Montag, 11.September

Heute haben
Peter Hille * 1854
O.Henry * 1862
D.H.Lawrence *1885
Theodor W.Adorno * 1903
James McBride *
1957
Geburtstag
________________________________

Emanuel Geibel (1815 – 1884)

Loszuwerden den alten Zopf
Ist ein vernünftig Begehren,
Aber wer wird darum den Kopf
Gleich rattenkahl sich scheren!
__________________________________

Das Heft 5 / 2023 ist erschienen


Sinn und Form
Fünftes Heft 2023 / September – Oktober € 11,00

Für ungefähr zwei Hefte konnte „Sinn und Form“, wegen eines Gerichtstreits, nicht erscheinen. Das hat sich alles geregelt und ich bin einmal erstaunt über die Texte, die sich in dem unscheinbaren Äußeren verstecken. Allein schon Jeanine Meerapfels autobiographischer Text zu ihrem Dokumentarfilm
Eine Frau“ hat es in sich. Selten habe ich so einen intensiven Bericht über die eigene Familie gelesen.

„Bei jedem Umzug – wenn die Fotoalben, die alten Schellackplatten, die Dokumente wieder aus den Schränken herausgenommen werden müssen – springt mich die Notwendigkeit an, Erinnerungen zu verarbeiten und eine endgültige Ordnung dafür zu finden. Vielleicht geht es darum, mich so lange zu erinnern, bis ich vergessen kann.
Ich erfinde immer neue Ordnungssysteme, die ich dann wieder verwerfe. Immer wieder stellt sich die Sehnsucht nach einer logischen Archivierung ein. Es ist, wie wenn die Dinge nach einer Erzählung verlangten, die sie in einen übersichtlichen Zusammenhang bringt.
Andererseits birgt die Unordnung ein enormes Versprechen; sie verspricht eine Zeit, in der alles geordnet werden wird … eine zukünftige Zeit. Also bleibe ich dabei, die Erinnerungen durch eine Erzählung zu ordnen …
Ich suche nach einer Erinnerung. Nach meiner eigenen verschütteten Erinnerung an Marie Louise Chatelaine, meine Mutter.
Ich suche nach »einem kohärenten Bild der Vergangenheit«.
Man nannte sie – oder sie nannte sich – Malou. Ich habe vor vielen Jahren einen Film mit diesem Titel gemacht, mein erster langer Spielfilm: Darin wurde einiges aus ihrem Leben erzählt, aber vieles auch im Dienste einer nachvollziehbaren Dramaturgie hingedreht – ein gutes Wort, hingedreht.
Jetzt will ich versuchen, die Reste, Bruchstücke, Fundstücke in einen Zusammenhang zu stellen. Erinnerungen aufheben. Aus den biographischen Materialien, Fotos, 8-mm-Filmen, Dokumenten kristallisiert sich die Geschichte einer Emigration, einer Emigration von Europa nach Südamerika heraus und wie dieses »Leben woanders«, wie die Verpflanzung eines Menschen das Schicksal dieses Menschen verändern kann. Aber nicht nur das.

Einen längeren Textauszug finden Sie hier.

Das ist der Trailer zum Film „Eine Frau“.


Danach folgt der Text „Das Ende des Frühjahrs. Verschwinden und Wiederkehr der Jahreszeiten“ von
Eva Horn, der einlädt zu einem literarischen, künstlerischen Gedankenspiel zum Verschwinden und zur Wichtigkeit der Jahreszeiten. Eva Horn beginnt mit einer Aktion der „Letzten Generation“, geht weiter mit den Veränderungen der Jahreszeiten. Der Frühling kommt zu früh, ist zu heiss und dann folgt doch noch Frost. Der Sommer zu trocken mit heftigen Unwetter und der Winter zu kurz und zu mild. Sie endet damit, dass das Verhalten der Menschen in früheren Zeiten nicht vergessen werden darf. Die Tage werden jetzt wieder kürzer und wahrscheinlich auch kühler. Dabei sollten wir innehalten, uns an unser eigenes Leben erinnern und die lang versprochenen Briefe an Freunde schreiben und endlich das angefangene Buch fertig lesen.

„Wer heute »vier Jahreszeiten« googelt, findet entweder Vivaldi oder eine Hotelkette, schlimmstenfalls auch noch ein paar handgestrickte Gedichte oder Bildmotive mit fallenden Blättern. Jahreszeiten sind banal wie Wettergespräche, peinlich wie die Rede vom »Wonnemonat Mai«, langweilig wie alles, was so erwartbar ist wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Gelegentlich ist die Rede von untypischen Jahreszeiten, aber das ist mittlerweile so unoriginell wie der Reflex, jedes schlechte Wetter auf den Klimawandel zu schieben. Immerhin hat es der Frühling im Sommer 2022 mal in die Nachrichten geschafft. Zwei Mitglieder der italienischen »Letzten Generation« hatten sich in den Uffizien an ein Kunstwerk geklebt, das nicht besser gewählt sein konnte: Sandro Botticellis »Primavera«.“

Die längere Leseprobe gibt es hier.

