Montag, 16.August

Heute haben
Lawrence von Arabien * 1888
Charles Bukowski * 1920
Reiner Kunze * 1933
Geburtstag
________________________________________

Winfried Hermann Bauer
Die Narben des Heilers

Glaube mir
Ich kenne die Schlinge
Um deinen Hals

Schau dir meinen Nacken an
Der Strang
Hinterlässt Spuren
Ich kenne ihn
Den Schweiß auf der Stirn
Wenn plötzlich der Boden nachgibt
Auf dem man steht
Wenn man hängt
Und zappelt
Glaube mir
Ich kenne das sinnlose Ringen
Das endlose Entwederoder
Die Schwebe
Es schmerzt
Wenn mein Wissen
Nichts ändert
An deiner Lage
Und doch gibt der Strang
Ein wenig nach
Wenn wir ihn beide spüren
Mit etwas Glück
Verwandelt er sich im Laufe der Zeit
Und wird zu einem Seil
Das dich und mich hält
An dem entlang
Wir uns hangeln können
Dem Unbekannten entgegen
Aufwärts
In die Welt

Glaube mir
Ich kenne die Schlinge
Um deinen Hals
_____________________________________________

Unser Buchtipp:

Die Anomalie - Cover

Hervé Le Tellier: „Anomalie
Aus dem Französischen von Romy und Jürgen Ritte
Rowohlt Verlag € 22,00

Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt 2021

Und wieder hat es sich bewahrheitet, dass die Goncourt Preisträgerromane eine ausgezeichnete Lektüre sind. Diesmal allerdings sehr unfranzösisch. Eher schon wie ein us-amerikanischer Thriller. Wobei Tellier hier eine perfekte Mischung aus Thriller, Komödie und Roman gefunden hat.
Wenn ich jetzt mit der Inhaltsangabe beginne, denken Sie sich vielleicht: Ja geht’s noch?
Ja, und wie.
Im März 2021 fliegt eine Boeing 787 auf dem Weg von Paris nach New York durch einen elektromagnetischen Wirbelsturm. Die Turbulenzen sind heftig, doch die Landung glückt. Allerdings: Im Juni landet dieselbe Boeing mit denselben Passagieren ein zweites Mal. Im Flieger sitzen der Architekt André und seine Geliebte Lucie, der Auftragskiller Blake, der nigerianische Afro-Pop-Sänger Slimboy, der französische Schriftsteller Victor Miesel, eine amerikanische Schauspielerin.
Natürlich ist so etwas nicht möglich und die zweite Maschine wird auch deshalb auf einen Militärstützpunkt umgeleitet und landet nicht in New York. Abgeschirmt von der Aussenwelt und mit Hilfe von hochkarätigen Wissenschaftlern versuchen alle hinter dieses Phänomen zu kommen.
Wie das Tellier aufbereitet und wie er seine Figuren aus dem ersten Flug und aus dem zweiten begleitet, ist ihm perfekt gelungen.
Lassen Sie sich überraschen. Es geht nicht um die Lösung des Phänomens, sondern: Was passiert mit den Menschen. Wie reagieren sie und wie reagiert die Aussenwelt auf sie?
Eine super Lektüre.

Leseprobe
__________________________________________


1. Welches Buch lesen Sie gerade?
2. Welches Buch empfehlen Sie unbedingt?
3. Welches Buch wollen Sie schon immer mal (wieder) lesen?

Ruth Fichtner (Lehrerin und Kundin) empfiehlt:

1.“Nora Joyce und die Liebe zu den Büchern“ von Nuala O’Connor
2.“Viktor“ von Judith Fanto
3.“Ein süßer Traum“ von Doris Lessing.

Danke!!
_________________________________________

Dienstag, 1.Juni

Heute haben
Ruth Rehmann * 1922
Colleen McCullough * 1937
Rudolf Bussmann * 1947
Geburtstag
________________________________________

Hermann Winfried Bauer
Wir

Allein
Mit mir
Welch ein Verlangen
Und welch ein Kampf
Vereint
Mit dir
Die Gier nach mir
Ach lass mich geh’n
Ich bleibe hier
Verirrt
In mir
Such ich in dir
Das Wir
In mir
Verlass mich nicht
Ach bleib bei mir
So glaube mir
Ich lass mich geh’n
Allein
Bei dir…
______________________________________

Unser Tipp des Tages. Passend zum Geburtstag von Norman Foster:


Charlotte van den Broeck: „Wagnisse
13 tragische Bauwerke und ihre Schöpfer
Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt
Rowohlt Verlag € 26,00

