Montag, 22.November


Heute haben
George Eliot * 1819
André Gide * 1869
Geburtstag
und es ist der Todestag von Erich Fried .
____________________________________________

„Italiener! Das lautet soviel als Hanswurst! Was ist das für ein Schlaraffenland! Ohne vernünftige Gesetze, ohne Polizei, ohne Erziehung, in den Händen des Clerus, ohne Fleiß und Arbeitsamkeit, und für den Fremden ohne alle Bequemlichkeit!“
Wilhelm Waiblinger, der gestern Geburtstag hatte.
(Aus: die Briten in Rom, 1829)
_____________________________________________

Unser Taschenbuchtipp:


Deniz Ohde: „Streulicht
Suhrkamp Taschenbuch € 12,00

„Ich sagte meiner Mutter auf dem Heimweg, welches Wort ich gehört hatte kurz vor dem Stoß. Ich fragte, was es bedeutete. Es ist ein Schimpfwort, sagte sie. Aber du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche.“

Aufgewachsen in einem Industrieviertel bei Frankfurt, beschreibt die 1988 geborene Autorin ihre Kindheit und Jugend in der Enge der Arbeitersiedlung mit einem schweigenden Vater und einer türkischen Mutter, die ihre Hoffnungen nach Freiheit schon längst begraben hat. Doppelt stigmatisiert durch ihre Adresse in der Siedlung und durch ihre „fremde“ Mutter, kämpft sie sich durch die Schule, stoßt immer wieder an unsichtbare Grenzen und findet daheim oft keinen Tros,t keine Hilfe.
Deniz Ohde hat für diese Geschichte, die sich hart, düster und deprimierend anhört, einen sehr klaren Ton gefunden. Sie erzeugt eine Atmosphäre, so dass ich mich als Leser sehr gut in die Situation des jungen Mädchens hineinversetzen konnte.
Der Großvater sitzt blind im Sessel, hat seine Arbeitertradition an den Sohn weitergegeben, schweigt und kann nichts wegwerfen. Beide Männer horten jedes Zettelchen, kaufen jedes Sonderangebot, bis die Wohnungen aus allen Nähten platzen. Der Alkoholkonsum des Vaters machen das Zusammenleben mit ihm nicht einfacher. Die Mutter hat sich arrangiert, bis sie es nicht mehr aushält. Und das Mädchen stößt immer wieder an unsichtbare Grenzen aus Standesdünkel, Rassismus und Gefühlskälte. Sie scheitert in der Schule, bis sie in einem zweiten Durchgang den Weg an die Universität schafft. Aber auch dort sieht sie sich mit alten Vorurteilen konfrontiert.
Deniz Ohde hat mit diesem Erstlingswerk ein sehr intensives Buch geschrieben, das durch die Sprache, ihren ruhigen, genauen Blick auf blinde Flecken in unserer Gesellschaft heraussticht aus der Vielzahl der Romane junger SchriftstellerInnen.

Auszeichnungen:
aspekte-Literaturpreis des ZDF (Shortlist) 2020
Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020
Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2021

Mittwoch, 3.November


Heute haben
André Malraux * 1901
Dieter Wellershoff * 1925
Jan Faktor * 1951
Geburtstag
und es ist der Todestag von Thomas Brasch
__________________________________

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, / aber wo ich bin, will ich nicht bleiben, / aber die ich liebe, will ich nicht verlassen, / aber die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, / aber wo ich lebe, will ich nicht sterben, / aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: / aber bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
Thomas Brasch
___________________________________

Unser Tipp:

Hg.: Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey:
Verkannte Leistungsträger:innen
Berichte aus der Klassengesellschaft
Edition Suhrkamp € 22,00

Während des Lockdowns wurden sie noch von den Balkonen und im Bundestag beklatscht, doch geändert hat sich nicht viel bei den prekären Beschäftigungsverhältnissen. „Sie halten den Laden am Laufen“, heisst es. Aber was dahinter steckt, wie diese Menschen arbeiten müssen und (über)leben, interessiert dann doch wieder niemanden.
Pflegekräfte, Paketbot:innen, Arbeitende in der Fleischindustrie, oder Flugbegleiter:innen bei Ryanair – sie kommen hier zu Wort, erzählen aus ihrem Alltag, ihren Schwierigkeiten, mit der harten Arbeit, den vielen unbezahlten Überstunden und ihrem Privatleben. Lustig ist dies alles nicht.
Warum stellen viele Firmen liebend gern Menschen aus anderen Ländern ein, die mit einem halben Fuß in der Illegalität stehen? Nicht aus Freundlichkeit. Durch diese Situation sorgen die Firmen dafür, dass sie niedrige Löhne auszahlen können, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen bieten und wissen, dass sich kaum Widerstand regen wird. Ob das nun bei Amazon ist, oder bei Fernfahrer:innen, im Frisörsalon, im Restaurant und in der 24-Stunden-Pflege. Überall zeigt sich das gleiche Bild mit Druck, Stress und Diskriminierung. Diese Menschen tauchen in der Öffentlichkeit nicht auf und wenn ja, dann sind sie unsichtbar, wie die Putzkolonen auf Flughäfen und in der Bahn.
Sie alle leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft und werden dafür extrem schlecht entlohnt.
Sie sind systemrelevant. Nur für welches System? So funktioniert die freie Marktwirtschaft, der Kapitalismus.

Leseprobe

Donnerstag, 21.Oktober


Heute haben
Alphonse de Lamartine * 1790
Leconte de Lisle *1818
Jeremias Gotthelf * 1854
Iwan Bunin * 1870
Doris Lessing * 1919
Geburtstag
________________________________

In den meisten Fällen tut ein freundlich zutrauliches Wort mehr Wirkung und dringt tiefer als ein strenges, hartes.
Jeremias Gotthelf
________________________________

Ausgezeichnet mit dem aspekte-Literaturpreis des ZDF 2021


Ariane Koch: „Die Aufdrängung
Suhrkamp Verlag € 14,00

Die Jury des „aspekte“-Literaturpreises begründet ihre Entscheidung wie folgt:
„Ariane Kochs Debütroman „Die Aufdrängung“ überzeugt als hochdiffiziles Sprachbild: Eine Frau ringt mit einem ungebetenen, unbekannten, unerklärten Gast und der Projektionsfläche ihrer selbst, die diese Auseinandersetzung ihr eröffnet. In Kochs leichter, präziser und doch traumsicherer Sprache entstehen so Szenen, die – wie im absurdem Theater – erst gar keinen und dann einen gewaltigen Sinn zu ergeben scheinen. Derrida hat, als er von Gastfreundschaft schrieb, festgehalten, die absolute Gastfreundschaft bedeute, sein Zuhause zu öffnen: nicht nur dem Fremden, sondern auch dem Unbekannten, Anderen „Statt zu geben“ ohne von ihm eine Gegenseitigkeit zu erwarten. Koch variiert diese postmoderne Utopie des Sich Öffnen dem Unbekannten gegenüber literarisch gekonnt in ihrem beeindruckenden Debüt.“

Auf jeden Fall ist der schmale Roman, der als Taschenbuch in der Edition Suhrkamp erschienen ist, ein sprachliches Ereignis, wie ich es nicht oft in die Hände bekomme.


___________________________________