Das ist aber noch nicht alles. Günter Kunert, Peter Stephan Jungk, T.S.Eliot, Nadja Küchenmeister, Steffen Menschig und Ulla Berkéwicz, mit einem eine Homage an Hans Magnus Enzensberger, sind nur ein paar weitere AutorInnen dieser Ausgabe.
_________________________________

Save the date, wie es so schön heisst.


Montag, 13.Februar


Heute haben
Georges Simenon * 1903
Sybil Gräfin Schönfeldt * 1927
F.C.Delius * 1943
Katja Lange-Müller * 1951
Irene Dische * 1952
Geburtstag
___________________________________________

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 – 1857)
Schneeglöckchen

’s war doch wie ein leises Singen
In dem Garten heute nacht,
Wie wenn laue Lüfte gingen:
„Süße Glöcklein, nun erwacht,
Denn die warme Zeit wir bringen,
Eh’s noch jemand hat gedacht.“ –
’s war kein Singen, ’s war ein Küssen,
Rührt’ die stillen Glöcklein sacht,
Daß sie alle tönen müssen
Von der künftgen bunten Pracht.
Ach, sie konntens nicht erwarten,
Aber weiß vom letzten Schnee
War noch immer Feld und Garten,
Und sie sanken um vor Weh.
So schon manche Dichter streckten
Sangesmüde sich hinab,
Und der Frühling, den sie weckten,
Rauschet über ihrem Grab.
________________________________________________


Sinn und Form
Erstes Heft 2023 / Januar-Februar
tableau € 11,00

Und wieder ist ganz still und leise ein Sinn und Form-Heft erschienen. Unscheinbar liegt es im Regal und bleibt unbeachtet liegen, inmitten der bunten, auffallenden Buchumschlägen der Bücher nebendran.
Aber was im Heft zu finden ist, sind jedesmal wahre Perlen und Fundgruben.
Witold Gombrowicz schreibt Günter Grass, Annie Ernaux über ihre Art des Schreibens, der polnische Autor Marek Zagancyzk über sein Berlin, der russische Autor Maxim Ossipow, der nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ausgereist ist und mittlerweile in Berlin lebt, schreibt Erzählungen „Große Möglichkeiten“. Und vieles, vieles mehr gibt sich in dieser Ausgabe zuentdecken.

Z.B. George Gissing: „Bücher und das ruhige Leben“, woraus sie hier eine Leseprobe finden.

IV.
Es regnete fast den ganzen Tag, dennoch war es für mich ein Tag der Freude. Ich hatte gefrühstückt und war in eine Karte von Devon vertieft (wie liebe ich doch gute Karten!), um eine Reiseroute zu erkunden, die ich im Auge hatte. Da klopfte es an meine Tür, und Mrs. M. trug ein großes Paket in braunem Papier herein, das, wie ich mit einem Blick sah, Bücher enthalten mußte. Die Bestellung hatte ich vor einigen Tagen nach London geschickt, aber nicht erwartet, daß meine Bücher schon so bald eintreffen würden. Mit pochendem Herzen legte ich das Paket auf den Tisch und behielt es im Auge, während ich das Feuer unterhielt; dann nahm ich mein Federmesser und öffnete die Sendung mit zitternden Händen, feierlich und bedächtig.

Es ist ein Vergnügen, Buchhändlerkataloge durchzusehen und hier und da eine mögliche Erwerbung anzukreuzen. Früher, als ich kaum Geld auf die Seite legen konnte, hielt ich Kataloge so gut es ging außer Sichtweite; jetzt genieße ich sie Seite für Seite und mache eine angenehme Tugend aus der Zurückhaltung, die ich mir unbedingt auferlegen muß. Noch größer aber ist das Glück, Bände auszupacken, die ich, ohne sie vorher zu sehen, gekauft habe. Ich jage keinen Raritäten nach, ich mache mir nichts aus Erstausgaben und Großformaten – was ich kaufe, ist Literatur, ist Nahrung für die menschliche Seele. Der erste Anblick der Bindung, wenn der innere Schutzumschlag zurückgeklappt ist! Der erste Geruch von Büchern! Der erste Schimmer einer Titelvergoldung! Hier ist ein Werk, dessen Ruf ich mein halbes Leben lang kenne, das ich aber noch nie gesehen habe; ich nehme es ehrfürchtig in die Hand, öffne es vorsichtig; meine Augen sind vor Aufregung getrübt, wenn ich einen schnellen Blick auf die Kapitelüberschriften werfe, und geben mir eine Ahnung vom Genuß, der mich erwartet. Wer hat sich mehr als ich den Satz der »Imitatio« zu Herzen genommen – »In omnibus requiem quaesivi, et nusquam inveni nisi in angulo cum libro«?

