Freitag, 14.Februar

IMG_7753

Heute haben
Alexander Kluge * 1932
und Josef Hader *1962
Geburtstag
____________________________

Johann Wolfgang Goethe
Ob der Koran von Ewigkeit sei?

Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag ich nicht!
Ob der Koran geschaffen sei?
Das weiß ich nicht!
Daß er das Buch der Bücher sei,
Glaub ich aus Mosleminenpflicht.

Daß aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran zweifl‘ ich nicht;
Oder daß er vor den Engeln geschaffen sei,
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.
___________________________

Vor zwei Jahren wurde Anja Kampmanns Roman: „Wie hoch die Wasser steigen“ für den Leipziger Buchpreis 2018 nominiert und sie hat im Juni des Jahres bei uns in der Buchhandlung daraus gelesen.
Jetzt gerade hat es Verena Güntner mit „Power“ in diese engere Auswahl geschafft und auch sie kommt zu uns die Buchhandlung; am Montag, den 30.März um 19 Uhr.
Der Roman „Power“ erscheint am 18.Februar.
Anja Kampmanns Buch ist jetzt als Taschenbuch herausgekommen.

Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann

Anja Kampmann: „Wie hoch die Wasser steigen“
btb € 11,00

Männer auf Bohrinseln müssen ein eigener Schlag sein. Sie verdienen zwar viel Geld, die Arbeit ist jedoch hart, nervenaufreibend und stumpft die Sinne ab. So auch bei Waclaw, der Hauptfigur. Er hat in einer Sturmnacht seinen besten Freund Mátyás verloren. Einfach über Bord. Über Jahre haben sie Arbeit und Freizeit geteilt, schliefen in gleichen Zimmern und fuhren gemeinsam in Urlaub. Sie verdienten zusammen viel Geld und haben es gemeinsam wieder ausgebenen. Nun ist diese Leere und Waclaw macht sich mit den Habseligkeiten von Mátyás auf die Reise nach Ungarn, dort wo dessen Familie ist. Diese Odyssee ist oft schwer zu ertragen. Denn obwohl Waclaw viel Geld hat, reist er wie ein Oblachloser, lässt sich mitnehmen, übernachtet im Freien und oft am Rande der Legalität. Es gibt Passagen in diesem Buch, die ich mir als Graphic Novel mit schwarzer Tusche gezeichnet wünsche. Unglaubliche Bilder tauchen auf und ich frage mich, wie diese junge Autorin das geschafft hat. Sie schreibt gegen den Strich, vermeidet jegliche literarische Peinlichkeiten und Glattgestrichenes. Stark, hart, aber nie brutal oder derb liest sich das oft. Und gleichzeitig tauchen Sätze auf, die ich unterstreichen wollte. Die Handlung springt in den Kapiteln, genauso wie unsere Gedanken hüpfen und uns oft nicht zur Ruhe kommen lassen.
Waclaws Reise führt ihn bis in seine Heimat, dem Ruhrgebiet, um eine alte Freundin zu treffen und seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Aber auch wie bei Odysseus ist seine Reise noch nicht zu Ende und er zieht weiter bis nach Polen, um dort ein Zuhause zu finden. Ob dies allerdings der Endpunkt sein wird, steht in den Sternen.

„Es kam ihm unwirklich vor, alles, die gesamten letzten Jahre. Als wäre er schon weit weg von all dem. Oder als verschränkte sich diese Zeit mit Mátyás irgendwo tief in ihm mit einem anderen Verschwinden, für das ihm seit Jahren keine Sprache geblieben war. Es war ein Pochen, dumpf und weit weg, als würde er an einer Staumauer lehnen und hörte auf der anderen Seite die heftigen Bewegungen von ein paar Steinen am Grund. Wie ein Hohlraum, der ihm nie aufgefallen war.“

„Ich hab tatsächlich viel über diese Arbeitermilieus gelesen und diese physische Arbeit, die so unsichtbar geworden ist, ernst zu nehmen, war sicherlich ein großes Anliegen. Und gleichzeitig kommt man, wenn man darüber erzählt, einfach in die Situation, dass es eine Figur ist, die einfach in dieser Welt ist und die da ihre eigenen Probleme hat. Es wäre nichts fiktiver als ein Ölbohrarbeiter, der den ganzen Tag über die Arbeitswelt des Ölbohrens sinniert, sondern der hat dann eher andere Sorgen.“
_______________________

