Montag, 13.September


Heute haben
Marie von Ebner-Eschenbach * 1830
Sherwood Anderson * 1876
J.B.Priestley * 1894
Roald Dahl * 1916
Geburtstag
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„Ein anregendes Buch: eine Speise, die hungrig macht.“
Marie von Ebner-Eschenbach
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Und wieder ist ein neues Heft erschienen und wieder sind wunderbare Perlen darin versteckt:


„Sinn und Form“
Heft 5 / 2001 € 11,00

Enzensbergers Briefwechsel mit Adorno, Undine Gruenters Gedichte, Michael Krüger, John Burnside, Hans Blumenberg, Inger Christensen, Friedrich Diekmann: „Bei Lesen alter Sinn und Form Hefte“, Paul Stoop: „Susan Sontag am 11.September 2001“ und dann noch eine Poetik des Sandes und etwas über den Wombat.
Das ist aber nicht alles.
Fazit: Es lohnt sich da mal Reinzublättern.

Paul Stoop: „Der Schmerz der anderen“
Susan Sontag am 11.September 2001

»Und wo warst du, als …?« Es gibt weltpolitische Ereignisse, die den mit Radio und Fernsehen aufgewachsenen Generationen dauerhaft in Erinnerung geblieben und auch Jahrzehnte später noch Gesprächsthema sind: »Ich war gerade in XY, als die Nachricht kam …« Der Tag des Mauerbaus, der Tag, an dem John F. Kennedy erschossen wurde, der Tag des Mauerfalls. Und zuletzt vor genau zwanzig Jahren die Terrorangriffe auf das World Trade Center und das Pentagon.

Am 11. September 2001 schaute die ganze Welt zu, wie in einer Metropole zwei Wolkenkratzer, in denen Tausende Menschen arbeiteten, nach dem Angriff mit zwei gekaperten Passagierflugzeugen in Brand gerieten und einstürzten. Wer konnte, floh aus dem Gebäude, Hilfskräfte gingen unter Lebensgefahr hinein, verzweifelte Menschen sprangen aus höheren Stockwerken in den Tod – vor den Augen der Öffentlichkeit.

Eine hellsichtige New Yorkerin, die Verwandte, Freunde und Bekannte in der Stadt wußte, erlebte die Anschläge aus großer Entfernung. Für Susan Sontag manifestierte sich das Geschehen nicht direkt durch Lärm, Gestank oder den Staub, der sich über große Teile Manhattans legte, sondern in Fernsehbildern. Bilder waren für sie schon immer von größter Bedeutung. Nichts in ihrem Leben, schrieb sie in ihrer Essay-Sammlung »Über Fotografie« (1977), habe einen so »einschneidenden, tiefen, unmittelbaren« Eindruck auf sie gemacht wie die dokumentarischen Fotos vom Mord an den europäischen Juden, die sie als Zwölfjährige in einer Buchhandlung betrachtete.

Jahrzehntelang widmete Sontag der spezifisch modernen Wahrnehmung von Tod und Leiden, die uns durch dieses Medium vermittelt wird, besondere Aufmerksamkeit. Anfang 2001 hielt sie in Oxford einen Vortrag über den Schmerz der anderen, den wir aus räumlicher und zeitlicher Distanz wahrnehmen, vor allem durch Fotos von Kriegsreportern. Diese Überlegungen bildeten die Grundlage für ihr letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch, »Das Leiden anderer betrachten« (2003), in dem sie ihre frühere Auffassung revidierte, die Fülle von Abbildungen ferner Kriegsgreuel führe zu Abstumpfung.

Eine eigene zeitliche Distanz zum 11. September 2001 konnte Susan Sontag nicht mehr herstellen. Sie starb Ende 2004. Ihre unmittelbare Einordnung der Ereignisse löste aber eine heftige Kontroverse aus. In einem kurzen Text brachte sie nicht ihr Entsetzen über den Massenmord zum Ausdruck, sondern attackierte die Rhetorik der amerikanischen Regierung und der vermeintlich angepaßten Medien. Besonders ihr Satz über die Attentäter, »Feiglinge waren sie nicht«, empörte viele Kommentatoren. Sontag bestätigte nicht nur die vielen, die sie schon immer kritisiert hatten, sondern schockierte auch manche treuen Wegbegleiter.

Über ihre persönliche Situation in jenen Tagen ist bisher wenig bekannt. In der preisgekrönten Biographie von Benjamin Moser bleiben sie merkwürdig unterbelichtet. Moser beschreibt die Bilder, die damals live um die Welt gingen: »Unter den Millionen Zuschauern war Susan Sontag, die in Berlins Mitte im Hotel Adlon wohnte.« Dann läßt er seine Protagonistin für die 48 Stunden allein, die für die Weltöffentlichkeit die eindrücklichsten seit dem Mauerfall gewesen sein dürften. »Zwei Tage nach den Angriffen, als Susan in ihrer Adlon-Suite noch am Bildschirm klebte, bat ihre alte Freundin Sharon DeLano vom ›New Yorker‹ sie, etwas Kurzes für das Magazin zu schreiben.«

Die knappen Sätze suggerieren eine Entrücktheit dieser stets nervös-alerten Beobachterin des Zeitgeschehens: Sontag sitzt einsam im Hotel und schaut tagelang TV, allein, ohne sozialen Kontext, im Dialog nur mit sich selbst, eine Amerikanerin fern von daheim, die wohl auch deshalb zu einem unerhörten Urteil gelangt.

