Donnerstag, 15.Juli

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Heute haben
Walter Benjamin * 1892
Iris Murdoch * 1930
Jacques Derrida * 1930
Jörg Fauser * 1944
Geburtstag
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Annette von Droste-Hülshoff
Sommer

Du gute Linde, schüttle dich!
Ein wenig Luft, ein schwacher West!
Wo nicht, dann schließe dein Gezweig
So recht, dass Blatt an Blatt sich presst.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;
Allein die bunte Fliegenbrut
Summt auf und nieder übern Rain
Und lässt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub
Erscheint verdickt und atmet Staub.
Ich liege hier wie ausgedorrt
Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg‘ ich doch
Dort, – grad‘ an deinem Felsenjoch,
Wo sich die kalten, weißen Decken
So frisch und saftig drüben strecken,
Viel tausend blanker Tropfen Spiel;
Glücksel’ger Säntis, dir ist kühl!
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Unser Lyrik-Tipp:

Mara-Daria Cojocaru: „Buch der Bestimmungen
Gedichte
Schöffling Verlag € 20,00

Wie in einem Notizbuch, einem Bestimmungsbuch, geht Mara-Daria Cojocarus mit ihren neuen Gedichten um. Sie notiert Koordinaten nach den Überschriften, dort wo sie wohl ihre beschriebenen Tiere (Katzen, Füchse, Waschbären, Rehe) entdeckt hat und beginnt dann mit ihren Aufzeichnungen. Das liest sich für mich wie Gedankensplitter und Assoziationen und entwickelt dadurch einen ganz eigenen, eigenartigen Kosmos. Sie schreibt über unser Verhältnis zur Tier- und Pflanzenwelt , über Phänomene, die wir nicht wahrnehmen, oder vielleicht sogar nicht mehr existieren und über Zwischenmenschliches.
Ich habe aus dem „Buch der Bestimmungen“ die Rechte bekommen, die drei untenstehenden Gedichte hier auf dem Blog veröffentlichen zu dürfen. Danke dafür. Diese passen irgendwie zu unserer Großwetterlage.
Auf der Leseprobe können Sie die ersten Seiten des Buches entdecken.

Mara-Daria Cojocaru, geboren 1980 in Hamburg, lebt als Schriftstellerin und Philosophiedozentin in England und widmet sich vor allem tierethischen und -politischen Themen. Für ihre vielfach übersetzten Gedichte erhielt sie 2017 den Kunstförderpreis Bayern in der Sparte Literatur, 2021 erreichte sie den zweiten Platz (Alfred-Gruber-Preis) beim Lyrikpreis Meran und wurde mit dem Deutschen Preis für Nature Writing ausgezeichnet.

Leseprobe

Lichtkeimer

Bring die Sonne nach Berlin
Komm
Lass uns Ringbahn fahren
Die gibt es seit
Wann schieben sich diese beiden
Riesen übers Eis? Übers Gleis
Vertreibt ein Winterwind
Gewaltsam diese Zeit
Hinkt ein ersprießliches
Milchschnittenbindenschnipsel
Zum Club der Mittelalterlichen
Werd Viertel, Käse, eimerweise Gift
bekreuz dich südlich
Bring das Licht vor
Mit Gewicht
Halt’s ganz fest
Hab’s nicht eilig mit der
Sonne in Berlin


Und dann fällt der Regen

Und
Wir lieben
Die, die, verwegen, uns das Versprechen
Geben, verwurzelöt in der Welt zu sein
Von wegen
Und dann fällt der Regen und wie wir
Da stehen, neien, eigentlich gehen, sind
Wir
Bewegt und
Wurzellos, wir schützen uns
Vor dem Wolkenbruch
Du und ich, ganz nah am Stamm
Doch immerzu
Der Regen – ungewunden
Ich renne los; wir
Versprechen uns, uns
Zu sehen, bestimmt und
Sicher
Mein Leben – doch
Jetzt fällt erst einmal der Regen


Gegen Mittag ist mit Turbulenzen zu rechnen

Es ist wieder so heiß
Dass die Fliegen
Den Riss in der Mitte jedes Raums umkreisen

Mit über hundert Flügenschlägen pro Sekunde
Lässt sich fast alles flicken
In jeder Mitte vier bis sieben Fliegen

Taumelnd, traumgewiss gegen die Hitze
In der wir immer kleiner, klebrig, überheblich
Werden, patroullierend

Copyright:
Mara-Daria Cojocaru, Buch der Bestimmungen © Schöffling & Co.Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2021, S. 31, 41 und 59


