Donnerstag, 5.April

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Heute haben
Robert Bloch * 1917
Arthur Hailey * 1920
Hugo Claus * 1929
Bora Cosic * 1932
Jochen Ziem * 1932
Werner J.Egli * 1943
Geburtstag
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Heute auf dem Lyrikkalender:

Wilhelm Müller

Wären Flüss und Meere Tinte, wär‘ der Himmel mein Papier,
Wüchsen Federn wie die Ähren auf der weiten Erde mir,
Hülfen mir die Engel schreiben um die Wette Tag und Nacht,
Sag‘, wann wär‘ es ausgeschrieben, was die Lieb‘ in mir gedacht?
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Susanne Link empfiehlt:

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Michael Gerard Bauer: „Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd & ich“
Aus dem Englischen von Ute Mihr
Hanser Verlag € 16,00
Jugendbuch ab 12 Jahren

Wie schafft ein Mann Jahrgang 1955 eine Frau Jahrgang 1970 dermaßen mit einem Teenie-Buch zu begeistern wie Michael Gerard Bauer mich?
Er trifft den Ton,den leicht-gequälten Ton einer 15- fast 16Jährigen,die locker-leicht, witzig über den neuen Partner ihrer Mutter (Nervensäge) spricht, kurz vor dem Abschlußball ihrer Schulzeit steht(ohne Freund oder männlichen Partner (Nerd?)) und dann beginnt die Geschichte auch noch an einem Freitag,den 13..
Da nächste Woche mal wieder so ein Freitag,der 13. ist und das Buch wirklich gut geschrieben ist, Michael Berard Bauer mich schon mit „Nennt mich nicht Ismael!“ begeistert hat, lege ich Ihnen Buch und Autor ans Herz.

Leseprobe

Auf der Internetseite des Verlages habe ich noch dieses gefunden:

5 Fragen an …
Michael Gerard Bauer

Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd & Ich ist aus der Sicht eines Mädchens geschrieben. Warum?
Der Roman ist aus einer Kurzgeschichte heraus entstanden, in der ein Mädchen und ihr Stiefvater in einem Supermarkt auf einen betrunkenen und gewalttätigen Motorradfahrer treffen. Diese beiden Figuren sind zu Maggie und Danny, der Nervensäge, geworden. Als ich die Geschichte geschrieben habe, wollte ich, dass Maggie ihre Sicht der Dinge wiedergeben und erzählen kann, mit all ihren Gefühlen und ihrer eigenen Persönlichkeit. Ich habe schon viele Geschichten aus der männlichen Perspektive geschrieben und wollte unbedingt mal eine Geschichte mit einer weiblichen Hauptfigur schreiben. Ich mag Maggie, sie war mir nah und ihre Stimme war mir vertraut. Es fühlte sich eher so an, als würde ich sie begleiten, statt sie zu „erfinden“. Aus der Maggie-Mädchen-Perspektive zu schreiben, war im Grunde nicht anders, als aus einer männlichen Perspektive wie der von Ismael Leseur zu schreiben. Aber darüber müssen schlussendlich die Leser entscheiden.

Ist es anders, für jugendliche Leser zu schreiben als für Kinder?

Was das Thema und die Komplexität der Sprache angeht, ist es anders, aber im Grunde zielt das Schreiben ja auf dasselbe ab: darauf, etwas zu schreiben, das die Leser mögen und in dem sie sich wiederfinden. Ein Autor ist immer der eigene erste Leser. Er muss etwas schreiben, das er selbst lesen möchte, eine Geschichte, die ihn bewegt und rührt. Also schreibe ich vielleicht für das noch vorhandene Kind in mir, wenn ich für jüngere Leser schreibe.