Ich hatte die Anlagen zu einem Gelehrten, und mit Muße und geistiger Ruhe hätte ich es auch zu Gelehrsamkeit gebracht. Innerhalb der College-Mauern hätte ich so glücklich, so unschuldig gelebt – meine Phantasien immer mit der Alten Welt beschäftigt. In der Einleitung zu seiner Geschichte Frankreichs sagt Michelet: »Ich bin an der Welt vorbeigegangen und habe die Geschichte für das Leben gehalten.« Das war, so kann ich jetzt erkennen, mein wahres Ideal; während all meiner Kämpfe und Nöte lebte ich eher in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Zu der Zeit, als ich in London buchstäblich hungerte, als es unmöglich schien, daß ich meinen Lebensunterhalt jemals mit Schreiben verdienen würde, wie viele Tage verbrachte ich da im British Museum und las so uninteressiert, als ginge es mich nichts an! Ich erinnere mich verwundert, wie ich mich an ein Pult im großen Lesesaal setzte und dabei Bücher vor mir hatte, die unmöglich eine Quelle unmittelbaren Nutzens sein konnten – mit nichts in meiner Tasche als trockenem Brot zum Frühstück und einem weiteren Bissen fürs Mittagessen. In jener Zeit arbeitete ich mich durch deutsche Wälzer über Altertumsphilosophie, in jener Zeit las ich Apuleius und Lukian, Petronius und die Griechische Anthologie, Diogenes Laertius und weiß der Himmel was noch! Mein Hunger war vergessen; über die Dachstube, in die ich für die Nacht zurückkehren mußte, machte ich mir keinerlei Gedanken. Alles in allem kann ich darauf wohl eher stolz sein, und also lächle ich beifällig über jenen dünnen, blassen Jugendlichen. Ich? Mein wahres Selbst? Nein, nein! Er ist in diesen dreißig Jahren tot gewesen.

Gelehrsamkeit im hohen Sinne war mir versagt, und jetzt ist es zu spät. Doch nun weide ich mich an Pausanias und nehme mir vor, jedes Wort von ihm zu lesen. Wer auch nur eine Spur für alte Literatur übrig hat, würde der nicht lieber Pausanias selbst lesen anstelle bloßer Zitate und Verweise auf ihn? Hier sind die Bände von Dahns »Die Könige der Germanen«: Wer würde nicht gerne so viel wie möglich über die teutonischen Eroberer Roms wissen? Und so weiter und so weiter. Bis an mein Ende werde ich lesen – und vergessen. Ach, das ist das Schlimmste von allem! Beherrschte ich das ganze Wissen, das ich zu allen Zeiten besessen hatte, so könnte ich mich einen gelehrten Mann nennen. Gewiß ist nichts so schlecht für das Gedächtnis wie lang andauernde Sorgen, Aufregungen, Ängste. Ich kann nicht mehr als ein paar Bruchstücke dessen behalten, was ich lese, doch lesen werde ich, beharrlich und mit Freude. Ob ich Belesenheit für ein zukünftiges Leben anhäufen würde? Es beunruhigt mich allerdings nicht länger, daß ich vergesse. Der vorüberziehende Augenblick beglückt mich, und was kann ein Sterblicher mehr verlangen?

(…)
____________________________________________


Morgen, Dienstag, 14.Februar, 19 Uhr
Jana Bürgers und ihre Zeit in der Ukraine
Im Rahmen der „Winterhilfe für die Ukraine“ des Börsenvereins des Dt.Buchhandels.
Im Anschluß Lyrik auf ukrainisch und deutsch
Bei uns in der Buchhandlung
Eine Spendenkasse steht bereit

Montag, 13.September


Heute haben
Marie von Ebner-Eschenbach * 1830
Sherwood Anderson * 1876
J.B.Priestley * 1894
Roald Dahl * 1916
Geburtstag
________________________________________

„Ein anregendes Buch: eine Speise, die hungrig macht.“
Marie von Ebner-Eschenbach
________________________________________

Und wieder ist ein neues Heft erschienen und wieder sind wunderbare Perlen darin versteckt:


„Sinn und Form“
Heft 5 / 2001 € 11,00

Enzensbergers Briefwechsel mit Adorno, Undine Gruenters Gedichte, Michael Krüger, John Burnside, Hans Blumenberg, Inger Christensen, Friedrich Diekmann: „Bei Lesen alter Sinn und Form Hefte“, Paul Stoop: „Susan Sontag am 11.September 2001“ und dann noch eine Poetik des Sandes und etwas über den Wombat.
Das ist aber nicht alles.
Fazit: Es lohnt sich da mal Reinzublättern.

Paul Stoop: „Der Schmerz der anderen“
Susan Sontag am 11.September 2001

»Und wo warst du, als …?« Es gibt weltpolitische Ereignisse, die den mit Radio und Fernsehen aufgewachsenen Generationen dauerhaft in Erinnerung geblieben und auch Jahrzehnte später noch Gesprächsthema sind: »Ich war gerade in XY, als die Nachricht kam …« Der Tag des Mauerbaus, der Tag, an dem John F. Kennedy erschossen wurde, der Tag des Mauerfalls. Und zuletzt vor genau zwanzig Jahren die Terrorangriffe auf das World Trade Center und das Pentagon.

