Donnerstag, 2.Februar

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Heute haben
Johann Christoph Gottsched * 1700
Annette Kolb * 1875
James Joyce * 1882
Also Palazzeschi * 1885
Joanna Bator * 1968
Geburtstag
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Johann Christoph Gottsched
Daß die Poesie am geschicktesten sey…

Verführte! deren schwachen Witz
Ein stolzer Wahn mit dicken Nebeln blendet,
Daß ihr der Musen hohen Sitz
Mit grober Thorheit schmäht, mit frechem Lästern schändet;
Genug getobt, genug geschwärmt!
Die Dichtkunst kömmt, ihr altes Lob zu retten,
Das wir ihr fast entwendet hätten,
Seitdem an ihrer statt die Reimsucht bloß gelärmt.
Sie kömmt die rohe Welt zu lehren,
Wie sehr man schuldig sey ihr Wesen zu verehren.

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9783423145428

Barbara Honigmann: „Chronik meiner Straße
Hanser Verlag € 9,90

Barbara Honigmann verließ mit ihrer Familie 1984 die DDR und zog Richtung Westen. Und zwar gleich soweit, daß sie zwar aus Deutschland ging und in Frankreich landete. Allerdings dort ganz im Osten, in Straßburg und da auch im Osten, wiederum in Richtung Deutschland. Sie fanden eine Bleibe in der Rue Edel, eigentlich ein Profisorium, wie sie immer wieder im Buch betont, eine Straße für den Anfang. Wenn dann mal alle Koffer ausgepackt sind, dann würden sie sich etwas Besseres suchen. Mittlerweile leben sie seit 30 Jahren in der gleichen Straße, im gleichen Haus, dem Zweithäßlichsten. Das Häßlichste steht gegenüber und gehört der Telekom. Es sind immer noch nicht alle Koffer ausgepackt, die Kinder sind längst aus dem Haus, aber das Ehepaar Honigmann zieht wohl nicht mehr aus. Obwohl? Eine Grabstätte haben sie sich schon gekauft. Es war ein Schnäppchen, wie ihr Mann meinte. 30 Jahre sind eine lange Zeit, eine Generation und Barbara Honigmann kann viel berichten über die Straße des Anfangs, die eingezwängt zwischen Schulen und großen Alleen liegt und an der man sicherlich nicht vorbeikommt, wenn man Straßburg einen Besuch abstattet. Naja, jetzt vielleicht.
Sie berichtet über die Menschen auf der Straße, die sie von ihrem Schreibtisch aus beobachtet. Sie erzählt Begebenheiten mit Menschen, die aufgetaucht und wieder verschwunden sind. Von Menschen, mit denen sie eine enge Beziehung einging und sie dann tragischerweise wieder verlor. Es gab drei jüdische Witwen, denen sie half Eingaben zur Wiedergutmachung zu schreiben, mit denen sie zu Anwälten und Behörden ging. Es gibt die Jungen auf der Straßen, mit den Kapuzen, die trinken und laute Musik hören. Es gibt die komplett verschleierten Frauen, die meist im Pulk auftreten und den gesamten Gehweg beanspruchen, so daß ihr nur die Flucht auf die Straße bleibt. Kommt jedoch ein dazugehörender Mann, bilden sie schnell eine Gasse, durch die er elegant gleiten kann. Es gibt den Verrückten, der sein nacktes Hinterteil zum Balkon hinaushängt und die Besitzer, der kleinen Läden, die eröffnen und plötzlich wieder geschlossen sind, oder weiterverkauft sind. Jahrelang trifft sie einen grantigen, stillen Mann, der oft stundenlang an einem alten Mercedes schraubt. Mit laufenden Motor und lauter Musik. Erst als ihr Mann ihn provozierend oft grüßt, fängt er an seine traurige Geschichte zu erzählen. Barbara Honigmann erzählt die Geschichten der einfachen Menschen aus verschiedenen Nationalitäten, ohne auf dem Begriff Multikulti herumzureiten, der auch hier in ihrer Straße nicht existent ist. Neu dazugekommen ist eine neue Nationalität, die sie nicht zuordnen kann. Sie tauchen mit fetten Autos auf, die sie nicht einparken, sondern auf der Straße abstellen. Die Motoren laufen, die Radios brüllen. Die dazugehörenden Typen könnten einem Mafiafilm entsprungen sein und die Damen stolzieren geschickt mit ihren High-Heels zu den passenden Schlitten. So plötzlich, wie er aufgetaucht ist, verschwindet der Convoi und es herrscht wieder Ruhe in der Straße.
Ich könnte noch viele Episoden aus dem Roman erzählen, möchte aber, daß Sie das Buch lesen und sich dabei genau so wohlfühlen, unterhaltenlassen, wie es mir ergangen ist.

Leseprobe

Barbara Honigmann, 1949 in Ost-Berlin geboren, arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 emigrierte sie mit der Familie nach Straßburg, wo sie noch heute lebt. Honigmanns Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Kleist-Preis und dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich.