Sie behandeln ernste Themen auf eine sehr leichtfüßige und amüsante Weise. Wie zum Beispiel in Ismael das Thema Mobbing. Ist das Ihr spezielles Talent oder das Ergebnis harter Arbeit?
Man sagt ja, dass es eine feine Grenze gibt zwischen Komik und Tragik, und ich finde, das stimmt. Ich bin ein ziemlich emotionaler Mensch. Ich lache viel, bin aber auch nah am Wasser gebaut und habe schnell Tränen in den Augen – ob vor Lachen oder vor Traurigkeit. Ich mochte schon immer das Komische – in Büchern und Cartoons, im Fernsehen oder im Film – und ich bin ein Fan von vielen Comedians. Vielleicht habe ich mir unbewusst viel von diesen Humorexperten abgeschaut. Ich glaube, dass Humor sehr wichtig ist: in der Literatur, in der Kinder- und Jugendliteratur und natürlich generell im Leben. Wenn du über ein Problem lachen kannst, dann kannst du es auch nüchtern betrachten. Lachen ist eine Form von Trotz, es gibt dir Kraft und Stärke. So, als würdest du zu dem Problem sagen: „Du bist zwar ernst, aber du bist nicht größer als ich. Du wirst mich nicht kleinkriegen.“
Mit Humor zu schreiben ist für mich sehr naheliegend und folgerichtig, aber so wie jedes Schreiben ist es auch harte (Denk-)Arbeit. Ich mag es, humorvolle Szenen mit ernsten zu mischen. Zusammen machen sie die Geschichte stärker und intensiver und sie reflektieren das Leben, wie es ist. Wie sagt man so schön: Manchmal sollte man einfach lachen, wenn etwas schiefläuft. Natürlich ist nicht immer alles locker-lustig, und als Autor musst du wissen, wo du die Grenze ziehst.

In einer Patchwork Familie zu leben, scheint heutzutage völlig normal und alltäglich. Aber für die betroffenen Kinder ist es sicher nicht immer leicht. Wollen Sie Ihnen dabei helfen, ihre individuelle Situation besser zu akzeptieren?
Es gibt viele verschiedene Lebenssituationen, und ich denke, solange es die Liebe ist, die die Menschen verbindet, ist das alles, was zählt. Leider aber ist das oft nicht so. Maggie zum Beispiel ist verstört und verwirrt aufgrund der Scheidung ihrer Eltern, und da kann ich nicht einfach zu ihr sagen: Akzeptiere die Situation! Aber wenn ich mit ihr reden würde, dann würde ich sie wahrscheinlich wie Schwester Evangelista dazu ermutigen, die Dinge von einer höheren Warte aus zu betrachten und das Gute und Gelungene in ihrem Leben in den Blick zu nehmen und weniger das, was nicht so gut gelaufen ist. Und ich würde ihr sagen, dass es vielleicht nicht immer um einen selbst geht im Leben, auch wenn man das meint. Das sollten wir uns wahrscheinlich alle öfter ins Gedächtnis rufen.

Gibt es ein reales Vorbild für Maggie?
Niemand Speziellen. Als Lehrer habe ich viele Mädchen im Teeniealter unterrichtet und auf meinen Lesungen in Schulen spreche ich regelmäßig mit Schülern, also habe ich im Laufe der Jahre viele „Maggies“ getroffen. Und auch meine eigene Tochter Meg ist wahrscheinlich teilweise in Maggie verewigt. Ein paar von den Spitznamen, die Maggie so verhasst sind, wie zum Beispiel „Maggles“, „Meggles“ oder „Meggie-Mo“, rühren von Spitznamen für Meg her, die meine Frau und ich verwendet haben. (Ich bin sicher, Meg macht es überhaupt nichts aus, dass ich das hier erwähne!) Aber die Figur Maggie ist nicht meiner Tochter nachempfunden! Allerdings … ich meine mich zu erinnern, dass Meg einmal ziemlich überreagiert hat als Teenager, etwa so wie Maggie im Buch. Vielleicht war es auch zweimal. Oder vielleicht gar …
(Newsflash: Es könnte vielleicht sein, dass ich einiges gemeinsam habe mit der Nervensäge.)

Freitag, 29.Dezember

Heute haben
William Gaddis * 1922
Jo Pestum * 1936
Brigitte Kronauer * 1940
Geburtstag
und es ist der Todestag von Rilke.
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Wilhelm Müller
Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

Ich träumte von Lieb um Liebe,
Von einer schönen Maid,
Von Herzen und von Küssen,
Von Wonn und Seligkeit.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Herze wach;
Nun sitz ich hier alleine
Und denke dem Traume nach.

Die Augen schließ ich wieder,
Noch schlägt das Herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster?
Wann halt ich dich, Liebchen, im Arm?