Das Thema „Scheitern“ taucht in letzter Zeit immer wieder. Allerdings eher im Bereich der Psychologie.
Hier geht es im ersten Moment um 13 Architekten, die alle an ihren Werken gescheitert sind. Nein, das stimmt so nicht immer. Ihre Bauwerke wurde vollendet und in der damaligen Zeit nicht gewürdigt, verhöhnt und die Architekten verlacht. Alle 13 begingen danach Suizid.
Die belgische Autorin hält sich aber nicht nur bei den Gebäuden auf, sondern entwickelt eine Mischung aus Biografie, Journalismus, Essay und genau diese Mischung ist sehr unterhaltsam, macht uns staunen und berührt einen.
Auf dem Umschlag ist Borrominis Kirche S.Carlino in Rom abgebildet. Eine Kirche mit einer Grundfläche so groß, wie die Grundfläche einer Säule von den vieren um den Hauptaltar des Petersdoms. Sein großer Gegenspieler Bernini war zu übermächtig, Borromini zu depressiv, so dass er sich in sein Schwert stürzte. Das ist eines der Episoden aus dem schön gemachten Buch, in dem es um viel Architektur, aber auch um ein Schwimmbad mit Stromschlag, eine Kaserne für 2.400 Soldaten und vier Toiletten, und die damals verlachte Wiener Oper geht.

Donnerstag, 27.Mai

Heute haben
Max Brod * 1884
Dashiel Hammett * 1894
Louis-Ferdinand Celine * 1894
John Cheever * 1912
Andrei Bitow * 19367
Said * 1947
Geburtstag
____________________________________________

Winfried Hermann Bauer
Die Welt unter deinen Füßen

Ein Heim
Ist ein Heim
Nur für wen, fragt sich
Wenn du nicht wirklich zu Hause bist
In dir
Mit dir
Wenn du den Teppich beleidigst
Über den du schleichst
Den du am Boden hältst
Obwohl er fliegen will
Wenn du dich zurückziehst
Auf dein Kanapee
Wo du dich mit einem wolkigen Display
Vor Augen
Der Welt verschließt

Warum nur
Ziehst du sie nicht aus, die Pantoffeln
Und spürst die Welt unter deinen Füßen
Geh in Kontakt
Mit den Haaren der Ziege
Mit dem Fell des Bären
Mit Gossyps Samenhaaren
Schmecke, sehe, höre, rieche
Zum Teufel mit den Allergenen
Verdammt
Es sei dir vergeben
Aller Gene Ziel bleibt doch
Weiß Gott
So glaube mir
Das Leben
_________________________________________

Gestern war Gabriele von Arnim zu Gast bei „SWR1 Leute“ und redete mit Wolfgang Heim über ihr neues Buch, das ich großartig finde und das wir am 1.April hier auf dem Blog vorgestellt haben.

Gabriele von Arnim:
Das Leben ist ein vorübergehender Zustand

Rowohlt Verlag € 22,00

Die Sendung geht im Radio über zwei Stunden, in der Zusammenfassung, ohne Nachrichten und Musik, sind es gerade mal 31 Minuten.
Ein tolles Interview mit einer klugen Frau. Leider kommt die zweite Ebene des Buches, nämlich ihre Reflektionen, ihre Gedanken zu ihrem Leben, die vielen Zitate als Stützen, nicht vor.
Trotz: Absolut sehens- und hörenswert.

Hier geht es zum Download für die Hör- und Videofassung.

Samstag, 27.Februar


Heute haben
Henry Wadsworth Longfellow * 1807
John Steinbeck * 1902
Lawrence Durrell * 1912
Elisabeth Borchers * 1926
Geburtstag
_________________________________

Henry Wadsworth
Nature

LongfellowAs a fond mother, when the day is o’er,
   Leads by the hand her little child to bed,
   Half willing, half reluctant to be led,
   And leave his broken playthings on the floor,
Still gazing at them through the open door,
   Nor wholly reassured and comforted
   By promises of others in their stead,
   Which, though more splendid, may not please him more;
So Nature deals with us, and takes away
   Our playthings one by one, and by the hand
   Leads us to rest so gently, that we go
Scarce knowing if we wish to go or stay,
   Being too full of sleep to understand
   How far the unknown transcends the what we know.
________________________________________

Neu ausgepackt und passend zu der gestrigen Aktion von Fridays for Future und Extinction Rebellion:


Mark Lynas: „6 Grad mehr
Die verheerenden Folgen der Erderwärmung
Übersetzt von Barbara Steckhan, Carolin Schiml, Karola Bartsch

