Freitag, 28.Dezember

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Heute hat
Alfred Wolfenstein
Geburtstag
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Alfred Wolfenstein
Städter

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.
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Ein großformatiger Bilder-Sachbuch-Genuß für Kinder und alle interessierten Erwachsenen.

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Peter Frankopan: „Die Seidenstraßen“
Eine Weltgeschichte für Kinder
Illustriert von Neil Packer
Rowohlt Verlag € 20,00

Mit seinem fetten Schmöker „Licht aus dem Osten“ (Eine neue Geschichte der Welt) hat mich der Autor fasziniert. Was er zu erzählen hat und wie er das erzählt war für mich neu und sehr spannend.
Jetzt hat er sich mit einem Illustratoren zusammengetan und eine Variation für Kinder geschrieben. So schön ist das Buch geworden; voller Wissen und Geschichten.
Wir lernen über den Usprung der Zivilisation, über die dortigen Religionen, Sprachen, Denkweisen und natürlich die Waren, die transportiert worden sind.
Ohne diese Seidenstraßen würde unsere westliche Welt komplett anders aussehen.

Freitag, 30.November

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Heute haben
Jonathan Swift * 1667
Theodor Mommsen * 1817
Ippolito Nievo * 1831
Mark Twain * 1835
Winston Churchill * 1874
Thomas Hettche * 1964
Geburtstag
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Theodor Storm
An Theodor Mommsen

Die Welt ist voll von Sommerlüften,
Und ich plädiere im Gericht;
In Aktenstaub und Moderdüften
Versinkt das liebe Sonnenlicht.

So scheidet mich allaugenblicklich
Mein Amt aus dieser Sommerzeit –
Nicht jeder ist, mein Freund, so glücklich
Wie Sie in seiner Tätigkeit.

Wenn Sie in Bummelsehnsuchtsstillung
Sich wärmen nicht im Sonnenlicht,
So schaun Sie als Berufserfüllung
Den schmucken Dirnen ins Gesicht.
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Susanne Link empfiehlt:

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Graham Norton:Ein irischer Dorfpolizist
Übersetzt von Karolina Fell
Rowohlt Verlag € 12,00

Ganz im Süden Irlands liegt Duneen und Sergeant PJ Collins ist dort der Dorfpolizist.
Hier passiert nie viel, eigentlich garnichts, doch dann werden Menschenknochen gefunden und es kommt ein bißchen Leben nach Duneen und einiges verändert sich.
Diese sogenannte Dramödie ist humorvoll und geistreich und wunderbar zu lesen.

Dienstag, 21.November

Heute haben
Voltaire * 1694
Franz Hessel * 1880
Veza Canetti * 1897
Margriet de Moor * 1941
Geburtstag
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Albin Zollinger
Musik hörend

Und in die Traurigkeit der Sinfonie’n
Ganz eingegangen, lebst du mir unnennbar,
Im dunklen Unvergänglichen erkennbar
Durch alle Herbste meines Herzens hin.
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Matthew Weiner: „Alles über Heather
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben
Rowohlt Verlag € 16,00

Auf gerade mal 144 Seiten spielt der Roman von Matthew Weiner. Aber die haben es in sich. Dass der Autor vor seinem Erstling weltweit Erfolge mit Serien wie „Mad Men“ und „Die Sopranos“ hatte, wird überall erwähnt. Mehr kann nicht nicht dazu sagen, da ich sie noch nie gesehen habe. Aber: Man merkt dem Roman an, dass Weiner schreiben kann. Knapp, pointiert, präzise und messerscharf.

Eigentlich hatte sie die Hoffnung auf ein normales Familienleben schon aufgegeben. «Karen war schon fast vierzig und jenseits aller Hoffnung, jemanden zu finden, der es mit ihrem Vater aufnehmen konnte.» Bis Mark kam. Mark, Sohn eines Lehrers und Footballtrainers aus Newton, Massachusetts, kann ihr dank seines lukrativen Jobs im Finanzdistrikt von Manhattan zumindest materielle Sicherheit bieten: eine repräsentative Wohnung (auch wenn es nur die Gegend jenseits der Park Avenue ist, und nicht die 5th Avenue), ein ordentlich gefülltes Bankkonto, ein ruhiges, Leben.

