Freitag, 24.April

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#NetzstreikFürsKlima – Jetzt online mitstreiken!

Zusammen mit Fridays For Future laut fürs Klima

Die aktuelle Virus-Pandemie zeigt uns: Um Krisen zu bewältigen ist es entscheidend, auf die Wissenschaft zu hören, solidarisch zusammenzustehen und entschlossen zu handeln. Genau dies gilt auch für die Klimakrise. Am 24.4. wären wir mit Fridays For Future zum globalen Klimastreik auf die Straßen gegangen – nun verlegen wir die Demonstration ins Netz. Beim Livestream for Future werden wir von zu Hause aus und doch alle gemeinsam laut fürs Klima! (Klick hier, um zum Stream zu gelangen)

Die Antworten der Politik auf die Krise müssen so gestaltet werden, dass sie unsere Wirtschaft und Gesellschaft langfristig gerechter, widerstandsfähiger und nachhaltiger machen. Wenn jetzt Hunderte Milliarden fließen, dann muss jedes Konjunkturpaket auch gezielt den Klimaschutz voranbringen. Wenn Du das genauso siehst, dann sei am 24. April um 12 Uhr beim großen Online-Streik von Fridays for Future dabei!

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Heute haben
Karl Leberecht Immermann * 1796
Anthony Trollope * 1815
Sue Grafton * 1940
Geburtstag
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Und heute das wunderbare zweite Gedicht von Rok:

blütenstaub

unter blühenden apfelbäumen
ein kalter atemzug
mit zitternden lippen und
taschen voller steine
gehen wir durch fremde gassen
sind das schiffe in der ferne
wo ist der hafen
der geruch von totem fisch
der hahn kräht mitten in der
nacht
weckt die schlafenden hunde
rasierklingenscharf durchschneiden
wir die einsamkeit
unserer betrunkenen sucht nach
lieben ohne schmerz

rok
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krimi

Helmut J. Bicheler: „Rache“
Kriminalinspektor Hintz und der tote Franzose
Edition Ulm-Krimi
Erhältlich bei uns in der Buchhandlung für € 10,00

Zum Buch

Der Kriminalroman beruht in Teilen auf einer wahren Ge-schichte. Das heißt: Manches ist wirklich so geschehen, man-ches hätte so geschehen können, manches wurde so kolportiert, und wiederum manches ist einfach nur der Phantasie des Autors entsprungen. Die Namen der Personen sind frei erfunden – mit Ausnahme der Personen der Zeitgeschichte.

Zum Autor

Helmut J. Bicheler ist in den 40er Jahren in der Ulmer West-stadt aufgewachsen. Als gelernter Buchhändler hat es ihn später in die Verlagsbranche gezogen, wo er bis zu seiner Rente ar-beitete. Er lebt im Allgäu und im Piemont. Dieser Kriminal-roman ist sein erstes größeres Werk.

Der Autor bedankt sich vor allem bei seinen Lektoren. Finden sich keine Fehler, ist das ihr Verdienst. Tauchen dennoch Fehler auf, so ist das einzig und allein die Schuld des Autors. Dank geht auch an Rudi Kübler, Dr. Andreas Lörcher und Karl Ulrich Scheib, ohne deren Veröffentlichungen die Idee zu diesem Buch nicht entstanden wäre, sowie an das Grafik-Büro mack&mack.

In Söflingen passiert drei Tage später ein abscheulicher Mord an zwei Jugendlichen. Wer steckt hinter dieser Tat? Und was hat der Mord mit einem toten Franzosen zu tun?
Kriminalinspektor Albert Hintz ermittelt.

Und heute kommt Teil 2:
(Vorwort und Kapitel 1 waren im gestrigen Eintrag)

2.