Der Wissenschaftsjournalist Mark Lynas spielt durch, was passieren wird, wenn die Erde sich weiter global erwärmt. Für jedes Grad Erderwärmung schreibt er ein Kapitel, zitiert aus aktuellen Studien und benutzt wissenschaftliche Zukunftsmodelle. Er beschreibt Dürren, ausbleichende Korallen, Verwüstungen durch schmelzende Gletscher, zunächst geografische Verschiebungen, später das Verschwinden von fruchtbarem Land und ultimativ die Gefahr, dass alles Leben auf der Erde endet.
Allein schon das Kapitel mit 1 Grad mehr, zeigt, wie wir mitten drin stecken im Klimawandel, in einer Klimakatastrophe, die wir hier in Ulm nicht merken, aber gleich um die Ecke spürbar ist.
Wieder ein Buch mehr, das uns vor Augen führt, dass es demnächst zu spät ist, wenn wir nicht zumindest die formulierten Klimaziele umsetzen.

Leseprobe
_______________________________________________

Gestern in Stuttgart. 50 Menschen von Fridays for Future und Extinction Rebellion treffen sich vor der Stuttgarter CDU Parteizentrale und erklären den Platz davor zum Klima Tatort.

Montag, 25.Januar

Heute haben
Daniel Casper von Lohenstein * 1635
D.Wordsworth * 1855
Virginia Woolf * 1882
Eva Zeller * 1923
Silvio Blatter * 1946
David Grossman * 1954
Alessandro Baricco * 1958
Geburtstag
_____________________________________________

Daniel Casper von Lohenstein
Dies Leben ist ein Kürbs

Dies Leben ist ein Kürbs, die Schal ist Fleisch und Knochen,
Die Kerne sind der Geist, der Wurmstich ist der Tod;
Des Alters Frühling malt die Blüte schön und rot,
im Sommer, wenn der Saft am besten erst soll kochen,

So wird die gelbe Frucht von Käfern schon bekrochen,
Die morsche Staude fault, der Leib wird Asch und Kot;
Doch bleibt des Menschen Kern der Geist aus aller Not,
Er wird von Wurm und Tod und Krankheit nicht gestochen.

Er selbst verursacht noch, daß eine neue Frucht,
Ein unverweslich Leib aus Moder, Asch und Erde
Auf jenen großen Lenz im Himmel wachsen werde.

Warum denn, daß mein Freund mit Tränen wieder sucht
Die jetzt entseelte Frau? Die Seel ist unvergraben,
So wird er auch den Leib dort schöner wieder haben.

Der Hoffnungs-Bau ist das Feld, wo unser Mut uns blühet.
Wenn man den Ehrenzweck beim Lichten recht besiehet,
Hat Erde, Sand und Sarg uns so viel Müh gekost.
____________________________________________

Neben Brotbacken ist auch Kochen schwer angesagt. Naja, wir wissen warum.
Wenn Sie schon alle Kochbücher durchhaben und trotzdem mehr über bestimmtes Obst, Gemüse, Gewürze wissen wollen, dann finden Sie in den „Kleinen Gourmandisen“ aus dem Mandelbaum Verlag genau die richtigen Bücher.


Ein Ersatz für die Schule sind die Heftchen und Blöcke nicht. Aber sie machen einfach Spaß.

Endlich wieder lieferbar:


Colum McCann: „Apeirogon“
Aus dem Amerikanischen von Volker Oldenburg
Rowohlt Verlag € 25,00

Rami Elhanan und Bassam Aramin haben beide ihre Töchter verloren.
Rami ist Israeli, Bassam Palästinser. Rami und Bassam gibt es wirklich. Ramis Tochter wurde 1997 im Alter von dreizehn Jahren von einem palästinensischen Selbstmordbomber vor einem Jerusalemer Buchladen getötet. Bassams Tochter starb 2007 zehnjährig mit einer Zuckerkette in der Tasche vor ihrer Schule durch die Kugel eines israelischen Grenzpolizisten.
Beide Männer wurden Freunde, reisen um die Welt, halten Vorträge und kämpfen für den Frieden in diesem Krisen/Kriegsgebiet.
Für Elke Heidenreich war dieser Roman das beste Buch des Jahres 2020. Recht hat sie. „Apeirogon“ ist ein unglaublich starker Roman, der auf den ersten Blick verstört, durch seine z.T. kürzesten Kapitel. Und doch sind Sie gefangen in diesen Seiten, auf denen McCann die ganze Welt packt. Unglaublich, welche Bezüge er herstellt, wie er immer wieder auf bestimmte Momente aus den Leben der beiden Männer zurückkommt und sie von verschiedenen Seiten beleuchtet. Was hat der Vogelflug, die John Cage Musik in Halberstadt, befreundete Zahlen, der Drahtseilartist Petit (den wir schon aus einem früheren Roman von McCann kennen) mit der Ermordung der beiden Mädchen zu tun? McCann schafft das und legt hier ein Meisterwerk vor.

