Donnerstag, 14.Juli

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Heute haben
Issac B.Singer * 1904
Natalia Ginzburg * 1916
Polina Daschkowa * 1960
Geburtstag.
Aber auch Gustav Klimt, Ingmar Bergman und Lino Ventura.
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Bachtyar Ali:Der letzte Granatapfel
Originaltitel: Dwahamin Hanari Dunya
Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim
Unionsverlag  € 22,00

Aufmerksam auf dieses Buch bin ich durch einen euphorischen Bericht in der Süddeutschen Zeitung geworden. Zeit für die Lektüre habe ich mir danach aber nicht genommen. Erst als klar war, das Bachtyar Ali und sein Verleger Lucien Leitess im Rahmen der Cafe Beirut Veranstaltungsreihe nach Neu-Ulm in die Steinwerkstatt Vogel kommen, schnappte ich mir das Buch und war während des Lesens entrückt von dieser Welt.

Bachtyar Ali stammt aus dem Nordirak, hat dort schon einige Bücher veröffentlicht und ist dort einer wichtigsten Autoren. Vom Erlös seiner Bücher kann er hier sein Leben in Deutschland, das er seit fast 20 Jahren führt, mitfinanzieren. Mit dem Granatapfel-Buch hat er sich für mich ganz weit nach oben in der privaten Bestenliste geschrieben. Verstanden habe ich nicht alles, gebe jedoch meinen Kunden den Tipp auf den Weg: Einfach weiterlesen. Es ist ein Genuß, eine Offenbarung, etwas ganz Besonderes, sehr Spezielles. Ali vermischt Hochaktuelles aus den Kriegen, den Kämpfen in und um den Irak mit Märchenhaftem, einem orientalischen magischen Realismus. Was geschieht mit den Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten zwischen den Fronten der Regierungstruppen und denen der Revolutionären stehen? Wie verändern sich Soldaten, die kein anderes Leben kennen, als zu kämpfen und zu töten?

Nicht daß Sie nun meinen, daß es sich in dem Roman um eine Wiedergabe von Gräueltaten handelt. Ali schreibt über die Menschen, die damit leben müssen. Wie kann ich noch ehrlich und erhobenen Hauptes durch den Tag gehen, wenn ich überall den Schrecken sehe? Ist es nicht so, daß jeder Mensch verschedene Seite in sich hat und daß im Laufe eines Lebens sich Personen verändern, die Fronten und Ansichten wechseln? Dies erzählt Ali in einer sehr einfühlsamen Sprache, die fast schon ins Märchenhafte kippt, jedoch jeglichen Kitsch vermeidet. Der Autor versteht es seine Sprache sehr fein und nuanciert einzusetzen, Vergleiche und Bilder zu schaffen, die sich beim Lesen sofort einprägen. Bilder und Szenen, die noch länger im Kopf hängenbleiben, zum Nachdenken und Wundern anregen. Selten habe ich so ein intensives Leseerlebnis, wie hier ei diesem Roman. Es hat mich in seiner Art mit Erinnerungen umzugehen an den „Scheiterhaufen“ von György Dragoman erinnert. Gleichzeitig hatte ich im Hinterkopf, daß mich „Kruso“ von Lutz Seiler ähnlich gepackt hat, obwohl ich auch dort nicht alles kapiert habe und doch durch die Intesivität des Textes gefesselt war.

Ali erzählt von verwunschenen Schlössern, von Bienenschwärmen und Honigsammlern, von Kindern auf Schlachtfeldern, von den weißen Schwestern, die mit ihren Liedern den Bazar verzaubern, von Freiheitskämpfern, die zu Fürsten werden, von Seelen in schwarzer Trauer – und von einem Jungen mit Namen Glasherz, der von einer Welt träumt, in der alles durchsichtig und rein ist. Er sucht seinen gestorbenen Sohn und findet drei Jungen mit dem gleichen Namen. Er taucht ein in Traumwelten, besucht ein Heim für verbrannte Kinder, ist auf der Suche nach dem letzten Granatapfelbaum, der einem seine innersten Wünsche erfüllt und Blinde sehend macht.

