Donnerstag, 28.März

Heute haben
Maxim Gorki * 1868
Bohumil Hrabal * 1914
Gerhard Fritsch * 1924
Marianne Fredrikssen * 1927
Mario Vargas Llosa * 1936
Jürgen Lodemann * 1936
Tilman Röhrig * 1945
Geburtstag
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Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942)
Spätnachmittag

Lange Schatten fallen auf den hellen Weg
und die Sonne schickt noch letzte Abschiedswärme
und das dünne Zwitschern eines Vogels ist, als ob es lärme
und als stehl‘ es etwas von der Stille weg.
Menschen auf zehn Schritt Entfernung
sind wie aus ganz andern Welten
und fast möchte man die welken Blätter schelten,
daß sie rascheln und die letzten Sonnenstrahlen stören.
Und man möchte nur die Veilchen wachsen hören.
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Unser Buchtipp:


Byung-Chul Han: „Der Geist der Hoffnung
Wider die Gesellschaft der Angst
Ullstein Verlag € 22,90

„Die Angst geht um wie ein Gespenst. Permanent werden wir mit akokalyptischen Szenarien konfrontiert: Pandemie, Weltkrieg, Klimakatastrophe. Immer dringlicher wird der Weltuntergang oder das Ende der menschlichen Zivilisation heraufbeschworen.“
So beginnt das neue Buch von Byung-Chul Han, der sich mit den beiden Begriffen „Angst“ und „Hoffnung“ auseinandersetzt. Angst fördert Egoismus und Hass. Angst lähmt und behindert Solidarität, Freundlichkeit und Empathie in einer Gesellschaft. Das sind jedoch Dinge, die eine Demokratie dringend benötigt. So steht der Begriff der Hoffnung bei ihm im Mittelpunkt und allein schon die Definitionen einiger wichtigen Begriffe, die er auf den ersten Seiten erläutert sind hochspannend und relativieren das, was uns täglich an Argumenten um die Ohren fliegt. Was bedeutet Optimismus in unserer Zeit? Was schreibt Ernst Bloch in seinem Buch „Das Prinzip Hoffnung“? Wie hängen Hoffnung und Verwzeiflung zusammen?, und vieles mehr.
Han kommt natürlich auch auf sein Lieblingsthema zu sprechen, dass wir in unserer digitaalisierten Gesellschaft immer mehr vereinsamen, uns durch Selbstoptimierungen vermeintlich verbessern, aber das Gegenteil oft der Fall ist.
So schreibt Han am Ende des schmalen Bändchens, dass Hoffnung weit über den Tod hinausgeht, unser ganzes Leben prägt und nicht wie die Angst vor dem Tod, die uns ausbremst.
„Der Geist der Hoffnung“ tut gut. Der Text regt an, kommt nicht mit plakativen Argumenten um die Ecke, sondern lässt uns nachdenken und keine „Angst vor dem Denken“ aufkommen.
Die abgedruckten Abbildungen von Anselm Kiefer wirken für mich allerdings nicht sehr hoffnungsvoll.

Samstag, 4.November


Heute haben
Felix Braun * 1885
Klabund * 1890
Gert Ledig * 1921
Judith Herzberg * 1934
Bettina Wegner * 1947
Erich Wolfgang Skwara * 1948
Geburtstag
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Selma Meerbaum-Eisinger
Kristall

Ganz still. Und viele welke Blätter liegen
wie braunes Gold, in Sonne eingetaucht.
Der Himmel ist sehr blau,
und weiße Wolken wiegen.
Ein heller Frost den Reif auf Bäume haucht.

Die Tannen stehen frisch und grün,
und ihre Wipfel zeigen in die Luft.
Und rote Buchen schlank und kühn
hör’n auf den Adler, dessen Flug sie ruft,
und steigen immer höher himmelan.
Einsame Bänke stehen dann und wann
und auch ein bißchen Gras, schon halb erfroren –
die Sonne hat’s zu ihrem Liebling auserkoren.

8.12.1940
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Ende Oktober war Jan Wagner in der vh Ulm und hatte seinen neuen Gedichtband dabei.