Apeirogon“ ist ein Hybrid-Roman, in dem das meiste erfunden ist, eine Erzählung, die wie jede Erzählung Spekulation, Erinnertes, Tatsachen und Phantasie verwebt.,
schreibt Colum McCann im Nachwort.

Freitag, 28.August

Heute haben
Johann Wolfgang Goethe * 1749
Ernst Weiß * 1884
Liam O´Flaherty * 1896
Janet Frame * 1924
Jurij Trifonow * 1925
Arkadi Strugatzki * 1925
Mian Mian * 1970
Geburtstag
____________________________________

Johann Wolfgang Goethe
Dem aufgehenden Vollmonde

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.
_________________________________________

Sarah Wiltschek empfiehlt:

Rutger Bregman: „Im Grunde gut „
Einen neue Geschichte der Menschheit
Rowohlt Verlag € 24,00

Im Zweifel für das Gute. Auch so könnte das neue Buch von Rutger Bregman heißen. Darin behauptet der niederländischen Historiker, dass wir im Grunde nichts lieber tun, als einander zu helfen, zu teilen und ein sozialverträgliches Leben zu führen. Die bisher geltende Annahme, dass wir, einmal in eine Konflikt- oder Krisensituation gekommen, nur die eigenen Bedürfnisse befriedigen, hamstern, rauben und töten, stellt Bregman radikal in Frage. Und findet dafür allerorts anschauliche Beweise. Etwa mit dem Phänomen der Solidaritätswelle nach den Wirbelsturm Katrina 2005 oder der zutiefst humanen Geste während der Twin Tower-Katastrophe: Hier ließen sich die Menschen in den Treppenhäusern gegenseitig den Vortritt.

Bregman ruft dazu auf, uns von einem grundsätzlich negativen Menschenbild zu verabschieden. Was zur Folge hätte, dass wir auch unsere zivilen Institutionen wie Schulen, Gefängnisse und Sozialämter in einer ganz anderen Weise strukturieren und gestalten müssten: Gefängnisse, die den Insass*innen mit Respekt und Wohlwollen begegneten und damit die Rückfallquote überdurchschnittlich senkten, Schulen, die den Schüler*innen ein eigenständiges Lernen (fürs Leben) zutrauten, ohne Repressalien und Leistungsdruck und sie damit leistungsfähiger und krisensicherer machten, Jobcenter, die sich wirklich um das Wohl und die gesellschaftliche Wiedereingliederung seiner Klient*innen kümmerten und darum auch ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten würden.

Schließlich kommt er immer wieder auf seine Kernthese zurück: wir bekommen das, wovon wir ausgehen. Begegnen wir unseren Mitmenschen stets mit Argwohn und Misstrauen, werden wir weiter zu einer Gesellschaft beitragen, die genau dieses Gegeneinander fördert. Unterstellen wir unseren Mitmenschen jedoch gegenseitige Solidarität und Mitgefühl, kann daraus eine Gesellschaft erwachsen, in der das Sorgen füreinander und das Teilen unserer sozialen Ressourcen und materiellen Gemeingüter zum höchsten Gut werden.

Anhand wissenschaftlicher und historischer Belege, zeigt Bregman, dass kein Mensch aus eigenem Antrieb töten oder anderen Leid zufügen will. Dazu schaut er sich vergangene Kriegszenarien an und stellt fest, dass Soldat*innen stets ihr Mögliches tun, um nicht schießen zu müssen. Anhand einer wahren Geschichte wiederlegt er denn auch die „Herr der Fliegen“-These, laut der selbst Kinder und Jugendliche niederträchtig, brutal und zu Mördern werden, wenn sie die Zivilisation hinter sich lassen. Die echten Schiffbrüchigen, auf deren Geschichte Bregmann stößt, haben sich hingegen vom ersten Tag an solidarisch und demokratisch organisiert. Nur so konnten sie überleben, bis sie nach über einem Jahr gerettet wurden.