5 Fragen an Anja Kampmann (Hanser Verlag)

Ihr Roman beginnt auf einer Ölbohrplattform. Haben Sie dort schon einmal gearbeitet?
Auf eine Ölplattform zu kommen ist höllisch schwierig. Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen, die dort draußen viel Zeit, sogar Jahre verbracht haben, in Papua Neuguinea, vor Australien, in der Nordsee, im Golf von Mexiko. Die Abläufe und Routinen zu verstehen war mir sehr wichtig, die Zwölfstunden-Schichten, die physische Belastung, die technischen Abläufe. Darüber zu schreiben war eine Herausforderung, auch, einen Ton zu finden, der die Härte nicht verschweigt, aber sich dem Sujet nicht anbiedert. Und mich hat interessiert, was bringt die Männer (meistens sind es Männer) dazu, dorthin zu gehen, welchen Träumen jagen sie nach? Welche Sehnsucht ist so groß, dass ich mir drei Wochen am Stück eine enge Kabine mit drei anderen Arbeitern teile, die schlecht riechen und nicht einmal meine Sprache sprechen?

Beim Lesen könnte man denken, Ihr Roman sei für Sie ein Abenteuer, die Entdeckung einer anderen Welt. Stimmt das? Und suchen Sie so etwas auch, wenn Sie selber einen Roman lesen?
Gedanken, Situationen, Menschen, die mir begegnen und die mich umtreiben, bekommen eine größere Lebendigkeit, wenn sie in eine andere Hülle schlüpfen, in eine andere Welt verlagert werden, das gibt mir eine größere Freiheit. Für mich ist dieser Umweg von außen auch ein Weg, um die eigene Welt ganz anders und ganz neu zu sehen. Ein Autor kann sich ganz schön im Weg stehen, wenn er ständig etwas behauptet und findet und „schon immer so gemeint“ hat. Letztlich ist es für mich genauso fern und exotisch, über eine Ölplattform in der Bucht von Campeche zu schreiben, wie über das Ruhrgebiet, wo meine Eltern in den 60er Jahren aufgewachsen sind. Natürlich habe ich auch viele Recherchereisen unternommen, nach Tanger, Budapest, ich war in Kairo und in der Sinai-Wüste und dennoch; damit die Landschaften im Text bestehen, müssen sie durch eine Perspektive gebrochen werden.

Der Roman beginnt auf dem offenen Meer, hält inne über den Dächern von Kairo, in den italienischen Bergen, und dann geht er in Richtung Ruhrgebiet. Wenn man sagen würde, das sei eine Art langsame Heimkehr, wären Sie da einverstanden?
Waclaw ist keiner, der die Hände im Schoß faltet, über das Leben nachdenkt und beschließt nach Hause zu fahren. Er hat zwölf Jahre ein recht rasantes Leben gelebt, war auf der ganzen Welt, hat gut verdient, in all dem gab es scheinbar keine Notwendigkeit, sich diesen großen Fragen zu widmen. All die Stationen, die er da meistert, haben ja etwas von einer Flucht, sie haben für ihn den anfänglichen Reiz verloren. Wenn einer nicht zurück kann, nirgends Fuß fasst, dann wird alles beliebig. Zum Beispiel sitzt er in Tanger auf einer Dachterrasse von einem Hotel und trinkt Whiskey Sour. „Alles war zu süß“, heißt es da. Dieser Mann ist zu alt für Entdeckungsreisen, immer wieder stößt er auf sich selbst, auf seine Müdigkeit und Ängste, und dann reist er weiter. Er will nicht hinsehen. Er treibt nach Hause, driftet. Und das ist doch komisch: Er hat so viel Geld gemacht, er kann überall hinfahren. Dennoch scheint er nicht über sein eigenes Leben verfügen zu können, er hat keine Richtung mehr, keinen inneren Kompass. Aber er hat eine Sehnsucht nach diesem Gefühl, das er von früher kennt, und das sind oft Bilder von Gemeinsamkeit, nicht mehr, als am Fenster zu stehen und mit Milena in den Regen zu sehen.