Jan Wagner: „Steine & Erden

Hanser Verlag € 22,00

Die neue Gedichten Jan Wagners erzeugen eine Atmosphäre, eine Stimmung, die einzigartig in der deutschsprachigen Lyrikwelt ist. Kleinigkeiten, Nebensächliches, Unscheinbares und am Wegesrand Vergessenes kommt hier zu Tage.
Wer kennt schon einen Lyrikband, der mit einem Gedicht über alte Autoreifen, die irgendwo an einem Bahndamm gestapelt sind, beginnt? In der Leichtigkeit seines Gedichtes entstehen sofort Bilder im Kopf und lassen mich schmunzeln, über die Treffsicherheit seiner Sichtweise.
Arno Schmidts „Kühe in Halbtrauer“ tauchen kurz auf im Gedicht „kühe“:

einmal umschlossen sie, kurz hinter swords,
uns und das auto, zogen mit der würde
einer begräbnisfeier, doch nur halb so schwarz,
an uns vorüber. einmal waren wir herde. …

Im Gedicht „krähenghasele“ lese ich die Zeile „gestenreich wie eine witwe auf sizilien“, wo wir doch gestern Abend mit Germana Fabiano und Ihrem Buch „Mattanza“ genau dort gelandet sind.

Sie merken schon, in Jan Wagners finden wir alles und das, ohne ausschweifend zu werden und uns mit dem Kleinen begnügnen und darin unseren Kosmos wiederfinden.

Schauen Sie einfach mal in die Leseprobe.
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Am kommenden Dienstag, den 7.November stellen wir wieder vier neue Bücher vor.
Clemens Grote liest aus:

Toni Morrison: Sehr blaue Augen
Florian Illies: Die Zeit der Stille
Necati Öziri: Vatermal
Lauren Groff: Die weite Wildnis

Beginn: 19 Uhr
Eintritt: frei

Wir freuen uns auf Ihr/Euer Kommen.

16.Türchen vom Besten das Beste

 

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Auch seine Tage sind gezählt

Heute haben
Jane Austen * 1775
Rafael Alberti  * 1902
Arthur Clarke * 1917
Frank Göhre * 1943
Adriaan van Dis * 1946.
Es ist der Todestag von Selma Meerbaum-Eisinger, die am 16. Dezember 1942 achtzehnjährig im Zwangsarbeitslager Michailowka in der Ukraine an Fleckfieber gestorben ist.

Das Glück

Schlafen möcht‘ ich,
Der Wind wiegt mich ein,
Und die Sehnsucht singt mich zur Ruh‘.
Weinen möcht‘ ich.
Schon die Blumen allein
Flüstern Tränen mir zu.

Sieh die Blätter:
Sie blinken im Wind
Und gaukeln Träume mir vor.
Ja und später –
Lacht wo ein Kind,
Und irgendwo hofft ein Tor.

Sehnsucht hab‘ ich
Wohl nach dem Glück?
Nach dem Glück.
Fragen möcht‘ ich:
Kommt es zurück?
Nie zurück.
18.8.1941

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Heute gibt es Musik aus dem 16.Türchen vom Besten das Beste.

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Anderson & Roe Piano Duo: “The Art of Bach”
Steinway & Sons CD € 21,95

Inhaltsangabe:

Bach/Kurtág: Sonatina in E-flat Major from Cantata No. 106
Bach: Concerto for 2 Harpsichords in C major, BWV 1061
Bach/Anderson & Roe: Saint Matthew Passion, BWV 244 — Suite for Two Pianos
Bach: Art of the Fugue, BWV 1080: Contrapunctus IX, a 4 alla Duodecima
Bach: Art of the Fugue, BWV 1080: Contrapunctus XIIIa, Fuga a 2 Clav. – Rectus
Bach: Art of the Fugue, BWV 1080: Contrapunctus XIIIb, Alio Modo. Fuga a 2 Clav. – Inversus
Bach: Canons on the Ground from the “Goldberg Variations”, BWV 1087 — 12, 6, 10, 11, 14
Bach/Anderson & Roe: “Die Seele ruht in Jesu Händen” from Cantata No. 127 — feat. Augustin Hadelich
Bach/Howe: “Schafe können sicher weiden” from Cantata No. 208
Bach/Reger: Brandenburg Concerto no 3 in G major, BWV 1048

