Mittwoch, 20.Mai

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Heute haben
Alexander Pope * 1688
Honoré de Balzac * 1799
Gabriele Wohmann * 1932
Peter von Matt * 1937
Urs Widmer * 1938
Geburtstag
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Abstand und Anstand

Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘,
schließe beide Äuglein zu,
doch ich schlafe nicht gleich ein,
denn mein Kopf sagt: „Noch nicht! Nein!“

Die Gedanken kreisen wild,
und es schiebt sich Bild um Bild
in mir rum zu dem, was ist,
Pandemie und all dem Mist.

Abstand halten, noch und nöcher.
Und kein Pfeil in Amors Köcher.
Der Protest und die Idioten
von den Rechten zu den Roten.

Wirren hier und dort, verschwurbelt.
Auch mit Sagrotan wer gurgelt.
Die Trommel gerühret, das Pfeifchen gespielt.
Manch Protest aufs Richt’ge zielt.

Wozu Covid-Schutz erwerben,
wenn die Alten eh bald sterben?
Ist das die Welt für Dich, mein Sohn,
wenn ohne Anstand gellt der Ton?

Augen zu, noch immer nicht,
also mach‘ ich wieder Licht.
Himmelhochjauchzend, zu Tode vermiest,
glücklich allein ist die Seele, die liest …

© Thomas Dietrich, mit Hilfe von Hansjörg Hack
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978-3-15-014053-6

Nikil Mukerji und Adriano Mannino:
„Covid-19: Was in der Krise zählt“

Über Philosophie in Echtzeit
Aus der Reihe: Was beduetet das alles?
Reclam Verlag € 6,00

Wir stecken immer noch mitten in der Corona Pandemie, obwohl es in der Innenstadt oft nicht danach aussieht. Wie gehen wir alle mit dieser Situation um? Mit Anstand und Abstand?, wie Thomas Dietrich gedichtet hat, ist sicher die beste Methode.
Aber lassen sich jetzt schon philosophische Methoden auf diese Krise anwenden? Können Philosophen sich in Echtzeit einmischen und aufklären?
Die beiden Autoren dieses Buch wagen einen Ausblick. Analytisch, unaufgeregt und mit einem Blick aufs Ganze klären sie auf, zeigen verschiedene Denkfehler auf. Ein Abwägen der Risiken gibt es in jeder Krise, in jeder Katastrophe. Wie gehe ich mit Prävention um? Brauche ich solche Maßnahmen, wenn die Chance eines großen Unfalls auch noch so gering ist? Was passiert, wenn ich im Vorfeld einer Krise zu spät handle und mich nicht mit anderen Nationen vernetze?
Wie treffe ich für mich Entscheidungen, wenn die Meinungen von Experten diametral sind? Was steckt hinter Verschwörungstheorien und wie kann ich dagegen argumentieren?
Die Autoren schauen aber auch über den Corona-Tellerrand und schreiben u.a. über unser Verhalten zur Klimakatastrophe, die unweigerlich im Anrollen ist.
Ein interessantes Buch, das sowohl die Gegenwart (in Echtzeit) betrachtet, als auch aufzeigt, was in der Vergangenheit für Fehler gemacht worden sind und was wir daraus in der Zukunft lernen können.

Leseprobe

Nikil Mukerji ist Philosoph und Ökonom sowie Geschäftsführer des Studiengangs »Philosophie Politik Wirtschaft« an der Universität München.

Adriano Mannino ist Philosoph und Sozialunternehmer. Er leitet das Solon Center for Policy Innovation der Parmenides Stiftung in München-Pullach.

Beide sind Mitglieder einer interdisziplinären Forschungsgruppe, die Strategien zum Umgang mit der Covid-19-Pandemie und anderen Katastrophenrisiken entwickelt.

Monatg, 4.Mai

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Heute haben
Friedrich Arnold Brockhaus * 1772
Gerlind Rheinshagen * 1926
Amos Oz * 1939
Graham Swift * 1949
David Guterson * 1956
Florian Illies * 1971
Geburtstag.
Aber auch Audrey Hepburn und Keith Haring.
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978-3-15-019115-6

„Mai“
Gedichte passend zum Monat herausgegeben von
Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

Dieses Jahr im Mai ist vieles anderes. Corona hat uns im Griff und die Maifeste fallen aus. Sogar die Moante sind vertauscht. Im April hatten wir Mai/Juni-Wetter und die ersten Maitage waren doch sehr aprillig. Dennoch: Die Vögel zwitschern, in den Gärten blüht es und die Äcker sind rapsgelb.