Ihr Roman hat einen ganz eigenen Rhythmus, eine ganz eigene Sprache, die einen nicht mehr loslässt. Ist Ihnen das beim Schreiben bewusst? Wie würden Sie das selbst beschreiben?
Die Sprache, der Rhythmus, wie ein Satz klingt, wie ein Bild gebaut ist, das ist mir alles sehr wichtig. Ich lese sehr ungern Bücher, die von A nach Z durchgeplottet sind, und in denen dann Sätze stehen wie: Er sah sich mit seinen stahlblauen Augen um, oder sowas. Mir ist es wichtig, das Erzählen ernst zu nehmen, die sinnliche Welt, in der wir uns bewegen, und die Figuren nicht von außen zu erklären, sondern eher Bilder zu schaffen, in denen sie sichtbar werden, Situationen, kleine Binnenerzählungen, die den Text auf eine Art erfahrbar machen. Dass ich das Ganze auf kleinem Raum verdichte, ist wohl eine Berufskrankheit, da ich aus der Lyrik komme. Aber im Roman ist es eben reizvoll, die Details dem Erzählen unterzuordnen, neu abzuklopfen, es bedeutet ja auch für mich, die Perspektive zu verschieben. Das ist spannend. Sonst weiß ich ehrlich gesagt manchmal nicht, was so anders ist an diesem Erzählen, mir kommt es oft immer noch vor wie ein Versuch, diese komplizierte, schimmernde Welt ein bisschen zu bändigen.

Ihr erstes Buch war ein Gedichtband. Was ist anders beim Schreiben, wenn man an einen Roman geht? Und was ist das größere Abenteuer, das größere Risiko?
Ich glaube, Gedichte schreibt man in einem anderen Modus, man ist viel mehr bei sich, und man kann sie nicht erzwingen – dem Roman muss man auf eine Art auch dienen, man denkt in ganz anderen Zusammenhängen. Es war auch eine Befreiung, auf andere Welten zuzugehen, zu recherchieren; Hintergründe und Zusammenhänge musste ich mir oft lange erarbeiten, auch wenn sie im Text im besten Falle noch einen Halbsatz abbekommen. Die ganze Ölindustrie, das katholische Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, die Menschen in einer Zechensiedlung, Ungarn nach dem Aufstand 1956, da ist viel, was ich mir erschlossen habe, ohne dass meine Figur sich notwendigerweise dafür interessiert. Die Geschichte hat mich ungefähr fünf Jahre begleitet, die Figuren darin – sie machen Fehler, sie sind nicht nett, aber das müssen sie auch nicht sein.
Was ich im Erzählen liebe, ist bei den Figuren zu bleiben, sie reden zu lassen, und eben auch die Möglichkeit, auf verschiedenen Ebenen zugleich zu erzählen. Natürlich ist es die Geschichte von einem Ölbohrarbeiter, aber es ist auch die Geschichte von einem Verlust und von einer Erfahrung, die viele kennen: Fremd sein, für lange Zeit an einen anderen Ort versetzt werden und dabei den Boden unter den Füßen verlieren. Nur ist es hier natürlich viel extremer. Aber das ist es ja: Wir gehen in eine völlig andere Welt und sprechen doch über unsere. Und wie sollte es auch anders sein?

Samstag

IMG_2525

Heute haben
Calderón * 1600
Anne Bronte * 1820
Emmy Ball-Hennings * 1885
Raoul Schrott * 1964
Geburtstag
_____________________

IMG_2538IMG_2540IMG_2541

Es war ein sehr schöner Abend mit Verena Güntner. Dank der vielen Freunde war die Buchhandlung rappelvoll. Verena Güntner las einen Querschnitt durch das Buch und das sehr gekonnt und professionell. Sie musste sich noch gegen ein Open Air Konzert auf dem Judenhof durchsetzen, was ihr aber keine Schwierigkeiten bereitete. Ihre Lesung brachte viele Feinheiten aus dem Buch ans Tageslicht, was wir beim schnellen Lesen (und dazu verführt dieses flott geschriebene Buch) leicht übersehen. Alle Bücher verkauft und nach der Veranstaltung den Laden wieder einigermaßen hergerichtet, so dass es heute ab 9 Uhr wieder losgehen kann.
Vielen Dank an Verena Güntner.
Ein Bericht in der Ulmer Südwestpresse erscheint nächste Woche.
_____________________

Nach der ersten Veranstaltung im neuen Jahr steht auch so ungefähr
der Plan für das Frühjahr.