Freitag, 25.Juni

Heute haben
George Orwell * 1903
Ingeborg Bachmann * 1926
Eric Carle * 1929
Yann Martel * 1963
Geburtstag
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Johann Wolfgang von Goethe
Sommer

Der Sommer folgt. Es wachsen Tag und Hitze,
und von den Auen dränget uns die Glut;
doch dort am Wasserfall, am Felsensitze
erquickt ein Trunk, erfrischt ein Wort das Blut.
Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,
die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,
dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmettern;
doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.
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Unser Bilderbuchtipp:


Tina Oziewicz:Die Freude springt aufs Trampolin
Illustrationen von Aleksandra Zajac
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Knesebeck Verlag € 15,00
Kinderbuch ab 4 Jahren

Wie können Gefühle dargestellt werden? Speziell für Kinder.
Mit Farben kennen wir schon. Geht das auch in grau?
Kaum zu glauben, aber es funktioniert.
Aleksandra Zajac lässt die Neugier auf Schornsteine klettern, die Freude auf dem Trampolin springen, die Dankbarkeit strickt einen Pulli und verbreitet Wärme. Die Furcht sitzt in der dunkelsten Ecke, die Fantasie beschreitet neue Wege. Die Freiheit setzt Segel und die Freundlichkeit besänftigt den Sturm. Haha, die Begeisterung hat ein Buch gefunden. Ich auch!
Und jedes Mal ist es ein anderes liebenswertes Monsterchen, das sich die Illustratorin zu jedem Gefühl ausgedacht hat.
Aber: Wo sind diese Gefühle zu Hause?
Na ganz einfach: In uns.
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Ausstellung: „Was ihr nicht seht!“
📅 21.06. – 18.07.21 ⌚ ganztägig 📌 Hafenbad 18 & 18/1, Ulm 💬 deutsch

„Was wir erlebt haben, wissen viele sicher nicht, weil man es nicht sieht. Daher der Name „Was ihr nicht seht!“. Ich will mit dem Projekt Menschen zum Nach- und Umdenken bringen. Ich hoffe, dassweiße Menschenverstehen – und hoffentlich gemeinsam mit uns für eine anti-rassistische Zukunft kämpfen.“

Die Ausstellung zeigt die Arbeit „Was ihr nicht seht!“ von Dominik Lucha. Gemeinsam mit hunderten Schwarzen Menschen in Deutschland macht Dominik sichtbar, was oft ungesehen bleibt: „Was ihr nicht seht!“ thematisiert auf eindrückliche und zugängliche Weise den Alltagsrassismus, den Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland erleben.

Im Juni 2020, nach der Ermordung George Floyds und den BlackLivesMatter-Protesten, startete Dominik Lucha das Projekt auf Instagram und es hat mittlerweile über 130 Tsd. Follower:innen. Auf dem Insta-Kanal können Schwarze Menschen anonym über ihre Rassismus-Erfahrungen in Deutschland berichten — und weiße Menschen können lernen, antirassistisch zu werden.

Mit „Was ihr nicht seht!“ wurde eine Plattform geschaffen, die Rassismus in Deutschland bezeugt und unübersehbar verdeutlicht, dass diese Erfahrungen eben so viel mehr sind, als individuelle Einzelschicksale. Mit Ausstellungen im Garten des StadtPalais – Museum für Stuttgart sowie an drei Orten in Biberach und einer Medieninstallation in den Ravensburger Schaufenstern, wurden die die tausend Zitate auch offline und im städtischen Raum sichtbar. Nun ist die Ausstellung von 21.06. – 18.07.2021 im Hafenbad 35 in Ulm zu sehen.

Dominik Lucha, kommt aus Ravensburg, lebt in Berlin und arbeitet hauptberuflich als Produzent in der Medienbranche. Mit dem Account kamen zahlreiche Anfragen und weiterführende Projekte, die „Was ihr nicht seht!“ langfristig weiterentwickeln.

Zusätzlich zu Instagram wurde nun dieses Ausstellungsformat entwickelt, das als fertige Box weiter gegeben werden kann, damit die Erfahrungen an möglichst vielen verschiedenen Orten Deutschlands zu lesen sind. Wir freuen uns über Unterstützer:innen, die @wasihrnichtseht in ihre Stadt, Büroräume, Praxen, Schaufenster oder Schulen bringen: ausstellung@wasihrnichtseht.org
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Lesung von Brigitte Heidebrecht: Fernreise daheim. Von Flüchtlingen, Kulturen, Identitäten und anderen Ungereimtheiten
📅 25.06.21 ⌚ 19:00 📌 Online 💬 deutsch

