Freitag, 10.Mai

Heute haben
Johann Peter Hebel * 1760
Friedrich Gerstäcker * 1816
Fritz von Unruh * 1885
Petra Hammesfahr * 19561
Ralf Rothmann * 1953
Geburtstag
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„Der Weg zu den Quellen geht gegen den Strom.“
Fritz von Unruh
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Das neue Heft ist da.


„Sinn und Form“
Drittes Heft 2024
Akademie der Künste € 11,00

Unglaublich, was sich wieder hinter diesem unscheinbaren Äußeren versteckt.
Es beginnt mit Elisabeth Plessens Bericht über die literarischen Zirkel im eingemauerten Berlin und den Memoiren von Erika Mann.
Günter de Bruyns „Bericht für die Polizei“, Stephan Wackwitz: „Heiner Müller in Tokio“, Kurt Dasow: „Berliner Landleben“ folgen. Dazu Gedichte von Eugenio Montale, Ulrike Draesner und Raoul Schrott. Texte zu Katja Petrowskaja, Lutz Seiler, Joseph Roths: „Hiob“ und und und.
Ein Heft zum Versinken. Überall gibt es Entdeckungen und Texte, die ich sonst nie finden würde.
Wieder einmal ein großes Lob an die Redaktion des Heftes.
Als Leseprobe gibt es auf der Seite von „Sinn und Form“ einen Ausschnitt aus Elisabeth Plessens Text.

„Der Mauerbau im August 1961 veränderte das Leben in der Viersektorenstadt Berlin radikal. Sie war nun in zwei Hälften zerschnitten. Westberlin war nicht Westdeutschland, war etwas Drittes, der Status blieb in der Schwebe – und die Stadt hing am Bonner Tropf.

Ab 1964 studierte ich an der Freien Universität Berlin Philosophie und Literaturwissenschaft, wechselte aber bald zu Walter Höllerer, der an der Technischen Universität den Lehrstuhl für Neuere Germanistik innehatte und ein renommiertes Doktorandenseminar leitete – ein quirliger, innovativer Geist, der unendlich viel für die Belebung und Erhaltung des literarischen Lebens tat. Er erfand das Literarische Colloquium, schuf wichtige Zeitschriften wie »Akzente« und »Sprache im technischen Zeitalter«, mit seinen vielfältigen Initiativen lockte er internationale Autoren in die eingemauerte Stadt und publizierte ihre Texte.

Ernst Schnabel, von 1951 bis 1955 Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks, danach freier Autor, anschließend mit Rolf Liebermann, den wiederum Hans Werner Henze ablöste, Leiter des Dritten NDR-Hörfunkprogramms, zog 1965 nach Berlin. Wie viele andere Autoren und Publizisten tat er das auch aus Solidarität mit der Inselstadt. Schnabel leitete im Dritten Fernsehprogramm des im Aufbau befindlichen Senders Freies Berlin die »Literarische Illustrierte«. Der Intendant Walter Steigner und Schnabel hatten dasselbe im Sinn: ein offenes, liberal-kritisches, überparteiliches Programm gemäß dem Bildungsauftrag einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Der Vierte im Bunde der damaligen »Macher« war Hans Werner Richter. Halbjährlich residierte er im Grunewald in der ehemaligen S.-Fischer-Villa in der Erdener Straße 8 und moderierte für Schnabels Redaktion den politisch-literarischen »Salon« – direkt nach der Tagesschau, Gespräche open end, buchstäblich bis in die Puppen.

Richter lud ein, wer sich aus Politik und Kultur für die diskutierlustige Runde eignete. Schnabel sendete auch Höllerers Veranstaltungen in der Akademie der Künste am Hanseatenweg – Mitschnitte aus der Reihe »Theater auf kleinen Bühnen« oder die Ost-West-Treffen deutscher Lyriker. Fritz J. Raddatz schreibt über die Zeit: »In diesen (…) Jahren waren die Schriftsteller Teil der Gesellschaft, und sei es qua Opposition; sie bildeten ein Netz (…) – bis Willy Brandt Bundeskanzler wurde.« (Tagebücher, 2010)

