Freitag, 1.März

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Heute haben
Giorgos Seferis * 1900
Ralph Ellison * 1914
Franz Hohler * 1943
Delphine de Vigan * 1966
Franzobel * 1967
Geburtstag.
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Ludwig Uhland
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
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Jetzt als Taschenbuch:

Die Wurzel alles Guten von Miika Nousiainen

Miika Nousianen:Die Wurzel alles Guten
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Goldmann TB  € 10,00

Pekka Kirnuvaara begibt sich widerwillig auf Grund einer überfälligen Wurzel-behandlung zum Zahnarzt. Da sein Familienname recht selten in Finnland vorkommt, ist er schon verwundert, dass dieser Arzt genauso heisst und als dieser ihm dann bei der Untersuchung sehr nahe kommt, fällt ihm sofort die gleiche markante Nase auf. Klar, denkt er, der muss mit mir verwandt sein! Doch Esko, der Zahnarzt, geht auf seine Fragen bezüglich einer Familienzusammengehörigkeit nicht ein und weicht auch sehr bestimmt seinen Fragen aus. Lieber hält er ihm immer wieder einen Vortrag über seine schlechten Zähne und dass er eine mangelhafte Zahnpflege betreibe. Doch Pekka bleibt stur und tatsächlich stellt es sich heraus, dass die beiden Halbbrüder sind und Esko lässt sich sogar auf die Suche nach deren Vater ein, der für beide unbekannt ist.
Nun beginnt eine turbulente Reise, quer durch die Welt, die beiden bleiben nicht alleine. Da gesellen sich von Land zu Land noch ein paar andere Suchende dazu, die unterschiedlicher nicht sein könnten. aber sie haben etwas gemeinsam……
Ein Roman, der viel Spass macht beim Lesen, fröhlich, witzig und in dem trotzdem zwischen den Zeilen viel über das Leben, über Vorurteile und Ungerechtigkeiten steckt. Die trüberen Tage werden kommen und wenn Sie dann etwas zum Schmunzeln brauchen, kann ich diesen kurzweiligen Roman wärmstens empfehlen.

Leseprobe

Miika Nousiainen, 1973 in Jyväskylä, Finnland geboren, ist Schriftsteller, TV-Journalist und Drehbuchautor. Die Wurzel alles Guten (im Original Juurihoito) ist sein vierter Roman und der erste, der auf Deutsch übersetzt wird.

5 Fragen an Miika Nousiainen

Stimmt das Gerücht, dass Sie die Idee zu Ihrem Roman bekamen, als Sie auf einem Zahnarztstuhl lagen, das Gesicht des Zahnarztes über sich anstarrten und versuchten, die Angst vor Schmerzen zu ignorieren?

Zumindest teilweise. Im Alter von siebzehn Jahren habe ich mir bei einem Unfall mit dem Fahrrad vier Vorderzähne abgebrochen. In der Folge musste ich Hunderte von Stunden im Zahnarztstuhl verbringen. Und ich hasse es heute noch jedes Mal. Aber ich habe währenddessen auch zu verstehen versucht, warum jemand einen Beruf wie den des Zahnarztes ergreift. Ich meine, man verursacht Schmerzen bei unschuldigen Menschen! Und ein Zahnarztstuhl ist ein sehr guter Ausgangspunkt für einen Roman; die Figur ist eingesperrt, sie kann erst mal nicht entfliehen. Im Fall meines Buches sind es zwei Brüder, der eine kommt nicht zu Wort, weil es ihm schwerfällt zu reden, der andere nicht, weil er den Mund voller Dentalwerkzeug hat.

Wie oft benutzen Sie, ganz ehrlich, selber Zahnseide?

Fast nie. Auch wenn mir natürlich klar ist, dass ich es täglich tun sollte.

