Mittwoch, 23.Oktober

 

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Heute haben
Adalbert Stifter * 1805
Aravind Adiga * 1974
Geburtstag.
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Adalbert Stifter
Müdigkeit

Ich hab‘ geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab‘ verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt‘ ich, viel hab‘ ich errungen,
Auch Lieder hab‘ ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt‘ ich gern mich hin und schlief‘,
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, ’s ist Schlafenszeit.

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Heute abend stellen wir (in Zusammenarbeit mit der Familienbildungssstätte Ulm) neue Bücher des Jahres 2019 vor.

Beginn: 19 Uhr
Eintritt: € 9,00
FBS Kursnummer: 19F2580
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Wer möchte nicht sein Schicksal erfahren?
In der Stadtbibliothek Ulm wird das erstmals auf Deutsch vorliegende Wahrsagebuch aus dem Jahr 1482 vorgestellt.
Stadtbibliothek Ulm
Freitag, 25.Oktober
Beginn 19:30

Eintritt: frei

Das-Buch-der-Schicksale-Spirito

Lorenzo Spirito: „Das Buch der Schicksale“
Ein Würfellosbuch
Aus dem Altitalienischen gereimt übersetzt von Werner Menapace unter Mitarbeit von Donatella Capaldi
Mit einer Einleitung von Alexander Rosenstock
Gebunden, mit Faksimiles und drei Würfeln
Folio Verlag € 30,00

Im „Buch der Schicksale“ bekommt der Ratsuchende auf zwanzig Schicksalsfragen des Lebens, von denen jeweils eine auszuwählen ist, je nach Würfelglück einen Wahrsagespruch aus dem Mund eines Propheten. Auf dem Weg dorthin trifft er auf Könige, Flüsse, aber auch Zeichen und Sphären.
Diese erste deutschsprachige Ausgabe, nachgedichtet vom Südtiroler Übersetzer Werner Menapace, erscheint in diesem Jahr im Folio-Verlag Bozen/Wien. Sie ist zugleich die erste moderne Edition des frühneuzeitlichen Longsellers, die alle Facetten des Gebrauchs des Klassikers in unsere Zeit überträgt

Sowohl der Orakelsuchende wie der Spieler als auch der wissenschaftlich Interessierte werden an dieser Literaturgattung Gefallen finden.

Seit Menschengedenken wollen Menschen wissen, was die Zukunft ihnen bringen wird. Stets brauchen sie dafür ein Medium, das mit geheimnisumwitterter Autorität die Brücke in die Zukunft schlägt. Dafür besonders geeignet waren und sind stets die Gestirne, aber auch der Flug der Vögel, die Form von Knochen oder aufsteigender Rauch. In schriftlicher Zeit galten auch besondere Bücher, handschriftliche wie gedruckte, „Losbücher“ genannt, als geeignete Medien, zukünftiges Schicksal zu entschlüsseln. Spielkarten, gemalte oder gedruckte und Würfel gehörten ebenfalls dazu.

Das einzige erhaltene Exemplar des ersten gedruckten Würfellosbuches (Perugia 1482) wird seit dem 17. Jahrhundert in Ulm aufbewahrt und liegt seit 1826 in der Stadtbibliothek Ulm. Seit 1482 gab es insgesamt 50 Ausgaben in italienischer (23), französischer (17), spanischer (4), flämischer (3) und in englischer (3) Sprache.

Eine Auswahl aus den Sprüchen der Propheten mit der dazugehörenden Frage.

Wird mein Leben mir Glück bescheren oder nicht?

Sei froh und glücklich ohne Schranken,
weil alle Welt und Gott dich liebt.
Das hast du deinen Wurzeln zu verdanken.

Erhoffe dir von Gott ein langes Leben,
Gesundheit, Wohlstand, Glück für immerdar.
Er möge, was du wünschst, dir allzeit geben.

Wenn du nicht hörst, was andere dir sagen,
wirst du sehr bald in Not geraten
und musst die Menschen dann um Hilfe fragen.

Wie werde ich sterben und wann?

Den Tod wirst dieses Jahr du knapp vermeiden.
Du wirst am Leben bleiben
und betagt und heiter aus dem Leben scheiden.

Reich und alt wirst du dorthin gelangen,
wo alles endet. Dabei begleitet dich jedoch
die Last der Sünden, die du einst begangen.

Im Jenseits wirst du samt den großen Meistern
an einem heißen Plätzchen residieren.
Ich denk, das wird dich nicht so sehr begeistern.