Vieles im damals noch jungen Dritten Fernsehprogramm war Pionierarbeit: die Themen flexibel, oft spontan, wie die ohne weiteres eingesetzte Kolumne von Sebastian Haffner. Es gab keine Zeitschriften, die das Programm abdruckten und auf Wochen hin festzurrten. Die Arbeit war vergleichsweise experimentell. Und alle machten gern mit. Gesendet wurde in Schwarzweiß. Schnabel sprach die Begrüßungsworte donnerstags um 20.15 Uhr meist selbst. Mit rauchig-warmer Stimme, freundlich zugewandter Miene und offenen Augen, ein sehr persönlicher Touch. Die Themen waren vielfältig. Höllerers und Richters Programme wurden live gesendet. Es gab viele Autorenlesungen, auch Wolfgang Neuss hatte seine letzte Plattform in Schnabels »Illustrierter«. Heute ist diese Freizügigkeit in der Programmgestaltung kaum mehr vorstellbar.

Ernst Schnabel experimentierte nicht nur in eigenen Hörfunktexten gern mit der Form, er erfand im Rahmen der »Literarischen Illustrierten« auch die »Literarische Lesebühne«. Da spielten und lasen die damals besten Schauspielerinnen und Schauspieler Texte der Weltliteratur. Nicht alle lebten in Berlin, ließen sich angesichts des Honorars für die Dauer der Aufzeichnung, nur drei Tage, aber gern einfliegen.

Schnabel suchte für das erste Stück der »Lesebühne«, Thomas Manns »Zauberberg«, jemanden, der oder die ihm den Roman als Serie von fünf oder sechs Sendungen einrichtete. Er erkundigte sich bei seinem Freund Höllerer, der die Doktoranden seines Colloquiums durchging und meinte: »Frag doch die Plessen. « Und Schnabel fragte die Plessen, aber nicht sofort. Er hatte sich nämlich auf Peter Wapnewskis house warming party in mein Gesicht verliebt. Mit zwei anderen Studentinnen hatte ich unserem sich in Berlin-Dahlem installierenden Professor aus Heidelberg geholfen, zuerst die Wohnung ein- und dann die Einweihungsparty auszurichten, zu der tout Berlin kam: Professorenkollegen wie Eberhard Lämmert oder Jacob Taubes, Hörfunkleute oder Kritiker wie Roland H. Wiegenstein, außerdem Alexandra Kluge, damals verliebt in Wapnewski, Hans Werner Richter und eben auch Ernst Schnabel. Er sprach mich an dem Abend nicht an – in einem meiner Romane habe ich die Szene später festgehalten. Ich kannte niemanden, stand nach getanem Dienst, zu scheu, jemanden anzusprechen, nur herum und war ständig auf dem Sprung zu gehen.

Erst einige Zeit später kam Schnabel auf mich zu, an einem Abend bei Richter in der Erdener Straße. Ich freute mich und sagte tollkühn ja, mache ich! Dabei hatte ich in meinem Leben noch niemals ferngesehen. Ich war aufgewachsen in einem Haus mit vielen Zimmern in Ostholstein, das in den Nachkriegsjahren voller Flüchtlinge war. Das Schloß gehörte meinem Vater. Im meinem ersten Roman »Mitteilung an den Adel« habe ich versucht, diese Zeit bis 1968 einzufangen. Die Kinderschwester, deren Familie aus Ostpreußen stammte – sie selber wuchs in einem Waisenhaus in Stettin auf –, war die einzige Erwachsene, die ich kannte, die Radio hörte. Hauptsächlich den Suchdienst vom Deutschen Roten Kreuz, übertragen Sonntagvormittag im NWDR. Und deutsche Schlager natürlich, sie dudelten unentwegt. Das war Unterhaltung. Doch Fernsehen!? Du lieber Gott. Zu Lebzeiten meines Vaters war das neue Medium im Elternhaus tabu, es galt als geistige Verflachung. Es unterbinde jede Diskussion, hieß es, obwohl es sowieso keine gab. Der einzige Apparat, auf dessen Schirm es meist auch nur schwarzweiß regnete, stand im Keller, dem ehemaligen Gutsgefängnis mit seinen zweieinhalb Meter tiefen Mauern auf einem großen Steinquader. Am Boden lagen noch die Fußketten mit den großen Eisenkugeln. Der Kasten war fürs Personal, die Köchin, die Haus- und Küchenmädchen, den Diener gedacht.