Aus der Sammlung: Die Winterreise
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Jetzt sollten Sie diesen Roman lesen. In den Tagen und Nächten zwischen Weihnachten und Neujahr.

9783423142663

André Aciman:Acht helle Nächte
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
dtv  € 11,90

André Aciman, geboren 1951 in Alexandria, studierte Komparatistik in Harvard. Er ist Romancier, Essayist und Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft, zudem schreibt er für verschiedene New Yorker Zeitungen. Aciman gehört zu den führenden Proust-Experten. Auf Deutsch liegen seine autobiografischen Bücher „Damals in Alexandria“ und „Hauptstädte der Erinnerung“ sowie der Roman „Ruf mich bei deinem Namen“ vor. Aciman lebt mit seiner Familie in New York.

Mit seinem Buch über Alexandria ist er hier bekannt geworden und die Zeitungen haben sich fast überschlagen. „Ruf mich bei deinem Namen“ gibt es auch als Taschenbuch bei dtv. Und nun liegt dieser Manhattan-Winter-Weihnachts-Liebesroman bei uns auf dem Neuerscheinungstisch. Gut, ich gebe es zu, mich hat das Titelbild gepackt. Wie Sie oben gelesen haben, ist Aciman ein Proust-Verehrer und Experte; das zeigt sich auch hier. Sie brauchen schon etwas Geduld zu Beginns des Romanes. Es sind acht Nächte, die er hier beschreibt. Und das sehr detailverliebt. Gerade das erste Kapitel verleitet vielleicht, das Buch aus der Hand zu legen. Er landet durch eine Einladung auf einer Weihnachtsparty in der Upper East Side. Dort tritt eine junge Frau auf ihn zu, streckt im die Hand entgegen und sagt: „Ich bin Clara“. Dieses „Ich bin Clara“ zieht sich nun über Seiten hinweg durch das ganze erste Kapitel. Dieses „Ich bin Clara“ wird zum Leitmotiv für den ganzen Roman. Er könnte auch so heissen. Aciman beschreibt dieses Szenerie sehr genau, fast meint man in einem Kinofilm zu sehen. Einzelne Handbewegungen füllen Zeilen und werden von verschiedenen Seiten betrachtet. Allein, wie die beiden auf dem Balkon stehen und auf den verschneiten Riverside Drive hinterschauen, wie sie raucht und ihre Bloody Mary in den Schnee des Geländers drückt füllt Seiten. Die beiden reden und reden und reden und er ist ab dem ersten Moment von ihr fasziniert. Nein, eigentlich ist er total verknallt in sie. Er kennt sie nicht, weiß nichts von ihr, wird an diesem Abend (wie auch an den darauf folgenden acht Nächten) immer wieder vor den Kopf gestoßen. Und doch kann er nicht von ihr lassen. Eigentlich ein Woody Allen Film. Diese Dialoge, das dauernde Hinundher und das zaudernde Verhalten von ihm, wären doch der ideale Stoff für den Regisseur aus Manhattan. Die beiden gehen abends ins Kino, da gerade eine Eric Rohmer-Festival stattfindet. Sehr passend, da in diesen Filmen auch nicht mehr passiert, als dass die Verliebten miteinander reden und nie richtig zu Potte kommen. Danach gehen sie in „ihre“ Bar, und reden und reden. Sie ist sehr direkt, sagt, was sie denkt. Macht immer wieder Dinge, die ihn aus dem Konzept bringen. Er hingegen, wartet, sitzt im Park unter ihrer Wohnung und träumt sich in eine Beziehung mit ihr. Sie machen Ausflüge mit dem Auto, sie besuchen sich gegenseitig in ihren Wohnungen; ein spontaner Kuss von ihm, bringt sie jedoch dazu, ihn brüskt wegzuschieben. Er sitzt daheim, traut sich nicht, die Wohnung zu verlassen, da er auf einen Anruf von ihr erwartet, der nicht kommt. Er lässt sein Handy aus, weil er nicht sehen will, dass keine SMSe von ihr ankommen. Es stellt sich jedoch heraus, dass sie mehrfach versucht hat, ihn anzurufen.
Sie merken schon: Alles nicht so einfach. Wenn Sie durch das erste Kapitel durch sind und sich an den angenehm fließenden Stil gewohnt haben. Wenn Sie sich darauf einstellen, dass nicht allzuviel passiert, wenn Sie es genießen können, den Dialogen zu lauschen, wenn sich gerne verwundern lassen, wie die beiden sich verhalten, dann sind Sie hier richtig aufgehoben. Es ist tiefster Winter, es sind 500 Seiten … genau das Richtige für diese kalten dunklen Abende, die hier zu acht hellen Nächten werden. Es ist fast schon eine Proust’sche Suche nach der dahinrasenden Zeit, die hier fast still zustehen scheint. Und einfach einfach ein gelungenes Buch zum Thema: Liebe.