Er brauchte dringend etwas zu essen. In der Schlösslesgasse gab es Bäckereien. Hoffentlich waren sie nicht alle ausgebombt. Und wenn er erstmal seine Brezel hatte, dann, ja dann, ging manches wie von alleine. Er sah, wie Wümmer weiter vorne in der Weihgasse verschwand. Vielleicht war er doch nicht ganz so blöd …
Hintz lief durch die Kapellengasse, vorbei an der Wirtschaft „Zur Quelle“, wo im August vergangenen Jahres 20 Menschen ums Leben gekommen waren. Er war dabei, als die Opfer geborgen wurden. Das Jammern der Angehörigen klang ihm jetzt noch in den Ohren. Das sollte aber erst der Anfang sein. Es kam alles schlimmer, viel schlimmer.
Der Kriminalinspektor schaute nach links. Der Gemeinde-platz war der Treffpunkt der Söflinger Jugend. Ein paar Burschen standen jetzt schon zu früher Stunde an der Litfaß-säule, was sollten sie auch sonst tun? Unterricht gab es keinen, fast alle Schulen waren dem Erdboden gleich gemacht. Der Gemeindeplatz versprach Abwechslung. Hier war fast immer etwas geboten. Einer der Halbwüchsigen lehnte gegen die Säule und rauchte. Höchstens 13 war das Bürschchen, konnte der überhaupt gerade pinkeln? Hoffentlich hatte er die Hose zugebunden. Wobei: Zubinden hätte nicht viel genützt, er hatte wie die anderen kurze Hosen an.
50 Meter weiter, die Bäckerei hatte geöffnet. Als Hintz mit seiner Brezel zum Gemeindeplatz zurückkehrte, fiel ihm erst auf, dass die Straßenbahn gar nicht mehr fuhr. Klar, die Tramlinie war nach dem schweren Angriff vor etwas mehr als zwei Monaten, bei dem fast 200 Söflinger ums Leben gekom-men waren, eingestellt worden. Das hatte er völlig vergessen. Also, kein Fahrrad, keine Straßenbahn. Da blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als die drei Kilometer in die Stadt zurück-zulaufen.

3.