Muzafari Subhdam war 21 Jahre in einem Gefängnis in der Wüste, hat die Hoffnung an ein Leben in Freiheit längst aufgegeben (Die Menschen meinen sowieso, daß er längst tot ist), als er von einem Freund, dessen Leben er gerettet hat und für den er ins Gefängnis ging, durch einen Austausch raus aus der ewigen Wüste kommt. Jedoch nicht ins normale Leben, sondern in ein abgeschiedenes Schloß, da er sich nicht mit dem Schrecken und der Zerstörungen der letzen Jahre auseinandersetzen soll.

Doch Muzafari Subhdam begibt sich auf eine Reise durch das, was aus seinem Land geworden ist. Eine Reise durch Geschichten, Geheimnisse und zu Personen, die ihm dabei helfen, seinen verschollenen Sohn zu finden. Eine Reise, die ihn schließlich auf den Weg führt, den Tausende schon vor ihm genommen haben: übers Mittelmeer in den Westen.

Ein großartiger Roman, dem ich viele LeserInne wünsche, obwohl er in einer Komplexität nichts für ein schnelles Lesen ist.

Am Donnerstag, den 21.07.2016 ist Bachtyar Ali ab 19 Uhr in der
Steinwerkstatt Vogel, Wileystraße 21, 89231 Neu-Ulm
Es liest Clemens Grote.

Literatursalon Ulm e. V. / Cafe Beirut
Ein Projekt der Griesbadgalerie e. V.
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Nicht vergessen:
Morgen, Freitag, den 15.Juli lesen wir Erzählungen von Martina Jung, die im Mai diesen Jahres verstorben ist.
Wir beginnen um 19 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

Samstag, 23.April / Welttag des Buches

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Heute haben
Shakespeare, Cervantes, Wordsworth, Huelsenbeck, Nabokov, Laxness
Geburtstag.
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Jetzt als Taschenbuch und aus diesem Grund nochmals die Besprechung vom 20.November 2014.

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Olga Grjasnowa:Die juristische Unschärfe einer Ehe
dtv  € 9,90