Mittwoch

Heute haben
Wilhelm Müller * 1794
Georg Hermann * 1871
Thomas Kennelly * 1933
Jesús Díaz * 1941
Geburtstag

Wilhelm Müller
Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann,
Und mit starren Fingern
Dreht er, was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Schwankt er hin und her;
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an;
Und die Hunde brummen
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen
Alles, wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter,
Soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?


Die Menschen, die nach Ruhe suchen…

Die Menschen, die nach Ruhe suchen,
die finden Ruhe nimmermehr,
weil sie die Ruhe, die sie suchen,
in Eile jagen vor sich her.
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Katharina Hacker:Skip
S.Fischer Verlag € 21,99
als E-Book € 18,99

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Der Umschlag des neuen Romanes von Katharina Hacker fällt ins Auge. Schwarz mit weißem Blitz. Dazu noch der kurze Titel „Skip“. Rätselhaft ist es schon immer in den Büchern von ihr. Auch ihre letzte, schmale Veröffentlichung „Eine Dorfgeschichte“ sah zwar idyllisch aus, hatte doch so seine Haken und Ösen. Mit „Die Habenichtse“ erhielt sie 2006 den Deutschen Buchpreis und las kurz vorher bei uns in der Buchhandlung. Lang ist es her und ich habe ihr Werk seidem den nicht mehr aus den Augen verloren, nicht alles kapiert und auch mal ein Buch weggelegt. Das hier interessierte mich allein wegen des Klappentextes. Skip ist der Name eines israelischen Architekten aus Tel Aviv. Somit kommt Katharina Hacker wieder zu ihren Ursprüngen zurück. Denn mit Skizzen aus dieser Stadt trat sie zum ersten Mal ins literarische Licht. Skip ist auch so ein Habenichts, einer, dem der feste Boden unter den Füßen fehlt. Wir haben hier also beide Hauptthemen aus Hackers Werk in einem Roman verbunden. Israel, bzw. das jüdischen Leben und die dazugehörende Vergangenheit und Menschen auf der Suche nach sich selbst.
Skip ist Architekt, der bekommt aber keine Aufträge für neue Häuser, sondern er darf nur renovieren. Er leidet unter seiner Familie, hat einen jüdischen Vater, aber eine nichtjüdische Mutter. Er selbst ist Vater zweier Kinder, hat sie aber nicht mit seiner Frau gezeugt, da er wohl unfruchtbar ist. Seine Frau stirbt an Krebs und er hat, während sie in der Klinik liegt, eine Affäre mit einer anderen jüngeren Frau. Katharina Hacker stellt diesen Skip in den Mittelpunkt ihres Romanes und wenn wir to skip aus dem Englischen übersetzen, heisst das soviel wie überspringen. Dieser Name nervt ihn selbst, seit er denken kann. Er weiss nicht, warum ihm seine Eltern einen solchen gegeben haben. Als Konstrukt und Teil eines Ganzen wird klar, warum die Autorin genau diesen Vornamen gewählt hat. Skip geht nicht geradlinig seinen Weg, hat keine genaue Biografie vor Augen. Skip ist hin und her gerissen zwischen seinen Zweifeln und auf der Suche nach sich, seiner Vergangenheit und auch seiner Zukunft. Er setzt seine Ehe aufs Spiel, seinen Beruf und alles, was ihm lieb ist.
Skip zieht es urplötzlich weg weit. Eine innere Stimme ruft ihn und er setzt sich in ein Flugzeug nach Paris. Nicht, um sich mit seinen Eltern zu treffen, die dort in der Nähe wohnen. Er weiss es selbst nicht, was er hier soll. Bis er mitbekommt, dass es ein großes Bahnunglück gegeben hat, mit vielen Toten. Das Gleiche passiert ihm mit einem Flugzeugabsturz in Amsterdam. Er wird an Orte gerufen, an denen großes Leid geschehen ist.
Katharina Hacker schickt diesen zerissenen Menschen auf verschiedene Reisen. Reale und fiktive im Kopf. Sie schreibt über die israelische Geschichte, jüdische Traditionen und Lehre, kommt ins Mythische, springt in den Handlungen. Skip bleibt uns immer etwas fern. Wir hoffen mit ihm, lesen aber, wie er von einem Unglück ins andere stolpert.
Katharina Hacker geht mit „Skip“ ein großes Wagnis ein, hat aber einen hochaktuellen Roman über uns Habenichtse und die Zerissenheit unserer Welt geschrieben, in dem ich nicht alles verstanden, ihn jedoch sehr gerne gelesen habe.