Schau doch mal bei den Kollegen nach, Wümmer, ob in den vergangenen zwei Tagen irgendwelche Vermisstenfälle reingekommen sind.“
Wümmer setzte sich in Bewegung. Das konnte dauern. Das war Hintz klar. Denn Vermisstenfälle gab es en masse. Immer noch lagen Bombenopfer unter den Trümmern, die Bergungs-trupps waren abgezogen. Meist stieß man eher zufällig auf Leichen, wenn Arbeiter die Grundstücke entschutteten.
Hintz stand auf und ging zum Fenster. Frischluft rein lassen, würde den grauen Zellen gut tun. Der Südtrakt des Neuen Baus, wo er unterm Dachstuhl sein Büro hatte, war nur leicht beschädigt worden, während der Nordtrakt, der Teil, der zum Münsterplatz zeigte, ein Raub der Spreng- und Brandbomben geworden war. Beim Anblick des zerstörten Fischerviertels wurde ihm wieder eng ums Herz. Nur ein Bruchteil der Häuser in der Gerber- und Schwilmengasse stand noch, eine graue Steinwüste starrte ihm entgegen. In der Fischergasse war sein Ein und Alles in der Nacht des 17. Dezember 1944 umge-kommen: Klärle, seine Frau, und sein Augenschein, die 14-jährige Tochter Paula. Ihm liefen die Tränen über die Wangen. Er stand am Fenster. Sah nichts, hörte nichts. Spürte nur einen ungeheuren Schmerz in seiner Brust.
In Russland hatte sich seine Seele mit einer Hornhaut überzogen. Das hatte er geglaubt. Das ließ ihn letztlich auch überleben, nachdem Anfang August 1942 während der Kessel-schlacht bei Kalatsch die Bombe in nächster Nähe explodiert war. Fünf Kameraden waren sofort tot, er kam mit sieben anderen ins Lazarett. Der Arm war nicht mehr zu retten, aber er hatte Glück im Unglück und wurde ausgeflogen. Als Einarmiger war er nicht mehr fronttauglich, deshalb fing er nach etwa eineinhalb Jahren, nachdem die „Sache“, wie er seinen fehlenden Arm immer bezeichnete, einigermaßen verheilt war, wieder in seinem alten Beruf als Kriminaler bei der Ulmer Polizeidirektion an. Und dann kam der 17. Dezember …
Wie lange er so am Fenster stand? Minutenlang. Bis er hinter sich ein Räuspern hörte. Er drehte sich nicht sofort um, sondern fuhr sich mit der linken Hand übers tränennasse Gesicht. Wümmer war das nicht, der hätte sich nicht so zurückhaltend geräuspert, sondern mit seiner tollpatschigen Art einen Heidenlärm veranstaltet.
„Grüß Gott, Herr Hintz.“
Hörte sich auch nicht wie einer der Kollegen an, die begrüßten ihn nicht mit seinem Nachnamen. Für die war er ganz abschätzig der „Einarmige“. Das musste Frank sein. Polizeirat Hermann Frank, der vor drei Tagen von den Amis als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt wurde, nachdem sich OB Friedrich Foerster, Kreisleiter Wilhelm Maier und Polizei-direktor Erich Hagenmeyer einen Tag vor dem Einmarsch der US-Truppen bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht hatten. Frank war zwar auch Parteigenosse, andernfalls hätte er sich nie auf diesem Posten halten können. Aber Frank hatte sich eine menschliche Art bewahrt – was Hintz zu schätzen wusste. Der Polizeirat hatte ihm zwei Mal beigestanden, als seine „Kollegen“ auf ihm herumhackten, weil er nicht in die Partei hatte eintreten wollen.
Hintz schloss das Fenster, drehte sich herum. Es war Frank.
„Grüß Gott, Herr Bürgermeister. Was verschafft mir die Ehre an einem Samstagmorgen?“
„Nicht so förmlich, den ,Bürgermeister‘ können sie sich sparen. ,Herr Frank‘ reicht. Außerdem: Meine Tage als Bürgermeister sind sowieso gezählt. Wie Sie wissen, war ich Mitglied der NSDAP. Die Amis werden mich über kurz oder lang, wahrscheinlich eher über kurz, aus dem Amt entfernen. Was ich verstehen kann.“
Die etwas längere Ausführung hatte Hintz die Möglichkeit verschafft, sich noch einmal mit dem Taschentuch übers Gesicht zu wischen. Hoffentlich wurde er von Frank nicht auf seine rotverheulten Augen angesprochen. Das würde er jetzt nicht ertragen. Der Polizeirat wusste, dass er, Hintz, vom Schicksal stark gebeutelt worden war. Und Frank schwieg. Wieder ein Pluspunkt für den Polizeirat, dachte der Kriminal-inspektor, der sich jetzt wieder einigermaßen im Griff hatte.
„Aber Sie sind doch nicht deswegen unters Dach des Neuen Baus gestiegen, um mir Ihre Aufwartung als neuer Bürger-meister zu machen?“
„Nein, sicherlich nicht. Es hängt mit dem Fall zusammen, den Ihnen der Kollege Kriminalrat Braun aufgetragen hat. Die beiden Toten in Söflingen.“
„O, das hat sich aber schnell zu Ihnen herumgesprochen.“
„In der Tat, Hintz. Die alten Seilschaften sind immer noch am Werk. Wobei: Diese Information habe ich direkt von der US-Militärregierung erhalten. Der Stadtkommandant hat mich heute Morgen in der Villa Mendler antanzen lassen. Geschmack hat er, dieser Major George Mehlmann; er hat sich eines der schönsten Gebäude am Galgenberg ausgesucht. Na ja, das nur so nebenbei. Auf jeden Fall: Die Amis wussten bereits, dass zwei Leichen auf dem Friedhof aufgetaucht sind. Und, dass das eine Opfer erschlagen, das andere erschossen wurde. Stimmt das?“
„Ja, eindeutig ein Gewaltverbrechen. Schädelbruch und Kopfschuss, würde ich nach dem ersten Augenschein sagen. Ohne mich zu weit aus dem Fenster hängen zu wollen: Mord. Tatzeit: sehr wahrscheinlich gestern Abend. Das Blut war zwar getrocknet, aber die Leichen machten, wenn ich so sagen darf, einen relativ frischen Eindruck.“
„Sie Witzbold! Sonst noch was? Namen vielleicht?“
„Wir, der Kollege Wümmer und ich, sind erst am Anfang. Wir haben uns heute Morgen die Bescherung auf dem Friedhof angesehen. Mehr kann ich noch nicht sagen. Wümmer klärt gerade ab, ob die beiden als vermisst gemeldet wurden.“
„Sie Bedauernswerter! Sie bilden mit Wümmer ein Team. Ihre Kollegen haben das ganz geschickt eingefädelt. Mit dem Wümmer wollte keiner zusammenarbeiten, also hat man Ihnen den Einfaltspinsel aufs Auge gedrückt.“
Der Kriminalinspektor musste lachen. Auch Frank lachte kurz auf, um dann auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu kommen.
„Hintz, Sie können sich denken: Die Amis wollen genau wissen, wer hinter dieser Tat steckt. Die wollen die Mörder. Auch weil sie vermuten, dass die SS oder irgendwelche Werwolf-Gruppen Rache geübt und die beiden gemeuchelt haben.“
„Glauben Sie das auch?“, fragte Hintz.
„Es geht nicht darum, was ich glaube. Wir müssen den Fall klären. Das heißt: Sie müssen die Täter finden. Ich vertraue Ihnen voll und ganz. Die anderen in der Direktion sind Pfeifen, die wollen im Zweifel mehr vertuschen als aufklären. Der Ansatz der Amis war ja gut gemeint: die gesamte Polizei in der Wagnerschule für zwei Tage zu internieren. Aber was sind schon zwei Tage? Um manche der Kollegen umzuerziehen, braucht es eher Jahre und Jahrzehnte. Das werden die Amis schon noch merken.“
Etwas verlegen trat Hintz von einem Bein auf das andere. Puuuh, er wusste nicht, was er sagen sollte. Was er wusste: Er steckte bis zu den Knien im Schlamassel. Dennoch nickte er Frank zu.
„Also, dann hätten wir das geklärt. Wenn einer das schafft, dann Sie. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Viel Erfolg und ade.“