Am 11. September 2001 schaute die ganze Welt zu, wie in einer Metropole zwei Wolkenkratzer, in denen Tausende Menschen arbeiteten, nach dem Angriff mit zwei gekaperten Passagierflugzeugen in Brand gerieten und einstürzten. Wer konnte, floh aus dem Gebäude, Hilfskräfte gingen unter Lebensgefahr hinein, verzweifelte Menschen sprangen aus höheren Stockwerken in den Tod – vor den Augen der Öffentlichkeit.

Eine hellsichtige New Yorkerin, die Verwandte, Freunde und Bekannte in der Stadt wußte, erlebte die Anschläge aus großer Entfernung. Für Susan Sontag manifestierte sich das Geschehen nicht direkt durch Lärm, Gestank oder den Staub, der sich über große Teile Manhattans legte, sondern in Fernsehbildern. Bilder waren für sie schon immer von größter Bedeutung. Nichts in ihrem Leben, schrieb sie in ihrer Essay-Sammlung »Über Fotografie« (1977), habe einen so »einschneidenden, tiefen, unmittelbaren« Eindruck auf sie gemacht wie die dokumentarischen Fotos vom Mord an den europäischen Juden, die sie als Zwölfjährige in einer Buchhandlung betrachtete.

Jahrzehntelang widmete Sontag der spezifisch modernen Wahrnehmung von Tod und Leiden, die uns durch dieses Medium vermittelt wird, besondere Aufmerksamkeit. Anfang 2001 hielt sie in Oxford einen Vortrag über den Schmerz der anderen, den wir aus räumlicher und zeitlicher Distanz wahrnehmen, vor allem durch Fotos von Kriegsreportern. Diese Überlegungen bildeten die Grundlage für ihr letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch, »Das Leiden anderer betrachten« (2003), in dem sie ihre frühere Auffassung revidierte, die Fülle von Abbildungen ferner Kriegsgreuel führe zu Abstumpfung.

Eine eigene zeitliche Distanz zum 11. September 2001 konnte Susan Sontag nicht mehr herstellen. Sie starb Ende 2004. Ihre unmittelbare Einordnung der Ereignisse löste aber eine heftige Kontroverse aus. In einem kurzen Text brachte sie nicht ihr Entsetzen über den Massenmord zum Ausdruck, sondern attackierte die Rhetorik der amerikanischen Regierung und der vermeintlich angepaßten Medien. Besonders ihr Satz über die Attentäter, »Feiglinge waren sie nicht«, empörte viele Kommentatoren. Sontag bestätigte nicht nur die vielen, die sie schon immer kritisiert hatten, sondern schockierte auch manche treuen Wegbegleiter.

Über ihre persönliche Situation in jenen Tagen ist bisher wenig bekannt. In der preisgekrönten Biographie von Benjamin Moser bleiben sie merkwürdig unterbelichtet. Moser beschreibt die Bilder, die damals live um die Welt gingen: »Unter den Millionen Zuschauern war Susan Sontag, die in Berlins Mitte im Hotel Adlon wohnte.« Dann läßt er seine Protagonistin für die 48 Stunden allein, die für die Weltöffentlichkeit die eindrücklichsten seit dem Mauerfall gewesen sein dürften. »Zwei Tage nach den Angriffen, als Susan in ihrer Adlon-Suite noch am Bildschirm klebte, bat ihre alte Freundin Sharon DeLano vom ›New Yorker‹ sie, etwas Kurzes für das Magazin zu schreiben.«

Die knappen Sätze suggerieren eine Entrücktheit dieser stets nervös-alerten Beobachterin des Zeitgeschehens: Sontag sitzt einsam im Hotel und schaut tagelang TV, allein, ohne sozialen Kontext, im Dialog nur mit sich selbst, eine Amerikanerin fern von daheim, die wohl auch deshalb zu einem unerhörten Urteil gelangt.

Wo war Sontag am 11. September? Sie war nicht »in ihrer Suite im Adlon«, als die Welt gebannt auf den Fernsehschirm sah. Sie war nicht allein, war nicht von der Möglichkeit des Austauschs abgeschnitten. Sie hatte am Abend sogar einen öffentlichen Auftritt, von dem Moser wohl ebensowenig wußte wie Daniel Schreiber, der 2007 die Sontag-Biographie »Geist und Glamour« veröffentlichte.

SINN UND FORM 5/2021, S. 702-706

Die komplette Leseprobe finden Sie hier.
___________________________________________________


1.Welches Buch lesen Sie gerade?
2.Welches Buch empfehlen Sie unbedingt?
3.Welches Buch wollen Sie schon immer mal (wieder) lesen?

Ilma Rakusa (Schriftstellerin, Lyrikerin) empfiehlt:

1. Ich lese gerade das Buch von Byung-Chul Han: „Undinge. Umbrüche der Lebenswelt“ (Ullstein, 2021).
2. Unbedingt empfehlen möchte ich die Kurzgedichte des vor wenigen Tagen verstorbenen belarussischen Dichters Ales Rasanau: „Das dritte Auge. Punktierungen“ (Urs Engeler, 2007). Elke Erb hat sie wunderbar übersetzt.
3. Schön wäre es, Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wiederzulesen – in Musse.