Nur gut, dass es unsere Kunden gibt.
So bin ich durch eine Bestellung auf diese CD gestoßen.
Bach auf zwei Klavieren. Die einzelnen Stücken wurden arrangiert, neu interpretiert und auch ganz so gelassen, wie wir es von Bach kennen. Und daraus ist eine Reise durch die Welt der Bachschen Musik entstanden. Es perlt und sprudelt, es beruhigt und macht Freude in diesen anstrengenden Tagen.
Das junge Klavierduo Greg Anderson und Elizabeth Joy Roe, die sich vom Geheimtipp zum Publikumsmagneten entwickelt haben, legten diese Einspielung Ende Januar vor und führen uns durch die Kantaten, Kanons, die Goldberg Variationen, über die Brandenburgischen Konzerte, bis hin zur Kunst der Fuge. Sie benutzen Bearbeitungen von György Kurtág und Max Reger, spielen auf Klavieren, statt auf Cembali. Und plötzlich sind wir mitten in der Matthäus Passion.
Die beiden Klavierspieler sind bekannt durch ihre unkoventionellen Videoauftritte, ohne dass ihr Spiel dadurch leidet. Vielleicht einfach eine amerikanisch spielerische Art, sich der Klassik zu nähern. Nach zwei CDs (alle auf dem Label von Steinway & Sons) sind sie bei Bach gelandet. Bach-Einspielungen gibt es unendlich viele, und so sind neue Ideen gefragt. Und hier haben wir eine Antwort gefunden.
Bach tut schon immer gut und diese CD bringt uns den Geist dieser Musik sehr nahe.

Hier noch eine Zugabe von Mozart:

Und jetzt noch die schöne blaue Donau (nicht bei Ulm):


Dienstag

Heute haben
Colette * 1873
Hermann Kesten * 1900
Hermann Peter Piwitt * 1935
David Lodge * 1935
Anselm Glück * 1950
Arnuldur Indridason * 1961
Geburtstag
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Gestern war der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und als ich früh morgens meinen Eintrag schrieb, habe ich nicht daran gedacht.
Das will ich nun mit einem weiteren Gedichtband nachholen.

Selma

Selma Meerbaum-Eisinger: „Gedichte
Herausgegeben von Markus Mey
Reclam Verlag € 4,00
Hier reservieren

Selma Meerbaum-Esísinger wurde 1924 in Czernowitz in der Bukowina geboren. Aus der Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer kamen, um nur zwei weitere Lyriker zu nennen. Sie fing schon als Jugendliche an, Gedichte zu schreiben und aus dem Jiddischen und Französischen zu übersetzen. Nach dem Einmarsch der Deutschen musste sie und ihre Familie ab 1941 im Ghetto von Czernowitz leben, kam 1942 in das Arbeitslager Michailowka in der Ukraine, wo sie im Dezember 1942 an Flecktyphus starb. Ihr Werk umfasst nicht einmal 60 Gedichte, die jedoch zur Weltliteratur zählen.

Lied

Nimm hin mein Lied –
Es ist nicht froh,
Der Regen weint und weint.
Und wer ihn sieht
Weiß sowieso,
Wie es das Glück gemeint.

Es ist vorbei
Die helle Zeit,
Die Lachen uns gelehrt.
Sie ging entzwei,
Zwiespalt gedeiht –
Wenn auch die Welt sich wehrt.

Kehrt sie zurück?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weiß es der Wind.
Er kennt das Glück,
Wenn’s nicht zerbricht,
So sagt er’s uns geschwind.

Doch sieh, der Wind
Verbirgt sich doch –
Er ist ja gar nicht da.
Ganz wie ein Kind,
So glaubt er noch:
Nur er weiß, was geschah.

Nimm hin mein Lied.
Vielleicht bringt es
das Lachen einst zurück.
Und wer es liest,
Der sagt: Ich seh’s,
und meint damit das Glück.
30.6.1941

Ich bin die Nacht

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.

Mein Geliebter ist der lange Weg.
Wir sind vermählt auf immerdar.
Ich liebe ihn, und ihn bedeckt
mein seidenweiches, schwarzes Haar.

Mein Kuß ist süß wie Fliederduft –
der Wanderer weiß es genau…
Wenn er in meine Arme sinkt,
vergißt er jede heiße Frau.

Meine Hände sind so schmal und weiß,
daß sie ein jedes Fieber kühlen,
und jede Stirn, die sie berührt,
muß leise lächeln, wider Willen.

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.
6.5.1941

Das Glück

Schlafen möcht‘ ich,
Der Wind wiegt mich ein,
Und die Sehnsucht singt mich zur Ruh‘.
Weinen möcht‘ ich.
Schon die Blumen allein
Flüstern Tränen mir zu.

Sieh die Blätter:
Sie blinken im Wind
Und gaukeln Träume mir vor.
Ja und später –
Lacht wo ein Kind,
Und irgendwo hofft ein Tor.

Sehnsucht hab‘ ich
Wohl nach dem Glück?
Nach dem Glück.
Fragen möcht‘ ich:
Kommt es zurück?
Nie zurück.
18.8.1941

Leseprobe  aus der Reclam-Ausgabe mit ein paar Gedichten und einem Nachwort