DONNERstag, 23.April

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Pralinen zum Welttag des Buches

Heute haben
William Shakespeare * 1564
Richard Huelsenbeck * 1892
Vladimir Nabokov * 1899
Haldór Laxness * 1902
Dietrich Schwanitz * 1940
Andrej Kurkow * 1961
Geburtstag
und es ist der Welttag des Buches.
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Ich freue mich riesig, ein neues Gedicht von Rok hier zu veröffentlichen.
Morgen kommt das nächste.

auf brücken schlafen

warten
auf
millionen
von
sternen
dass
sie
fallen
warten

rok
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Und nicht nur ein neues Gedicht gibt es zum Welttag des Buches, sondern auch einen neuen Ulm-Krimi, der im April 1945 spielt.

Helmut J. Bicheler: „Rache“

Zum Buch

Der Kriminalroman beruht in Teilen auf einer wahren Geschichte. Das heißt: Manches ist wirklich so geschehen, manches hätte so geschehen können, manches wurde so kolportiert, und wiederum manches ist einfach nur der Phantasie des Autors entsprungen. Die Namen der Personen sind frei erfunden – mit Ausnahme der Personen der Zeitgeschichte.

Zum Autor

Helmut J. Bicheler ist in den 40er Jahren in der Ulmer West-stadt aufgewachsen. Als gelernter Buchhändler hat es ihn später in die Verlagsbranche gezogen, wo er bis zu seiner Rente ar-beitete. Er lebt im Allgäu und im Piemont. Dieser Kriminalroman ist sein erstes größeres Werk.