Der Autor bezieht die Leser*innen in den eigenen Erkenntnisprozess mit ein. Er veranschaulicht zunächst die geltenden Erkenntnisse wissenschaftlicher Studien, um anschließend hinter die Kulissen der Versuchsanordnungen und der tatsächlichen Situationen zu schauen. Was dann zum Vorschein kommt sind oftmals von Medien verzerrte Bilder, denen die tatsächlichen Ereignisse zu sensationsarm sind. Menschen, die sich friedlich und einvernehmlich arrangieren, sind weniger medienrelevant als solche, die sich bekriegen und beleidigen. Hier macht der Autor gleichsam eine Bestandaufnahme unserer Medienkultur, die sich überproportional auf Katastrophen und Dystopien fokussiert und den Menschen stets als potentiell böswillig zeigt.

Rutger Bregmann wichtigste Erkenntnis: bis zum Beginn der Zivilisation hat stets das Solidarische unser Überleben gesichert. Seine eigene Evolutionstheorie bezeichnet Bregman daher auch folgerichtig als „Survival of the Friendliest“.

Im Grunde gut ist ein leicht und humorvoll zu lesendes Sachbuch und eine großartige Einladung an uns alle: glaubt an das Gute und handelt danach!

Samstag, 13.Juni

Der Rowohlt Verlag verschenkt eine Geschichte:

scn30579

Sehr geehrte Damen und Herren,
die letzten Wochen haben uns alle herausgefordert. Das Leben hat sich plötzlich nach innen verlagert. Auch im übertragenen Sinne. Unsere Bestseller-Autorin Jojo Moyes hat sich in der Zeit des Lockdowns gefragt, was Lou wohl jetzt machen würde, die wundervoll optimistische Protagonistin aus «Ein ganzes halbes Jahr». Und so hat Jojo kurzerhand eine Geschichte geschrieben, die wir Ihnen heute schenken möchten. „Auf diese Art zusammen“ handelt davon, wie Lou, weit weg von ihrem Freund, inmitten einer Pandemie und kleiner und großer Katastrophen mit der Verunsicherung lebt – und sich ihre Lebensfreude und die der Menschen um sie herum bewahrt.

Ihr Rowohlt Verlag

scn31659

Jojo Moyes: „Auf diese Art zusammen“

Als Louisa Clark während eines Besuchs bei ihren Eltern plötzlich aufgrund der Pandemie in England bleiben muss, scheint alles unsicher. Sie vermisst ihren Freund Will, der als Arzt in New York gegen das Virus kämpft. Sie vermisst ihr Leben. Doch das wöchentliche Klatschen für die Corona-Helden bringt sie auf eine Idee … Jojo Moyes‘ Kurzgeschichte ist so bezaubernd wie ihre Bücher. Dieses ergreifende Wiedersehen mit Lou, der Heldin von «Ein ganzes halbes Jahr», «Ein ganz neues Leben» und «Mein Herz in zwei Welten» fühlt sich an wie nach Hause zu kommen. Diese Geschichte gibt es jetzt exklusiv und kostenlos zum Download nur auf rowohlt.de.

Donnerstag, 4.Juni

IMG_9569

Heute haben
Karl Valentin * 1882
Val McDermid * 1955
Marie NDiaye * 1967
Geburtstag.
Aber auch Cecilia Bartoli.
______________________________________

______________________________________

Nun kommt der nächste Teil der „1.Seite“.
Ich sage zwar, dass das das letzte Buch ist, das ich vorstelle. Da merken Sie, dass die Reihenfolge durcheinandergeraten ist. Die beiden Lesungen von Clemens Grote sollen ja noch kommen.
Jetzt aber erst einmal das neue Buch von

Rutger Bregman: „Im Grunde gut“
Eine neue Geschichte der Menschheit
Rowohlt Verlag € 24,00

 

 

Donnerstag, 14.Mai

______IMG_9278

Heute haben
Arthur Schnitzler *1862
Katherine Anne Porter * 1890
Max Frisch * 1911
Michael Lentz * 1964
Judith Hermann * 1970
Geburtstag
____________________

Arthur Schnitzler
Wie wir so still …

Wie wir so still an einem Tische saßen,
Als hätten wir uns früher nie gesehn,
Und ganz geruhig unsern Spargel aßen,
Als wäre gar nichts zwischen uns geschehn,

Und wie sie mir – als wenn ich es nicht wüßte!
Im Flüsterton erzählten, wer du bist,
Und ich zum Abschied dir das Händchen küßte,
Als hätt‘ ich deinen Nacken nie geküßt ..!
______________________

Nicht vergessen: Katastrophen und Krisen bringen das Beste in den Menschen zum Vorschein.

banner_bregman_autorenfoto
© The Correspondent

u1_978-3-498-00200-8

Rutger Bregman. „Im Grunde gut“
Eine neue Geschichte der Menschheit
Rowohlt Verlag € 24,00