Herzliche Grüsse
Ilma Rakusa

Danke!!!!!

SINN UND FORM 5/2021, S. 702-706

Dienstag, 29.Juni

Heute haben
Johann Heinrich Campe * 1746
Giacomo Leopardi * 1798
Antoine de Saint-Exupery * 1900
Oriana Fallaci * 1930
Ror Wolf * 1932
Geburtstag.
Und auch Anne-Sophie Mutter.
_____________________________

Ada Christen (1839-1901)
Nach dem Regen

Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein,
Tiefgrüne feuchte Reben
Gucken ins Fenster herein.

Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
Im Garten jagen spielend
Die Buben den Mädeln nach.

Es knistert in den Büschen,
Es zieht durch die helle Luft
Das Klingen fallender Tropfen,
Der Sommerregenduft.
______________________________

Jetzt möchte ich und muss einfach nochmals auf das noch aktuelle Heft hinweisen.
Zuviele gute Texte sind darin zu finden.


SINN UND FORM Heft Mai/Juni € 11,00

Wunderbar ist es, in dem Heft kreuz und quer zu blättern, zu stöbern, zu finden und zu lesen. Gedichte von Jan Wagner und Lutz Seiler, ein Text von Marguerite Duras: „Die Nutte von der normannischen Küst“, „Am Osloer Fjord oder der Fremde“ von Helmut Lange, oder der besondere Text von Martine Lombard: „Begrabt mein Herz in Templin“, oder der extrem starke Text „Der Grönlandhai“ von Katherine Rundell, sollen als Hinweise ausreichen.

Leseprobe zu Hartmann, Bernhard: „Neuanfänge sind niemals leicht“.
Gespräch mit Irit Amiel

Leseprobe zu Jürgen Große: „Die Namen des Bösen“

Leseprobe zu Hilde Angarowa:Die Rückkehr. Aus einem Reisetagebuch (1957)“

Dienstag, 11.Mai

Heute haben
Rose Ausländer * 1901
Ruben Fonseca * 1925
Henning Boetius * 1939
Geburtstag.
Und auch Salvador Dali
__________________________________

Ludwig Uhland
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
_______________________________________

Unser Tipp:

Sinn und Form
Heft Mai/Juni 2021 € 11,00

Auch im 73.Jahrgang gibt es in diesen Heften etwas zu entdecken. Nicht immer auf den ersten, aber spätestens auf den zweiten Blick. Und dieses Mal fing ich von hinten an und las die Geschichte über den Grönlandhai. Verdammt, ist das ein starker Text. Da wird so ein Hai 200 bis 500 Jahre alt und wir wissen viel zu wenig über ihn, aber er hätte so einiges von der Weltgeschichte mitbekommen können, würde er nicht in den tiefsten Tiefen der Meere leben.
Der erste Text stammt von der Holocaustüberlebenden Irit Amiel, der zweite ist ein Interview mit ihr.
Elisabeth Binder schreibt über den Lyriker Philippe Jaccottet. Und wer ihn bis jetzt noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen.
Marguerite Duras ist vertreten und Jan Wagner. Isabel Fargo Cole schreibt über ihre Recherchen in der Bibliothek, das Coronajahr und so vieles, was ihr dabei durch den Kopf geht. Cécile Wajsbrot schreibt über Literatur in all seinen Facetten und endet mit Zitaten von Bob Dylan und Leonard Cohen.
Mehr habe ich noch nicht geschafft, aber das war schon alles großartig.
_____________________________________________

230.000 km wurden bis jetzt in Ulm geradelt.
1.200 km sind vom Jastram-Team.
_________________________________________________



Mittwoch, 17.Juli

IMG_4413.JPG

Heute haben
Clara Viebig * 1860
Christiane Rochefort * 1917
Johannes Arnold * 1928
Rainer Kirsch * 1934
Geburtstag
________________________

Friedrich Gottlieb Klopstock
Die Sommernacht

Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab
In die Wälder sich ergießt, und Gerüche
Mit den Düften von der Linde
In den Kühlungen wehn;

So umschatten mich Gedanken an das Grab
Der Geliebten, und ich seh in dem Walde
Nur es dämmern, und es weht mir
Von der Blüthe nicht her.

Ich genoß einst, o ihr Todten, es mit euch!
Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung,
Wie verschönt warst von dem Monde,
Du o schöne Natur!
_______________________

4-2019

Sinn und Form Heft 4/2019 € 11,00

Vier mal im Jahr gibt es eine kleine große Überraschung. Immer wenn ein neues Sinn und Form-Heft erscheint, können wir auf den zweiten Blick literarische Leckerbissen entdecken.
Ricarda Piglia zum Beispiel und Susanne Röckel über Stifter. Chaim Noll über Wüste und Literatur, oder Isabel Fargo Cole über Zaudern mit der Zauberflöte.
Drei Leseprobe stellt der Verlag zur Verfügung. Einfach mal reinschauen.

