Freitag, 10.August

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Heute haben
Alfred Döblin * 1878
Milena Jesenská *1896
Jorge Amado * 1912
Emine Sevgi Özdamar * 1946
Geburtstag
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Christian Wagner
Spätes Erwachen

So wie ein Mensch nach lärmendem Gelag
Noch spät zu Mitternacht nicht schlafen mag
Und seine Ruh′ erst findet knapp vor Tag,

Und süß erst schläft bei hellem Morgenschein,
So reichte in die Jugend mir hinein
Versäumter Schlaf von einem vorigen Sein.

O wüßt′ ich doch, was mich nicht schlafen ließ!
Ob mich ein Gott vom Bacchanal verstieß?
Ob ich betrunken kam vom Paradies?
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Susanne Link empfiehlt:

9783803132963

Francesca Melandri:Alle,außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Wagenbach Verlag € 26,00

Die Kritik ist hingerissen und ich auch. Nach „Eva schläft“ wieder eine Vater-Tochter-Geschichte, die größer, aktueller, politischer und eine historische Lehrstunde in italienischer Kolonialgeschichte ist. Sehr gut erzählt, flott,witzig und ein toller Familienroman, der gut in die Ferien passt.

Dienstag, 27.Februar

Heute haben
Henry Longfellow * 1807
John Steinbeck * 1902
Lawrence Durrell * 1912
Elisabeth Borchers * 1926
Geburtstag.
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Henry Wadsworth Longfellow
The Happiest Land

There sat one day in quiet,
By an alehouse on the Rhine,
Four hale and hearty fellows,
And drank the precious wine.

The landlord’s daughter filled their cups
Around the rustic board;
Then sat they all so calm and still,
And spake not one rude word.

But, when the maid departed,
A Swabian raised his hand,
And cried, all hot and flushed with wine,
‚Long live the Swabian land!

‚The greatest kingdom upon earth
Cannot with that compare;
With all the stout and hardy men
And the nut-brown maidens there.‘

Ha! cried a Saxon, laughing,–
And dashed his beard with wine;
‚ I had rather live in Lapland,
Than that Swabian land of thine!

The goodliest land on all this earth,
It is the Saxon land!
There have I as many maidens
As fingers on this hand!

Hold your tongues! both Swabian and Saxon!
A bold Bohemian cries;
‚If there’s a heaven upon this earth,
In Bohemia it lies.

There the tailor blows the flute,
And the cobbler blows the horn,
And the miner blows the bugle,
Over mountain gorge and bourn.

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And then the landlord’s daughter
Up to heaven raised her hand,
And said, Ye may no more contend,–
There lies the happiest land!
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Omar Robert Hamilton. „Stadt der Rebellion
Wagenbach Verlag  € 24,00
Im Januar 2011 schauten wir von unseren Fernsehern aus auf die Ägyptische  Revolution auf dem Tahrir Platz in Kairo. Schon im Oktober 2011 walzen Panzer des ägyptischen Militärs vor dem Kairoer Rundfunkgebäude Maspero Demonstranten nieder. Was zwischen dem Sturz Mubaraks im Februar 2011 und der Machtübernahme durch den Militär Abdel Fatah Al-Sissi aus der Hoffnung der ägyptischen Bevölkerung, die mit der Parole „Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit“ auf die Straße gegangen ist, geworden ist, erzählt dieser Roman.
Im Mittelpunkt dieses Buchs stehen Kalif und Miriam, ein Liebespaar. Zusammen mit anderen jungen Aktivisten gründen sie das Chaos Kollektiv und machen es sich zur Aufgabe, die Revolution in Blogs, Film- und Tondokumenten zu begleiten und u.a. im Internet öffentlich zu machen. Zeitweise hat diese Gruppe, im wahren Leben trägt es den Namen Mosireen Collective, viele Tausende Menschen hinter sich, die sich hier informieren.
Der Autor und Filmemacher Omar Robert Hamilton, Sohn einer ägyptisch-palästinensischen Schriftstellerin und eines Briten war in Kairo zu dieser Zeit Mitglied des Mosireen Collective, er selbst steckt hinter der Figur des Khalif. Die Aktivisten wollen dokumentieren was geschieht, vor allem seit ein Militärrat nach dem vom Militär erzwungenen Rücktritt Mubaraks im Februar 2011 die vorläufige Macht übernommen hat. Sie sehen die Revolution in Gefahr und das zu Recht. Die Ereignisse überschlagen sich mehrfach. Aus der anfänglichen Euphorie und Hoffnung entstehen sehr bald Tod, Folter, Gefängnis und großes Leid. Dieses Buch beschreibt dies ganz schonungslos.