Ernst Schnabel zeigte mir, wie ich die Sache angehen könnte. Also kaufte ich mir eine große Rolle Papier, mehrere Tuben Uhu und zwei Taschenbücher des »Zauberbergs«, schnitt diese auseinander und klebte sie als Leporello auf die Rolle. Mit dem Filzstift strich ich den Roman auf Dialogszenen ein. Einen Sprecher des Erzählers ließ ich stehen und führte einen zweiten für meine szenischen Überleitungen ein. Stundenlang lag ich so auf dem Bauch, ein Kissen unter mir, und murmelte Thomas-Mann-Sätze, bis ich sie in langen Passagen auswendig konnte. Ein großes Vergnügen. Größte Erheiterung auch für andere. Die nächste Frage galt der Besetzung. Bald stand sie fest. Joana Maria Gorvin spielte die kirgisenäugige Madame Chauchat, Kurt Bois den asketischen Jesuitenschüler Naphta, Charles Regnier seinen Widerpart, den Humanisten und Mentor Settembrini; Folker Bohnet war Leutnant Ziemßen, der kranke Cousin, und Hans Castorp – am schwierigsten zu besetzen – der junge Michael Degen. Die Regie übernahm Ludwig Kremer.

Dieser »Zauberberg« brauchte einen Vorspann, der das Publikum neugierig machte. Das gelang mit Hilfe von Erika Mann. Ich interviewte sie am berühmten Schreibtisch ihres Vaters im Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich. Sie erzählte vom Zustandekommen des Romans und Katia Manns großem Anteil daran, denn die so lebendigen, kauzig-vertrackten Schilderungen ihres eignen Kuraufenthalts in Davos arbeitete der Autor weitgehend in den »Zauberberg« ein. Katia Manns Briefe gibt es leider nicht mehr. Das ist schade, sie hatte unermüdlich nach München geschrieben.

Bei meinem Zürcher Aufenthalt lernte ich sie in Kilchberg kennen. Seit Ernst Schnabel die inzwischen Betagte Anfang der fünfziger Jahre bei einem Empfang im Hamburger Rathaus getroffen hatte, war es sein Plan, mehr noch, sein großer Wunsch, daß sie ihr Leben aufzeichnen, wenigstens erzählen möge. Immer hatte sie sich geweigert, mit Inge Jens, der Herausgeberin der Briefe Thomas Manns an Ernst Bertram und später der Tagebücher, die es gern gemacht hätte, stimmte die Chemie nicht, und der Versuch mit einem Studenten der ETH ging nach kurzer Zeit schief.

Als wir uns gegenübersaßen und die Frage wieder aufkam, sagte sie mit ihrer leicht münchnerisch gefärbten Stimme: »Ja, mit der mach ich’s!« Also machten wir’s. Sie bat im voraus um die Fragen, und so schickte ich ihr eine lange Liste mit Dingen, über die ich von ihr etwas wissen wollte. Vieles davon strich sie gleich aus, alles etwa, das in Richtung Feminismus ging – dabei war ihre Großmutter Hedwig Dohm eine engagierte Frauenrechtlerin gewesen, die für das Frauenstimmrecht gekämpft hatte. Auch von Fragen zu ihrer Selbstbestimmtheit wollte sie nichts wissen. Katia Mann hatte als erste Frau in München das Abitur gemacht und studierte Physik und Mathematik, als Thomas Mann sich in ihren Lebensweg stellte. Und so trat sie mit 88 Jahren zum ersten Mal aus der vollkommenen Zurückhaltung der Öffentlichkeit gegenüber heraus. Aus Gründen der »Ziemlichkeit«, wie sie gleich eingangs betonte, habe sie sich diese Zurückhaltung zu Lebzeiten ihres Mannes und danach auferlegt. Außerdem müsse es in der Familie eine Person geben, die nicht schreibe. …“
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https://www.tagesschau.de/ausland/asien/hitzewelle-suedostasien-klima-100.html
Von Jennifer Johnston, ARD Singapur

Thailand, Kambodscha und Vietnam
Südostasien ächzt unter Hitzewelle

Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius mit verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Natur: Südostasien leidet unter der längsten Hitzewelle seit Jahrzehnten – verursacht durch eine Mischung aus Klimawandel und El Niño.
In Vietnam treiben Hunderttausende tote Fische an der Wasseroberfläche eines Sees. In Kambodscha verkürzt die Regierung die Unterrichtszeiten in der Schule. In Thailand sind bereits mehr als 30 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben. Mehr als 40 Grad Celsius zeigt das Thermometer in Südostasien teilweise an. Die gefühlte Temperatur liegt weit höher – bei mehr als 50 Grad Celsius. Das ist lebensgefährlich für Tiere und Menschen. …
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Samstag, 20.Januar

