Samstag, 19.Dezember

Aus dem Adventskalender von Enkelin Emilia.

Ja, lassen wir uns nicht unterkriegen. Seien wir frech, wild und wunderbar.
Das ist im Moment nicht ganz einfach. Aber freche Mädchen, wie Pippi Langstrumpf können wir sehr gut gebrauchen und von ihnen lernen.

Dita Zipfel: „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“
Mit Illustrationen von Rán Flygenring
Hanser Verlag € 15,00
Ab 12 Jahren

Dieses Buch wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 ausgezeichnet und auch die Illustrationen wurden mehrfach prämiert. Ein Buch, das viel mehr Beachtung finden sollte und jetzt bei geschlossenen Buchhandlungen hoffentlich im Frühling eine neue Chance bekommt.

Lucie Schmurrer braucht Geld. Und zwar sofort und jetzt. Sie will ausziehen und auch sonst so einiges. Lucie ist 12 Jahre und damit beginnt schon ihr Problem. Als sie die Anzeige sieht, € 20 für ein Hundchen Gassi führen, klingelt sie sofort bei der angegebenen Adresse.
Damit hat sie ein weiteres Problem. Denn Herr Klinge ist anders, vielleicht auch ein wenig verrückt. Auf jeden Fall sehr skuril. Und: Das Hundchen ist längst tot. Aber: Herr Klinge bezahlt gut und engagiert Lucie als Sekretärin für sein merkwürdiges Kochbuch.

Dita Zipfel und Rán Flygenring gelingt hier ein kleines Meisterwerk über ein Mädchen, das Mut hat, zugreift, seinen Weg geht. Wer ist eigentlich verrückt und anders in unserer Welt? Herr Klinge? Oder doch ganz andere Persönlichkeiten unseres alltäglichen Lebens?
Und dies wird mit viel Humor geschrieben und gezeichnet.

Auf der Hanserseite gefunden:

5 Fragen an Dita Zipfel

In Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte trifft die Protagonistin Lucie auf Herrn Klinge, der ihre Sicht auf die Welt stark verändert. Wie würdest du Lucie und Klinge beschreiben?
Lucie ist eine ganz normale Dreizehnjährige, die auf ihre Achselhaare wartet und sich die Zwischenzeit mit dem Lösen von klassischen Familienproblemen vertreibt. Sie ist manchmal sehr erwachsen und manchmal noch Kind und hat die Schwankungen, zu ihrem Unglück, nicht unter Kontrolle. Was ich sehr an ihr mag, ist, dass sie schon vieles kapiert hat und trotzdem bereit ist zu lernen, dass sie stark ist, ohne es zu wissen, und Außenseiterin mit erhobenem Haupt.
Klinge ist ein ganz normaler Hundertsechsundachtzigjähriger mit einer übernatürlichen Reaktionsfähigkeit und dem Hang zum Drama. Er kann siebenundzwanzig Salti nacheinander, Fliegen mit der Machete köpfen und Feen die klitzekleinen Zähne ausschlagen. Man könnte sagen, dass er in seiner eigenen Welt lebt – aber tun wir das nicht alle irgendwie? Klinge versteckt seinen weichen Kern hinter ruppigem Verhalten, man darf nicht zimperlich sein in seiner Gegenwart, das ist klar. Aber – ganz ehrlich – so wirklich Bescheid wissen über Klinge, ist echt schwer.

Was können wir von Klinge lernen? Werden die Leser die Welt nach der Lektüre ein wenig anders sehen?
Wenn ich sage, man könne einen fantastischen Blick auf die Welt lernen, beißt mir Klinge heute Nacht ins Knie. Abgucken kann man sich vielleicht, den eigenen Blick zu bewahren, egal was andere darüber denken. Ich glaube fast, von Lucie kann man mehr lernen.

