Donnerstag, 7.Juni

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Iller und Donau

Heute haben
Mascha Kaleko * 1907
Orhan Pamuk * 1952
Louise Erdrich * 1954
Fred Vargas * 1957
Geburtstag
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Georg Heym
Juni Nachmittag

Der Juniregen rauscht im Blätterwald.
Vom stillen Flusse an der Inselsteigt
Des Wassers warmer Rauch auf. Ringsum schweigt
DerVögel Stimme. Nur der Kuckuck ruft
Durch graue Dämmrung. Von des Waldes Boden
Erhebt der Duft sich von der toten Jahre
Versunknen Blättern, mischt sich dem Geruch
Der Felder, drauf die jungen Saaten blühn
Und des Holunders, der in Blüte steht
Am Waldesrand. Von ferne her erklingt
Des Kirchturms Läuten zu dem Vesperdienst.
Sonst hörst du keinen Laut, als nur des Regens
Eintönges Rauschen in dem Blätterwald.
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Susanne Link empfiehlt:

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Håkon Øvreås: „Super-Laura“
Aus dem Norwegischen von Angelika Kutsch
Illustriert von Øyvind Torseter
Hanser Jugendbuchverlag € 12,00
ab 11 Jahre

Endlich, nach Super-Bruno und Super-Matze ist nun die dritte im Bunde dran.
Håkon Øvreås beschreibt mit unglaublich viel Liebe und Humor Laura oder Blaura
wie sie sich manchmal nennt und ihre Freunde. Herrlich, mit Laura auf dem Wintermarkt und der Kuchenlotterie und am Schluß taucht auch noch Gelbina auf. Vielleicht die zukünftige vierte im Bande. Unbedingt lesen!

Leseprobe

Håkon Øvreås, 1974 in Norwegen geboren, studierte Literaturwissenschaft und schreibt Lyrik. Sein Kinderbuchdebüt Super-Bruno (2016) wurde mit dem Staatspreis des norwegischen Kulturministeriums, dem Literaturpreis des Nordic Council sowie dem LUCHS ausgezeichnet und ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Mit Super-Matze folgte 2017 die Fortsetzung dieser Geschichte, die im Frühjahr 2018 mit Super-Laura abgeschlossen wird.
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Anja Kampmann liest bei uns in der Buchhandlung.

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Montag, 18.Juni um 19 Uhr
Anja Kampmann: „Wie hoch die Wasser steigen“
Eintritt € 10,00

Dienstag, 5.Juni

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Heute haben Geburtstag:
Federico Garcia Lorca * 1898
Otto F.Walter * 1928
Thomas Kling * 1957
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978-3-15-019116-3

Juni
Gedichte
Hrsg.: Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

„Frühling lässt sein blaues Band ….“
Von wegen. Der Mai ist vorbei, die Kulturzelte sind aufgebaut, die Theater denken an ihre Sommerpause.
Wir können uns jedoch ganz entspannt zurücklehnen, da wir wissen, dass der Reclam Verlag für jeden Monat ein Gedichtbändchen für uns und unsere Hosentaschen hat. Das Wetter könnte nicht besser sein und so hoffen wir auf keine „Düsteren Junitage“, wie die Herausgeberinnen ein Kapitel überschrieben haben.

Im bunten Wiesenstück
Blütenduft und erste Früchte
Düstere Junitage
Der Sommer ist da
Besondere Tage

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Christian Morgenstern
Butterblumengelbe Wiesen

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt –
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug‘ dich nie gewöhnt!

Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift –
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

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Wilhelm Runge
Blumen flattern Sommer

Blumen flattern Sommer
Duften nimmt beide roten Backen voll
Falter wiegen Wald
Goldkäfer schreien
Mücken strampeln himmelauf und ab
heiß im Arm der Fische hängt das Bächlein
Unken patscht Libellenflügel wach

Zweige lachen
tuscheln
sonnen
strömen
Vögel wogen Wiesen
liegen flach
ziehn die Ahorndolden an den Händen
böse schelten Bienen in den Bart
Zwitschern streckt die sommerschweren Glieder
taumelnd tollt des Atems Flügelschlag
und der Augen wilde Rosen springen.

