Donnerstag, 25.Juni

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Heute haben
George Orwell * 1903
Ingeborg Bachmann * 1926
Eric Carle * 1929
Yann Martel * 1963
Geburtstag
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Novalis
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,

Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
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Siegfried Unseld: „Reiseberichte“

Herausgegeben von Raimund Fellinger
Bibliothek Suhrkamp € 26,00

Zum 70.Geburtstag des Suhrkamp Verlages hat Raimund Fellinger eine Auswahl von Siegfried Unselds selbst so genannten Reiseberichte veröffentlicht. 1500 sind es insgesamt und wir reisen mit dem Verleger mehrfach um die Welt. Wir erleben die Höhe- und Tiefpunkten des großen Verlegers mit ihrem Glanz und Elend – ob beim Geburtstag von Max Frisch in New York, mit Samuel Beckett in Paris, mit Peter Weiss in Kopenhagen, mit Jurek Becker in Leipzig, bei Ingeborg Bachmann in Rom, mit Amos Oz in Israel, mit Thomas Bernhard in Wien oder mit Peter Handke auf der ganzen Welt.
So bildeen diese Berichte eine sehr gute Ergänzung zu den schon veröffentlichten Briefwechseln, zumal hier ganz private Aufzeichnungen zu finden sind, die nicht für Unselds Gegenüber gedacht waren.
Ein Höhepunkt dürfte sicher die Reise nach New York zu Max Frischs 60.Geburtstag sein. Dessen Gebaren macht Unseld sprachlos, wie er notiert hat. Einfach ist es nicht immer mit den Autor:innen. Dort trifft er u.a. auch Djuna Barnes, eine alte Dame, die sehr eigene Ideen zu ihrem Werk hat.
In Rom trifft er Ingeborg Bachmann, schreibt, dass die deutsche Buchhandlung Herder nichts taugt und daß ihm Elsa Morante unbedingt ihre Romane in Gedichtform verkaufen will. Uwe Johnson und Wolfgang Koeppen haben Schreibhemmungen und stecken in finanziellen Engpässen. In Japan behauptet ein Professor, dass Unseld ihm einmal mit dem Motorad seinen Mantel hinterhergebracht habe. Daran kann sich Unseld gar nicht mehr erinnern. Und Frau Brecht-Schall denkt nur ans Geld. Ach, wie so viele Autor:innen in diesem Buch.
Neben diesem Anektodischen erfahren wir sehr viel über Unselds vernetztes Denken in Bezug auf Literaturvernmittlung und -verbreitung.
Eine sehr persönliche Sammlung von Tagebuchaufzeichnungen, die allen Spaß machen müsste, die sich für Literatur interessieren. Und wenn Sie eine alte Telefonnummer von Wim Wenders brauchen – die findet sich hier auch.

Leseprobe

Freitag, 12.Juni

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Heute haben
Johanna Spyri * 1827
Djuna Barnes * 1892
H.C.Artmann * 1921
Anne Frank * 1929
Christoph Meckel *1935
Geburtstag
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Theodor Fontane
Mittag

Am Waldessaume träumt die Föhre,
am Himmel weiße Wölkchen nur;
es ist so still, daß ich sie höre,
die tiefe Stille der Natur.

Rings Sonnenschein auf Wies‘ und Wegen,
die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
und doch, es klingt, als strömt‘ ein Regen
leis tönend auf das Blätterdach.
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Morten Traavik: „Liebesgrüße aus Nordkorea“
Ein Extremdiplomat berichtet
Aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat
Suhrkamp Verlag € 18,00

Der norwegische Künstler und Regisseur ist in den letzten zehn Jahren mehr als zwanzig Mal nach Nordkorea gereist. Und zwar als offizieller Kulturattaché Norwegens. Man höre und staune.
Ihm gelang sogar das erste Rockkonzert der Geschichte Nordkoreas zu organisieren, bis er 2017 alle Beziehung nach dorthin abgebrochen hat.
Mit viel Humor, Mut und Neugier erzählt Traavik über den Alltag in dem abgeschotteten Land, über das Leben unter einem übergroßen Führer und den kleinen Fluchten der normalen Menschen.
Aber was schreibe ich so viel. Weiter unten finden Sie ein interessantes Interview mit Morten Traavik.
Viel Vergnügen dabei. Also ich hatte ihn.

