Freitag, 16.November

img_0633

Heute haben
José Saramago * 1922
Anne Holt * 1958
Karen Duve * 1961
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Ringelnatz.
____________________________

Joachim Ringelnatz
Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.
_____________________________

Sarah Wiltschek empfiehlt:

csm_9783832197742_b676ceaa0a

Alexa Hennig von Lange:Kampfsterne
DuMont Verlag € 20,00

Alexa Hennig von Lange beschreibt in ihrem jüngsten Roman den Mikrokosmos einer Vorstadtsiedlung der 80er Jahre. Die Männer arbeiten, die Frauen kümmern sich um Kinder, Küche, Kunst und Gartenpartys. Drei Paare: Ulla und Rainer, die Architekten, mit den schönen und begabten Kindern, der verstummte Georg und seine völlig frustrierte Frau Rita, Ella und Bernhard. Allesamt gut gebildet und finanziell versorgt.
Es ist ordentlich Klischee, aber es macht genauso viel Spaß wie die Autorin das Milieu unter die Lupe nimmt, den Wettkampf um die begabtesten und vielversprechendsten Kinder, die ins Schleudern geratenen Ehen und die Kindern und Jugendlichen selbst, die versuchen sich einen Reim auf all das zu machen. Lexchen, die niedliche Tochter von Ulla und Rainer, die Rita mit ihren weniger charismatischen Kindern Klara und Johannas in rasende Eifersucht versetzt. Die toughe Cotsch, Lexchens große Schwester, die allen den Kopf verdreht und die Opferrolle ihrer Mutter verachtet, bis sie am Ende selbst darüber stolpert. Der Cello spielende Techniknerd Johannes, der die Erwachsenenwelt mit mehr Klugheit und Weitsicht betrachtet als die Protagonisten selbst. Denn die kreisen in Hennig von Langes Klinkerbausiedlung hauptsächlich um sich selbst und vertauschen die Rollen zu ihren Gunsten. Cotsch spielt die Therapeutin ihrer Mutter und Rita spinnt wilde Intrigen zwischen den Familien.
Doch endlich schlägt Ulla zurück und zwar ihren Mann Rainer und rückt damit die Familienverhältnisse wieder ein Stück weit in die richtige Richtung. Auch Georg, der, aus Angst vor seiner Frau, sein Knäckebrot lieber am Kompost im Garten verspeist, wehrt sich und kann seinem Sohn Johannes schließlich doch Vorbild sein.
Ein schneller, tragisch-komischer Roman, der mit einem Brennglas die Wohnzimmer und Vorgärten des Backsteinidyll durchstreift und dabei Vertrautes, Erschreckendes und Überraschendes zutage fördert. Ein Vorstadtkrimi, der für gute Unterhaltung sorgt!

________________________________

img_0685

Montag, 19.November um 19 Uhr
Wolfgang Schukraft: „Ach übrigens …“
Bei uns in der Buchhandlung

Kindheit und Jugend des Theaterkasperls Wolfgang Schukraft
Von ihm selbst aufgeschrieben und bebildert
Zum Vergnügen und zur Erbauung des geneigten Lesers Dieses Buch macht froh.

Und dazu muss man den Schauspieler, Autor und Zeichner Wolfgang Schukraft und seine Theaterei, die er gegründet und über 30 Jahre zum Erfolg geführt hat, gar nicht kennen.
Was hat eine auf dem Schrank liegende rosa Armprothese damit zu tun, dass ich meine Schauspielbegabung entdeckte? Warum war eine Goethe-Rezitation vor Hunden der Auslöser dafür, dass ich mein eigenes Theater gegründet habe, warum bezeichne ich mich selbst gerne als Theaterkasperl und wie kommt es, dass meine Kinder und ich wochenlang als Affen Wohnung, Garten und Spazier-wege unsicher machten? Dies und vieles andere ist Inhalt dieses Büchleins.“, so Wolfgang Schukraft.

Dienstag, 8.August

IMG_1656

Heute haben
Nina Berberowa * 1901
Jostein Gaarder * 1952
und
Birgit Vanderbeke * 1956
Geburtstag
_________________________

Joachim Ringelnatz
Schwebende Zukunft

Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August,
Seht euch einmal bewusst
An, was wir als Kinder übersahn.

Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
Und sinnreich rund umgeben
Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.

Und er reist hoch über euer Dach,
Von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
Wirkt das auf ihn wie Krach,
Und er entweicht.

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,

Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.
Zartheit und Freimut lenken
Wieder später deren Samen Fahrt.

Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.
________________________

Susanne Link empfiehlt:

ARTK_CT0_9783446259966_0001

Sylvie Schenk:Eine gewöhnliche Familie
Hanser Verlag € 18,00
„Schnell,dein Leben“ war das erste Buch, das ich von Sylvie Schenk gelesen habe und
ich fand es absolut klasse mit welcher Intensität und Prägnanz sie schreibt. Nun im neuen Roman „Eine gewöhnliche Familie“ erkenne ich ihr Erzählmuster wieder und bin wieder total hingerissen. Vier Geschwister treffen sich zur Beerdigung ihres kinderlosen Onkels und seiner Frau. Jeder der vier hat/hatte ein anderes Verhältnis zu den beiden, die so ganz anders waren, als die eigenen Eltern. Und auch das Verhältnis der Geschwister untereinander wird beleuchtet.
In Rückblicken und nicht chronologisch erzählt Sylvie Schenk diese besondere Familiengeschichte aus Frankreich.

Leseprobe

Sylvie Schenk wurde 1944 in Chambéry, Frankreich, geboren, studierte in Lyon und lebt seit 1966 in Deutschland. Sylvie Schenk veröffentlichte Lyrik auf Französisch und schreibt seit 1992 auf Deutsch. Sie lebt bei Aachen und in La Roche-de-Rame, Hautes-Alpes.

Dienstag, 2.Januar

Ich wünsche Ihnen alles Gute, viel Erfolg und doppelt soviel Gesundheit für das neue Jahr.

Heute haben
Ernst Barlach * 1870
Isaac Asimov * 1920
Ilma Rakusa *1946
Geburtstag
______________________

Heute im Gedichtekalender:

Joachim Ringelnatz
Was würden Sie tun, wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?

Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
Die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.

Dann – hoffentlich – aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen.
___________________________

Ganz traditionell gibt es zum Monatsbeginn einen Hinweis auf die
Reclam-Gedichtbändhen.

978-3-15-019111-8

Januar
Gedichte
Hrsg.: Christine Schmidjell und Evelyne Polt-Heinzl
Reclam Verlag € 5,00

Auch diesmal ist es eine illustre Mischung und wieder ohne Goethe.
Ausländer, Borchers, Brinkmann,Claudius, Domin, Fried, Fuchs, George, bis hin zu Trakl, Tucholsky und Werfel.
Die Damen beginnen mit der Rubrik “Ins neue Jahr”, lassen dann “Glück und Segen” folgen, bis es zum “Schneegestöber” kommt und wir dann wieder “Geborgen daheim” sind. “Frost” und “Winter im Land” lassen diese Anthologie ausklingen.

Eduard Möricke
Zum Neujahr

Mit einem Taschenkalender

An tausend Wünsche, federleicht,
Wird sich kein Gott noch Engel kehren,
Ja, wenn es so viel Flüche wären,
Dem Teufel wären sie zu seicht.
Doch wenn ein Freund in Lieb und Treu
Dem andern den Kalender segnet,
So steht ein guter Geist dabei.
Du denkst an mich, was Liebes dir begegnet,
Ob dir’s auch ohne das beschieden sei.

Achim von Arnim
Neujahr

Altes Jahr, du ruhst in Frieden,
Deine Augen sind geschlossen;
Bist von uns so still geschieden
Hin zu himmlischen Genossen,
Und die neuen Jahre kommen,
Werden auch wie du vergehen,
Bis wir alle aufgenommen
Uns im letzten wiedersehen.
Wenn dies letzte angefangen,
Deutet sich dies Neujahrgrüßen,
Denn erkannt ist dies Verlangen,
Nach dem Wiedersehn und Küssen.

Christian Morgenstern
Winternacht

Flockendichte Winternacht …
Heimkehr von der Schenke …
Stlles Einsamwandern macht,
dass ich deiner denke.

Schau dich fern im dunklen Raum
ruhn in bleichen Linnen …
Leb ich wohl in deinem Traum
ganz geheim tiefinnen? …

Stilles Einsamwandern macht,
dass ich nach dir leide …
Eine weiße Flockennacht
flüstert um uns beide…

Rainer Maria Rilke
Wintermorgen

Der Wasserfall ist eingefroren,
die Dohlen hocken hart am Teich.
Mein schönes Lieb hat rote Ohren
und sinnt auf einen Schelmenstreich.

Die Sonne küßt uns. Traumverloren
schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
und wir gehn fürder, alle Poren
vom Kraftarom des Morgens voll.