Der Autor bedankt sich vor allem bei seinen Lektoren. Finden sich keine Fehler, ist das ihr Verdienst. Tauchen dennoch Fehler auf, so ist das einzig und allein die Schuld des Autors. Dank geht auch an Rudi Kübler, Dr. Andreas Lörcher und Karl Ulrich Scheib, ohne deren Veröffentlichungen die Idee zu diesem Buch nicht entstanden wäre, sowie an das Grafik-Büro mack&mack.

Copyright © Ulm 2020 by Edition Ulm-Krimi
Alle Rechte vorbehalten
Gestaltung: mack&mack, ulm
Herstellung: Digitaldruck Leibi.de, http://www.leibi.de

Helmut J. Bicheler: „Rache“
Kriminalinspektor Hintz und der tote Franzose
Edition Ulm-Krimi
Im Moment nur in der Kulturbuchhandlung Jastram für € 10,00 erhältlich.

Die Rache ist mein.
Ich will vergelten.

(5. Mose 32)

April 1945: US-amerikanische Truppen marschieren in Ulm ein .
Der Krieg in der Donaustadt ist beendet.

In Söflingen passiert drei Tage später ein abscheulicher Mord an zwei Jugendlichen. Wer steckt hinter dieser Tat? Und was hat der Mord mit einem toten Franzosen zu tun?
Kriminalinspektor Albert Hintz ermittelt.

Prolog

Als die ersten US-Truppen in die Stadt vorrückten, war es 12 Uhr mittags. Kleine Einheiten, sechs bis acht Mann, kamen von Westen her, durchkämmten die Straßen und durchsuchten die Häuser. Eine gespenstische Stille herrschte, unterbrochen von einzelnen Schüssen. Die Menschen, die nicht aus der Stadt geflohen waren, saßen hoffend und bangend in den Bunkern, und wer dort keinen Platz gefunden hatte, hoffte und bangte in der eigenen Wohnung. Und hängte ein weißes Leintuch aus dem Fenster.

Kriminalinspektor Albert Hintz stand am Fenster seines Büros im Neuen Bau. Am Vormittag noch hatte er dumpfe Detonationen im Abstand von mehreren Minuten gehört – und dann auch riesige Staubwolken über der Donau aufgehen sehen. Hatten die Offiziere also doch die Brücken sprengen lassen! War das wirklich auch noch nötig, nach all den Bombenangriffen, die Ulm in ein Trümmerfeld verwandelt hatten? Hintz schüttelte den Kopf. Dann räumte er den Schreibtisch auf, schloss die Schubladen, legte seine Pistole neben den Dienstausweis und setzte sich auf seinen Stuhl. Sein Blick fiel auf den Abreißkalender an der Wand gegenüber, das Blatt zeigte: Dienstag, 24. April 1945. Der Inspektor fragte sich, ob er dieses Büro noch einmal sehen würde.

Drei Tage später zog Hintz wieder in sein Büro ein; die Pistole lag nicht mehr auf dem Schreibtisch. Sämtliche Waffen hatten abgegeben werden müssen; zwei lange Tage waren er und seine Kollegen in der Wagnerschule interniert – nicht wissend, was die Amerikaner mit ihnen vorhatten. Dann wurden sie entlassen, um weiterhin Dienst zu tun. Ohne Waffe, ohne Uniform. Also auch ohne Macht.

Seine erste Amtshandlung bestand darin, die Kalender-blätter vom 25. und 26. April abzureißen, zu zerknüllen und in den Papierkorb zu werfen. Und dann wartete Hintz.

1.

