Mittwoch

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Heute haben
Alexandre Dumas d.Ä. 1802
Frank Wedekind * 1864
und
Hermann Kasack * 1896
Geburtstag.
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Das Gedicht könnte Grönemeyer vertonen und vor 25.000 Zuhörern im Stadion brüllen:

Frank Wedekind
Alte Liebe

Ich hab dich lieb, kannst du es denn ermessen,
Verstehn das Wort, so traut und süß?
Es schließet in sich eine Welt von Wonne,
Es birgt in sich ein ganzes Paradies.

Ich hab dich lieb, so tönt es mir entgegen,
Wenn morgens ich zu neuem Sein erwacht;
Und wenn am Abend tausend Sterne funkeln,
Ich hab dich lieb, so klingt die Nacht.

Du bist mir fern, ich will darob nicht klagen,
Dich hegen in des Herzens heil’gem Schrein.
Kling fort, mein Lied! Jauchz auf, beglückte Seele!
Ich hab dich lieb, und nie wirds anders sein.
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Eigentlich wollte ich heute die Neuauflage von Albert Camus‘: „Hochzeit des Lichts“ vorstellen, habe damit schon angefangen, als ich in den Zeitungen gelesen habe, dass Ugo Riccarelli gestorben ist.
Wenn man einen Autoren mit allen Büchern begleitet und sie, mal mehr mal weniger gut, im Laden verkauft hat, dann berührt mich das schon. Alt ist er zusätzlich nicht geworden mit seinen 58 Jahren.
Ugo Riccarelli wurde 1954 in Cirié bei Turin geboren und lebte in Rom, wo er zum Beraterstab des damaligen Bürgermeister Walter Veltroni gehörte. Er arbeitete lange Zeit vorher in der Bibliothek und am Theater von Pisa.
Auf Deutsch erschienen der Bruno Schulz-Roman: „Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß“ (1999). Darin schildert er das kurze Leben des polnischen Autoren Bruno Schulz, der auf offener Straße in seiner Heimatstadt von einem SS-Mann erschossen worden ist. Eine Annäherung der besonderen Art, da der Sprachstil der beiden sich irgendwie anzunähern scheint. Hier tauchen schon die ersten Szenen auf, die in jedem seiner Romane ein Fortsetzung finden. Heisst das magischer Realismus? Ich kann mich an einen Mann erinnern, der vollkommen von Bienen eingehüllt war und eine Leiche, die in einer Badewanne voll Honig konserviert war. 2004 erschienen die Erzählungen: „Fausto Coppis Engel“, die ich zuerst gar nicht beachtet habe, da es sich um Sporterzählungen handelt. Erst nach der Lektüre seines nächsten Romanes kam ich darauf wieder zurück und war so begeistert, dass Clemens Grote die Fussballgeschichte an einer unserer „Ersten Seite“ vorgelesen hat. Eine sehr bewegende, auch skurile Begebenheit (im Roman) und sehr dramatisch im wahren Leben. Während des Zweiten Weltkrieges kam es im besetzten Kiew zu einem Fussball spiel zwischen deutschen Soldaten und der wohl besten Mannschaft der damaligen Zeit aus Kiew. Die Deutschen verloren haushoch und forderten ein weiteres Spiel, das sie, trotz Verstärkung, wieder verloren. Ein Endpsiel der besonderen Art gab es dann, als die Nazis sagten, wenn sie das nächste Spiel auch verloren würden, kämen alle russichen Spieler ins KZ. Die durch Belagerung Kiews geschwächten Spieler gewannen zum dritten Mal und einigen Spieler drohte dann auch das oben genannte Schicksal. Für die Bewohner von Kiew bedeutete dies, dass diejenigen, die eine Eintrittskarte für diese Spiel in Händen hielten, bis an ihr Lebensende freien Eintritt ins Stadion hatten. In der Fausto Coppi-Geschichte begegnet dem weltbesten Rennradler sein Engel mehrfach auf der Strecke und nimmt ihn dann auch viel zu früh aus dem Leben. Dies nur zwei der ausgezeichneten Erzählungen. 2006 erschien dann sein Mamutwerk: „Der vollkommene Schmerz“, für den Riccarelli 2004 den Premio Strega erhielt. Einen der wichtigsten italienischen Literaturpreise. 100 Jahre Einsamkeit auf einem Hügel in der Toskana, eine Romeo und Julia-Geschichte über drei Generationen hinweg. Ein grandioses Buch über zwei Familien. Einer reichen Grossgrundbesitzer-Familie und einer Familie, die sich als Lehrer, Intellektuelle und Linke durch’s Leben schlagen. Hier wird gestorben, was das Zeug hält. Und zwar erwischt es so oft die Guten, dass einem beim Lesen ein „O Mann“ herausrutscht. Großes Breitwandtheater der feinsten Art. Auch hier gibt es eine skurile Person, die ein Perpetuum Mobile herstellen will. 2009 erschien „Der Zauberer“, ein Buch über seinen Vater, einem Abenteurer, Aufschneider, Geschichtenerzähler, Taschenspieler, der u.a. im Straflager mehreren Menschen das Leben rettete und im Frühjahr 2013 „Die Residenz des Doktor Rattazzi“. Beide Romane spielen während der deutschen Besetzung Italiens und haben trotz der großen Dramatik wieder einen ganz besonderen Witz. Der Zauberer erinnert ein wenig an den Film „Das Leben ist schön“ und auch an Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ und Dr. Rattazzi leitet ein Irrenhaus im Norden Italiens. Er flieht vor den Nazis weiter auf’s Land in die Berge und versucht so seine geliebten Insassen vor dem Terror zu retten. Das gelingt ihm und seinem Gehilfen/Nachfolger Benjamino auch fast. Nur einer seiner Patienten, der nur in Homerschen Versen redet, wird erschossen und vor aller Augen kommen diese Verse aus seinem sterbenden Mund und schweben zum Himmel auf. Also auch hier wieder Riccarellis Art mit der Gefahr, mit dem Tod umzugehen.
Riccarelli war selbst schwer krank und bekam vor Jahren ein neues Herz und eine neue Lunge. Vielleicht beruht der Galgenhumor in seinen Romanen auch auf Erfahrungen aus seinem Leben und dem Umgang mit seinem todkranken Körpers.
Möge er dort guthaben, wo er jetzt ist und vielleicht taucht im Deutschen noch ein weiteres Werk auf, das es in Italien schon gibt.