Heute haben
Nazim Hikmet * 1902
Bernt Engelmann * 1921
Ernesto Cardenal * 1925
Eugen Gomringer * 1925
Nigel Williams * 1948
Ulrike Draesner * 1962
Ildikó von Kürthy * 1968
Geburtstag
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Arno Holz (1863 – 1929)
Winter

Du lieber Frühling! Wohin bist du gegangen?
Noch schlägt mein Herz, was deine Vögel sangen.
Die ganze Welt war wie ein Blumenstrauß,
längst ist das aus!
Die ganze Welt ist jetzt, o weh,
Barfüßle im Schnee.
Die schwarzen Bäume stehn und frieren,
im Ofen die Bratäpfel musizieren,
das Dach hängt voll Eis.
Und doch: bald kehrst du wieder, ich weiß, ich weiß!
Bald kehrst du wieder,
o nur ein Weilchen,
und blaue Lieder
duften die Veilchen!
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Ariane Starczewski: „Wintervögel“


Ich freue mich, unter diesem Titel ein SCHAU-Fenster mit Originalen und Kunstdrucken zeigen zu können. Über viele Jahre habe ich meinen ganz eigenen unverwechselbaren Stil entwickelt.
Die Bilder werden unter anderem auf Wunsch angefertigt. Auch die Bilderrahmen sind Einzelanfertigungen und geben den zarten Schriften und Motiven ihren ganz persönlichen Charakter.
Im Laden sind auch Glückwunschkarten aus meiner Kollektion erhältlich.

Weitere Informationen, Ausstellungstermine und Kontakt
www.schriftart-online.com
Kalligraphie & Illustration
Ariane Starczewski
89081 Ulm
FON 0731- 602 49 40
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Festival contre le racisme Ulm

Wir teilen den Aufruf vom Ring politischer Jugend Ulm zur antifaschistischen und überparteilichen Demo am 20.02.24 um 15:30 auf dem Münsterplatz Ulm.

Die veröffentlichten Recherchen von Correctiv letzten Mittwoch zeigen erneut wie menschenfeindlich die AfD ist. Eine Partei, die in den letzten Monaten mehr an Zustimmung gewonnen hat, vergangenen Sommer erste politische Ämter besetzt hat, die sie zuvor nicht hatte, wir erinnern uns an Sonneberg und Raguhn-Jeßnitz. Die Proteste, wie die der Landwirtschaft letzte Woche für sich einnimmt und Menschen vormachen will, sie stehe für sie ein. Die die millionenfache Deportation von Menschen fordert, die ihnen nicht ins Weltbild passen, weil halt „nicht deutsch genug“. Die Lügen verbreitet und auf den Ängsten der Menschen aufbaut. Die gerade Wahlkampf in Thüringen, gesichert #rechtsextrem, Sachsen, gesichert rechtsextrem, und Brandenburg macht. Gleichzeitig werden immer mehr Menschen laut. Angemeldete anti AfD und antifaschistische Demos und pro demokratische Werte und eine vielfältige Gesellschaft häufen sich in den letzten Tagen und Stunden verteilt über Deutschland. Menschen gehen auf die Straße, diskutieren mit Familien, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen oder den Nachbarn. Sie machen sich Sorgen, denken darüber nach, was sie machen, wenn die rechtsextreme AfD in ihrem Bundesland in wenigen Monaten an die Macht kommen sollte.

Seid mutig. Seid laut. Seid antifaschistisch.

Vielen Dank an die Menschen von rpj_ulm für das Organsieren der Demo!
Demoschilder sind willkommen.

Viele Grüße
Festival contre le racisme Ulm
www.fclr-ulm.de
Facebook: Festival contre le racisme Ulm
Instagram: fclr.ulm

Freitag

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Heute haben
Marcel Proust * 1871
Günther Wiesenborn * 1902
Paul Wühr * 1927
Alice Munro * 1931
Kurt Brasch * 1937
Geburtstag

