Freitag, 28.August

Heute haben
Johann Wolfgang Goethe * 1749
Ernst Weiß * 1884
Liam O´Flaherty * 1896
Janet Frame * 1924
Jurij Trifonow * 1925
Arkadi Strugatzki * 1925
Mian Mian * 1970
Geburtstag
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Johann Wolfgang Goethe
Dem aufgehenden Vollmonde

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

Rutger Bregman: „Im Grunde gut „
Einen neue Geschichte der Menschheit
Rowohlt Verlag € 24,00

Im Zweifel für das Gute. Auch so könnte das neue Buch von Rutger Bregman heißen. Darin behauptet der niederländischen Historiker, dass wir im Grunde nichts lieber tun, als einander zu helfen, zu teilen und ein sozialverträgliches Leben zu führen. Die bisher geltende Annahme, dass wir, einmal in eine Konflikt- oder Krisensituation gekommen, nur die eigenen Bedürfnisse befriedigen, hamstern, rauben und töten, stellt Bregman radikal in Frage. Und findet dafür allerorts anschauliche Beweise. Etwa mit dem Phänomen der Solidaritätswelle nach den Wirbelsturm Katrina 2005 oder der zutiefst humanen Geste während der Twin Tower-Katastrophe: Hier ließen sich die Menschen in den Treppenhäusern gegenseitig den Vortritt.

Bregman ruft dazu auf, uns von einem grundsätzlich negativen Menschenbild zu verabschieden. Was zur Folge hätte, dass wir auch unsere zivilen Institutionen wie Schulen, Gefängnisse und Sozialämter in einer ganz anderen Weise strukturieren und gestalten müssten: Gefängnisse, die den Insass*innen mit Respekt und Wohlwollen begegneten und damit die Rückfallquote überdurchschnittlich senkten, Schulen, die den Schüler*innen ein eigenständiges Lernen (fürs Leben) zutrauten, ohne Repressalien und Leistungsdruck und sie damit leistungsfähiger und krisensicherer machten, Jobcenter, die sich wirklich um das Wohl und die gesellschaftliche Wiedereingliederung seiner Klient*innen kümmerten und darum auch ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten würden.

Schließlich kommt er immer wieder auf seine Kernthese zurück: wir bekommen das, wovon wir ausgehen. Begegnen wir unseren Mitmenschen stets mit Argwohn und Misstrauen, werden wir weiter zu einer Gesellschaft beitragen, die genau dieses Gegeneinander fördert. Unterstellen wir unseren Mitmenschen jedoch gegenseitige Solidarität und Mitgefühl, kann daraus eine Gesellschaft erwachsen, in der das Sorgen füreinander und das Teilen unserer sozialen Ressourcen und materiellen Gemeingüter zum höchsten Gut werden.

Anhand wissenschaftlicher und historischer Belege, zeigt Bregman, dass kein Mensch aus eigenem Antrieb töten oder anderen Leid zufügen will. Dazu schaut er sich vergangene Kriegszenarien an und stellt fest, dass Soldat*innen stets ihr Mögliches tun, um nicht schießen zu müssen. Anhand einer wahren Geschichte wiederlegt er denn auch die „Herr der Fliegen“-These, laut der selbst Kinder und Jugendliche niederträchtig, brutal und zu Mördern werden, wenn sie die Zivilisation hinter sich lassen. Die echten Schiffbrüchigen, auf deren Geschichte Bregmann stößt, haben sich hingegen vom ersten Tag an solidarisch und demokratisch organisiert. Nur so konnten sie überleben, bis sie nach über einem Jahr gerettet wurden.

Der Autor bezieht die Leser*innen in den eigenen Erkenntnisprozess mit ein. Er veranschaulicht zunächst die geltenden Erkenntnisse wissenschaftlicher Studien, um anschließend hinter die Kulissen der Versuchsanordnungen und der tatsächlichen Situationen zu schauen. Was dann zum Vorschein kommt sind oftmals von Medien verzerrte Bilder, denen die tatsächlichen Ereignisse zu sensationsarm sind. Menschen, die sich friedlich und einvernehmlich arrangieren, sind weniger medienrelevant als solche, die sich bekriegen und beleidigen. Hier macht der Autor gleichsam eine Bestandaufnahme unserer Medienkultur, die sich überproportional auf Katastrophen und Dystopien fokussiert und den Menschen stets als potentiell böswillig zeigt.