Leseprobe


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Nachdem gestern abend bei uns in der Buchhandlung Tini Prüfert vom Theater Ulm ihr Knef-Lied a capella gesungen hatte, da das mit dem Playback nicht geklappt hat, versuchen wir es übermorgen mit Kai Weyand noch einmal live.
Er liest am Donnerstag ab 19 Uhr aus seinem Roman: „Applaus für Bronikowski“.
Hier ein weiterer Textauschnitt:

Jetzt gibt’s erst mal Nachtisch. Die Mutter stand auf, ging zum Kühlschrank, und bevor sie die Tür öffnete, drehte sie sich um und strich Nies übers Haar. Dann holte sie ein Tiramisu und stellte es auf den Tisch.
Der Vater stupste Nies an den Arm: Ich hätte was drum gegeben, in deinem Alter alleine wohnen zu dürfen.
Er lachte. Nies nicht. Er nahm das Schälchen mit Tiramisu und warf es aus dem gegenüberliegenden Fenster. Dann rannte er in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich, schmiss sich aufs Bett und ließ seinen Tränen freien Lauf. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so fremd und einsam gefühlt. Warum konnte er nicht einfach gut finden, was alle um ihn herum gut fanden? Hinter der Tür hörte er die Stimme seines Vaters.
Er wird sich beruhigen, wenn er erst die Vorteile sieht.
Es klang, als müsste Nies nur eine Rechenaufgabe lösen und eins und eins zusammenzählen. Aber wenn er das tat, eins und eins zusammenzählte, dann ergaben sich keine lustvollen Bilder eines jugendlichen Lebens ohne Eltern, sondern Vorstellungen, die er als qualvoll empfand: Kein Mittagessen, wenn er aus der Schule kam, keine saubere Wäsche, wenn er sie brauchte, dafür einen Bruder, der darauf bestand, dass er die Toilette öfter zu putzen hatte, weil er sie naturgemäß öfter benutzen würde als sein Bruder, der erst am frühen Abend von der Arbeit nach Hause kam und dementsprechend die Toilette prozentual weniger verschmutzte. Mathematisch konnte Nies seinem Bruder nicht das Wasser reichen, und da Bernd Gerechtigkeitsfragen zu Problemen mathematischer Verhältnismäßigkeiten erklärte, konnte Nies es sich sparen, darauf hinzuweisen, dass es gerecht wäre, einfach abwechselnd zu putzen.
Wer mehr isst, bezahlt mehr, wer mehr pisst oder scheißt, putzt mehr. Man konnte diese Sicht verachten, aber es war schwer, ihr etwas zu entgegnen. Bernd sah die Welt als etwas, das sich ausrechnen ließ. Jedes Ereignis ließ sich in Zahlen ausdrücken, und Gefühle waren für ihn Ausdruck von Unsicherheit, die sich leicht beheben ließ, wenn man die zugrunde liegenden Faktoren genau betrachtete. Gefühle, Meinungen waren keine Ergebnisse von Empfindungen, sondern Rechenleistungen. Wenn das Essen nicht schmeckte, rechnete Bernd nach, ob es ihm nicht doch schmecken müsste, weil es einem super Preis-Leistungs-Verhältnis entsprach. Deswegen war er vollkommen einverstanden mit der Entscheidung seiner Eltern, nach Kanada auszuwandern. Er sah den Lottogewinn als ertragreiche Geldanlage und die Auswanderung als Investment in Lebensoptimierung.