Hatte er nicht Tote genug gesehen in den letzten Monaten? Menschen, die nicht mehr wie Menschen aussahen. Verstümmelt. Ohne Arme. Ohne Beine. Ohne Köpfe. Manchmal war nur ein Torso übriggeblieben. Manchmal noch weniger. Ein verkohlter Haufen, aus dem ein angesengter Knochen herausragte. Teile eines Schulterblatts. Dazwischen der Bügel einer Brille, die Klinge eines Taschenmessers. Und wenn er Glück hatte – aber wer wollte angesichts dieses Infernos schon von Glück reden –, vielleicht ein Stück Stoff oder eine Gürtelschnalle. Dann war es vielleicht möglich, das Häufchen Mensch zu identifizieren.

Nicht nur nachts holten ihn die Bilder ein. Sondern auch tagsüber. So wie jetzt, da er mit seinem alten Rad nach Söflingen fuhr. Ein anonymer Anrufer hatte am späten Abend des 27. April zwei Leichen auf dem Söflinger Friedhof gemel-det. Nun waren Leichen auf dem Friedhof etwas durchaus Alltägliches, diese beiden aber eher nicht, wie ihm sein direkter Vorgesetzter Kriminalrat Braun heute Morgen bedeutet hatte. Und so trat der Kriminalinspektor in die Pedale, lenkte sein Fahrrad mit der linken Hand – die rechte war ihm zusammen mit dem Arm an der Ostfront abhandengekommen – in den Vorort im Ulmer Westen. Zwischen Ruinen hindurch, an Bombenkratern vorbei.

Schaute er nach rechts, sah er Tote. Schaute er nach links, sah er Tote. Sollte das nie aufhören? Wieder und wieder geisterten sie durch seinen Kopf, all die Menschen, die in den Kellern Zuflucht gesucht hatten und dort umgekommen waren. Sie saßen äußerlich unversehrt nebeneinander auf Stühlen, Bänken oder Apfelkisten. Die Mutter mit ihrem Kind, die alte Bäckersfrau, bei der er morgens, als das Leben noch einigermaßen normal gelaufen war, Brezeln gekauft hatte. Sie hatte ihn immer freundlich gegrüßt. Jetzt saß sie da, ein dunkles Rinnsal zwischen dem linken Mundwinkel und dem Kinn. Blut, getrocknetes Blut. Die Alte war tot, die Mutter und ihre Tochter ebenfalls.
Der Blockwart, der neulich einen Nachbarn wegen Erzählens eines Hitler-Witzes hatte anzeigen wollen, saß zusammengesunken in der Ecke. Den Helm schief auf dem Kopf. Huber hieß der Typ, an den Vornamen erinnerte er sich nicht mehr. War auch nicht wichtig. Der Widerling war tot. Im Keller nebenan lehnte der Witze-Erzähler an der Kartoffel-horde. „Wie soll der deutsche Arier sein? Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göring.“ Die Anzeige des Blockwarts hatte er zwar aufgenommen, aber dann in den Papierkorb geworfen. Der Witz war einfach nicht gut, vor allem: Er war alt. Aber deswegen hatte der Witze-Erzähler nicht sterben müssen. Ihm hatte es wie den anderen vier Menschen im Keller die Lunge zerrissen – eine Luftmine.

Wie Albert Hintz die letzten Meter hinter sich gebracht hatte? Er wusste es nicht. Wie in Trance lehnte er sein Fahrrad an die Mauer der St. Leonhards-Kapelle, ging durch das schmiedeeiserne Tor und sah von weitem den Kollegen Wümmer, der ihm Handzeichen gab. Was heißt Handzeichen: Dieser Depp! Dieser Volldepp! Wümmers rechter Arm ging nach oben. Dass er nicht noch „Heil Hitler!“ brüllte, war alles. Wümmer war dümmer, als die Polizei erlaubte. Dass der bei der Polizei gelandet war, auch noch bei der Abteilung V, der Kriminalabteilung, warf ein bezeichnendes Licht auf die Di-rektion, die ein Sammelbecken für Parteigänger darstellte. Dass Wümmer es zum Kriminalassistenten gebracht hatte, kam dennoch einem Wunder gleich. Selbst die Kollegen von der Abteilung VII, der Sanitätsdienststelle, hatten abgewinkt, als er dort nach einer Verwendung nachgefragt hatte. Wäre es nach Hintz gegangen, dann wäre Wümmer Kriminalassistenten-anwärter im Vorbereitungsdienst geblieben – auf Lebenszeit. Aber es kam anders: Jetzt hatte er diese Intelligenzbestie am Hals.