Pekka und sein Bruder finden auf ihrer Reise mehr und mehr Verwandte. Am Ende ist es eine internationale Familie, die komplett vom selben Vater abstammt. Aber ist das auch als Modell zu verstehen? Könnten sie sich auch ohne genetische Verwandtschaft so nahestehen? Ist das im Grunde die Botschaft des Romans: Über familiäre Bande lässt sich erkennen, dass man mit vielen Menschen eine fast familienartig enge Bindung hat?

Ich bin mir nicht sicher. Für gewöhnlich schreibe ich über etwas, das ich für wichtig halte und von dem ich hoffe, dass es einen Sinn ergibt oder dass ein wichtiges Thema drinsteckt. Zumindest versuche ich zu erzählen, dass jeder jemanden braucht, dem er zugeneigt ist und um den er sich sorgen kann. Ein Schlüsselerlebnis für dieses Buch hatte ich in Thailand. Ich war auf einem Spielplatz mit meinem Sohn und begann mich mit einem chinesischen Vater zu unterhalten. Er fragte mich, ob ich noch mehr Kinder hätte. Ich verneinte, und er fragte, ob wir in Finnland nur ein Kind haben dürften. Das hat mich geschockt, obwohl ich von der Einkindpolitik in China wusste. Ich habe zwei Brüder, und mir wurde bewusst, dass die Regierung dort den Menschen einfach das Recht genommen hat, Geschwister zu haben, Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und so weiter.

Einer der sehr überzeugenden Stränge im Roman beginnt ziemlich am Anfang mit der ersten Schwester: Sie spiegelt die Hoffnung und die Schwierigkeiten des Zusammenlebens verschiedener Kulturen in einem Sozialstaat wider. Zeigt sie auf, wie einfach es eigentlich sein kann – oder ist sie vielmehr ein Beispiel dafür, dass Pragmatismus und Realismus die einzigen Mittel sind, um mit der Angst und den Vorurteilen gegenüber Immigranten umzugehen?

Die schwedische Schwester habe ich entwickelt, weil ich eine Figur wollte, die Rassist zu sein scheint, aber im Grunde eine herzliche und tolerante Person ist. Hier in Helsinki lebe ich in dem Viertel Kallio. Es wird auch die „rot-grüne Blase“ genannt. Das soll bedeuten, dass wir sehr tolerante Bewohner sind. Zumindest, solange alle unsere Ansichten teilen. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass wir vielleicht doch nicht so tolerant sind.

Sind Sie zu all den Orten hingereist, die die Brüder aufsuchen – und falls ja, war die Reiseroute im Buch dann nicht vielmehr eine Ausrede dafür, dort überall hinreisen zu dürfen?

Tatsächlich bin ich an all diese Orte gereist. Und natürlich war es eine Ausrede. Aber ich hatte auch ein paar handfeste Gründe: Die Familie meiner Mutter ist in den frühen Sechzigern nach Australien ausgewandert, und ich habe über diese Seite viele Storys gehört. Mein Onkel hatte eine Aborigine zur Frau, und ich wollte seine Geschichte integrieren. Thailand habe ich gewählt wegen eines Vorfalls vor etwa zehn Jahren. Wir sind oft auf eine kleine Insel im Süden Thailands in die Ferien gefahren. Ein Kellner erzählte mir, dass er seit drei Jahren dort arbeite und jetzt so weit sei, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen: Er würde seine Mutter aufs Festland bringen und mit seinem Ersparten dort ihre Zähne richten lassen. Das war berührend und hat mich auch beschämt. Wir hatten immer gratis Zahnpflege in Finnland, und uns ist überhaupt nicht bewusst, was das für ein Geschenk ist. Wir versuchen diesem Angebot aus dem Weg zu gehen, und irgendwo leben Menschen, die können sich nichts Schöneres vorstellen. Schweden ist ebenfalls ein wichtiger Ort für mich. Mein erster Roman handelt von einem Finnen, der Schwede sein will. Also habe ich die Reise in der Heimatstadt meiner Mutter begonnen, in Lieksa, und habe drei Länder auf drei Kontinenten besucht. Und dabei habe ich festgestellt, dass die Menschen überall ziemlich ähnlich sind. Überall stellen wir die Frage: Wer war als Erster hier? Dabei sollten wir vielmehr fragen: Was können wir gemeinsam erreichen?
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Donnerstag, 28.Juni