Das Denken träumt
Gelächter reimt die Straßen
zum Tanz des Blutes
schläfenaufundab
die Adern blinzeln Frühling durch die Knochen
und schlürfen tief den schweren Himmel ein
Wind spielt der Augen froh geschwellte Segel
der Stirne Knoten löst vom Tode sich
weiß über Wiesen schnattern Dörfer hin
die Städte fauchen
und zankend zerrn die Pulse ihre Zügel
nur deine Seele spielt im Sternjasmin
Lieb-Brüderchen Maßloslieb-Schwesterlein

Rosen nicken aus den Junistunden
trällern Sommerblau den Matten hin
mild aus tiefstem Herzen grünt die Heimat
ihre Lippen murmeln wälderschwer
überwelthin schwingt die Sterne Zeit
Kinderwangliebkinderwanggereiht
Krieg brüllt auf
die wilden Blumen schrein
Sonne leckt Gestöhn aus allen Poren
Frieden holt den tiefen Atem ein
und der Nächte durchgewühlte Locken

schmeicheln um der Seele zitternd Knie
Angst zerreißt der Sterne Himmelglanz
und der Abend drückt die Augen blind
einsam geigt
tief hinter Blut geduckt
ewger Kindheit wildumsehntes Glück
und der Sehnsucht über die Welt
hängende Herzen
schlagen

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Klabund
Die Wirtschafterin

Drei Wochen hinter Pfingsten,
Da traf ich einen Mann,
Der nahm mich ohne den geringsten
Einwand als Wirtschafterin an.

Ich hab‘ ihm die Suppe versalzen
Und auch die Sommerzeit,
Er nannte mich süße Puppe
Und strich mir ums Unterkleid.

Ich hab‘ ihm silberne Löffel gestohlen
Und auch Bargeld nebenbei.
Ich heizte ihm statt mit Kohlen
Mit leeren Versprechungen ein.

Ich habe ihn angesch…
So kurz wie lang, so hoch wie breit.
Er hat mich hinausgeschmissen;
Es war eine wundervolle Zeit…
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Unsere nächsten Veranstaltungen:

Dienstag, 5.Juni um 19 Uhr
Die erste Seite
Wir stellen vier neue Bücher vor.
Es liest Clemens Grote.
„Voll im Leben“ von John Fante
„Die Frau, die liebte“ von Janet Lewis
„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard
„Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf mit Sandra Hüller
Eintritt frei

Und dann eines meiner Lieblingsbücher des Jahres:

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100

Montag, 18.Juni um 19 Uhr
Anja Kampmann: „Wie hoch die Wasser steigen“
Auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis
Lesung
Eintritt € 10,00

Freitag, 9.Februar

Heute haben
Felix Dahn * 1834
Amy Lowell * 1874
Brendan Behan * 1923
Thomas Bernhard * 1931
John Maxwell Coetzee * 1940
Alice Walker * 1944
Geburtstag
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Max Dauthendey
Der Mond, der ohne Wärme lacht

Drüben über dem Fluß in der Nacht
Schwimmen die Berge im mondigen Nebel.

Im Fluß, im Dunkeln, da funkeln sacht
Die hellen Wellen in grellen Kreisen.

Im Himmel steht, großes Feuer entfacht —
Der Mond, der ohne Wärme lacht,

Wie einer, den Liebe längst umgebracht.
Nun lebt er noch als Geist bedacht.
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Die Shortlist für den Leipziger Buchpreis wurde in den Kategorien Romane, Sachbücher und Übersetzungen bekanntgebenen.

http://www.leipziger-buchmesse.de/neuigkeiten/die-nominierten-des-preis-der-leipziger-buchmesse-2018/772444

Das ist der Grund, warum ich heute diesen Erstlingsroman vorstelle, der auch auf der Liste auftaucht.