Leseprobe Kathrin Schmidt: Gesucht Zeitgeist_in (m/w/d)

Leseprobe Joris-Karl Huysmans: In Hamburg und Lübeck

Leseprobe Philipp Lenhard: Adornos letzte Postkarte

Donnerstag, 16.November

Heute haben
José Saramago * 1922
Anne Holt * 1958
Karen Duve * 1961
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Ringelnatz.
____________________________

Joachim Ringelnatz
Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.
_____________________________

SINN UND FORM
SECHSTES HEFT
November/Dezember 2017 € 11,00

Ganz unscheinbar kommt dieses Heft daher. Seit 69 Jahren sieht es so aus und innen drin verstecken sich jedes Mal unbekannte Schätze. Unglaublich, denke ich so oft; so  auch dieses Mal.

Der russische Schriftsteller Dmitri Bakin, der Taxifahrer war, beginnt mit einer unglaublichen Erzählung: „Bleiben: verwehrt“. Ich habe noch nie etwas von ihm gehört und gelesen und möchte nach dieser Lektüre noch mehr in die Finger bekommen.
Wolfgang Hilbig schreibt über Marina Zwetajewas Gedichtzyklus „Schlaflosigkeit“.
Großartig.
Und so geht es weiter. Texte über Literatur, Gedichte reihen sich an Erzählungen.
Hans Benders Vortrag „Vom Leben, Schreiben und Herausgeben“ aus den 80er Jahren taucht hier plötzlich auf und lässt mich staunen.
Heißenbüttel schreibt über Hamsun (Leseprobe) und Gert Löschütz nimmt uns mit nach Prag. Cécile Wajsbrots „Tröstung“ ist eine wahre Perle“
Zum Schluß noch Michael Maar über Peter Sloterdijk und Hans Christoph Buch über Joseph Brodsky.
Muss ich noch mehr loben?

Donnerstag, 8.September

img_0531

Heute haben
Eduard Mörike * 1804
Frédéric Mistral * 1830
Alfred Jarry * 1873
Michael Frayn * 1933
Helga Novak * 1935
Matt Ruff * 1965
Geburtstag

Eduard Mörike
An den Schlaf

Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!
_____________________________

suf_cover_2016-5_von_pdf_png

„Sinn und Form“
Heft 5/2016 / September/Oktober € 11,00

Das neue „Sinn und Form“-Heft kommt wieder ganz unscheinbar und geräuschlos in unserer Buchhandlung an. Ohne knalligen Aufmacher und in gewohnter nüchterner Aufmachung liegt es vor mir und ich staune sofort, wenn ich auf das Inhaltsverzeichnis schaue.
Rudolf Borchardt ist mit seinem Erzählfragment „Paulkes letzter Tag“ vertreten, auf den ein Text von Johannes Saltzwedel über diesen Text folgt.

„Eine Finalgestalt des Zerfalls. Rudolf Borchardts Erzählfragment „Paulkes letzter Tag“

Darauf folgen vier Gedichte von Christiane Schulz, die mit dem Titel „Das müde Licht“ betitelt sind.

Ansage

Ein Sturm nimmt den See
in die Hand und Schindeln
von den Dächern und
Bäume drehen sich
ihm hinterher unsere abgerissenen
Reden wollen die Blüten
halten Forsythien Mandeln
Magnolienknospen besprechen
und haben die sicheren Worte
vergessen für die Zukunft
heißt es sollten wir
gewappnet sein

„Das Busentier“ heißt die kurze, harmlose und plötzlich sehr verstörende Erzählung des niederländischen Autors Jan Wolkers, auf die Thomas Hettches Text über die Form des Romanes folgt. Michele Serres, Alberto Savinio, Tim Parks („Aufhören und Handeln. Cesare Paveses Tagebuch“) folgen. Julia Schoch schreibt über „Meine Mythomanien oder Wie sich Wirklichkeit in Literatur verwandelt“ und der polnischen Autor Adam Zagajewski ist mit Gedichten vertreten, die Renate Schmidgall übersetzt hat.

Von meiner Mutter

Von meiner Mutter wüßte ich nichts zu erzählen –
wie sie immer sagte, das wirst du noch bereuen,
wenn ich nicht mehr da bin, und wie ich ihr nicht glaubte,

Als Leseprobe kann ich hier nochNeue Briefe aus Paris. Eine Wende im literarisch-politischen Grenzverkehrvon Claus Leggewie anbieten.
Nicht erwähnt bleiben die vielen anderen Texte, Erzählungen, Essays und Gedichte, die das Heft wieder zu einem perfekten Schmökerobjekt machen.

8. Januar

IMG_7438

Heute haben
Wilkie Collins * 1824
Paul Scheerbart * 1863
Leonardo Sciascia * 1921
Juan Marsé * 1933
Stephen W.Hawking * 1942
Gudrub Mebs * 1944
Geburtstag
und David Bowie und Sarah.
___________________________

Paul Scheerbart
Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Über dem dunkelgrünen Myrtentor
Thront ein dicker roter Mond. —
Ob es später wohl noch lohnt,
Wenn man auf dem Monde wohnt?
Über dem dunkelgrünen Myrtentor?
Wär’s nicht möglich, daß uns drüben
»Längre« Seligkeiten küßten?
Wenn wir das genauer wüßten!
Hier ist alles zu schnell aus.
Jeder lebt in Saus und Braus.
Wem das schließlich nicht gefällt,
Hält die ganze große Welt
Auch bloß für ein Narrenhaus!
Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Alter Mond, ich lach dich aus!
Doch du machst dir nichts daraus!