„Longtemps je me suis couché de bonne heure“
Der erste Satz aus der „A la recherche du temps perdu“ von Marcel Proust.
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Ach, was ist das im Moment für ein tolle literarische Zeit.
Rainald Goetz bekommt den Büchner Preis und Nora Gomringer den Bachmann Preis. Grossartig. Da gibt es einigen Nachholbedarf.
Ganz aktuelle Romane stehen gerade nicht an, dafür trudeln aber herrliche Perlen ein. „Sinn und Form“, „Die neue Rundschau“ mit den Briefen von Milena Jesenská aus dem Gefängnis, die Hefte vom Lyrik Kabinett, den wunderbaren japanischen Gedichtband im Secession Verlag und viele wunderbare andere Schätze. So können wir uns hier ein wenig vertiefen, bevor wir wieder mit dem Ritt durch den Neuheiten Tsunami beginnen.
Gestern gab es „Die fünfte Dimension“ von Ulrike Draessner und das hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich den letzten Gedichtband von ihr aus dem Regal gezogen habe und erstaunt feststellte, dass das Nashorn-Gedicht im Buchdeckel abgedruckt ist.

subsong

Ulrike Draesner: „Subsong“
Gedichte
Luchterhand Verlag € 18,99
als E-Book € 14,99

Subsong,whispersong oderPlaudergesang ist eine Art meist relativ leisen Gesangs von  Singvögeln. Er unterscheidet sich merklich vom Territorialgesang der jeweiligen Vogelart und tritt auch bei Arten auf, die nicht singen, um Reviere zu markieren. Man hört die Plaudereien von Jungvögeln, die noch nicht um Brutplätze oder Weibchen
konkurrieren, oder von erwachsenen Vögeln außerhalb der Brutzeit. Der Subsong besteht in der Regel aus Rufen und plappernden Lautserienund kann Imitationen beinhalten. Er ist stark individuell geprägt.Subsongs wurden in der Vogelforschung lange ignoriert. Dabei sind siebesonders schön: Es wird familiengeschwätzt, gelallt, versucht, die Kehle geölt. Subsong ist: Melodie hinter der Melodie, Melodie in Teilen, im
Aufbau, auf dem Weg zu etwas Neuem. Halb Rauschen, halb Freude. Die
Ornithologie erwägt: »Möglicherweise handelt es sich um Erprobungen des Vokabulars.« Ohne es zu bemerken beobachtet man Poesie. 

Ulrike Draesner hat hier eine Mischung von Gedichten zusammengestellt, die sich nicht so einfach lesen lassen. die meisten zumindest. Nicht in der gewohnten Reimform ist diese Lyrik, oft in ungewohntem Satzspiegel, auf den Seiten zu finden. Die Autorin, probiert, versucht, verdreht, findet und stellt neu zusammen. Sie entdeckt Altes und kramt in ihren Erinnerungen. Sie geht zurück bis Petrarca und tobt sich in ihren Kindheitshörfehlern bei Beatlesliedern aus.

„weißschenklig stülpt / sekundenschnell hahn sich schwanz / übern kopf stelzt sprühender phallus / der statt zu dringen fluoresziert / konvulsierende schönheit / party im blitz.“

So klangt bei ihr der Petrarcasche Vogelgesang in Neuinterpretation.
Hier wird aus Ernstem Nonsense und daraus vielleicht eine neue Wirklichkeit. Wie in ihrer Rede, geht sie zurück zu den Ursprüngen der Sprache, bricht sie auf und formt neu. Sie kommt auf die kindliche Sprachentwicklung zu sprechen und beginnt mit einem Gedicht „ohne R“. Später klappt es, das Kind kann den Buchstaben ausprechen und das Gedicht „mit R“ beginnt dann so:

paprika mamrika
seit drei tagen kann sie das r und
wie sagte sie »paprika« nach der kita
»mamrika« wir lachten liefen riefen
ros: …

Als Jugendliche hörte sie, wie wir alle, Lieder der Beatles und verstand natürlich einiges falsch, sang trotzdem lauthals mit. Diese Idee hat sie hier verfeinert und wir bekommen auf der linken Buchseite die original Beatlestexte zu lesen und rechts ihre Variationen, wie sie bei ihr im Langzeitgedächtnis wieder aufgetaucht sind.

Yellow Submarine

In the town where I was born,
Lives a man who sailed to sea,
And he told us of his life,
In the land of submarines.
….
We all live in a yellow subamrine

Gelbe Suppmarie

In den Au’n, wo ich war Sporn,
Man im Lift „hu!“ sagte „sieh!“,
rollte uns sein leben vor
tief im Land der Suppmarie

Wir hier drin in’ner gelben Suppmarie

„Poesie wirkt hier als Totengräber der Nostalgie.“, sagt sie selbst über ihre Arbeit. Es ist eine nach vorne gewandte Poesie, ein neues Herausfordern mit Hilfe der Lyrik. „What is Poetry?“, fragt sie in einem Gedicht und dieser Frage geht sie in diesem Buch auf verschiedenste Weise sehr gekonnt nach.

