Orgies

CITY of orgies, walks and joys!
City whom that I have lived and sung in your midst will one day make you illustrious,
Not the pageants of you—not your shifting tableaux, your spectacles, repay me;
Not the interminable rows of your houses—nor the ships at the wharves,
Nor the processions in the streets, nor the bright windows, with goods in them; 5
Nor to converse with learn’d persons, or bear my share in the soiree or feast;
Not those—but, as I pass, O Manhattan! your frequent and swift flash of eyes offering me love,
Offering response to my own—these repay me;
Lovers, continual lovers, only repay me.

Joachim Ringelnatz
Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen

Vor dem heißen Ofen balgen
Katzen sich. Wie dumme Jungen.
Auf dem Tisch an kleinem Galgen
Hängen Brezel, schön geschwungen.

Würdebärte schlürfen kräftig
Wichtig diskutierte Weine. –
Links im Laden bückt die kleine
Bäckerstochter sich geschäftig.

Zinn blitzt von der Holz-Fassade.
Zeichnungen an allen Wänden,
(Stumm, mit mehlbestaubten Händen,
Rückt der Wirt die schiefen gerade.)

Setzte mich so ganz bescheiden hin
Und vergaß auch nicht, sehr laut zu grüßen.
Dennoch ließen Blicke mich leicht büßen,
Daß ich kein Stuttgarter bin.

Dienstag, 26.April

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Heute haben
Daniel Defoe * 1731
Ludwig Uhland * 1787
Arno Holz * 1863
Carl Einstein * 1885
Bernard Malamud * 1914
Geburtstag

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Ludwig Uhland
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste, Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
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Frankfurter Anthologie
Neununddreißigster Band
Herausgeber: Hubert Spiegel
Gedichte und Interpretationen Begründet von Marcel Reich-Ranicki
S.Fischer Verlag € 24,99

Als Marcel Reich-Ranicki vor vier Jahrzehnten die ›Frankfurter Anthologie‹ begründete, war nicht abzusehen, wie lange dieses Experiment Bestand haben würde. Und auch nach vierzig Jahren ist der Vorrat deutscher Poesie keineswegs aufgebraucht. Dennoch ist es an der Zeit für eine Öffnung. So widmet sich die „Frankfurter Anthologie“, die seit Oktober 2014 von Hubert Spiegel betreut wird, jetzt auch der Poesie aus aller Welt: Neben deutschsprachigen Gedichten wird in diesem Band erstmals fremdsprachige Lyrik behandelt.
Die Bände der „Frankfurter Anthologie“ fassen die Gedichte und Interpretationen eines Jahrgangs zusammen. Inzwischen liegen über 2.100 Gedichte vor.

Gewundert habe ich mich schon, als ich die Plastikfolie vom Buch weggemacht und einen ersten Blick auf das Inhaltsverzeichnis geworfen habe. „Li Tai-Po“ lese ich als ersten Autoren und denke, dass dies nicht gerade deutsch klingt, so wie ich es von den Autoren der 38 Jahre zuvor gewohnt war. „William Carlos Williams“ taucht gleich zweimal auf, von zwei verschiedenen Männern übersetzt. Verwirrt lese ich die obige Bemerkung von Hubert Spiegel und schaue nochmals auf die Autorenliste. So findet sich neben Georg Heym Guiseppe Ungaretti, gefolgt von Marina Zwetajewa und Peter Huchel. Irgendwie interessant und doch auch schade. Doof ist allerdings wirklich, dass bei den fremdsprachigen Gedichten nicht auch noch das Original abgedruckt ist. Ich denke, ich werde dies dem Verlag mitteilen, was immer sie damit anfangen. Egal. Ich freue mich in den nächsten Wochen über die drei Gedichte von Günter Grass, auf die von Tomas Tranströmer, die beiden von Charles Simic, bis hin zum letzten von Marion Poschmann. „Hinweise zur Erderwärmung“ und all die anderen dazwischen.

Lassen wir uns überraschen und lesen, was Michael Krüger, Kerstin Hensel, Ralph Dutli, Ilma Rakusa (die übrigens etwas über ihr eigenes Gedicht „Gedicht gegen die Angst“ schreibt), Jochen Jung,  Lutz Seiler, Kerstin Holm, Wolf Wondratschek u.v.m. zu den Gedichte wissen.
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Dienstag. 26.April um 20 Uhr
Roxy Ulm, Werkhalle
VVK 17,50  AK 20,—
Einlass: 19 Uhr
Bestuhlt / Pause

Linda Zervakis: „Königin der bunten Tüte

So, wie Linda Zervakis heute in die Wohnzimmer der Nation guckt, hat sie früher aus dem Kiosk ihrer Eltern geschaut. Was sie da gesehen hat? „Leute, die zum Frühstück Kräuterschnaps bestellen“. Und natürlich: Gute, herzliche Typen, die sich in ihrem Kiez umeinander kümmern und ihre Roth-Händle, Dickmanns-Frischebox und bunte Tüten seit 20 Jahren bei Familie Zervakis kaufen. Linda hatte Glück, eine gute Schule und den festen Willen, nicht für immer aus dem Büdchen zu schauen. Der Rest ist ihre Geschichte.