Die große Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken —
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.
_______________________

„Der Fanatismus gehört zu Extremformen menschlicher Konflikte, weil er anders als der Krieg weder Waffenstillstand noch Frieden kennt, sondern für absolute, unversöhnliche Gegnerschaft steht.“

Christophe Bouton: „Die Furie der Zerstörung
aus: Sinn und Form 4/2007
Das Heft ist vergriffen. Der Verlag stellt jedoch den obengenannten Artikel nochmals ins Netz.

Das aktuelle Heft ist erschieben und noch so neu, dass es nicht einmal auf der Website des Verlages auftaucht.

IMG_7442

Unscheinbar wie eh und je taucht es bei uns im Buchladen auf. Die Abonennten werden bedient, der Rest kommt an die Kasse. Bei genauer Betrachung fällt mir wieder auf, was für tolle Artikel sich wieder darin versammeln.

Pierre Mivhon (der wir von seinen Veröffentlichungen bei Suhrkamp kennen) trägt drei Wintermythologien bei. Und wenn Sie nun denken, dass das etwas Gediegenes, Getragenes ist – weit gefehlt. Der für mich unbekannte polnische Autor Tomasz Rozycki (* 1970) nimmt uns mit auf eine Reise durch Polen und die ganze Welt. Mittelpunkt, hier Haltepunkt, ist Tomis. Eine Stadt in der Provinz. Im Winter, mit Schnee und Kälte. Er beginnt mit der Idylle des nachts leuchtenden Schnee, dreht dann aber sehr schnell ab auf das Einfahren des Zuges in einen verdreckten Bahnhof während einer Silvesternacht. Und kaum haben wir ein paar Zeilen weitergelesen, so landen wir in New York und Rom. Lemberg, der Grossvater, eine wahnsinnige schwere Bücherkiste, Flucht und Rückbesinnung, sind weitere Haltepunkt für Rozyckis Jahresrück- und -ausblick.
Es folgen Auszüge aus dem Briefwechsel aus dem Jahre 1945 zwischen Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm Oelze. Auch hier eine Ende und ein Anfang in der deutschen Geschichte. Jutta Hartwig überschreibt ihre Gedichte mit „Unsterbliche Einsamkeit“ und David Kehlmanns Text lautet: „Der Apfel, den es nicht gibt. Unordentliche Gedanken über Bilder und Wirklichkeit“. Schön, dass das einzige literarische Zitat, das er verwendet aus György Dragománs: „Scheiterhaufen“ kommt. Der Roman, der mich am Ende des letzten Jahres am meisten bewegt hat. Es folgen weitere Artikel über das Zeichnen, Malen, über Kunst und deren Betrachtungsweisen von Jan Brockmann und Hermann Pfütze.

Oktoberglast,
die Kähne
nehmen die Möwen
ins Schlepptau
auf den Kämmen
schilfiges Haar
und die Prismen der Ufer
wo um den nachblühenden Efeu
Satelliten im Safranpanzer summen:
gib mir Honig.

….

So beginnt eines der Gedichte von Walther Müller-Jentzsch, die er „Niederrhein bei Düsseldorf“ benennt und damit an Rolf Haufs erinnert.
Jonathan Böhm schreibt über Lenka Reinerová, Wulf Kirsten über die Deutsche Bücherei zu Leipzig, Irina Liebmann schreibt über den Geist, Tobias Lehmkuhl über den Langgedichtlyriker Paulus Böhmer und der bulgarischer Dichter Georgi Markov über das neue Jahr („Mit neuem Kredit auf dem Konto der Zukunft“)

Das und noch mehr befindet sich im ersten Heft (Januar/Februar) des Jahres 2016. Im März melde ich mich wieder mit dem nächsten Heft von Sinn und Form.

Freitag

IMG_6627

Heute haben
Robert Louis Stevenson * 1850
Peter Härtling * 1933
und Rudi
Geburtstag
______________________

Schön, diese Regelmäßigkeiten. Jeden Sonntag Skizzen von Detlev Surrey, jeden Monat ein Gedichte-Heftchen aus dem Reclam Verlag und alle zwei Monate eine neue Ausgabe von Sinn und Form. Daran erkenne ich dann, wie die Zeit verfliegt. Hatte ich nicht erst vor kurzem das letzte Heft hier vorgestellt?