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Anja Kampmann:Wie hoch die Wasser steigen
Hanser Verlag € 23,00

http://zehnseiten.de/de/buecher/detail/anja-kampmann-wie-hoch-die-wasser-steigen-652.html

Ein Roman unter vielen, die wir vorab von den Verlag zugeschickt bekommen. Als der Vertreter im Haus war, hatte ich noch nicht hineingeschaut, er legte es mir jedoch ans Herz. Guter Rat, kann ich da nur sagen. Ich habe das Buch verschlungen, war verwundert, erstaunt, verwirrt und extrem fasziniert.
Wie kann eine so junge Autorin so ein Buch schreiben? Unglaublich. Anja Kampmann hat im Hanser Verlag ein Buch mit Gedichten veröffentlicht und das merkt man ihrer Sprache an. Ansonsten ist es eine Reise ins Innere eines Mannes, der jahrelang auf einer Bohrinsel gearbeitet hat.
Männer auf Bohrinseln müssen ein eigener Schlag sein. Sie verdienen zwar viel Geld, die Arbeit ist jedoch hart, nervenaufreibend und stumpft die Sinne ab. So auch bei Waclaw, der Hauptfigur. Er hat in einer Sturmnacht seinen besten Freund Mátyás verloren. Einfach über Bord. Über Jahre haben sie Arbeit und Freizeit geteilt, schliefen in gleichen Zimmern und fuhren gemeinsam in Urlaub. Sie verdienten zusammen viel Geld und haben es gemeinsam wieder ausgebenen. Nun ist diese Leere und Waclaw macht sich mit den Habseligkeiten von Mátyás auf die Reise nach Ungarn, dort wo dessen Familie ist. Diese Odyssee ist oft schwer zu ertragen. Denn obwohl Waclaw viel Geld hat, reist er wie ein Oblachloser, lässt sich mitnehmen, übernachtet im Freien und oft am Rande der Legalität. Es gibt Passagen in diesem Buch, die ich mir als Graphic Novel mit schwarzer Tusche gezeichnet wünsche. Unglaubliche Bilder tauchen auf und ich frage mich, wie diese junge Autorin das geschafft hat. Sie schreibt gegen den Strich, vermeidet jegliche literarische Peinlichkeiten und Glattgestrichenes. Stark, hart, aber nie brutal oder derb liest sich das oft. Und gleichzeitig tauchen Sätze auf, die ich unterstreichen wollte. Die Handlung springt in den Kapiteln, genauso wie unsere Gedanken hüpfen und uns oft nicht zur Ruhe kommen lassen.
Waclaws Reise führt ihn bis in seine Heimat, dem Ruhrgebiet, um eine alte Freundin zu treffen und seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Aber auch wie bei Odysseus ist seine Reise noch nicht zu Ende und er zieht weiter bis nach Polen, um dort ein Zuhause zu finden. Ob dies allerdings der Endpunkt sein wird, steht in den Sternen.

Ich freue mich, daß es dieses Erstlingswerk in die Shortlist geschafft. Eine Lesung bei uns im Buchladen mit der Autorin ist für dieses Frühjahr geplant. Vielleicht klappt das ja.

„Es kam ihm unwirklich vor, alles, die gesamten letzten Jahre. Als wäre er schon weit weg von all dem. Oder als verschränkte sich diese Zeit mit Mátyás irgendwo tief in ihm mit einem anderen Verschwinden, für das ihm seit Jahren keine Sprache geblieben war. Es war ein Pochen, dumpf und weit weg, als würde er an einer Staumauer lehnen und hörte auf der anderen Seite die heftigen Bewegungen von ein paar Steinen am Grund. Wie ein Hohlraum, der ihm nie aufgefallen war.“

„Ich hab tatsächlich viel über diese Arbeitermilieus gelesen und diese physische Arbeit, die so unsichtbar geworden ist, ernst zu nehmen, war sicherlich ein großes Anliegen. Und gleichzeitig kommt man, wenn man darüber erzählt, einfach in die Situation, dass es eine Figur ist, die einfach in dieser Welt ist und die da ihre eigenen Probleme hat. Es wäre nichts fiktiver als ein Ölbohrarbeiter, der den ganzen Tag über die Arbeitswelt des Ölbohrens sinniert, sondern der hat dann eher andere Sorgen.“
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5 Fragen an Anja Kampmann