Wochenlang lag der neue Roman von Olga Grjasnowa im Regal und mich hat schon die Umschlagsgestaltung nicht angemacht. Dazu kam, dass ihr erster Roman (“Der Russe ist einer, der Birken liebt”) wirklich stark war und ich über diesen neuen kaum etwas in der Presse gelesen habe. Letzten Freitag erwähnte Karen Köhler, dass sie so glücklich sei, dass sie überall Besprechungen bekäme und ihre Verlagskollegin Grjasnowa fast keine. Da dachte ich, dass können wir ja ändern, habe das Buch mitgenommen und an zwei Abenden gelesen. Was wirklich nicht schwierig ist, denn die 260 Seiten lesen sich unglaublich schnell. Die Autorin zählt ihre Kapitel rückwärts bis Null und startet dann nochmals durch. Sie erwähnt gegen später den Vogel Simurgh, von dem ich noch nie etwas gehört habe, jedoch ein sehr alter sufistischer Mythos ist. Demnach machen sich 30 Vögel auf, um diesen Vogel Simurgh, den König der Vögel, zu finden, damit er ihnen die Erlösung geben kann. Sie überwinden Berger und Täler, bekommen ihn aber nie zu Gesicht, bis sie merken, dass es ihn gar nicht gibt und dass jeder selbst ein Vogel Simurgh ist und selbst für seine Erlösung zuständig.
Olga Grjasnowa schickt drei Personen auf die Reise. Auch sie suchen eine Art von Erlösung, oder ihr Lebensglück, ihre Wurzeln und festen Boden unter den Füssen. Sie suchen nach Nähe und Verständnis, nach Liebe und einer festen Beziehung. Da ist Leyla, die aus einer reichen Künstlerfamilie aus Baku kommt, die es als Ballerina bis ins Bolschoi-Theater geschafft hat. Nach einem Sturz lebt sie mit Mitte 20 in Berlin bei ihrem Ehemann Altay. Der widerum wollte in Moskau Arzt werden, hätte dafür aber Schmiergeld bezahlen müssen. So hat es ihn auch nach Berlin gezogen. Hier arbeitet er als Assistenzarzt in einer Drogenstation im Wedding. Dazu kommt noch Jonoun, die Leyla in einer Bar aufgegabelt hat und mit in die gemeinsame Wohnung mitnimmt.
Leyla arbeitet hart für einen Neustart in Berlin, zählt Kalorien und quält sich bis zur Verzweiflung. Altay ist übermüdet, arbeitet Schicht und kommt mit den schlimmsten Drogenbiografien im Kopf von der Arbeit nach Hause. Jonoun lebte auf der Straße, nimmt Drogen, trinkt und hinterlässt Spuren der Unordnung in der Wohnung von Leyla und Altay, die in einer (Schein)Ehe zusammenleben. Scheinehe deshalb, weil Altay eindeutig schwul ist und Leyla durch Jonoun ihre Neigungen zu Frauen wiederentdeckt hat. Das kann eigentlich nicht gutgehen und es kriselt auch stark im Berliner Hinterhof.
Der Roman beginnt damit, dass Leyla in einer Gefängniszelle in Baku sitzt, da sie bei einem illegalen Autorennen teilgenommen hat und von der Polzei erwischt worden ist. Hier im Gefängnis wird sie geschlagen und vergewaltigt. Danach springt die Autorin nach Berlin zurück und führt und so langsam die einzelnen Personen vor. Im zweiten Teil des Buches (Nach dem Kapitel Null) machen sich Jonoun und Altay (mit viel Geld in der Tasche) auf, um Leyla aus dem Gefängnis zu holen.
Alle drei Figuren sind auf der Suche nach ihrem Glück. Altay hat immer einen Blick für Männer, findet sie auch überall, möchte aber in Wirklichkeit eine intakte Ehe mit Leyla. Er wünscht sich Kinder und hofft in dieser bürgerlichen Art zu Leben, endlich zur Ruhe zu kommen. Leyla lebt ihre Liebe mit Jonoun aus, sie beginnen eine Reise durch unbekannte Länder und merken, dass sie trotz, oder gerade wegen des vielen Fremden, ein wahres, festes Zuhause suchen. Jonoun ist die Person, die sich nicht einordnen lässt, die zwischen den beiden steht, für viel Unruhe sorgt und gleichzeitig auch einen Weg aus ihrer jetzigen Situation sucht.
Olga Grjasnowa zeigt sehr eindringlich, wie sehr diese Generation von Menschen, nach ihrem Weg suchen. Menschen, die aus fernen Ländern gekommen sind, hier in Berlin eine neue Karriere gestartet haben. Menschen die hart an sich, ihrem Körper arbeiten, sich verausgaben und nicht wissen, wie es weitergehen wird. Nicht einmal bei ihren sexuellen Neigungen sind sie sich sicher. Sie fliegen, wie die dreissig Vögel, um die halbe Welt und wissen nicht, dass sie ihr Glück nur bei sich selbst finden werden. So lange müssen sie fliegen, Autorennen bestreiten, in Clubs nach Befriedigung suchen, Drogen nehmen und sich mit ihrer Vergangenheit, ihren Eltern auseinandersetzen.
Ein fasziniernder Roman, der mich in Welten mitgenommen hat, in denen ich mich überhaupt nicht auskenne, die mir aber nach der Lektüre von Nino Haratischwilis Roman “Das achte Leben” in einigen Passagen sehr bekannt vorgekommen sind. So schliesst sich der kleine literarische Kreis mit Autorinnen aus Deutschland, Aserbeidschan und Georgien. Eine Generation von SchriftstellerInnen, in denen viele erst mit zehn Jahren die deutsche Sprache lernten und mittlerweile die interssantesten Romane schreiben.

Leseprobe


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Die Literaturwoche Donau hat kein Wochenende:

Samstag, den 23.April um 19:30 Uhr
Buchhandlung Jastram, Ulm
Lucien Leitess & Edwin Gantert: Rund um die Welt mit dem Unionsverlag
Eintritt: € 8,00
Eine Reise durch 40 Jahre Verlagsgeschichte: So international und kulturell vielschichtig wie das verlagsprogramm sind auch die Bücher, die aus 40 jahren reger Verlegertätigkeit berichten: wir reisen in die Türkei von Yasar Kemal, mit Jean-Claude Izzo durch Marseille, Nagib Machfus’ Kairo etc.
Verleger Lucien Leitess erzählt. Er bringt Edwin Gantert mit, geboren 1948, Buchhändler, Mitbegründer der Kultbuchhandlung Jos Fritz in Freiburg, Verlagsvertreter (und damit ein alter Compañero von Lucien Leitess), Fotograf und Bücherliebhaber.
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Detlef Surreys Sonntagsskizzen 33 zeigen Fotos Skizzen und Motiven.
Aus Bozen, Zandvoort, Rom, Berlin und Weimar.
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Lobby des Museion (Museum for moderne Kunst) in Bozen.
Flüchtlinge nutzen schweigend das Free WiFi in der Lobby zum Kommunikation mit der Heimat.