Nach seinem Buch über ein bedingungsloses Grundeinkommen setzt sich der Historiker und Journalist Rutger Bregman in seinem neuen Buch mit dem Wesen des Menschen auseinander. Anders als in der westlichen Denktradition angenommen ist der Mensch seinen Thesen nach nicht böse, sondern im Gegenteil: von Grund auf gut.
Wir sind allerdings anderes gewohnt. Wir sind mit anderen Geschichten aufgewachsen, haben von weltbekannten Studien gehört und im Studium durchgenommen. Jetzt kommt Bregman und stellt vieles auf den Kopf und entlarvt so manchen Forscher als Betrüger. Seine eigenen Geschichten, die er im Buch erwähnt, sind das komplette Gegenteil davon. Da wurde ich leicht nervös und mir war nicht klar, ob das mit rechten Dingen zugeht. Es klingt jedoch sehr überzeugend, wie Bregman das schreibt.
Das letzte Drittel des Buches hat mich dann restlos überzeugt, dass wir die Welt, die Menschheit mit anderen Augen sehen sollen.
Bregmans Ideen sind innovativ und mutig und stimmen vor allem hoffnungsfroh, auch wenn die Zeiten im Moment nicht lustig und die in der Zukunft sehr düster sind.
Bevor ich noch mehr auf den Inhalt des flott geschriebenen Buches eingehe, lesen Sie einfach den Text, den ich auf der Rowohlt-Internetseite gefunden habe:

Von Rutger Bregman

Katastrophen und Krisen bringen das Beste in uns zum Vorschein. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse, für die es so viele stichhaltige Beweise gibt, aber das vergessen wir häufig. Gerade jetzt, inmitten einer Pandemie, ist es entscheidend, dass wir uns daran erinnern.

Natürlich werden unsere Newsfeeds überschwemmt von zynischen Geschichten und Kommentaren: Man liest über bewaffnete Männer in Hongkong, die Klopapierrollen stehlen, oder einen beiläufigen Kommentar über die australischen Frauen, die in einem Supermarkt in Sydney mit Fäusten gegeneinander kämpften. Momente wie diese verführen zu der Schlussfolgerung, dass die meisten Menschen eigennützig und egoistisch sind.

Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Jedem unsozialen Blödmann da draußen stehen Tausende Ärzte und Ärztinnen, Reinigungskräfte und Pfleger und Pflegerinnen gegenüber, die sich rund um die Uhr um unser Wohl bemühen. Jedem Hamsterkäufer, der panisch ganze Supermarktregale in seinen Einkaufswagen leert, stehen 10 000 Menschen gegenüber, die ihr Bestes geben, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Tatsächlich erreichen uns derzeit Berichte aus China und Italien darüber, wie die Krise die Menschen einander näherbringt.

«Wir haben gelernt, Hilfe von anderen anzunehmen», schreibt eine in Wuhan lebende Frau. «Durch diese Quarantäne haben wir auf eine Weise Beziehungen zueinander aufgebaut und einander unterstützt, die ich in meinen neun Jahren hier noch nie erlebt habe.» Mit dem kantonesischen Ausdruck «Jiayou» («Gib nicht auf») ermutigen Millionen Chinesen einander, stark zu bleiben. YouTube-Videos zeigen Menschen in Wuhan, die aus den Fenstern ihrer Häuser singen, worauf zahlreiche Nachbarn einstimmen und der anschwellende Chor dieser Stimmen zwischen den Hochhäusern der chinesischen Städte widerhallt. In Siena und Neapel, wo umfassende Ausgangssperren angeordnet wurden, singen Menschen gemeinsam von den Balkonen ihrer Häuser.

Italienische Kinder schreiben «Andrà tutto bene» («Alles wird gut») auf Straßen und Mauern, während unzählige Nachbarn einander Hilfe leisten. Am Donnerstag berichtete ein italienischer Journalist der britischen Zeitung The Guardian über etwas, das er mit eigenen Augen gesehen hatte: «Nach einem Augenblick der Panik gibt es in der Bevölkerung nun eine neue Solidarität. In meiner Gemeinde liefern die Supermärkte den Menschen Lebensmittel nach Hause, und eine Gruppe Freiwilliger besucht Menschen über 65 Jahren zu Hause.» Ein Fremdenführer aus Venedig stellt fest: «Es ist menschlich, Angst zu haben, aber ich sehe weder Panik noch selbstsüchtige Handlungen.»