Ihr Roman beginnt auf einer Ölbohrplattform. Haben Sie dort schon einmal gearbeitet?
Auf eine Ölplattform zu kommen ist höllisch schwierig. Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen, die dort draußen viel Zeit, sogar Jahre verbracht haben, in Papua Neuguinea, vor Australien, in der Nordsee, im Golf von Mexiko. Die Abläufe und Routinen zu verstehen war mir sehr wichtig, die Zwölfstunden-Schichten, die physische Belastung, die technischen Abläufe. Darüber zu schreiben war eine Herausforderung, auch, einen Ton zu finden, der die Härte nicht verschweigt, aber sich dem Sujet nicht anbiedert. Und mich hat interessiert, was bringt die Männer (meistens sind es Männer) dazu, dorthin zu gehen, welchen Träumen jagen sie nach? Welche Sehnsucht ist so groß, dass ich mir drei Wochen am Stück eine enge Kabine mit drei anderen Arbeitern teile, die schlecht riechen und nicht einmal meine Sprache sprechen?

Beim Lesen könnte man denken, Ihr Roman sei für Sie ein Abenteuer, die Entdeckung einer anderen Welt. Stimmt das? Und suchen Sie so etwas auch, wenn Sie selber einen Roman lesen?
Gedanken, Situationen, Menschen, die mir begegnen und die mich umtreiben, bekommen eine größere Lebendigkeit, wenn sie in eine andere Hülle schlüpfen, in eine andere Welt verlagert werden, das gibt mir eine größere Freiheit. Für mich ist dieser Umweg von außen auch ein Weg, um die eigene Welt ganz anders und ganz neu zu sehen. Ein Autor kann sich ganz schön im Weg stehen, wenn er ständig etwas behauptet und findet und „schon immer so gemeint“ hat. Letztlich ist es für mich genauso fern und exotisch, über eine Ölplattform in der Bucht von Campeche zu schreiben, wie über das Ruhrgebiet, wo meine Eltern in den 60er Jahren aufgewachsen sind. Natürlich habe ich auch viele Recherchereisen unternommen, nach Tanger, Budapest, ich war in Kairo und in der Sinai-Wüste und dennoch; damit die Landschaften im Text bestehen, müssen sie durch eine Perspektive gebrochen werden.

Der Roman beginnt auf dem offenen Meer, hält inne über den Dächern von Kairo, in den italienischen Bergen, und dann geht er in Richtung Ruhrgebiet. Wenn man sagen würde, das sei eine Art langsame Heimkehr, wären Sie da einverstanden?
Waclaw ist keiner, der die Hände im Schoß faltet, über das Leben nachdenkt und beschließt nach Hause zu fahren. Er hat zwölf Jahre ein recht rasantes Leben gelebt, war auf der ganzen Welt, hat gut verdient, in all dem gab es scheinbar keine Notwendigkeit, sich diesen großen Fragen zu widmen. All die Stationen, die er da meistert, haben ja etwas von einer Flucht, sie haben für ihn den anfänglichen Reiz verloren. Wenn einer nicht zurück kann, nirgends Fuß fasst, dann wird alles beliebig. Zum Beispiel sitzt er in Tanger auf einer Dachterrasse von einem Hotel und trinkt Whiskey Sour. „Alles war zu süß“, heißt es da. Dieser Mann ist zu alt für Entdeckungsreisen, immer wieder stößt er auf sich selbst, auf seine Müdigkeit und Ängste, und dann reist er weiter. Er will nicht hinsehen. Er treibt nach Hause, driftet. Und das ist doch komisch: Er hat so viel Geld gemacht, er kann überall hinfahren. Dennoch scheint er nicht über sein eigenes Leben verfügen zu können, er hat keine Richtung mehr, keinen inneren Kompass. Aber er hat eine Sehnsucht nach diesem Gefühl, das er von früher kennt, und das sind oft Bilder von Gemeinsamkeit, nicht mehr, als am Fenster zu stehen und mit Milena in den Regen zu sehen.