Dienstag, 3.Februar um 19 Uhr
Die erste Seite
Wir stellen vier Neuheiten vor
Mit Clemens Grote
Bei uns in der Buchhandlung
________________________

Dienstag, 10.Februar um 20 Uhr
Dennis Gastmann: Geschlossene Gesellschaft
ROXY Ulm
________________________

Freitag, 13.Februar um 19 Uhr
Tobias Wahren: Kopf an Kopf
Bei uns in der Buchhandlung
________________________

Montag, 16.Februar um 19 Uhr
Literalotto
Spaß mit Literatur
Mit Florian Arnold
Bei uns in der Buchhandlung
________________________

Mittwoch, 25.Februar um 19 Uhr
Der Manesse Verlag stellt sich vor
Bei uns in der Buchhandlung
________________________

Dienstag, 3.März um 19 Uhr
Die erste Seite
Wir stellen vier Neuheiten vor
Mit Clemens grote
Bei uns in der Buchhandlung
_________________________

Freitag, 13.März um 20 Uhr
Der Tod: Mein Leben als Tod
ROXY Ulm
_________________________

Donnerstag, 26.März um 10 Uhr
Toni Mahoni: Alles wird gut
ROXY Ulm
_________________________

Dienstag, 7.April um 19 Uhr
Die erste Seite
Wir stellen vier Neuheiten vor
Mit Clemens Grote
Bei uns in der Buchhandlung
_________________________

Dienstag, 21.April um 19 Uhr
Theater Erbach: Lisa
Nach Thomas Glavinic
Bei uns in der Buchhandlung
_________________________

Freitag, 24.April um 19 Uhr
Hermann Gummerer vom Folio Verlag
stellt seinen Verlag und Südtirol vor
Essen und Trinken vom Feinsten
Nur gegen Voranmeldung
Bei uns in der Buchhandlung
_________________________

Dienstag, 5.Mai um 19 Uhr
Die erste Seite
Wir stellen vier Neuheiten vor
Mit Clemens Grote
Bei uns in der Buchhandlung
_________________________

Donnerstag, 21.Mai um 19 Uhr
Niklas Maak: Wohnkomplex
Architekturvortrag und Film
Lichtburg Kino Ulm
In Zusammenarbeit mit der vh Ulm
__________________________

Ich hoffe, ich habe mich nicht irgendwo vertippt.

Mittwoch

Abhängen mit Büchern

Abhängen mit Büchern

Heute haben
John Dos Passos * 1896
und Andreas Steinhöfel * 1962
Geburtstag.
_______________________

Offill

Jenny Offill: „Amt für Mutmaßungen“
Deutsch von Melanie Walz
Das Original. „The Department of Speculation“ kommt als Taschenbuch im März 2015 bei uns heraus. € 11,99

Es ist doch immer gut,Tipps von KundInnen zu bekommen. Aber dass diese Buchempfehlung so stark ist, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte das Buch beim Vertreter nicht bestellt, kannte auch die Autorin nicht. Mitte November lag es dann auf dem Büchertisch im Laden, aber es hat nie den Weg zu mir nach Hause gemacht. Knapp 170 Seiten, in vielen kleinen Abschnitten geschrieben und mit einem auffallenden Umschlag hat es mich seither angelacht. Nun endlich war es soweit. Und: Es ist grossartig.
Gestern die Erzählungen von Frau Nors und heute eigentlich noch eine kürzere Form, obwohl es ein Roman ist. Die Textbausteine sind oft nur fünf Zeilen lang und wirken irritierend. Aber einmal angefangen, merken wir, wie sie uns einsaugen. Sehr gekonnt verflechtet Jenny Offill die Gedanken ihrer Hauptperson mit Zitaten aus der Welt der Literatur und Philosphie. Und wie gestern sind ihre Beobachtungen messerscharf, haargenau getroffen und voller Witz. Eigentlich sollte ich das Büchle nochmals zur Hand nehmen und jetzt mit Stift und Papier all die gelungenen Textpassagen herausschreiben. Es würde eine ganze Liste ergeben.
„Amt für Mutmaßungen“, so haben sich die beiden Jungverliebten unten auf ihre Briefe geschrieben und dieses „Department of Speculation“ bleibt es auch das ganze Buch durch. Hier wird viel über andere nachgedacht, über sich selbst, über das, was hätte werden können, und wie es wohl weitergeht.
Wer Mutmaßungen über den Kosmos anstellt …, ist nichts anderes als oin Verrückter.“
Sokrates
Dies hat die Autorin als Motto vorausgestellt und sie beginnt den Roman mit einem Textfitzelchen, in dem sie beschreibt, dass Antilopen zehnmal besser als Menschen sehen können und somit in einer sternklaren Nacht die Ringe des Saturns sehen können. Eingeflochten hat sie in diese drei Zeilen, dass er dies ganz zu Anfang zu ihr gesagt hat. Oder beinahe.
Ganz am Anfang gab es ein jungverliebtes Paar. Sie schreibt, er macht Musik und komponiert. Newy York, Brooklyn, alles ist gut. Es ist die Szene, das Leben mit Bekannten und kein Denken an ein morgen. Ein Grosstadtleben, wie sie es sich vorgestellt haben. Aber aus dem Verliebtsein wird eine „normale“ Ehe mit viel Hochachtung für den Partner (auch dafür hat sie hervorragende Vergleiche). Ein Kind kommt, ein Schreibaby, eine Tochter, die den Alltag prägend verändert. Dies wird bis zur Hälfte des Buches aus der Sicht der Frau geschrieben, bis es danach zu einer tiefschneidenden Veränderung kommt, die eigentlich sehr einfach gelöst werden könnte, aber eine Lawine von Mutmaßungen auslöst. Ab diesem Moment gibt es kein ich, sondern nur noch ein sie und er.
Mehr möchte ich ihnen nicht erzählen. Genießen Sie lieber den kompletten Roman, den Sie sehr schnell (das erste Mal) durchgelesen haben.
Melanie Walz, die wir als Übersetzerin von Lily Brett, Antonia S.Byatt, Patricia Higsmith und u.a. auch Annie Proulx kennen, konnte hier aus dem Vollen schöpfen und hatte sicherlich eine große Freude und viel Arbeit beim Formulieren. Bei uns Lesern bleibt das Vergnügen an diesem frechen, witzigen, genaubeochteten, glasklaren Roman über eine Ehe.
Der Roman wurde von der New York Times unter die zehn besten Bücher des Jahres 2014 gewählt.