Wen möchtest du mit deinem Roman erreichen?
Hm, das ist eine schwierige Frage. Eine Frage, die ich mir während des Schreibens nicht stelle, weil sie mich zu sehr verwirren würde. Jetzt, wo das Buch fertig ist, möchte ich natürlich möglichst viele erreichen. Diejenigen, die wie Lucie gerade erwachsen werden, die, die noch nie vom Toxic Shock Syndrome gehört haben, diejenigen, die normalerweise niemals ein Buch lesen würden, die, die an Einhörner glauben und die, die es nicht tun.

Was hat dich auf die Idee gebracht, Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte zu schreiben?
Eine vierjährige Freundin erzählte mir von merkwürdigen Vorkommnissen im Gemüseregal. Da war von knackigen Feenbeinen und würziger Werwolfspucke die Rede. Von ihr habe ich gelernt, wie viel Blut für ein Blech Ofengemüse fließen muss.

Welcher Satz ist dein Lieblingssatz im Buch?
“Warum ist es eigentlich nicht wahnsinnig, daran zu glauben, dass ein Geist, der aussieht wie ein dünner, bekiffter Opa im Nachthemd, die ganze Welt gemacht hat?”

Leseprobe

Mittwoch

Heute haben
Michail Lermontow * 1814
Bettine von Brentano * 1901
Mario Puzo * 1920
Italo Calvino * 1923
AFTh van der Heijden * 1951
Geburtstag.
Aber auch Friedrich Nietzsche.
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Friedrich Nietzsche

Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden jähen Bach des Lebens.

Sind doch alle Ordnungen des Menschen darauf eingerichtet, daß das Leben in einer fortgesetzten Zerstreuung der Gedanken nicht gespürt werde.

Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker –, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: Ihr sollt nicht denken!

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Nachklapp zu Wolfgang Herrndorfs Roman. „Bilder deiner großen Liebe“. Nils Mohr hat ein schönes Essay über das wunderbare Buch verfasst. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit. Hier geht es zum Text.

In Herrndorfs Roman stolperte ich über einen Namen und dachte, er kann damit nur Finn-Ole Heinrich meinen, von dem gerade sein dritter Band der Maulina-Bücher erschienen ist. Beim nochmaligen Durchblättern blieb dieser Vermerk jedoch unsichtbar, für mich. Vielleicht kann mir jemand einen Tipp geben. Ich hoffe, ich habe dies nicht geträumt.
Die neuen Abenteuer von Maulina Schmitt liegen also auf dem Neuerscheinungtisch in der Kinder- und Jugendbuchabteilung. Ich schlage das Buch auf und denke: Doch richtig getippt.
Auf der ersten Seite sehen wir nämlich wie Maulina den rechten Arm von sich streckt, und mit dem Daumen die Sonne verdeckt.
Alles eine Frage der Perspektive:
Wenn ich mir den Daumen am ausgestreckten Arm vor die Nase halte, ist er so groß wie die Sonne.
Und genauso fängt auch Herrndorfs Roman an. Zufall kann das keiner sein.
Somit war klar, das Buch muss mit nachhause, zumal ich die ersten Bände auch schon gelesen und großen Spaß dabei hatte.

Mauina

Finn-Ole Heinrich und Rán Flygenring:
„Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt
Ende des Universums“
Hanser Verlag € 12,90