5 Jahre nach Wir-schaffen-das: Die vertrackten kulturellen Unterschiede…

Wer mit Flüchtlingen zu tun hat – sei es beruflich, ehrenamtlich oder privat – wird sicherlich eine Erfahrung teilen: das gelegentliche Stolpern über kulturelle Unterschiedlichkeiten.
Darüber hat die Autorin Brigitte Heidebrecht, selbst seit 2015 ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv, ein Buch geschrieben. In kurzen, prägnanten Geschichten gibt sie detaillierte und verblüffende Einblicke in das, was Flüchtlingshelfer*innen, Deutschunterrichtende, Sozialarbeiter*innen, Arbeitgeber*innen und andere bisweilen ratlos macht.
Mit zwei Themen setzt sie sich dabei besonders auseinander: mit unterschiedlichem Zeiterleben und mit dem unterschiedlichen Verständnis der Rollen von Mann und Frau. Wer es nervig findet, terminlich versetzt zu werden, findet hier sensible Analysen und bedenkenswerte Erklärungsversuche. Wer sich manchmal die Haare rauft wegen des Frauenbilds männlicher Flüchtlinge, bekommt in diesen Geschichten intime Einblicke in Denk- und Gefühlswelten junger Moslems.
Mit Empathie und Humor beleuchtet die Autorin das allmähliche innere Ankommen von Geflüchteten in unserer Gesellschaft – und ihren eigenen Lernprozess, was interkulturelles Verstehen angeht. Entstanden sind Texte, die unter die Haut gehen, Selbstverständliches in Frage stellen, Existenzielles ins Licht rücken – globale Herausforderung, gespiegelt im Alltäglichen. Konkret und lebendig vermittelt das Buch interkulturelle Aha-Erlebnisse. Ein vielschichtiger Beitrag zu der Frage: Wie schaffen wir das?


Über die Autorin:
Brigitte Heidebrecht publizierte seit den 1980er Jahren eine Reihe vielgelesener Lyrik- und Prosabände. Sie lebt heute als Tanzpädagogin und Beraterin (Mediatorin, Supervisorin und Coach) in Ludwigsburg.

Link zur Veranstaltung:

uni-ulm.zoom.us/j/6831655221

Meeting-ID: 683 165 5221
Kenncode: FCLR2021


Donnerstag, 24.Juni

Heute haben
Ambrose Bierce * 1842
Bruce Marshall * 1899
Yves Bonnefoy * 1923
Anita Desai * 1937
Gerhard Roth * 1942
Eugen Ruge * 1954
Geburtstag
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Georg Trakl
Sommer

Am Abend schweigt die Klage
des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
im dunkeln Zimmer;
eine silberne Hand
löschte sie aus;
windstille, sternlose Nacht.
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Oswald Egger: „Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt
Suhrkamp Verlag im Großformat € 28,00

Was ist das denn für ein Gesamtkunstwerk? Ein Gedankenspiel, ein Wunderwerk von Worterfindungen. Eine Reise am großen Fluss in Amerika entlang und ein Gedankenfluss der besonderen Art. Es ist eine Reise in die Vergangenheit mit den österreichischen Auswanderen über den Ozean, eine Reise während der Corona-Pandemie von einem Autoren, der in der Raketenstation in Hombroich wohnt und nach den Sternen greift. Im Kopf, mit dem Stift und seinen Zeichnungen auf dem Papier und mit seiner Sprache. Egger mäandert durch Zeit und Raum und ist trotzdem extrem strukturiert, denn seine fast 400 kurzen Abschnitte sind exakt 17 Zeilen lang und je zwei auf einer Seite.
Dass Egger ein Worterfinder, ein Wortausgraber und Sprachverdreher ist, können Sie in der Leseprobe feststellen. Lassen Sie sich überraschen. Und: ich glaube, wir können die Texte auch in anderer Reihenfolge lesen. Ein Versuch wäre es wert.
„Ich springe wie ein Gespinst zwischen Bucht und Ufer, und ich vernähe sie. Faulschlammschwämme grub ich mit der Pfote aus dem Lehm und klopfte sie zu zweien, beide Böden: Wie ein Schwingsieb pendelte der Rieselsand Bahnen. Und solche Auskolkungen vertiefen sich.“

Leseprobe
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Berichtsentwurf des Weltklimarats
„Das Schlimmste kommt erst noch“

tagesschau.de: 23.06.2021 09:09 Uhr

Mehr Hitzewellen, mehr Hunger, Überschwemmungen, Artensterben – Experten des Weltklimarats zeichnen ein düsteres Bild für den Fall, dass es nicht gelingt, die Erderwärmung einzudämmen: Sie sehen die Menschheit in Gefahr.

Der komplette Artikel unter tagsschau.de.
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