Dazu noch Jay-Z: „Rap is Poetry“

Donnerstag

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Heute haben
Ann Radcliffe * 1764
Johanna Schopenhauer * 1766
Jan Neruda * 1834
Barbara Cartland * 1901
Gerhart Pohl * 1902
Oliver Sacks * 1933
Arno Reinfrank * 1934
June Jordan * 1936
Hermann Burger * 1962
Geburtstag

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Jetzt wollte ich Ihnen vorspielenlassen, wie Marcel Reich-Ranicki den Autorennamen Hermann Burger ausspricht, der ja heute Geburtstag hat, und bin auf eine Aufzeichnung einer alten Sendung des Literarischen Quartetts gestoßen. Gegen diese vier Kritiker ist Dantes Purgatorio ja ein Kindergarten. Allein schon die Klamotten, die Frisuren und Karaseks Socken. Herrjeh, und die Art und Weise, wie sich der Großmeister gibt. Seine Tiraden gegen Thomas Bernhard. Unglaublich. Vielleicht haben Sie ja Lust auf einen kleinen Blick. Es ist ein Gruselkabinett.


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Unser Tagestipp:

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Es gibt diese Reihe schon seit 2005, ich halte sie jedoch zum ersten Mal in den Händen und bin komplett begeistert.Wie schön die gemacht sind und, aufgepasst, die Hefte werden auf dem Umschlag nicht numerisch durchgezählt, sondern von a bis z. Dazu wird jeweils der fortlaufende Buchstabe farblich abgesetzt. Die Buchstaben sind übrigens auch noch etwas erhaben und sie können Sie mit den Fingern fühlen.

Münchner Reden zur Poesie
Stiftung Lyrik Kabinett München € 12,00
Die Hefte erscheinen ca. zweimal im Jahr
Buchgestaltung und Typographie: Friedrich Pfäfflin, Marbach
Druck: Gulde-Druck in Tübingen

Ulrike Draesner: „Die fünfte Dimension“
Heft Nr. 14, bzw. N
Gehalten am 14.März 2015

Die Lyrikerin, Schriftstellerin und Essayistin Ulrike Draesner nimmt uns mit auf eine Reise in den Entstehungsprozess eines Gedichtes. Sie spürt der Poesie nach, geht unorthodoxe Wege, springt, überspringt, sucht und findet. Sie wühlt bei den Philosophen, in der Literaturgeschichte und Hermeneutik und fragt sich dann doch nicht, wie entsteht ein Gedicht, sondern wie kommt, in der Sprache, etwas Neues in die Welt.

Nashorn spricht: bin schwer, roh nicht
stampf über Sterne hin, Panzertier
doch träum ich vorn im Horn von dir
fließt du daraus als Sonnenlicht

Manchmal geht mit dem letzten Vers ein geflüstertes „schön“ durchs Publikum. Etwas ist getroffen-erzeugt:ein Bild im Kopf, Klangwiederholungen, Melodie. Das Nashorngedicht öffnet Ohren.
Doch es ist kein Gedicht. Es ist ein Einfall, ein Einfall mit Reim.

Ulrike Draesner fragt sich, wie Stimme, Laute und Bedeutung zueinander stehen. Sie kommt auf den Begriff der Empathie, die nur beim Menschen vorhanden ist. Menschenaffen können zwar unsere Sprache verstehen, jedoch nicht nachahmen. Sie geht auf die Sprachentwicklung bei Kleinkindern ein und auf Klicklaute, die auch durch eine kleine Graphik erläutert wird. Aber was hat das alles mit Poesie zu tun?

Das gemacht Nichtgemachte. Das Machen/Nichtmachen des Bergs. Und er Höhle. Des Ganges in Sprache. In Sprache hinein, mit dem Körper. Aus dem Körper gemacht, ins Machen des Körpers hinein. Ich möchte mich mit Ihnen Hinsprechen zu-Poesie. Uns der Poesie zu/sprechen.