Die Worte «Andrà tutto bene» wurden zuerst von einigen Müttern aus der Region Apulien verwendet, die diese Parole auf Facebook posteten. Von da verbreiteten sie sich als viraler Hit über das ganze Land, und zwar fast so schnell wie die Pandemie. Nicht nur das Coronavirus ist ansteckend – auch Freundlichkeit, Hoffnung und Nächstenliebe sind es.

Katastrophen führen zu einer Welle der Solidarität

Die erkennbare Welle der Solidarität wird die meisten Soziologen nicht überraschen. Die gegenwärtige Situation weist in der Tat Parallelen auf zur menschlichen Reaktion auf Naturkatastrophen, die seit Jahrzehnten Gegenstand umfassender Forschung ist.

Die Nachrichten nach einer Naturkatastrophe sind fast ausnahmslos beherrscht von Berichten über Plünderungen und Gewalt, aber in vielen Fällen stellen sich diese Geschichten als haltlose und auf Gerüchten beruhende Spekulationen heraus. Seit 1963 hat das Katastrophenforschungszentrum der Universität von Delaware fast 700 Feldstudien zu Überflutungen und Erdbeben durchgeführt, und die Erkundungen vor Ort führen jedes Mal zum gleichen Ergebnis: Die große Mehrheit der Menschen bleibt gelassen und hilft sich gegenseitig. «Wie groß das Ausmaß der Plünderungen auch ist», stellt ein Soziologe fest, «es verblasst gegenüber dem weitverbreiteten Altruismus, der zum freien und massenhaften Geben und Teilen von Gütern und Dienstleistungen¹ führt.»

Ja, Panik kommt vor und Hamsterkäufe auch. Ein britischer Sozialpsychologe stellt jedoch fest, dass «wir bei verschiedenen Arten von Katastrophen und Extremereignissen viel häufiger prosoziales Verhalten beobachten». Das ist eine alte Wahrheit. Einem Augenzeugenbericht zufolge gab es beim Untergang der Titanic «keine Anzeichen von Panik oder Hysterie, keine angstvollen Schreie und kein kopfloses Hin-und-her-Laufen»² . Als am 11. September 2001 die Zwillingstürme brannten, stapften Tausende geduldig die vielen Treppenabsätze hinunter.

«Und die Menschen [sagten] tatsächlich: ‹Nein, nein, Sie zuerst›», erinnerte sich ein Überlebender später. «Ich konnte nicht glauben, dass die Menschen gerade in diesem Moment tatsächlich sagten: ‹Nein, nein, bitte gehen Sie vor.› Es war unwirklich.»

Zynismus weicht der Hoffnung

Auf solche Augenzeugenberichte zu vertrauen kann schwerfallen, aber das liegt nicht zuletzt an dem in den vergangenen Jahrzehnten propagierten zynischen Menschenbild. Viele Jahre wurde der Diskurs beherrscht von einem Fokus auf das Schlechte im Menschen. «Der entscheidende Punkt ist doch», so Gordon Gekko, die Hauptfigur im Film «Wall Street» von 1987, «dass die Gier – leider gibt es dafür kein besseres Wort – gut ist. […] Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jedes fortschrittlichen Geistes.»

Jahr für Jahr erarbeiten Politiker stapelweise Gesetzesentwürfe in der Annahme, dass die meisten Menschen nicht gut sind. Und wir kennen die Folgen dieser Politik: Ungleichheit, Einsamkeit und Misstrauen.

Trotz alledem ist in den letzten 20 Jahren etwas Außergewöhnliches passiert. Wissenschaftler aus der ganzen Welt und aus vielen unterschiedlichen Disziplinen haben ein hoffnungsvolleres Bild der Menschheit entworfen. «Zu viele Ökonomen und Politiker modellieren die Gesellschaft als beständigen Kampf, von dem sie annehmen, dass er in der Natur vorherrscht; aber dieser Glaube fußt ausschließlich auf Projektion», so der niederländische Primatologe Frans de Waal. «Unsere Annahmen über die menschliche Natur bedürfen dringend einer umfassenden Überholung.»