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Fausto Coppis Engel € 9,90
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Der Zauberer € 9,90

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Der vollkommene Schmerz € 9,90
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Die Residenz des Doktor Rattazzi € 18,90

Alle Bücher sind bei uns in der Buchhandlung vorrätig.
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Mittwoch

Heute haben H.W.Longfellow * 1807
und John Steinbeck * 1902
Geburtstag.
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Und passend zum Geburtstag und zum Datum, hier ein Gedicht von

Henry Wadsworth Longfellow
Afternoon in February

The day is ending,
The night is descending;
The marsh is frozen,
The river dead.

Through clouds like ashes
The red sun flashes
On village windows
That glimmer red.

The snow recommences;
The buried fences
Mark no longer
The road o’er the plain;

While through the meadows,
Like fearful shadows,
Slowly passes
A funeral train.

The bell is pealing,
And every feeling
Within me responds
To the dismal knell;

Shadows are trailing,
My heart is bewailing
And tolling within
Like a funeral bell.
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Gestern habe ich das neueste Buch von Ugo Riccarelli zu Ende gelesen. Ein Autor, den ich vor Jahren lieben gelernt habe mit seinem Roman: „Der vollkommende Schmerz“. Danach kamen seine Sporterzählungen: „Fausto Coppis Engel“ und ein Roman über seinen Vater: „Der Zauberer“. Jetzt kommt er mit einem neuen Werk über ein Irrenhaus. Erzählt wird dies alles aus der Perspektive des jungen Assistenten Beniamino, der später auch die Leitung des Hauses übernimmt, oder übernehmen muss.
Nun bin ich angefixt wegen eines der letzten Bücher, die ich hier vorgestellt habe und dessen Titel ganz anders lautet, als im Original. Und auch hier hätte ich mir fast den italienischen Titel (in Übersetzung) im Deutschen gewünscht.
„Comallamore“ heisst er und wird am Schluss des Romanes von Fosco mehrfach ausgerufen: „Wiebeideliebe“. Mit diesem Spruch macht sich der Insasse aus dem Staub, verschwindet im Wald, löst sich von allen Fesseln und kämpft dem dem Widerstand gegen die Faschisten und Nazis.

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Ugo Riccarelli: „Die Residenz des Doktor Rattazzi
Übersetzt aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Zsolnay Verlag € 18,90
Das italienische Original:Comallamoregibt es bei uns für € 15,95.
Als eBook € 14,99

Wie oben schon erwähnt, handelt der Roman in einem Irrenhaus in der Zeit vor und während des italienischen Faschismus. Riccarelli schafft es auch hier wieder Formulierungen zu finden, die ich mir herausschreiben möchte. Er lässt eine so warmherzige Atmosphäre enstehen, in einem Umfeld, das dem genau widerspricht.
Beniamino hinkt nach einem Sportunfall, beginnt nicht sein Medizinstudium und arbeitet als Aushilfe beim alten Leiter des Irrenhauses. Nach dessen Tod kommt Doktor Rattazzi, der sich gegen die harte Art des Personals wehrt und auch die neue Methode der Elektroschocks verhindert. Er möchte seinen Patienten ein möglichst unbeschwertes Leben im Innern des Hauses bieten. Als der Krieg immer näher kommt und die Bombadierungen ein sicheres Leben nicht mehr garantieren, ziehen ein Großteil der Patienten und Pfleger in die Berge in ein altes Bauernhaus. Aber auch dort werden sie von der Gewalt eingeholt.
Riccarelli stellt ein paar Insassen besonders heraus. Fosco, den mit „Comallamore“ und einen alten Patienten, der nur in Reimen von Homer redet. Als dieser (als einzigster Patient) von einem faschistischen Offizier misshandelt und ermordert wird, können wir folgendes lesen:
„Beniamino aber hörte ihn nicht mehr, denn jetzt sah er, wie der Wunde in Cavanis Kopf viele hundert Verse von Homer entsrömten, jene Worte, die der alte Mann so sehr geliebt und jahrelang in seinem Geist bewahrt hatte, mit denen er zu Bett gegangen war, gelacht und geweint, geschlafen und gegessen hatte, Verse, mit denen er die Welt gelesen und beschrieben hatte, um denen, die ihm zuhörten, Trauer und Schönheit zu schenken.
Da lächelte Beniamino. Unter Tränen, die ihm jetzt in die Augen stiegen, die er zuvor nicht hatte schließen können, gelang ihm ein Lächeln, wie ein Gruß an die Worte des professors, die schon über den Hof flogen, über die Wiesen schwebten und zum Himmel aufstiegen, endlich befreit von den Mauern des Irrenhauses, vom Wahnsinn und vom Krieg.“

Mehr mag ich gar nicht über diesen schmalen, schönen Roman schreiben, um Ihnen nicht zu viel zu verraten.
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“The Lost Wife,” by Alyson Richman

„The Lost Wife“ von Alyson Richman
(gefunden bei unypl)