Rutger Bregmann wichtigste Erkenntnis: bis zum Beginn der Zivilisation hat stets das Solidarische unser Überleben gesichert. Seine eigene Evolutionstheorie bezeichnet Bregman daher auch folgerichtig als „Survival of the Friendliest“.

Im Grunde gut ist ein leicht und humorvoll zu lesendes Sachbuch und eine großartige Einladung an uns alle: glaubt an das Gute und handelt danach!

Freitag

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Heute haben
Johann Wolfgang Goethe * 1749
Ernst Weiß * 1884
Liam O´Flaherty * 1896
Janet Frame * 1924
Jurij Trifonow * 1925
Arkadi Strugatzki * 1925
Mian Mian * 1970
Geburtstag

Johann Wolfgang Goethe
Dem aufgehenden Vollmonde

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.

(Das Gedicht steht am 25. August 1828 in Goethes Tagebuch.
Passt fast genau, da der Mond hier auch bald wieder rund ist)
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Rasmus Schöll empfiehlt:

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Srdja Popovic und Matthew Miller: „Protest!
Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt“

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
S.Fischer Verlag € 16,99
als E-Book € 14,99

„Dies ist ein Buch über Revolutionen.“
So beginnt das Buch “Protest –Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt“ von Srdja Popovic, dem Mitbegründer von Otpor, die Widerstandsbewegung die Slobodan Milosevic gestürzt hat. Mittlerweile berät Popovic Aktivsten in der ganzen Welt über gewaltfreien Widerstand. Er ist einer der führenden Köpfe der globalen Zivilgesellschaft und gehört zu den einflussreichsten Vordenkern unserer Zeit. Natürlich gibt es viele Bücher über Widerstand, ob aus geschichtlicher Sicht oder über die Protestbewegungen der jüngeren Zeit. Doch das Buch von Popovic ist schon etwas Besonderes. Im ersten Teil schildert Popovic zahlreiche Beispiele der heutigen Demokratiebewegungen, vom Tahrir-Platz bis zur Occupy-Bewegung, die er allesamt beraten hat. Er schildert etwa die Entstehungsgeschichte des Tahrir-Platz. Diese Schilderung ist tief bewegend und lässt eine neue Sichtweise auf so manchen Protest entstehen. So waren die Massendemonstrationen auf dem Tahrir-Platz nicht der Anfang der Demokratiebewegung in Ägypten sondern ein Ergebnis jahrelanger Vorbereitung und mühseliger Kleinarbeit. Es werden nicht nur die Erfolge einer nachhaltigen Analyse unterzogen, sondern auch die Misserfolge werden unter einem kritischen Blick
beleuchtet. Im Falle Ägyptens kann heute nicht von einer Demokratie gesprochen und vielleicht sind die Zustände schlimmer als vor der Demokratiebewegung. Wie konnte es kommen, dass das eigentliche Ziel, die Demokratie, nicht umgesetzt werden konnte? Kenntnisreich zeigt das Buch hier die Fehler und Schwachpunkte auf.
Popovic erzählt auch seine eigene Geschichte und was er durchlebt hat mit seinem Protest bei Otpor gegen Milosevic. Im zweiten Teil des Buches gibt Popovic praktische Hinweise, wie gewaltfreier Widerstand funktioniert und zeigt, warum es so wichtig ist, dass wir Protest üben, sei es nun, weil ein Bürgermeister in einer
bayrischen Kleinstadt, nahe der Donau, königsgleich mit seinem Hofstaat regiert oder ein Diktator sein Volk unterjocht. Die Freiheit wird durch den Einzelnen gemeinsam mit anderen Individuen immer wieder und wieder
neu errungen und bedarf des Zivilenungehorsams. Das Buch folgt den eigenen Regeln, so viele Menschen als möglich für diese Idee der Freiheit zu einen. Hierdurch ist das Buch nicht immer sehr anspruchsvoll, dies geht auf Kosten der Differenziertheit, die es ab und an doch bedurft hätte. Nichtsdestotrotz ist es ein engagiertes aufrüttelndes Buch, dass ich jedem wärmstens empfehlen möchte.

Leseprobe

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Am kommenden Dienstag, den 1.September ist es wieder so weit.
Wir stellen Ihnen vier neue Bücher vor.
Es liest Clemens Grote.

Mit dabei:

Srdja Popvic: Protest! Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt.
Ilija Trojanow: Macht und Widerstand
Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
Jocelyne: Ein Leben mehr

Wir beginnen pünktlich um 19 Uhr
und freuen uns auf Ihren/Euren Besuch.