Dabei bedient sich der Autor verschiedener Formen und Elemente: Tweets, Schlagzeilen, Nachrichtenmeldungen und Protestparolen geben dem Roman einen dokumentarischen Charakter und helfen den Lesenden zu verstehen, was genau vor sich ging. Die Wahlen Mitte 2012, der knappe Sieg Mohammed Mursis und damit der Islamisten hat man damals in den Medien verfolgt. Hamilton aber macht die vielen kleinen Schritte, die aufbrechenden Zerwürfnisse innerhalb der ägyptischen Gesellschaft nachvollziehbar und er begibt sich mit seinen Helden Khalif und Miriam zu den Eltern und Familien der zu Tode Geschundenen und auf offener Straße Ver-schleppten und Getöteten. Dies ermöglicht es uns, die wir so geschützt und trocken und behaglich daheim vor unseren Nachrichten sitzen, zu verstehen, was dort geschehen ist und immer noch geschieht.
Denn:
In Ägyptens Gegenwart sind willkürliche Verhaftungen unliebsamer Personen im Namen der Terror-Bekämpfung ebenso an der Tagesordnung, wie Folter durch die Polizei. Gegenkandidaten für die Wahlen im März 2018 werden verhaftet oder eingeschüchtert. Nun mag mancher fragen, warum sich beschäftigen mit Tod, Verderben und Krieg. So häufig hören wir, daß wir in den Nachrichten immer nur mit Verfolgung und Elend konfrontiert werden. Gerade aus diesem Grund sollte man dieses Buch lesen. Hier kann man nicht den Sender wechseln, die Maus zu nächsten Seite gleiten lassen, den Schalter „Aus“ bedienen. Mit diesem Bericht stehen auch wir auf dem Tahrir und fühlen mit.

Mittwoch, 11.Oktober

Heute haben
Conrad Ferdinand Meyer * 1825
Gertrud von Le Fort * 1876
Francois Mauriac * 1885 (Nobelpreis 1952)
Boris Pilnjak * 1876
Anne Enright * 1962
Geburtstag.
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Conrad Ferdinand Meyer
Fülle

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zu Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
„Genug ist nicht genug!“ um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!
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Antonio Manzini:Spitzentitel
Aus dem Italienischen von Antje Peter
Wagenbach Verlag  €15

„Er schaut auf den Monitor seines Computers und schreibt ENDE auf das weiße Blatt. Es ist 23:30 Uhr an einem Oktoberabend, als der berühmte Schriftsteller Giorgio Volpe seinen neuen Roman abschließt. Am folgenden Morgen ruft er gutgelaunt im Verlag an, um die frohe Botschaft zu verkünden.“

Dort aber ist nichts mehr wie zuvor: Der Verlag wurde von einem Großkonzern geschluckt, nun haben windige Investoren das Sagen. Statt der vertrauten Stimme seiner Lektorin hört Volpe einen Anrufbeantworter in sieben Sprachen, und wenig später stehen zwei dubiose Typen vor der Tür, die sein Buch publikumstauglich umschreiben wollen. Doch damit fängt das Unheil erst an …

Was zuerst wie ein Alptraum, ein Wachtraum aussieht, entwickelt sich zur Realität. Große, wichtige, dicke Romane sind nicht mehr gefragt. Aber nicht nur daß gestrichen und gekürzt wird – weg mit den langatmigen Szenen – auch politisch korrekt sollte es sein. Keine zu schlechten Botschaften in dieser schlimmen Zeit dürfen in den Bücher stecken. So wird aus „Krieg und Frieden“ einfach nur „Frieden“. Das nur als kleines Beispiel. Romane werden auf ein Happy End hin umgeschrieben und SchriftstellerInnen geknebelt, zu einer bestimmten Zeit ein genaue Anzahl von Seiten abgeliefert zu haben. Und zwar nach den vorgebenen neuen Regeln.
Antonio Manzini ist hier eine messerscharfe und urkomische Persiflage gelungen, die nicht nur auf die Welt der Bücher zutrifft.
Lustig ist zusätzlich, daß im neuen Roman von Marc-Uwe Kling (der mit dem Känguru) genau das gleiche Thema aufgegriffen wird. Auch in „Qualityland“ wird alles glattgebügelt und gemainstreamt (schreibt sich das so?).
Beides sehr lustig und gleichzeitig bleibt mir das Lachen im Hals stecken.