Die Rue Edel auf google maps

Samstag

Heute haben
Wilhelm Hauff * 1802
Carlo Levi * 1902
Gerti Tetzner * 1936
Geburtstag
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Anarchie und wildes Durcheinander im Bilderbuch.
Die Mumins gehen Skifahren, Frank Viva schickt einen Radler auf eine lange Straße und bei uns in der Buchhandlung stand ein Weihnachtsrad.

Mumin

Tove Jansson: „Mumins Winterfreuden“
Aus dem Englischen von Michael Groenewald, Annette von der Weppen und Matthias Wieland
Handlettering von Michael Hau
Reprodukt Verlag € 10,00
Grahic Novel für alle Alter

Der Winterschlaf steht an. Alles geschieht, wie die Vorfahren es schon immer gemacht haben und wie es auch die Mumins jedes Jahr tun. Doch dieses Mal scheint der Wurm drin zu sein. Der Winterschlaf wird hinterfragt und kritisiert. Doch die letzten Vorbereitungen laufen, alle schlüpfen ins Heu und wünschen sich einen guten Winter und bis in drei Monaten. Leider piekst das Heu, Muminpapa ist es langweilig, er steht auf und fragt sich, warum man alles den Ahnen nachmachen muss. Also weckt er seine Familie auf und meint, dass sie dieses Jahr auf den Winterschlaf pfeifen werden, öffnet die Dachluke und ab geht es in den tiefen Schnee. Doch das ist alles nicht so einfach. Das mit dem Skifahren, Schlittschuhlaufen, usw. Es taucht natürlich auch ein neuer Schönling auf: Herr Frisch, der Sportfanatiker, dem Snorkfräulein sofort hinterherläuft (ja hat die denn gar nichts gelernt an der Riviera?). Es beginnt ein heilloses Durcheinander mit Wettspielen, Eifersüchteleien, Schneelawinen und einem Selbstmordversuch. Ein anarchisches Winterfest, das mit dem Hereinbrechen des Frühlings endet.

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Doch nicht genug:
Im Diogenes Verlag ist ein wirklich irres, tolles, freches Bilderbuch erschienen, dem ein 6 Meter langes, gefaltetes Poster begelegt ist.

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Frank Viva: „Eine lange Straße lang“
Diogenes Verlag € 24,90

Hier rast ein Radler eine Straße entlang, hoch und runter, durch einen Tunnel und am Meer vorbei. Er fährt über eine lange Brücke („eins, zwei drei“) und schnell am Eiswagen und Franks Kiosk vorbei. Er stolpert fast am Schuhgeschäft, macht einen Halt an der Bibliothek und rast immer weiter, immer schneller, so dass er sich auf einer Doppelseite dehnt. Er wird lang wie ein Kaugummi, macht eine Schleife und ist wieder am Start.
Ein grafisches Kunstwerk, auf dem sich die orangene Straße nicht nur farblich, sondern auch haptisch abhebt.
Dazu noch das Plakat, das für die Zimmerwand gedacht ist.
Wunderbar. Und vielleicht ist das Poster, das keinen Text enthält, nicht nur für’s Kinderzimmer, sondern auch für das nüchterne Büro der Erwachsenen, damit die sich mal richtig wegträumen können und nicht heimlich im Netz surfen müssen.
Hier gibt es die ersten zwei Meter im Miniformt:

01176_leporello_2Meter
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Doch nicht genug mit Radeln.
Gestern stand plötzlich Ole Pedaleur im Laden und hatte „Noelle“ dabei – die neue Kreation aus dem Radladen in der Rabengasse.

Design aus Ulm, gebaut in Deutschland
Klassische Stahlrahmen als Schwan oder Diamantrahmen – je 4 Größen – mehr als 200 Farben zur Auswahl.
7-Gang Shimano Nexus – LED-Beleuchtung mit Nabendynamo – Schwalbe Ballonreifen – Hebie Zweibeinständer und viele Specials mehr …
Das Weihnachtsrad gibt es auch als Herrenmodell „Nic
für € 888,- anstatt Listenpreis € 993,-

Pedaleur-Noelle-Jastram

Pedaleur

Pedaleur – Fachgeschäft für Fahrradkultur
Rabengasse 14 – 89073 Ulm
Tel. 0731/7085226
info@pedaleur-ulm.de
www.pedaleur-ulm.de
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Nach so viel Durcheinander, endet es am kommenden Dienstag bei unserer „Ersten Seite“ besinnlich mit einer besonderen Weihnachtsgeschichte, die Clemens Grote vorliest. Nicht jedoch bevor wir ein paar Buchtipps abgegeben haben.
Dienstag, 2.12.2014 ab 19 Uhr.
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Im Dezember gibt es hier auf dem Blog das Beste aus dem Jahr 2014. Die tollsten Bücher, die gelungensten CDs und DVDs und vieles mehr, die im Archiv des Blogs schlummern und nicht vergessen werden dürfen.