Man sollte dich auf schnellstem Wege abservieren.
Dein Ende wird ganz ohne jede Hoffnung sein.
Und lebst du lang, dann wirst du jämmerlichkrepieren.

Werde ich einen Kampf gewinnen?

Mut sowie Könnerschaft, die in dir walten,
gepaart mit deines Gegners Niedertracht,
werden dein Vorhaben siegreich gestalten.

Nicht immer kann man siegen und nicht überall.
Üb’ in Geduld dich, denn der Himmel
er füllt dir deinen Wunsch auf jeden Fall.

Ist meine Frau rechtschaffen?

Nicht wirklich glücklich ist dein liebes Weib.
Charmant ist sie und attraktiv, drum bitte Gott,
dass sie es nicht bereut und bei dir bleibt.

Leseprobe
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Bei uns in der Buchhandlung am Dienstag, 29.Oktober ab 19 Uhr

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Dienstag, 23.Oktober

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Heute haben
Adalbert Stifter * 1805
Aravind Adiga * 1974
Geburtstag.
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Müdigkeit

Ich hab‘ geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab‘ verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt‘ ich, viel hab‘ ich errungen,
Auch Lieder hab‘ ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt‘ ich gern mich hin und schlief‘,
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, ’s ist Schlafenszeit.
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Lektüre zwischen den Jahren 2018
Leseglück
Ausgewählt von Gesine Dammel
Insel Verlag € 5,00

Das Jahr ist fortgeschritten, demnächst wird auf Winterzeit umgestellt. Das heisst, dass es dunkel ist, wenn ich den Buchladen verlasse. Adventskalender sind auf unserer Website gepostet und demnächst stehen sie auch im Laden.
Ein weiteres Zeichen für den nahenden Jahreswechsel ist das Erscheinen der kleinen Bücher aus dem Insel Verlag. Die „Lektüre zwischen den Jahren“ gehören einfach dazu. Dieses Mal stehen die Texte unter dem Motto „Leseglück“ und sind von Marcel Proust, Ruiz Zafon, Amos Oz, Hanns-Josef Ortheil, Wilhelm Schmid, Erling Kagge, Helene Hanff, Penelope Fitzgerald u.v.a.
Es beginnt mit einem Gedicht von Ringelnatz:

Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? „Freund von Büchern“ meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher — wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben —
Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie ? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, sie unerhörter Ese—
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hochverehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

Es kommen aber auch Astrid Lindgren („Das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer“) und Friedrich der Große, Flaubert, Selma Lagerlöf, Frisch und Rilke vor.
Die Kapitelüberschriften lauten :

Reise ins Bücherland
In Büchern zu Hause sein
Beim Lesen
Besuch in der Buchhandlung

Ein ideales Taschenbuch, das in jede Tasche passt, die Größe eines Smartphones und kein Problem mit Internetverbindungen hat.

Leseprobe

Freitag

Die Veranstaltung mit dem dem Secession Verlag fällt aus, da der Verleger sich im Übersetzungstunnel befindet. Schade für uns. Aber wenn dabei ein gutes Buch herauskommt. Auch wieder gut. Wir versuchen ihn für die Literaturwoche im April 2016 zu gewinnen.
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Heute haben
Adalbert Stifter * 1805
Aravind Adiga * 1974
Geburtstag.
Und Pelé wird heute 75.

Adalbert Stifter
Abschied

Nun sind sie vorüber, jene Stunden,
Die der Himmel unsrer Liebe gab,
Schöne Kränze haben sie gebunden,
Manche Wonne floß mit ihnen ab.

Was der Augenblick geboren,
Schlang der Augenblick hinab,
Aber ewig bleibt es unverloren,
Was das Herz dem Herzen gab.

Müdigkeit

Ich hab‘ geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab‘ verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt‘ ich, viel hab‘ ich errungen,
Auch Lieder hab‘ ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt‘ ich gern mich hin und schlief‘,
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, ’s ist Schlafenszeit.
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Wolfgang Bauer:Über das Meer
Mit Syrern auf der Flucht nach Europa
Eine Reportage
Mit Fotos von Stanislav Krupar
Suhrkamp Verlag € 14,00