„Mensch, Wümmer, runter mit dem Arm! Aber schnell! Wenn das die Amis sehen!“
„Welche Amis? Die sind doch nicht hier in Söflingen.“
„Doch, die patrouillieren in der ganzen Stadt. Hast du nicht gehört, was Polizeirat Frank vorgestern vor den Kollegen gepredigt hat: ,ganz normal Dienst schieben, bloß nicht auffallen‘.“
„Ich kann halt auch nicht so schnell aus meiner Haut. Irgendwie geht der Arm halt automatisch nach oben nach zwölf Jahren ,Heil Hitler‘. Das kann dir nicht passieren, du hast keinen rechten Arm mehr.“
„Wümmer, reiß dich am Riemen!“

Karl Wümmer trat einen Schritt zur Seite. Jetzt war Hintz derjenige, der sich am Riemen reißen musste. Alles krampfte sich in ihm zusammen. Er schnappte nach Luft, sein Magen revoltierte. Auf einen solchen Anblick war er nicht vorbereitet. Die beiden Leichen, die vor ihm in dem Leiterwagen lagen, waren übelst zugerichtet. Das waren keine Bombenopfer, das sah er auf den ersten Blick. Hier waren brutale Totschläger am Werk gewesen; der SS hätte er ein solches Verbrechen sofort zugetraut. Was er in Russland hatte mitansehen müssen, war an Abscheulichkeit nicht zu überbieten.
Wie alt die beiden Opfer waren, konnte er nicht sagen. 18, vielleicht 20. Der Inspektor trat näher heran, der Schädel des einen war völlig zerschlagen. Eine Augenhöhle war leer, das andere Auge starrte in den Himmel. Ein Gesicht war beim besten Willen nicht mehr zu erkennen. Überall Blut, fest-getrocknetes Blut, und was der Körper sonst noch alles an Flüssigkeiten hergegeben hatte im Moment seines Ablebens. Der Kopf des anderen hatte auch Prügel abbekommen, nicht ganz so viel. Die Todesursache war klar, als Hintz den Schädel vorsichtig auf die andere Seite legte: ein Einschussloch an der Schläfe.
Hintz hätte kotzen können, am frühen Morgen, auf nüchternen Magen. Der Kriminalinspektor holte sein Notiz-buch hervor, suchte in seiner Jackentasche nach einem Bleistift. Es half ja alles nichts. Er legte das Buch auf einen Grabstein und begann loszukritzeln. Mit links. Das hatte er in den vergangenen zwei Jahren mühsam erlernen müssen.

„Wümmer, hast du ihre Taschen durchsucht?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Dachte, ich warte auf dich“, sagte er und fügte verlegen hinzu, „wollte nichts falsch machen.“
„Dann schau bitte jetzt nach!“
Wümmer verzog das Gesicht und begann widerwillig, die Hosen- und Jackentaschen zu durchsuchen. Der Versuch, sich dabei die Hände nicht schmutzig zu machen, misslang gründ-lich.
„Nichts. Und was jetzt?“, fragte Wümmer und wischte die Hände an seiner Hose ab.
Na prima, dachte Hintz und blickte angewidert auf Wüm-mers Hose. Das würde riechen. Die Leichen würden ebenfalls beginnen zu riechen, sie konnten hier nicht bleiben.