Ihr Roman hat einen ganz eigenen Rhythmus, eine ganz eigene Sprache, die einen nicht mehr loslässt. Ist Ihnen das beim Schreiben bewusst? Wie würden Sie das selbst beschreiben?
Die Sprache, der Rhythmus, wie ein Satz klingt, wie ein Bild gebaut ist, das ist mir alles sehr wichtig. Ich lese sehr ungern Bücher, die von A nach Z durchgeplottet sind, und in denen dann Sätze stehen wie: Er sah sich mit seinen stahlblauen Augen um, oder sowas. Mir ist es wichtig, das Erzählen ernst zu nehmen, die sinnliche Welt, in der wir uns bewegen, und die Figuren nicht von außen zu erklären, sondern eher Bilder zu schaffen, in denen sie sichtbar werden, Situationen, kleine Binnenerzählungen, die den Text auf eine Art erfahrbar machen. Dass ich das Ganze auf kleinem Raum verdichte, ist wohl eine Berufskrankheit, da ich aus der Lyrik komme. Aber im Roman ist es eben reizvoll, die Details dem Erzählen unterzuordnen, neu abzuklopfen, es bedeutet ja auch für mich, die Perspektive zu verschieben. Das ist spannend. Sonst weiß ich ehrlich gesagt manchmal nicht, was so anders ist an diesem Erzählen, mir kommt es oft immer noch vor wie ein Versuch, diese komplizierte, schimmernde Welt ein bisschen zu bändigen.

Ihr erstes Buch war ein Gedichtband. Was ist anders beim Schreiben, wenn man an einen Roman geht? Und was ist das größere Abenteuer, das größere Risiko?
Ich glaube, Gedichte schreibt man in einem anderen Modus, man ist viel mehr bei sich, und man kann sie nicht erzwingen – dem Roman muss man auf eine Art auch dienen, man denkt in ganz anderen Zusammenhängen. Es war auch eine Befreiung, auf andere Welten zuzugehen, zu recherchieren; Hintergründe und Zusammenhänge musste ich mir oft lange erarbeiten, auch wenn sie im Text im besten Falle noch einen Halbsatz abbekommen. Die ganze Ölindustrie, das katholische Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, die Menschen in einer Zechensiedlung, Ungarn nach dem Aufstand 1956, da ist viel, was ich mir erschlossen habe, ohne dass meine Figur sich notwendigerweise dafür interessiert. Die Geschichte hat mich ungefähr fünf Jahre begleitet, die Figuren darin – sie machen Fehler, sie sind nicht nett, aber das müssen sie auch nicht sein.
Was ich im Erzählen liebe, ist bei den Figuren zu bleiben, sie reden zu lassen, und eben auch die Möglichkeit, auf verschiedenen Ebenen zugleich zu erzählen. Natürlich ist es die Geschichte von einem Ölbohrarbeiter, aber es ist auch die Geschichte von einem Verlust und von einer Erfahrung, die viele kennen: Fremd sein, für lange Zeit an einen anderen Ort versetzt werden und dabei den Boden unter den Füßen verlieren. Nur ist es hier natürlich viel extremer. Aber das ist es ja: Wir gehen in eine völlig andere Welt und sprechen doch über unsere. Und wie sollte es auch anders sein?

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Bildrechte: Julia Henrich

Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren. Sie studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte in Zeitschriften, u.a. in Akzente, Neue Rundschau, Wespennest, und im Jahrbuch der Lyrik. 2013 wurde sie mit dem MDR Literaturpreis und 2015 mit dem Wolfgang Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig. Bei Hanser erschienen ihr Gedichtband Proben von Stein und Licht (Lyrik Kabinett, 2016) sowie ihr Debütroman Wie hoch die Wasser steigen (2018).