Wo war Sontag am 11. September? Sie war nicht »in ihrer Suite im Adlon«, als die Welt gebannt auf den Fernsehschirm sah. Sie war nicht allein, war nicht von der Möglichkeit des Austauschs abgeschnitten. Sie hatte am Abend sogar einen öffentlichen Auftritt, von dem Moser wohl ebensowenig wußte wie Daniel Schreiber, der 2007 die Sontag-Biographie »Geist und Glamour« veröffentlichte.

SINN UND FORM 5/2021, S. 702-706

Die komplette Leseprobe finden Sie hier.
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1.Welches Buch lesen Sie gerade?
2.Welches Buch empfehlen Sie unbedingt?
3.Welches Buch wollen Sie schon immer mal (wieder) lesen?

Ilma Rakusa (Schriftstellerin, Lyrikerin) empfiehlt:

1. Ich lese gerade das Buch von Byung-Chul Han: „Undinge. Umbrüche der Lebenswelt“ (Ullstein, 2021).
2. Unbedingt empfehlen möchte ich die Kurzgedichte des vor wenigen Tagen verstorbenen belarussischen Dichters Ales Rasanau: „Das dritte Auge. Punktierungen“ (Urs Engeler, 2007). Elke Erb hat sie wunderbar übersetzt.
3. Schön wäre es, Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wiederzulesen – in Musse.


Herzliche Grüsse
Ilma Rakusa

Danke!!!!!

SINN UND FORM 5/2021, S. 702-706

Dienstag, 29.Juni

Heute haben
Johann Heinrich Campe * 1746
Giacomo Leopardi * 1798
Antoine de Saint-Exupery * 1900
Oriana Fallaci * 1930
Ror Wolf * 1932
Geburtstag.
Und auch Anne-Sophie Mutter.
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Ada Christen (1839-1901)
Nach dem Regen

Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein,
Tiefgrüne feuchte Reben
Gucken ins Fenster herein.

Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
Im Garten jagen spielend
Die Buben den Mädeln nach.

Es knistert in den Büschen,
Es zieht durch die helle Luft
Das Klingen fallender Tropfen,
Der Sommerregenduft.
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Jetzt möchte ich und muss einfach nochmals auf das noch aktuelle Heft hinweisen.
Zuviele gute Texte sind darin zu finden.


SINN UND FORM Heft Mai/Juni € 11,00

Wunderbar ist es, in dem Heft kreuz und quer zu blättern, zu stöbern, zu finden und zu lesen. Gedichte von Jan Wagner und Lutz Seiler, ein Text von Marguerite Duras: „Die Nutte von der normannischen Küst“, „Am Osloer Fjord oder der Fremde“ von Helmut Lange, oder der besondere Text von Martine Lombard: „Begrabt mein Herz in Templin“, oder der extrem starke Text „Der Grönlandhai“ von Katherine Rundell, sollen als Hinweise ausreichen.

Leseprobe zu Hartmann, Bernhard: „Neuanfänge sind niemals leicht“.
Gespräch mit Irit Amiel

Leseprobe zu Jürgen Große: „Die Namen des Bösen“

Leseprobe zu Hilde Angarowa:Die Rückkehr. Aus einem Reisetagebuch (1957)“

Dienstag, 11.Mai

Heute haben
Rose Ausländer * 1901
Ruben Fonseca * 1925
Henning Boetius * 1939
Geburtstag.
Und auch Salvador Dali
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Ludwig Uhland
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
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Unser Tipp:

Sinn und Form
Heft Mai/Juni 2021 € 11,00

Auch im 73.Jahrgang gibt es in diesen Heften etwas zu entdecken. Nicht immer auf den ersten, aber spätestens auf den zweiten Blick. Und dieses Mal fing ich von hinten an und las die Geschichte über den Grönlandhai. Verdammt, ist das ein starker Text. Da wird so ein Hai 200 bis 500 Jahre alt und wir wissen viel zu wenig über ihn, aber er hätte so einiges von der Weltgeschichte mitbekommen können, würde er nicht in den tiefsten Tiefen der Meere leben.
Der erste Text stammt von der Holocaustüberlebenden Irit Amiel, der zweite ist ein Interview mit ihr.
Elisabeth Binder schreibt über den Lyriker Philippe Jaccottet. Und wer ihn bis jetzt noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen.
Marguerite Duras ist vertreten und Jan Wagner. Isabel Fargo Cole schreibt über ihre Recherchen in der Bibliothek, das Coronajahr und so vieles, was ihr dabei durch den Kopf geht. Cécile Wajsbrot schreibt über Literatur in all seinen Facetten und endet mit Zitaten von Bob Dylan und Leonard Cohen.
Mehr habe ich noch nicht geschafft, aber das war schon alles großartig.
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230.000 km wurden bis jetzt in Ulm geradelt.
1.200 km sind vom Jastram-Team.
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