Diese Reportage, die zuerst in der der ZEIT erschienen ist, lebt davon, dass Wolfgang Bauer mitten drin ist. Er trifft sich in Kairo mit Amar, einem Syrer aus Homs, der dort in wohlsituierten Verhlttnissen mit Frau, drei Töchtern und seiner Schwiegermutter wohnt. Der Zustand wäre wohl erträglich, würden Syrer in Ägypten nicht als Terroristen hingestellt werden. Die einizige Zukunft, die er, der ja schon einmal geflüchtet ist, sieht, ist eine neuerliche Flucht Richtung Europa. Er möchte es allein versuche und dann seine Familie nachholen. Wolfgang Bauer und der Fotograf Stanislav Krupar begleiten ihn und geben auf der Reise nicht ihre wahre Identität preis, sondern gelten unter den anderen Flüchtingen als eine von ihnen.
Bauer erzählt sehr spannend, aber nicht reisserisch, von den ersten Versuchen ihrer Flucht und streut sehr gekonnt Fakten, Daten und Hintergründe für diesen Exodus ein. Er zieht Vergleiche zum Bosnienkrieg, er erwähnt natürlich Dublin II, das Verhalten der EU, die den Friedennobelpreis erhalten hat und gleichzeitig tausende von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, dem Ursprung der europäischen Geschichte, ertrinken lässt. Er schreibt über die Enstehtung von IS und deren unglaubliche Verbreitung, die sie mit brutaler Gewalt durchsetzen.
Amar und die beiden Reporten gelingt es tatsächlich an Tickets für ein Schiff Richtung Europa zu kommen. Es geht alles über Schleuserbanden, die untereinander rivalisierend sind. Bauer vergleicht sie mit Reisebüro mit ungewöhnlichen Methoden. Ein Minibus bringt sie, extrem eingezwängt, nach Alexandria. Von dort soll es mit dem Schiff weitergehen. Dass dies erst nach mehreren Anläufen gelingt, verschärft die Situation der Flüchtlingsgruppe, zu der auch noch ein Brüderpaar kommt, deren Wegen Wolfgang Bauer auch mitverfolgt. Es kommt zu einer Entführung der Gruppe durch eine andere Schleuserbande, die auf Geldzahlungen besteht, es gelingt das Besteigen eines Bootes, bei dem es nicht zimperlich zugeht und die Bordmitglieder nicht darauf achten, wenn Familien auseinandergerissen werden. Die Fahrt dauert nicht lange und innerhalb der Hoheitszone werden sie auf einer Insel abgesetzt, von der Polzei entdeckt und inhaftiert. Dort geben die beiden Journalisten ihre wahre Identität preis und verwandeln sich innerhalb kürzester Zeit von Flüchtlingen zu Urlaubern und sitzen in einem Flügzeug in die Heimat.
Die weiteren Versuche von Amar und den beiden Brüdern werden im zweiten Teil beschrieben.
Der Epilog von Wolfgang Bauer wird zum Appell an die Menschlichkeit und zu einer Forderung an die europäischen Politik, diese schleunigst zu ändern. Diese letzten Seiten allein lohnen diese Lektüre.

Wir in Europa wollten uns nicht einmischen. Wir wollten keinen Fehler machen. Wir haben dem Sterben in Syrien zugesehen. Wir schickten den Ausgebombten Zelte, ließen aber zu, dass Assad weiter bombte. Drei Jahre lang haben wir zugeschaut, wie das Regime die syrische Bevölkerung massakrierte. Wie er das Land zerstörte, wie kein Land seit Vietnam zerstört worden ist.
Syrien hat aufgehört, als Staat zu existieren. Syrien gibt es mittlerweile nur noch in Fragmenten. Es ist zerfallen in eine Vielzahl von Kleinstaaten, deren Grenzen sich ständig verschieben.

Wie lange noch wollen wir ihnen beim Ertrinken zusehen? Wie lange noch wollen wir eine Generation junger Syrer in die Illegalität zwingen? Sie in die Hände von Schleppern treiben? Wie lange verraten wir uns selbst? Die Kriege in Nahost verändern auch uns Europäer. Wir verrohen, schleichend und allmählich. Indem wir versuchen, uns zu schützen, zerstören wir uns selbst. Wir dürfen das nicht zulassen.
Zwingt die Frauen, Männern, Kinder nicht länger auf die Boote. Öffnet die Grenzen, jetzt. Habt Erbarmen.

Leseprobe
SWR Buchzeit

Passend dazu das Bilderbuch aus dem Sauerländer Verlag, das wir am 7.September hier auf dem Blog vorgestellt haben.

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Armin Greder: “Die Insel“
Eine alltägliche Geschichte
Sauerländer/S.Fischer Verlag € 16,99