Freitag

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Heute haben
William Faulkner * 1897
Ernst von Salomon * 1902
Maj Sjöwall * 1935
Andrzej Stasiuk * 1960
Crlos Ruiz Zafón * 1964
Rebecca Gable´ * 1964
Tanja Dückers * 1968
Geburtstag

Unser heutiger Tipp:

Akzente3_24960_MR1.inddAkzente Heft 4/2015
„Es gibt Wörter, die machen mit mir, was sie wollen“
Herausgegeben von Jo Lendle und Herta Müller
Hanser Verlag € 9,60

„Es gibt Wörter“, sagte Oskar Pastior, „die machen mit mir, was sie wollen. Sie sind ganz anders als ich und denken anders, als sie sind. Sie fallen mir ein, damit ich denke, es gibt erste Dinge, die das Zweite schon wollen, auch wenn ich das gar nicht will.“

 

So startet das knallrote neue Akzente-Heft und wenn Herta Müller Herausgeberin ist, darf Pastior nicht fehlen. Gut so. Als Hanser-Autor kommt natürlich im Vorwort auch Patrick Modiano vor, dessen Wörter eng mit der Vergangenheit verwoben sind. Umso mehr wir selbst über Wörter nachdenken, desto spannender wird es, wenn wir neue/alte auf Plakaten, im Gespräch, in Büchern entdecken. Vor ein paar Wochen war eine Kundin im Laden und suchte ein Buch über verschwundene Wörter. So zum Beispiel Bandsalat, das heutzutage keiner mehr in den Mund nimmt, da es die teuflischen Musikcasetten nicht mehr gibt, die sich im Recorder verhedderten, die dann neu geschnitten und geklebt werden mussten. Und zack, sind wir schon in unseren eigenen Erinnerungen gelandet.
Georges-Arthur Goldschmidt beginnt seinen Text über „Die Wörter des Exils“ mit Abschied. Ohne auf seine Zeilen einzugehen, trifft diese Wort sehr tief. Wer hat nicht Erinnerungen an Abschiede, die einschneidend waren, die einen lange beschäftigten.
Herta Müller kruschelt in ihrer Kindheit und findet Tscharegl, Pitanger und Arschkappelmuster. So ist ein klappriges altes Fahrrad ein Tscharegl, aber Herta Müller benutzt diese schroffe Wort auch für wenn ein Schnürsenkel reisst, oder wenn bei der Brille der Bügel abkracht. Das Wort verlässt sie nicht mehr, obwohl es sich von der ursprünglichen Bedeutung längst gelöst hat. Am Ende ihres Textes kommt sie auch auf Sätze, die bei ihr hängen bleiben. Wenn man eine Schwalbe tötet, gibt die Kuh rote Milch. Und sie schreibt, dass heute Nachtichten und Zeitungen voll von roter Milch sind.
Die Übersetzerin Elke Erb schreibt über ihre drei Wörter: Verantwortung, Anstand und ritterlich. Alles Wörter, die sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt haben, wie ihr Blick ins Grimmsche Wörterbuch zeigt. Bishin zu Bedeutungen, die uns gar nicht mehr geläufig sind.
Judith Kuckert geht mit einem Führer durch Istanbul und nennt ihren Text „Ich habe nicht verstanden“, denn der junge Mann, ein Türke, der gut deutsch spricht und dessen Traum eine neue Heimat in Kassel ist, wiederholt diesen Satz mehrfach, wenn er einfach nicht versteht, was die Schriftstellerin aus Deutschland von ihm will. Sie sprechen zwar die gleiche Sprache – er sehr gut deutsch, sie kann holprig türkisch lesen – aber es gibt Momente, in denen die Kulturen soweit auseinanderklaffen, dass es zum Achselzucken kommt. Wenn Sie nach Istanbul reisen, irgendwann, dann lesen sie kurz diesen Text durch. Er stimmt sie ein in die Atmosphäre der Stadt, obwohl er sich nicht als Reiseführer eignet.
Modiano habe ich zu Beginn schon erwähnt, der sich am Ende des Bandes mit der Kunst der Erinnerung befasst. Dass die Erinnerung uns jedoch immer wieder einen großen Streich spielt, haben wir in den letzten Jahren in der Literatur nachlesen können.
Das Akzente-Heft wäre nicht das Akzente-Heft, wenn keine Lyrik darin vorkommen würde. So haben wir hier (ins Deutsche übertragene Gedichte) von Liao Yiwu, Peter Nádas, Thomas Lehr, Charles Simic, Les Murray, die sich in anderer Form mit dem Thema Wörter befassen.
Gut, dass es noch solche Bücher und Zeitschriften gibt, die uns erden in der Flut der vielen Romane und Neuerscheinungen.