Linda Zervakis, 39, ist als Tochter griechischer Eltern in Hamburg geboren. Nach dem Abitur arbeitete sie als Werbetexterin bei der renommierten Agentur BBDO. Seit 2001 ist sie als Redakteurin und Nachrichtensprecherin für den NDR tätig. Seit Mai 2013 spricht sie die ARD-Tagesschau um 20 Uhr.

Freitag

Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Alexandra David-Neel * 1868
Wenedikt Jerofjew * 1938
Walter Kappacher * 1938
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag.
Aber auch Gilbert Bécaud.
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Tolle Inszenierung, noch bessere Frisuren!
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Rainer Maria Rilke
Wie die Vögel

Wie die Vögel, welche an den großen
Glocken wohnen in den Glockenstühlen,
plötzlich von erdröhnenden Gefühlen
in die Morgenluft gestoßen
und verdrängt in ihre Flüge
Namenszüge
ihrer schönen
Schrecken um die Türme schreiben:

können wir bei diesem Tönen
nicht in unsern Herzen bleiben
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Dieses Gedicht fand sich gestern in der Frankfurter Anthologie, die gerade meine Tageslektüre ist. Jochen Jung, der zu diesen Zeilen von Rilke etwas schreibt, beginnt mit den Sätze, ob man bei Rilke an Alfred Hitchcock denken darf. Ja, meint, bei Lyrik ist alles erlaubt.
In diesem Sinne: Genießen Sie die auffliegenden Vögel von Rilke.
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Hara

Nino Haratischwili: „Das achte Leben (für Brilka)“
Frankfurter Verlagsanstalt € 34,00

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Gestern abend waren wir im Literaturhaus Stuttgart, in dem Nino Haratischwili ihren neuen Roman: „Das achte Leben (für Brilka)“ vorgestellt und daraus vorgelesen hat.
Schön an der Präsentation war, dass es nicht nur eine Lesung gab, sondern dass die Autorin vorgestellt, interviewt wurde, dass Fragen zu ihrem Werk gestellt wurden und dazwischen bekamen wir dann Textpassagen von ihr. So haben wir erfahren, dass sie 1983 in Georgien geboren wurde, dort in eine Schule mit Deutsch als Fremdsprache kam, dass sie als Mädchen mit ihrer Mutter nach Deutschland ging, sich hier nicht wohlfühlte und dass sie zurück nach Tiflis ging, ihr Abitur machte und an der Universität begann, Theaterarbeit zu studieren. Dies war ihr jedoch zu eng, zu streng, so dass sie sich in Deutschland für einen Studienplatz bewarb, in Hamburg hängenblieb, wo sie auch jetzt noch wohnt. Sie stellte klar heraus, dass sie nicht als junge, weibliche Autorin gesehen werden will, die über Georgien schreibt. Dies meinte sie zumindest vor ein paar Jahren, nach Erscheinen ihres ersten Buches. „Das achte Leben“ ist nun ihr dritter Roman (Theaterstücke schreibt sie zwischendurch auch) und sie ist mitten in Georgien gelandet. 100 Jahre Georgien. 100 Jahre Familiengeschichte im schönsten Land der Welt, so sagt es der Entstehungsmythos, den sie zu Beginn des Abends vorgetragen hat. Die Hauptperson (Jahrgang 1973) erzählt die Geschichte ihres Ur-Ur-Grossvaters bis zur Gegenwart. Und dies auf über 1.200 Seiten.
Dass dieses Buch nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis landete, ist schon ein kleiner Skanadal. Nino Haratischwili kann erzählen, wie keine zweite. Sie nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichte(n) des Landes, der Familie, unterhält uns aufs Beste und wer einmal angefangen hat zu lesen, wird gefesselt, wird süchtig, wie die Personen im Roman von der wunderbaren Schokolade, die als Geheimrezept durchs Buch geistert.
Ich kann hier auf die Schnelle die vielen Erzählstränge gar nicht wiedergeben. Sie meinte gestern abend auch, dass es ihr wichtig war, dass die Personen immer präsent im Roman waren, dass es nicht ein dauerndes Kommen und Verschwinden geben sollte. Somit fühlen wir uns in diesem dicken Wälzer richtig gborgen, dürfen mit den Hauptpersonen mitleben und mitleiden. Denn Leiden, Sterben und Trennungen, der ganze Horror des Stalinismus steckt natürlich genuso im Roman, wie die Lebensfreude. Und dass Nino Haratischwili dies in einem lakonischen Ton aufschreibt, rettet uns vor der großen Depression. Es erinnert ein wenig an die Art wie Lemaitre an sein grausliges Thema herangegangen ist, dessen Buch ich hier vorgestellt habe.

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Seien Sie also nicht geschockt vor dem dicken Buch. Beginnen Sie zu lesen. Es wird sie begleiten, begeistern und nicht mehr loslassen.

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Hier sehen und hören Sie die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse. Sie erzählt Ihnen viel besser und aus erster Hand, was es mit ihrem Roman auf sich hat.