Freitag

Heute haben
Elizabeth Bowen * 1899
Mascha Kaléko * 1907
Orhan Pamuk * 1952
Geburtstag
und es ist der Todestag von
Friedrich Hölderlin (+ 1843)
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Somewhere

Das neue Album von Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette: „Somewhere“ ist da.
ECM € 19,99

Ich frage mich schon immer, warum es so lange dauert, bis bei ECM eine Scheibe erscheint. Auch hier wieder: die Aufnahme ist 2009 in Luzern gemacht worden und jetzt haben wir 2013. Die Besprechungen zur neuen CD sind wieder sehr gut (Wie könnte es scuh anders sein?) und sie beziehen sich darauf, dass die drei Jungs hier ihr 30jähriges Trio-Bestehen feiern. Aber zwischen 2009 uns 2013 sind doch Jahre vergangen und womöglich haben sie schon gar keine Lust mehr, diese Lieder zu spielen, oder sie müssen diese Lieder jetzt live in München spielen, obwohl ….
Na, genug gemosert. Es musste halt mal raus.
Ich bin nun kein Musikfachmann. Ich kann nur sagen, ob mir die Musik gefällt oder nicht. Und hier ist es eindeutig: Ja! Die Musik gefällt mir außerordentlich gut. Was die drei aus den amerikanischen Standards machen und wie Jarrett in dem Stück „Everywhere“ Leonard Bernsteins „Tonight“ und „Somewhere“ aus der „Westside Story“ mixt ist schon allein hörenswert. Immer wieder gibt es kleinere und größere Verneigungen an Miles Davis. So zum Beispiel das Lied „Solar“.
Mir bleibt schleierhaft, wie locker und doch voller Ehrfurcht Lieder interpretiert werden. Ich habe das Gefühl, dass hier mit großer Empathie mit den Stücken umgegangen wird. Es fließt alles und die Band kennt sich wohl in- und auswendig, was den einzelnen Stücken zu Gute kommt.
Es kommen die Abende, die nicht mehr so kalt sind, an denen die Sonne glutrot hinterm Wald untergeht und wenn dann das Trio spielt, kann ich nur Liedtitel der CD zitieren:
„Somewhere“, „Everywhere“, „Tonight“ und „Stars Fell On Alabama“.
Reinhören. Unbedingt.
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Wir bleiben bei der Musik, wenn auch einer ganz anderen:

Tango

Karin Betz (Hg.): „Tango fatal
Geschichten vom Tanz der Leidenschaft
Unionsverlag 14,95

Die Herausgeberin Karin Betz ist gelernte Sinologie und kam über die Musik von Astor Piazolla zum Tango und hat sich dieser Musik in verschiedenster Weise (auch als DJ) verschrieben.
In diesem kleinen Leinenbändchen präsentiert sie ihre Lieblingsgeschichte zum Thema Tango. Der Finne Numminen, der Schwede Mankell und natürlich Jorge Luis Borges kommen zu Wort. Aber auch „Im Himmel Tango“ von Elsa Osorio und „Gardel in New York“. Es geht um Tangoschritte und das Bandoneon, um „Drei Minzten mit der Wirklichkeit“ von Wolfram Fleischauer und den „Tango in Berlin“ von Katrin Dorn.
„Ich hatte noch nie etwas mit einer Frau. Mit fünfzehn stieß ich auf Platon. Er sagt, dass die Frau mit vierundzwanzig reif für den Geschlechtsakt ist, der Mann mit fünfunddreißig. Bald werd ich sechsundreißig und noch immer unberührt sein. Wenn ich es schaffe, bin ich besser als Platon!
Zum Tango braucht man nicht unbedingt eine Frau, mit einem Mann gehts genauso gut.
Dann und wann war ich auch schon mal beim Schwulentanz. Aber Männer machen mich nicht an.
Russische Männer tanzen miteinander Krakowiak, und keiner denkt sich was dabei.
In Argentinien haben zuerst nur Männer Tango getanzt. in Finnland können Frauen miteinander tanzen, Männer nicht – normalerweise. Irgendwas ist falsch. …“, schreibt M.A.Numminen in seinem Text „Tango ist meine Leidenschaft“ und wer ihn schon mal singen gehört hat, glaubt ihm wirklich alles.