Leseproben

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Ist nicht Pfefferkuchen so ein Wort, das wir mit vielen Erinnerungen verbinden.
Das
sind übrigens meine ersten selbstgemachten.

Freitag

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Nachdem der Arche Kalender gestern vermeldete, dass Chesterton Geburtstag hat (fälschlich), so bringt es heute der Harenberg Kalender richtig.
G.K.Chesterton * 1874
Kerstin Hensel * 1961
haben heute Geburtstag.

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Gleich zweimal in der gestrigen Südwestpresse.
Einmal als der Mann mit der Höhenangst und einmal als Buchempfehler.
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Buchtipp:

warum2warum

„Warum!“
Mit Kindern die Natur erleben
Kinderfragen & Antworten rund ums Jahr
Carlsen Verlag € 16,90

1.000 Fragen stellen Kinder am Tag, so sagt es eine Statistik. Wenn sie auch nicht stimmen sollte, Fragen werden dauernd gestellt und auf die meisten haben wir keine wirklich fundierte Antwort. Irgendwie eiern wir doch oft nur rum. Dem kann jetzt abgeholfen werden. Und zwar mit dieser super gemachten „Zweitverwertung“.
Viermal im Jahr erscheint das Familienheft „Warum“ (€ 23,40 im Abo) und der Carlsen Verlag hat nun aus den wichtigsten Fragen ein klasse Buch gestaltet. Sortiert nach Jahreszeiten, finden wir viele Antworten auf unterschiedlichste Fragen. Dazu noch ein umfangreiches Register und fertig ist das ideale Hausbuch zum Thema „Natur“ rund ums Jahr.

So finden wir in der Rubrik „Frühling“ u.a. folgende Fragen:
Wie kriegt das Küken im Ei Luft?
Bauen Fische auch Nester?
Knutschen die eigentlich?
Wie kommt die Blume aus der Zwiebel?
Wie verwandle ich einen Balkon in ein Draußenzimmer?
Was ist eine Larve? Und welche Larve gehört zu welchem Tier?
Treffen sich auf dem Blocksberg wirklich Hexen?
Wie machen Grillen Geräusche?
Darf man Enten füttern?

Sie merken, es geht kreuz und quer und immer sind es handfeste Fragen, die dann kurz und kompetent beantwortet werden.

In den anderen Monatskapiteln finden sich u.a. folgende Fragen:
Warum ist der Himmel blau?
Wie entsteht ein Gebirge und wie ein Gewitter?
Warum sind Quallen glibberig?
Warum kommen bei Regen Regenwürmer aus der Erde?
Wie baut die Spinne ein Netz und wie baue ich einen Drachen?
Zum Schluss noch:
Warum stellen wir uns einen Tannenbaum ins Zimmer?
Wie backe ich Lebkuchen?
Wie ensteht Schnee und warum ist er so schnön weiss und knirscht?
Frieren Fische eigentlich und bekommen Möwen kalte Füße?

Und und und und und ….
Sie wissen ja: 1.000 Fragen am Tag.
Jetzt sind wir aber gerüstet!
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Preview zur Literaturwoche.
Am kommenden Dienstag gibt es wieder eine „Erste Seite“ mit drei neuen Büchern und Clemens Grote. Diesmal mit dabei das Kabaretduo Münch & Sauer mit ihrem neuen Programm:
„Global – Digital – 4.0“

„Herzlich Willkommen zur industriellen Revolution „Global – Digital – 4.0!“

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Seien Sie Revolutionäre der ersten Stunde. Deutschland ist Hochlohnland, wir dürfen jetzt digitalen Anschluss nicht verpassen. Wir haben den Byte, den Biss, bis alles vernetzt ist. Alles und alle. Münch & Sauer spinnen an spektakulären Zukunftsvisionen, die auch den letzten Zweifler überzeugen.
Im Internet der Dinge bekommen Gegenstände eine eigene Identität, ein Gedächtnis und können selber Entscheidungen treffen. Wird dann die Revolution 4.0 zu einer Revolution der intelligenten Haushaltsgeräte? Kommt es zu einer Meuterei im „Smart Home“? Mit dem Ziel der Weltherrschaft? Es geht schließlich um Globalisierung…
Darum Schluss mit dem Toast auf den Präsidenten – Toaster for President!
Aber: Wenn unsere Geräte immer intelligenter werden, wer ist dann am Ende der Dumme?