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Heute haben
Luigi Pirandello *1867
Helen Keller * 1880
Frank O’Hara *1926
Rafael Chirbes * 1949
Geburtstag
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Heute auf dem Lyrikkalender.
Dort allerdings nur die letzte Strophe.

Ludwig Uhland
Naturfreiheit

Leben, das nur Leben scheinet,
Wo nicht Herz, nicht Auge spricht,
Wo der Mensch zur Form versteinet,
Machst du ganz mein Herz zunicht?
Die mich oft mit Trost erfüllet,
O Natur, auch du so leer?
Tief in Eis und Schnee gehüllet,
Blickst du frostig zu mir her.

Hör ich nur ein Waldhorn klingen,
Hör ich einen Feldgesang,
Rühret gleich mein Geist die Schwingen,
Fühlt der Hoffnung frischen Drang.
O Natur, voll Muttergüte,
Gib doch deine Kinder frei,
Sonnenstrahl und Quell und Blüte,
Das auch ich erlöset sei!

Mit den Lüften will ich streifen,
Rauschend durch den grünen Hain;
Mit den Strömen will ich schweifen,
Schwimmend in des Himmels Schein;
In der Vögel Morgenlieder
Stimm ich frei und freudig ein;
Alle Wesen sollen Brüder,
Du, Natur, uns Mutter sein!
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Kerascoët: „Mein Weg mit Vanessa
Bilderbuch ab 3 Jahre
Aladin Verlag  €14,95

Einfach toll. Ein großformatiges Bilderbuch mit einer dramatischen Geschichten und das alles ohne Worte. Ja, das geht. Wie uns die Bilderbuchmacher hinter dem Pseudonym Kerascoët vormachen.
Ein dunkelhäutiges Mädchen kommt neu in die Klasse und sitzt natürlich etwas hilflos in ihrer Schulbank. Während die anderen spielen, steht sie für sich alleine. Als sie auf dem Heimweg von einem Mitschüler grundlos angebrüllt wird, sieht dies ein anderes Mädchen aus ihrer Klasse. Dieser Vorfall geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie traut sich jedoch nicht, es ihren Eltern zu erzählen. Sie weiss nicht wie. Grübelnd liegt sie im Bett, bis ihr später ein toller Einfall kommt.
Dadurch niummt die Geschichte Fahrt auf. Immer mehr Kinder, Mitschüler mit allen Hautfarben schließen dem an, was sich das Mädchen für Vanessa ausgedacht hat. Die Seiten füllen sich und werden bunter und bunter.
In einem Nachwort erzählen uns die Autoren, wie wir alle mit Mobbing und Fremdsein umgehen können/sollen.
Ein wundervolles Bilderbuch zum Thema Toleranz und Mitmenschlichkeit, ohne ein Wort zu verlieren!

Hinter dem Pseudonym Kerascoët verbergen sich die 1978 geborene Marie Pommepuy und der 1975 geborene Sébastien Cosset. Kerascoët – ein kleiner Ort in der Bretagne – steht für ausgezeichneten Comic und liebevolle Illustrationen. Das Künstlerehepaar lebt und arbeitet in Paris.