Dienstag

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Heute haben
Georg Kaiser * 1878
Ba Jin * 1904
Francis Durbridge * 1912
Joseph Zoderer * 1935
Maarten t’Hart * 1944
Connie Palmen * 1955
Gregor Hens * 1965
Geburtstag.
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Neil Gaiman: „Der Ozean am Ende der Straße“
Aus dem Englischen übersetzt von Hannes Riffel
Eichborn Verlag € 18,00

Eigentlich hätte es, laut Neil Gaiman, eine Erzählung werden sollen. Eine kurze Geschichte, die er während der Abwesenheit seiner Frau zu schreiben gedachte. Aber aus der Erzählung wurde immer mehr, bis es bei einem Roman endete. Gaiman war selbst erstaunt und konnte es nicht fassen, was ihm da alles aus der Feder floss. Es sollte ein Buch für seine Frau sein, die seine Fantasy-Bücher nicht mag. Sie mag ihn. Also fing er mit sich im Mittelpunkt an. Mit einer Person, die an der Ort seiner Kindheit zurückkehrt, um an einer Beerdigung teilzunehmen. Dort begegnet er einer alten Frau und er taucht ein in seine Kindheit. In den Sommer, als er sechs Jahre alt war. Die Zeit, als seine Eltern noch in einem Haus wohnten, das längst abgerissen ist und nicht mehr existiert. Es ist eine Zeit, die er vergessen, verdrängt hat. Eine Zeit, die in den Köpfen der Erwachsenen keinen Platz mehr hat, in denen es rational und effektiv zugeht. Eine Zeit, in der es noch Peter Pan gab, der die Kinder mitnahm und verführte. Eine Zeit, in der kindliche Ängste Wirklichkeit war, in der Kinderaugen etwas sehen und es komplett falsch interpretieren. Eine Zeit, in der viel aus dem Ruder ging, in der die Ehe seiner Eltern fast zerbrach, in der eine Kinderliebe sich auflöste, in der Wesen aus Büchern lebendig und bedrohlich werden.

Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Bauernhofs. Und er war nicht besonders groß. Lettie Hempstock behauptete, es sei ein Ozean, aber ich wusste, das war Quatsch. Sie behauptete, man könne durch ihn in eine andere Welt gelangen. Und was dann geschah, hätte sich eigentlich niemals ereignen dürfen.

Neil Gaiman hat dann doch wieder eine Roman mit vielen Fantasyelementen geschrieben und dennoch ein warmherziges, inniges Buch über Freundschaft, Macht und Vertrauen. Ein Buch, in dem das Geld der Erwachsenen den kindlichen Gemütern gegenübersteht. Ein Buch, in dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Ich mochte Mythen. das waren keine Geschichten für Erwachsene, aber es waren auch keine Kindergeschichten. Sie waren besser. Denn die Geschichten für Erwachsene waren immer so wirr, und es dauerte ewig, bis sie in die Gänge kamen. Sie gaben mir das Gefühl, dass Erwachsene irgendwelche Geheimnisse hüteten, mysthische Geheimnisse, wie die Freimaurer. Warum lasen Erwachsene nicht gern von Narnia, von einsamen Inseln und Schmugglern und gefährlichen Feen?

So tauchen wir mit dem Jungen, der sich am liebsten in seine Bücher verkriecht ab in eine Welt der Ungeheuer und Monster, wie sie Kindern in den Träumen erscheinen. Er muss um sein Leben kämpfen und um das Verstehen seiner Umwelt. Wenn sein Vater versucht, ihn in der Badewanne zu ertränken, so schildert Gaiman das in einer Art, dass wir nicht wissen, ob es wirklich so war und auch so, dass wir Verständnis für ihn haben. War es wirklich so?

Erwachsene sehen im Inneren auch nicht wie Erwachsene aus. Äußerlich sind sie groß und gedankenlos, und sie wissen immer, was sie tun. Im Inneren sehen sie allerdings aus wie früher.

Neil Gaiman, der jede Menge Comics, Grahic Novels und Fantasybücher geschrieben hat, landete mit diesem Buch auf Platz 1 der Bestsellerlisten und hat mich bei der Lektüre verwirrt und süchtig gemacht. Auch für mich ist Fantasy nichts. Aber dieser Roman ist mehr. Es gibt einen Blick ins Innere eines Jungen, der nun ein Erwachsener ist und in desen Hintertürchen immer noch ungeklärte Dinge stecken. Damals wurden die Ängste real und müssten bekämpft werden. Heute werden sie weg- und untergedrückt.
Ein Buch, das mit etwas Grusel arbeitet und doch voller Empathie und Wärme ist. In dem ein Ententeich zu einem Ozean wird und aus einer Kleinigkeit eine Katastrophe. In dem die Phantasie dem Jungen mehrere Streiche spielt, bis alles wieder in geordnete Bahnen kommt.

Hier liest und diskutiert Neil Gaiman aus und über den „Ozean am Ende der Straße