Leseprobe

„Jenny Offills Roman ‚Amt für Mutmaßungen‘ hat mir wahnsinnig gut gefallen; richtig klasse!“
Doris Dörrie

Was ich auch noch erfahren habe, ist, dass Jenny Offill Kinderbücher geschrieben hat.
Gefunden habe ich diesen sehr witzigen Trailer:


______________________

Es war Sommer, das weiß ich noch, denn ich trug eine kurze Hose und Sandalen. Heute sind Sandalen der Tod, damals war es mir egal. Ich weiß nicht mehr, warum Ma auf die Idee kam und wie genau sie Allan dazu gebracht hat. Aber wir machten allen Ernstes einen AUSFLUG. Ich glaube, ich weiß es doch noch, es war wegen der Abtreibung, sonst hätte Allan bestimmt nein zum Ausflug gesagt. Das war Allans Lieblingsbeschäftigung: zu allem nein sagen. Vor allem, wenn Ma oder ich ihn um was gebeten haben. Als ich größer wurde, hab ich ihm vorgeschlagen, sich das Wort auf die Stirn tätowieren zu lassen. „Allan“, hab ich gesagt, „das würde ne Menge Zeit sparen, du müsstest einfach nur mit dem Finger drauf zeigen!“ Da hat er mir das letzte Mal eine verpasst. Denn danach kam punktgenau ein Wachstumsschub, sodass ich plötzlich zwei Köpfe größer war als er, und da hat er sich nicht mehr getraut. Wir machten jedenfalls allen Ernstes diesen Ausflug und fuhren mit Allans Auto, in dem ich normalerweise nie mitfahren durfte, nur Ma, und die auch nicht immer, je nachdem ob sie ihre Tage hatte oder nicht, das heißt, wenn Sex ausfiel, zog das ein Mitfahrverbot nach sich, zumindest hab ich mir das immer so zusammengereimt. Ma war das egal: „Busfahren ist doch schön, Luis!“, sagte sie, nahm meine Hand und zog mich Richtung Bushaltestelle, wenn Allan uns mal wieder vor unserem Block stehen gelassen hatte und mit seinem blankpolierten Audi davongerauscht war. Aber dieses Mal durften wir beide mitfahren. Ma wollte zum Nebelhorn und Allan, die alte Hohlbirne, hat die Nase gerümpft, weil er nicht verstehen wollte, warum man einen Ausflug macht an einen Ort, wo’s neblig ist und er schrie „Benzinverschwendung!“, aber dann stiegen wir doch alle in den Audi ein und fuhren zum Nebelhorn.

Verena Güntner kommt am Freitag ab 19 Uhr zu uns und liest aus ihrem Debüt: „Es bringen“.
Bitte reservieren Sie sich Plätze.