Dienstag, 26.April

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Heute haben
Daniel Defoe * 1731
Ludwig Uhland * 1787
Arno Holz * 1863
Carl Einstein * 1885
Bernard Malamud * 1914
Geburtstag

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Ludwig Uhland
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste, Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
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Frankfurter Anthologie
Neununddreißigster Band
Herausgeber: Hubert Spiegel
Gedichte und Interpretationen Begründet von Marcel Reich-Ranicki
S.Fischer Verlag € 24,99

Als Marcel Reich-Ranicki vor vier Jahrzehnten die ›Frankfurter Anthologie‹ begründete, war nicht abzusehen, wie lange dieses Experiment Bestand haben würde. Und auch nach vierzig Jahren ist der Vorrat deutscher Poesie keineswegs aufgebraucht. Dennoch ist es an der Zeit für eine Öffnung. So widmet sich die „Frankfurter Anthologie“, die seit Oktober 2014 von Hubert Spiegel betreut wird, jetzt auch der Poesie aus aller Welt: Neben deutschsprachigen Gedichten wird in diesem Band erstmals fremdsprachige Lyrik behandelt.
Die Bände der „Frankfurter Anthologie“ fassen die Gedichte und Interpretationen eines Jahrgangs zusammen. Inzwischen liegen über 2.100 Gedichte vor.

Gewundert habe ich mich schon, als ich die Plastikfolie vom Buch weggemacht und einen ersten Blick auf das Inhaltsverzeichnis geworfen habe. „Li Tai-Po“ lese ich als ersten Autoren und denke, dass dies nicht gerade deutsch klingt, so wie ich es von den Autoren der 38 Jahre zuvor gewohnt war. „William Carlos Williams“ taucht gleich zweimal auf, von zwei verschiedenen Männern übersetzt. Verwirrt lese ich die obige Bemerkung von Hubert Spiegel und schaue nochmals auf die Autorenliste. So findet sich neben Georg Heym Guiseppe Ungaretti, gefolgt von Marina Zwetajewa und Peter Huchel. Irgendwie interessant und doch auch schade. Doof ist allerdings wirklich, dass bei den fremdsprachigen Gedichten nicht auch noch das Original abgedruckt ist. Ich denke, ich werde dies dem Verlag mitteilen, was immer sie damit anfangen. Egal. Ich freue mich in den nächsten Wochen über die drei Gedichte von Günter Grass, auf die von Tomas Tranströmer, die beiden von Charles Simic, bis hin zum letzten von Marion Poschmann. „Hinweise zur Erderwärmung“ und all die anderen dazwischen.

Lassen wir uns überraschen und lesen, was Michael Krüger, Kerstin Hensel, Ralph Dutli, Ilma Rakusa (die übrigens etwas über ihr eigenes Gedicht „Gedicht gegen die Angst“ schreibt), Jochen Jung,  Lutz Seiler, Kerstin Holm, Wolf Wondratschek u.v.m. zu den Gedichte wissen.
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Dienstag. 26.April um 20 Uhr
Roxy Ulm, Werkhalle
VVK 17,50  AK 20,—
Einlass: 19 Uhr
Bestuhlt / Pause

Linda Zervakis: „Königin der bunten Tüte

So, wie Linda Zervakis heute in die Wohnzimmer der Nation guckt, hat sie früher aus dem Kiosk ihrer Eltern geschaut. Was sie da gesehen hat? „Leute, die zum Frühstück Kräuterschnaps bestellen“. Und natürlich: Gute, herzliche Typen, die sich in ihrem Kiez umeinander kümmern und ihre Roth-Händle, Dickmanns-Frischebox und bunte Tüten seit 20 Jahren bei Familie Zervakis kaufen. Linda hatte Glück, eine gute Schule und den festen Willen, nicht für immer aus dem Büdchen zu schauen. Der Rest ist ihre Geschichte.

Linda Zervakis, 39, ist als Tochter griechischer Eltern in Hamburg geboren. Nach dem Abitur arbeitete sie als Werbetexterin bei der renommierten Agentur BBDO. Seit 2001 ist sie als Redakteurin und Nachrichtensprecherin für den NDR tätig. Seit Mai 2013 spricht sie die ARD-Tagesschau um 20 Uhr.