DSuF_Cover_2015.6_400b

Heft 6/2015 von SINN UND FORM
Akademie der Künste € 11,00

mit Beiträgen von: Alejandro Zambra // Fabio Morábito // Tomás González // Julian Barnes // Christine Koschel // Hannelore Schlaffer // Gregor Dotzauer // Hans Joas // Henryk Grynberg // Friedrich Dieckmann // Henning Ziebritzki // Theresia Prammer // Giovanni Pascoli // Harald Hartung // Adam Zagajewski // D. H. Lawrence

Alejandro Zambra, den wir von der schönen Liebesgeschichte „Bonsai“, die im Suhrkamp Verlag erschienen ist, kennen, schreibt über seine nächtlichen Ferngespräche während seiner Arbeitszeit. Von Fabio Morábito gibt es Gedichte. Tomás González, der letztes Jahr in der vh Ulm zu Gast war, schreibt über Glühwürmchen, über einen Karpfenteich (s.gestern) und Nächte, die leuchten. Übersetzt u.a. von Peter Stamm. Julian Barnes redet über den Tod und schreibt über Sibelius. Es gibt Gedichte von Christine Koschel und Hannelore Schlaffer schreibt über die Briefschreibwut von Rilke.

Christien Kuschel
Der stille Fremde

Im taucherarm
ein heimatloser Untergeher
als Fetzenjunge vom Leben geheilt
zu den Wellen geworfen
der Ertrunkene dreht sich um
sieht seinen retter an
steinfremd

An den Taucher denkend -auf Lampedus 2013

Theresia Prammer schreibt über den italienischen Dichter Giovanni Pascoli.
Mönchsgrasmücken, Tamarisken, Bekassinen
Der Dichter Giovanni Pascoli

Oswald von Wolkenstein

oci oci oci oci oci oci,
fi fideli fideli fideli fi,
ci cieriri ci ci cieriri,
ci ri ciwigk cidiwigk fici fici.

Giovanni Pascoli

chioccola il merlo, fischia il beccacino;
anch’io torno a cantare in mio latino.
es flötet die Amsel, die Schnepfe schlägt ein;
auch ich singe weiter in meinem Latein.

Obwohl im deutschen Sprachraum bis heute kaum bekannt, war Giovanni Pascoli (1855 –1912) einer der großen Dichter des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Für Pier Paolo Pasolini, der ihm bereits in jungen Jahren ein Buch gewidmet hatte, stellte sein poetisches Denken und Wirken sogar die Grundlage der italienischen Gegenwartslyrik dar. Wie sein Lehrer, der Bologneser Universitätsprofessor Giosuè Carducci, verband Pascoli die Universitätslaufbahn mit der Berufung des Dichters. Sein Werk umfaßt Oden und Hymnen ebenso wie spirituell gefärbte Verse; die exaltierten Züge des Fin de siècle spiegeln sich darin und lassen doch Raum für das Privat-Alltägliche, Erlebte, »Nicht-zu-Erfindende« (Pascoli). Dem aulisch-rhetorischen Gestus D’Annunzios stand Pascoli trotz gegenseitiger Wertschätzung eher distanziert gegenüber; seine besten Dichtungen bleiben symbol- und bildverhaftet, mit suggestiven Ausrufen und fragmentarischen Einsprengseln direkter Rede.
Der Gegensatz zwischen urbaner, gesellschaftlicher Realität und ländlich-bäuerlicher Intimität bildet den Hintergrund seiner wichtigsten Gedichtbände »Myricae « und »Canti di Castelvecchio«. In ihnen verknüpft sich das Heimweh nach dem »Nest«, dem Hort vertrauter Räume und familiärer Zuneigungen, mit einer obsessiven und großartigen Präzision im Hinblick auf Orte und Schauplätze, botanische und zoologische Kategorien und Begriffe.

Gregor Dotzauer
Innen Leben
Abschied von einer romantischen Idee

In Peking hängen die Wolken an versmogten Tagen so tief, daß einem der Himmel bis in den Hauseingang nachkriecht. Das Firmament hockt auf der nächsten Laterne, und die Sonne ist vollständig pulverisiert. Die Stadt besitzt dann ein gesteigertes Fluidum. Ihre zerklüftete Silhouette zerfließt im Schwebstaub, und sobald es Abend wird, rücken die Fassaden der Wolkenkratzer schimmernd auf einen zu und entfernen sich wieder. Wenn danach die sogar bei Vollmond mondlose Nacht einsetzt, verschwimmen im Dunst die aus allen Richtungen heranwogenden Meere pulsierender Schriftzeichen, und über den Brücken der inneren Ringstraßen steigen bengalische Sumpflichter empor, die einen in unbekannte Viertel locken. In dem Augenblick, in dem man ihre Quelle endlich ausfindig gemacht zu haben glaubt, verlöschen sie und flackern woanders auf.

Bis wir nach weiteren Beiträgen zu D.H. Lawrence kommen, der heute Geburtstag hat. Volltreffer!
In Apropos Lady Chatterleys Liebhaber schreibt er über die Veröffentlichung dieses Romanes, seine Erfolge, oder auch nicht und dass Raubdrucker schwer am Werke waren und er nicht wusste, ob er aus moralischen Gründen bei denen auch die Hand aufhalten soll, oder sie schnöde verachten. Ein Dilemma. Sehr fein und lustig, bildet dieser kurze Text einen perfekten Schluss für eine sehr unterhaltsame Ausgabe der neuen Sinn und Form-Nummer.