Samstag

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Heute haben
Harry Graf Kessler * 1868
Max Herrmann-Neiße * 1886
Pär Lagerkvist * 1891
Annemarie Schwarzenbach * 1908
Geburtstag

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Zeitschrift für Ideengeschichte
Heft IX/2 Sommer 2015
Das Dorf
C.H.Beck Verlag € 14,00

Jürg Beeler: „Das Rumoren des Dorfes“

Stadtluft macht frei.
Wer atmen will, braucht nicht saubere Luft. Wer atmen will, kehrt dem Dorf seiner Kindheit für immer den Rücken. Das Dorf ist eine eifersüchtige Mutter, besitzergreifend und rachsüchtig. Sie erstickt ihre Söhne. Die Menschen, mit denen ich mich verstand, waren Nomaden wie ich. In einem Dorf aufgewachsen, lebenslänglich auf der Flucht vor diesem Dorf. Dorfgeschädigte, wenn man so will. Es gibt zwei Gattungen von Menschen, sie haben nichts miteinander zu tun: Nomaden und Sesshafte. Mit den Sesshaften verband mich nie eine wirkliche Freundschaft. Der Nomade raucht vielleicht dieselben Worte wie der Sesshafte, aber er redet eine andere Sprache.

Und so erzählt Jürg Beeler über seine schöne Mutter und seinen Vater, dessen Vater Roma war und die Frauen mit seiner Klarinette verzauberte. Jürg Beeler ist im Dorf Aussenseiter und in der großen Stadt Nomade. Wobei sich Zürich später auch nicht gerade als Metropole erwiesen hat.
Oliver Müller schreibt über „Heideggers Dorf“ und Stefan Höhne über die „Idiotie des Stadtlebens“.

Kann man von den Städten sprechen und über die Dörfer schweigen? Glaubt man den Sozial- und Kulturwissenschaften, lässt sich dies verneinen.

Engels war ein vehementer Antiurbanist und Bismarcks Lieblingswunsch war der Untergang der großen Städte. Dies passt natürlich wie die Faust auf’s Auge auf den  Vortrag von Niklas Maak, vorgestern abend in der Ulmer Lichtburg. Dort berichtete er über die enorme Landflucht, das Anwachsen der Megazentren, das Fehlen von Millionen von Wohneinheiten und dass es noch nicht klar ist, wie das überhaupt zu bewältigen sei. Schon gar nicht mit unserer heutigen architektonischen Denkweise.

Christoph Engemann schreibt über „Die Farm der Daten und über den Auszug des Digitalen ins Grüne“. Was das nun wieder bedeutet ist ganz einfach. Je mehr Rechnerleistung, umso mehr Energie für die Kühlung der Rechnung. Und wo ist Strom und Grund billig? Auf dem Land und in ländlichen Gegenden, wo es auch noch eine kühle Brise vom Meer gibt. Und so ist Irland als Finanzoase auch von dieser Seite her der ideale Standort. Google besitzt weltweit etwa 50 dieser jeweils ca. 500 Millionen Kapital veranlagenden Anlagen.
Die Stadt bietet auch nicht mehr als das Dorf und wegen der Möglichkeit, man könnte, wenn man wollte, ist sie dem Dorf auch nicht überlegen.
So bietet dieses Sommerheft der Ideengeschichte eine ideale Ergänzung zu Niklas Maaks Buch „Wohnkomplex“ und dem heutigen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung zu Mikrowohneinheiten.
Ausserhalb des Themas „Dorf“ gibt es noch eine „Theologische Aufklärung“ von Friedrich Wilhelm Graf und
Fukuymas „Ordnung“
Dahrendorfs „Spuren“
Jägers „Witterungen“

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So sollte ich wohl ab jetzt neben „Sinn und Form“ auch die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ im Auge behalten und schauen, was die einzelnen Nummer zu bieten haben. Das Heft erscheint viermal im Jahr.

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Zum Thema
Jürg Beeler: „Das Rumoren des Dorfes“

Der Spiegel berichtet über eine Megacity in Saudi-Arabien.