Leseprobe

Ein Interview mit Morten Taarvik auf BR24

Mittwoch, 19.Februar

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Heute haben
Paul Zech * 1881
Giorgios Seferis * 1900 (Nobelpreis 1900)
Kay Boyle * 1902
Carson McCullers * 1917
Thomas Brasch * 1936
Siri Hustvedt * 1955
Helen Fielding * 1958
Jonathan Lethem * 1964
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Paul Zech

DER NEBEL fällt. Die Welt wird wieder klein.
Die Wälder rücken auch zusammen.
Bald wird um uns nur Dunkel sein
der Raum, woher wir alle stammen.

Herzu tritt auch das müdgejagte Reh,
es hat mich angsthaft angesehen.
Sein schneller Atem flockt so weiß wie Schnee,
kein Leid soll ihm geschehen.

Baum, Tier und ich:
Wir drei sind eins, dreieinig Du,
als wären wir seit Ewigkeiten schon

verbunden und verwoben.
Und nichts ist Unten mehr und nichts ist Oben,
gerundet deckt der Raum uns zu.
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Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“

Suhrkamp Verlag € 22,00

Das dritte Buch von Valerie Fritsch hat mich umgehauen. So ein genialer Umgang mit Sprache, das Fließen durch die Seiten, Formulierungen, die ich noch nie gelesen habe, haben die Lektüre zu einem ausgewöhnlichen Erlebnis gemacht.
Es könnte alles so banal sein.
Alma ist zu Beginn ein kleines Mädchen und ihre Eltern stehen im Mittelpunkt des ersten Teils. Darauf folgt der Groß- und danach die Großmutter. Als Alma sich in Friedrich verliebt und sie ihr Kind Emil bekommen, stehen natürlich diese beiden Männer im Mittelpunkt, bis sich der Kreis wieder zu den Großeltern schließt.
Valerie Fritsch versteht es gekonnt, die Sprachlosigkeit des Großvaters zu beschreiben, der im Krieg Opfer und Täter war und darüber nicht spricht, wenn er das überhaupt noch tut. Ganz im Gegenteil dazu seine Frau, die ketterauchend Alma immer und immer wieder Geschichten aus ihrem Leben erzählt und sich dabei öfters auf das Wohl der Verstorbenen einen genehmigt.
Der Schmerz der Sprachlosigkeit, der Schmerz des wiederholten Erzählenmüssens spiegelt sich in Almas Kind Emil, der schmerzunempfindlich ist und somit besonderer Fürsorge durch die Eltern bedarf. Nicht leicht für Alma, nach ihren langen Depression nach der Geburt.
Emil muss den Schmerz erlernen, sich aneignen, ein Etwas vortäuschen, das er nicht kennt. Er führt ein Leben zwischen Superman und oftmaligen Klinikbesuchen.
Valerie Fritsch verbindet, verknüpft, baut sich und uns ein Kammerspiel zusammen, schlägt einen großen weiten Bogen, bis sich der Kreis schließt.
Alma findet ihren Frieden. Weit weg, aber in Gemeinschaft mit ihrem Mann Friedrich und ihrem Sohn Emil.
Ein großartiges Buch. Bitte lassen Sie sich nicht von der langen Inhaltsangabe verwirren. Es ist ein schmales Buch, bei der die Sprache uns durch die Geschichten trägt, wie wenn sie „Zugvögel unter der Haut“ hätte.
Mein Tipp für den Bachmann Preis und die Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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