Ein ruhiges Leben könnten die Breakstones in ihrem Appartment in Manhattan haben. Erfolg, eine glückliche Ehe und eine liebreizende Tochter. Heather ist der Mittelpunkt dieses kleinen Kosmos. Karen entwickelt sich zur Helikopter Mutter, beobachtet, bewacht und stellt ihre Tochter auf einen hohen Sockel. Doch diese Vater-Mutter-Kind-Beziehung ist instabil und als Heather in die Pubertät kommt bricht dieses selbst konstruiertes Kartenhaus zusammen.

Als Heather sich von Karens erstickender Liebe zu lösen beginnt, gerät das nach außen aggressiv beschworene Familienglück vollends ins Wanken. Während Karen, radikal desillusioniert von ihrem armseligen Leben, am Rande des Nervenzusammenbruchs wandelt, konzentriert sich Mark in obsessiver Weise auf das Glück und die Unversehrtheit seiner Tochter. Deren unbeschwerte Existenz in Gefahr gerät, als plötzlich ein Fremder vor ihrem Haus steht.

Parallel erzählt Matthew Weiner das Schicksal von Bobby Klasky, Kind einer drogensüchtigen Prostituierten, der den Liebhabern seiner Mutter zur Hand geht, um ihnen einen Schuss zu setzen. Als er wegen Vergewaltigung ins Gefängnis kommt, wird er zerbrochen und verliert den letzten Rest von Menschlichkeit.
Ab dem Moment, als sich die Lebenswege von Heather und Bobby kreuzen, wird uns Lesern klar, dass die Katastrophe vorgegeben ist. Die Frage ist nur, wann, wo und bei wem.

Dass ihm das Zufügen von Schmerzen Lust bereitet, zählt für den Jungen zu den aufregendsten Entdeckungen seines Lebens. «Durch Zufall entdeckte er seine eigene Macht, als er einen Vogel fand, der sich in der Air-Condition am Fenster verfangen hatte. Bobby stellte die Anlage an und sah ehrfürchtig zu, wie das Tier von den Rotoren zerhackt wurde, bis Blut aus dem Ventilator spritzte.» Den letzten Rest Mitgefühl für andere Lebewesen verliert Bobby, als er nach der brutalen Misshandlung eines mexikanischen Mädchens aus der Nachbarschaft für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis muss. Wie es der Zufall will, findet er seinen ersten Job nach dem Knast mitten in New York, bei der Renovierung eines Hauses im Brownstone-Viertel nahe der Park Avenue. Jenem Haus, in dem Heather mit Mark und Karen das Penthouse im zehnten Stock bewohnt.

Als er das schlaksige Mädchen mit den blauen Augen zum ersten Mal sieht, ist es, als habe ihn ein Blitz getroffen. «Bobby würde Heather besitzen, jeden Teil von ihr; sie beide würden in ihm eins werden, und er wäre der Anfang und das Ende von allem.» Die Kollision zweier Menschen, die sich unter normalen Umständen nie begegnet wären, ist ebenso unausweichlich wie das der beiden Lokomotiven, die auf demselben Gleis aufeinander zurasen. Kein Ausweichen möglich, das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Diese Extreme komponiert Matthew Weiner zu einem beklemmend guten Psycho-Kammerspiel. Wir erkennen Seite für Seite, dass die Breakstones eine Fassade aufgebaut habe, die sie nicht mehr aufrechthalten können. Wir merken, dass Bobby ein Mensch ist, der noch zu Regungen fähig ist. Durch seinen enormen Geruchsinn wird er auf Heather aufmerksam und ihm fällt sein Kaffee aus der Hand. Wie in der griechischen Tragödie gibt es kein Entrinnen mehr.
Matthew Weiners Erstling lebt von diesen engen Verstrickungen, den Verirrungen, Hoffnungen und der Angst vor dem Abgrund. Dazu braucht er nicht die Zutaten eines brutalen Thrillers. Er macht dies viel subtiler und sehr geschickt.
Mehr mag ich nicht verraten.

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