Die fünfte Dimension ist für sie die Sprache und dazu gehört, in ihrer konzentrierter Form, die Poesie. Ulrike Draesner gibt uns Definitionen to go mit, damit wir erkennen, wohin ihre Reise geht. Zu unbekannten Orten, für die wir keine Sprache haben. Es sind Reisen im Kopf. Und dieses Umsetzen in Laute verschiedenster Art, ist das Besondere. wir können uns durch Texte, Sprache in andere Menschen hineinversetzen, denken und handeln wie sie. Das ist der Trick bei Literatur. Deshalb können wir in Romane versinken und darin aufgehen. Wir entdecken dadurch immer neue Horizonte, gehen unbekannte Wege und erkennen die Schönheit guter Gedichte. Denn wenn uns Texte nicht berühren, dann sind sie auch nicht gut.

Website von Ulrike Draesner
www.der-siebte-sprung.de

Zum Thema Klicklaute verweist Ulrike Draesner auf folgendes Tondokument, das Sie hier anhören können.

Weitere Hefte der „Münchner Reden zur Poesie“, die wir im Laden haben.

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M: Michael Krüger: Eine Verteidigung des Dichterischen
H: Uljana Wolf: Box Office
K: Jan Wagner: Der verschlossene Raum

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Noch ein Tipp: Der Blog „Lautmalerei„. Diesmal zum Thema:
„Auf Wiedersehen an der Milchbar, Kleines!“

Dienstag

Heute nur mit  Mütze
Bei dem Wetter nur mit Mütze
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Heute haben
Nazim Hikmet * 1902
Federico Fellini * 1920
Ernesto Cardenal * 1925
Eugen Gomringer * 1925
Ulrike Draesner * 1962
Ildikó von Kürthy * 1968
Geburtstag
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Werner Färbers
UNGEREIMTHEIT DER WOCHE
WENN DIE ZIEGE FRISST, 
 
Frisst eine Ziege auf dem Rasen,
so nennt man das landläufig grasen.
Wenn sich jedoch die Ziege streckt
nach Blattwerk hoch im Baume reckt –
heißt es dann, die Ziege laube?
Nein, das kann nicht sein, ich glaube,
wenn sie vor Hunger so hoch klettert,
sagt man wohl eher: die Ziege blättert.

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Da wir ja wöchentlich Ungereimheiten von Werner Färber hier vorstellen (dürfen),freue ich mich um so mehr, dass wir wieder sein sehr schön gestaltetes Buch: „Ungereimtheiten aus der Tierwelt“ im Laden haben.

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Ungereimtheiten Verlag € 16,90
Mit wunderbaren Stempel-Illustrationen von Simone Klages.

Jetzt können Sie dieses Bändchen immer wieder in die Hand nehmen, wenn Sie ein passendes Gedicht für Ihren Brief brauchen. Welches Tier Sie nehmen sollen?, fragen Sie jetzt. Kein Problem! Werner Färber denkt ja mit und hat seine Tiere alphabetisch sortiert. Von Albatross und Ackerscholle, über Angsthase und Autoschlange, bis hin zu Yorkshireterrine, Buckelzirpe, Zitteraal und zum Schluss den Zugvogel. Und die Tiere dazwischen? Ja, da schauen Sie am Besten bei uns in der Buchhandlung nach.

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Wem das alles immer noch nicht reicht und wer nach dem Anschauen der tollen Illustrationen nicht Papier und Stift genommen und sich selbst an den Tieren versucht hat, für den hat Werner Färber eine knallrote CD beigefügt auf der er seine Gedichte selbst vorträgt.
Das ist mal n Wort.
Sich selbst hat er auch noch lyrisch verarbeitet. Ausserhalb des Alphabets und ganz am Ende. Hier sind dann die dichterischen Qualitäten des Ehemanns gefordert, da seine Frau ihn für ein tropfendes Rohr in der Badestube braucht. Hier heisst es also doppelt dichten.
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Das Ungetier

Es lebte einst mal dort mal hier
ein fürchterliches Ungetier.
Es hatte Spaß am böse sein,
deshalb bleibt es meist allein.

Yorkshireterrine

Der kleine Yorkshireterrier Lasse
passte in die Suppentasse.

Die dicke Yorkshirehündin Tine
war zu groß für die Terrine.

Mit etwas Glück kommt Werner Färber im Sommer nach Ulm. Zu uns in die Buchhandlung und auch gerne in Schulen. Also bitte melden, wenn Sie Lust auf Ungereimtes haben.