„Lauf doch mal zum Gasthaus ,Zum Schatten‘ in der Weihgasse. Der Wirt hat ein Telefon. Ruf im Neuen Bau an und sag denen Bescheid, sie sollen die beiden Toten ins Leichenschauhaus bringen. Wir sehen uns in der Direktion.“
Wümmer schlich los, der schnellsten einer war er nicht. Hoffentlich findet er den „Schatten“, dachte sich Hintz und steckte sein kleines Buch wieder ein. Der ist so blöd und läuft zum Wirtshaus „Zur Sonne“. Mehr als das Datum, die Uhrzeit und die vermutlichen Todesursachen hatte er nicht notiert: „Samstag, 28. April 1945, 8.45 Uhr, Friedhof Söflingen. Zwei Leichen: Schädelbruch, Kopfschuss.“
Der Kriminalinspektor ging zurück zur Leonhards-Kapelle – und blieb fassungslos stehen. Sein Fahrrad war weg. Gestohlen. Das gute, schwarze, alte, das seinem Vater gehört hatte. Himmel, Arsch und Zwirn. Was für ein beschissener Morgen!

…… Morgen folgt Kapitel 2.

Mittwoch, 26.Februar

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Heute haben
Victor Hugo * 1802
Hermann Lenz * 1913
Elizabeth George * 1949
Leon de Winter * 1954
Michel Houellebecq * 1958
Atiq Rahimi * 1962
Geburtstag und es ist der Todestag von J.L.Carr
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Rok
wenn du gehst

wenn du gehst spielt die zeit
verrückt für immer
tritt mich gegen die strömung
milchstraßenblues
der letzte tango der aasgeier
unter gewitterhimmel
die segel zerrissen
geisterschiffe treiben
auf stürmischer see
und ich sehe dein zartes gesicht
verpackt in freiheit
alles brennt
die häuser die felder die wolken
die bäume die blumen
die sehnsucht die kälte

(aus : „fünf sterne für eine durchzechte nacht“)
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„Olive Kitteridge“
2 DVDs mit 4 Episoden € 8,99
Regie: Lisa Cholodenko
Darsteller*In: u.a. Frances McDormand, Richard Jenkins, Bill Murray

Ich liebe die Bücher von Elizabeth Strout. Gerade erschien als Taschenbuch ein zweiter Band mit Lucy Barton und demnächst kommt ein weiteres Buch mit Olive Kitteridge. Der erste Roman mit ihr hieß: „Mit Blick aufs Meer“ und Mitte März erscheint der zweite „Die langen Abende“.
Wer Olive Kitteridge noch nicht kennt, hat etwas verpasst. Diese eigenwillige Person, Lehrerin und Ehefrau des Apothekers Henry bleibt im Gedächtnis haften.
Und wenn Ihnen die Bücher nicht reichen, dann schauen Sie sich die hochkarätig besetzte und höchst gelobte Verfilung von „Mit Blick aufs Meer“ an.


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Der Vorverkauf läuft:

3691

Montag 30.März um 19 Uhr
Verena Güntner liest aus ihrem neuen Roman: „Power“
Der Roman steht auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis.
Bei uns in der Buchhandlung
Eintritt € 8,00

Attenberg

Donnerstag, 30.April um 19 Uhr
Jami Attenberg liest aus „All Grown Up / Nicht mein Ding“
Marion Weidenfeld liest die dt.Übersetzung
Bei uns in der Buchhandlung
Eintritt € 10,00

Unsere nächsten Veranstaltungen:

Mittwoch, 26. Februar um 19 Uhr
„Wortreich“
Das Theater Ulm bei uns zu Gast
Eintritt € 8,00

Dienstag, 3.März um 19 Uhr
„Die 1.Seite“
Bei uns in der Buchhandlung
Eintritt ftrei

Freitag, 13.März um 18.30 Uhr
Priya Basil: „Gastfreundschaft“
Museum Brot und Kunst

Mittwoch, 18.März um 19 Uhr
Gerard Scappini liest
Bei uns in der Buchhandlung
Eintritt € 5,00