„Es ist Zeit sich zu freuen
an atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder“
schrieb Rose Ausländer.

Willkommen
Maienlob
Maienschelte
Maienglück
Feiern im Mai
Endlich im Freien

heißen die einzelnen Kapitel des Gedichtbandes und zeigen schon die Richtung an, auch wenn in der dritten Abteilung noch gescholten wird über den Wonnemonat. Diese Bezeichnung leitet sich womöglich von Weidemonat ab, so die Herausgeberinnen.
Da ich monatelang behauptet habe, dass diese Anthologie ohne Goethe auskommt, taucht er hier gleich zweimal auf.

Johann Wolfgang Goethe
Mit einem gemalten Band

Kleine Blumen, kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute junge Frühlingsgötter
Tändelnd auf ein luftig Band.

Zephyr, nimm’s auf deine Flügel,
Schling’s um meiner Liebsten Kleid!
Und so tritt sie vor den Spiegel
All in ihrer Munterkeit,

Sieht mit Rosen sich umgeben,
Selbst wie eine Rose jung.
Einen Blick, geliebtes Leben!
Und ich bin belohnt genung.

Fühle, was dies Herz empfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband!

Mailied

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud‘ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb‘, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb‘ ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud‘ und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Und dieses Gedicht darf natürlich nicht fehlen:

Eduard Mörike
Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton
Frühling, ja du bist`s!
Dich hab ich vernommen!

Neben all den alten Autoren, finden Sie natürlich auch LyrikerInnen des 20.Jahrhunderts, deren Texte ich jedoch hier nicht veröffentlichen darf.
Robert Gernhardt, Friederike Mayröcker, Rose Ausländer, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Ernst Jandl, Karl Krolow und viele mehr.

Donnerstag, 9.April

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Heute haben
Charles Baudelaire * 1821
Ludwig Hohl * 1904
Lew Kopelew * 1912
Johannes Bobrowski * 1917
Carl Améry * 1922
Arnold Stadler * 1954
Geburtstag
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978-3-15-019114-9

„April“
Gedichte
Herausgegeben von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

Im Wort April steckt das lateinische aprire = öffnen, so die Herausgeberinnen.
Hölderlin schrieb: Komm! ins Offene, Freund!

Manche meinen auch, daß apricus = sonnig darinstecken könnte.
Aber dieser April wird anders als viele andere vor ihm.
Wir sollten zu Hause blieben. Die Sonne genießen. Aber die Familien ein ander Mal besuchen. Ja, so ist es dieses Jahr.

Zartes Grün und erstes Zwitschern
Launischer April
Launische Menschen
Karwoche
Ostern
Jetzt wird’s warm

So sind die einzelnen Kapitel überschrieben.
Viel Vergnügen bei der Lektüre.

Nikolaus Lenau
Frühlingsgedränge

Frühlingskinder im bunten Gedränge,
Flatternde Blüten, duftende Hauche,
Schmachtende, jubelnde Liebesgesänge
Stürzen ans Herz mir aus jedem Strauche.
Frühlingskinder mein Herz umschwärmen,
Flüstern hinein mit schmeichelnden Worten,
Rufen hinein mit trunkenem Lärmen,
Rütteln an längst verschlossenen Pforten.
Frühlingskinder, mein Herz umringend,

Was doch sucht ihr darin so dringend?
Hab ichs verraten euch jüngst im Traume,
Schlummernd unter dem Blütenbaume?
Brachten euch Morgenwinde die Sage,
Daß ich im Herzen eingeschlossen
Euren lieblichen Spielgenossen,
Heimlich und selig – ihr Bildnis trage?

Eduard Mörike
Zitronenfalter im April

Grausame Frühlingssonne,
Du weckst mich vor der Zeit,
Dem nur in Maienwonne
Die zarte Kost gedeiht!

Ist nicht ein liebes Mädchen hier,
Das auf der Rosenlippe mir
Ein Tröpfchen Honig beut,
So muss ich jämmerlich vergehn
Und wird der Mai mich nimmer sehn
In meinem gelben Kleid.

Friedrich Hölderlin
Der Gang aufs Land

An Landauer

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng‘ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt’ und der Mühe
Wert der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn‘ höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,
Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.
Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög‘ ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch tun,
Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan.

Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Tal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.