Distanz halten, um einander herzlicher in die Arme zu nehmen

Nichts ist sicher, aber es könnte sein, dass uns diese Krise dabei hilft. Dass ein neues Bewusstsein für Abhängigkeit, Zusammengehörigkeit und Solidarität entsteht. «Ich weiß nicht, was Sie wahrnehmen», schrieb eine niederländische Psychiaterin und Mutter in einem Tweet, «aber ich sehe überall Menschen, die helfen wollen. Indem sie behördlichen Empfehlungen folgen oder etwas Praktisches wie Einkäufe für andere erledigen …»

Meine deutsche Lektorin berichtete mir von einem Zettel, den jemand in einem Mehrfamilienhaus aufgehängt hat:

«Liebe Nachbar*innen! Sollten Sie über 65 Jahre alt sein und ein geschwächtes Immunsystem haben, möchte ich Sie unterstützen, gesund zu bleiben. Ich gehöre nicht zur Risikogruppe und könnte Ihnen durch kleinere Besorgungen bzw. Einkäufe in den nächsten Wochen unter die Arme greifen. Falls Sie also Unterstützung brauchen, stecken Sie mir bitte einen Zettel an die Tür […] und hinterlassen Sie mir Ihre Telefonnummer. Gemeinsam steht man alles durch. Sie sind nicht alleine!»

Für eine Spezies, die sich so weiterentwickelt hat, dass sie Verbindungen knüpft und zusammenarbeitet, mutet es befremdlich an, unser Bedürfnis nach Kontakt zu unterdrücken. Die Menschen genießen Körperkontakt und finden Freude an der persönlichen Begegnung – aber jetzt müssen wir physisch Distanz halten.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir uns letzten Endes näherkommen, dass wir einander in dieser Krise erreichen. Wie Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte in dieser Woche sagte: «Lassen Sie uns heute Abstand halten, damit wir uns morgen umso herzlicher in die Arme nehmen […] können.»

Quellen

1) Enrico L Quarantelli, Conventional Beliefs and Counterintuitive Realities, Social Research: An International Quarterly of the Social Sciences, Band 75, Nr. 3 (2008), Seite 885
2) Jack Winocour (Hg.), The Story of the Titanic as Told by Its Survivors, Dover Publications (1960), Seite 33.”

Das Netz ist voll mit Vorträger von Rutger Bregman.

Dienstag, 17.März

IMG_7826

Heute haben
Siegfried Lenz * 1926
Hans Wollschläger * 1935
Geburtstag
__________________________

Vielen Dank an Petra Elsner:

Der helle Stern der Träume
versinkt im Meer der Traurigkeit.
Kein Leuchten aus der Ferne
für diese müde Welt.
Doch aus der dunklen Stille
tönt leis ein Wiegenlied,
es fällt in schwere Herzen
und aller Kummer flieht.

© Petra Elsner
15. März 2020
schorfheidewald.wordpress.com
__________________________

u1_978-3-499-00239-7

Sarah Jäger: „Nach vorn, nach Süden“
Rowohlt Verlag / Rotfuchs € 18,00

Ausgezeichnet mit dem LUCHS-Preis März 2020 von DIE ZEIT und Radio Bremen.
auf der Deutschlandfunk-Bestenliste „Die besten 7 Bücher für junge Leser“ für März 2020

Bücher mit „tschick“ von Herrndorf zu vergleichen, ist wahrscheinlich das Schlechteste, was einem Buch passieren kann. Und wenn ich dann noch sage, dass Sarah Jäger Mariana Leky gelesen hat, dann klingt das schwer nach abgeschrieben. Von wegen. Hier haben wir einen Hochsommer in Deutschland, der sich gewaschen hat.
Das Epizentrum ist ein Hinterhof eines Penny-Marktes, in dem sich die Aushilfen treffen, abhängen, die Zeit vertrödeln und miteinander quatschen. Hier bekommt man auch seinen Namen, wird geadelt durch den Zusatz „unser“. So wie unser Pavel. Oder man hat Pech. So wie Entenarsch. Sie hat ihren Namen von Jo, der seit Monaten verschwunden ist. Die Suche nach ihm entwickelt sich zu einem wilden Sommertrip durch brüllend heiße Julitage. Ohne Plan, ohne Klimaanlage, immer weiter nach Süden.
Das alles hat mich immer noch überzeugt, bis ich in einer Besprechnung gelesen habe, dass dies Reise in diesem Jugendbuch in Ulm endet. Ha! Also nix wie los mit der Lektüre.
Alle Vergleiche von oben stimmen und gleichzeitig hat Sarah Jäger einen eigenen Ton getroffen, eine perfekte Mischung aus Witz und Ernst. Sehr gekonnt auch, wie sie Handlungen Seiten später nochmals aus einer anderen Perspektive erzählt und dadurch viel Licht in die einzelnen Personen bringt. Hauptsächlich in die namenlose Erzählerin, die als einzige einen Führerschein und einen Opel Corsa hat, aber nicht (so gut) fahren kann.
Eine super Lektüre, mit viel Wortwitz,die gute Laune macht in diesen Tagen.

Leseprobe