Paulina/Maulina hat sich ihr eigenes Reich geschaffen. Maultropolis. Auf dem Dachboden ihres Hauses ist dieses Reich, in dem alle Platz haben, die kommen wollen. Und es ist der geniale Rückzucksort für die Meisterin des Maulens. Maulen ist nämlich eine Lebenseinstellung. Findet zumindest Maulina Schmitt, die frechste Maulerin unter der Sonne. Nachdem ihr Vater eine zweite Familie gegründet hat, tobt in ihrem alten Zuhause Mauldawien wieder das Leben.
Finn-Ole Heinrichs Texte sind witzig, frech, voller neuer Worterfindungen und -verdrehungen (Nocken = Kopschütteln. Im Gegensatz zu Nicken). Er lässt neue Galaxien entstehen und wir verstehen damit auch Maulina viel besser. Aber: Und jetzt kommts, ohne Rán Flygenring, der Illustratorin aus Island, wäre das nur die halbe Miete. Was hier alles gezeichnet, gekritzelt, illustriert wurde, ist einzigartig gut. Verschiedene Schrifttypen, Farben und Comicsgeben den drei Bücher den ganz speziellen Reiz. Nicht umsonst werden sie überall sehr gut besprochen und erhalten verschiedene Preise.
Maulina hat sich ihre eigene Welt geschaffen, ihren eigenen (Welt)raum, in dem die Sternzeichen Namen wie Schal, Papierflieger, Heidelbeere, Zebra, Narben Jack, usw. haben. Was passiert aber, wenn das Universium untergeht, verglüht, verschwindet? Ist es dann Nacht, dunkel? Maulina macht sich viele Gedanken, hauptsächlich nachdem ihr Vater eine neue Familie gedründet und seine jetzige Frau Zwillinge bekommen hat. Das Verhältnis von Maulina zu der neuen Frau ist nicht das Beste, im Moment eigentlich gar keines. Das Rumtoben mit den beiden Babys ist aber schon große klasse, hauptsächlich wenn ihr Papa noch Cello dazu spielt. In der Schule läuft es gut, ihr Lehrer lebt im Wohnmobil und bringt die Klasse immer wieder auf neue Ideen. Aber was ist mit der Krankheit ihrer Mutter? Ist ihr noch zu helfen? Auch hier kommt der Krankheitsverlauf in Schüben (s. das Verrücktsein im Roman von Herrndorf) und wahrscheinlich nicht mehr heilbar. Sie liegt meist in ihrem Spezialbett, da die Muskeln immer weniger werden und Maulina ist mit einem Piepser mit ihr verbunden. So ist sie immer da, wenn Mama z.B. auf Klo muss. Und Abputzen war eigentlich nur beim ersten Mal komisch. Dann überhaupt nicht mehr. Und Maulina meint, sie könnte ihre Mama dauernd abputzen. Aber wie kann Maulina helfen? Gibt es Kräuter, Säfte, Elexiere, die sie wiede aus dem Bett bringen? Ein Elektroroller, den sie organisiert habe, war nur eine kurzfristige Hilfe.
Also geht es auch hier ums Sterben. Nicht um das Verschwinden einer Galaxie, des Universums, aber doch um das Verschwinden ihrer Mama, die doch der Mittelpunkt von Maulinas Welt ist.
Wie Heinrich und Flygenring dies hinbekommen, müssen Sie selbt herausfinden.
Es gibt auf jeden Fall wahnsinnig viel zu Lachen und zu Staunen. Es gibt ein Happy End und dann doch keines. Und: Es gibt einen Brief von Maulina Mama am Ende des Buches, der so herzzerreissend schön ist.
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Mehr Bücher-Bilder finden Sie auf unseren Blog-Seiten:

jastram.tumblr.com
wiebuecherleben.tumblr.com

Dienstag

Heute haben
Georg Forster * 1754
Franz Jung * 1888
Eugène Ionesco * 1909
Geburtstag
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Franz Jung: „Das Trottelbuch“
(Leseprobe aus: Das Trottelbuch, 2013, Edition Nautilus).

Um einen Tisch des Café du Dôme saßen mehrere Herren. Eine Frau schritt draußen am Fenster vorbei. Sie hatten sie alle gekannt, und einige kannten sie noch. Einer las vor: Zwei junge Burschen stolpern aus einer Vorstadtkneipe in die Nacht. Blutjunge Burschen und sehr betrunken. Sie schlagen das Pflaster mit ihren Stöcken, sie johlen, krümmen sich vor Lachen, und sie schleppen die schwer gewordenen Füße hinter sich her, dass sie von fern wie hinkende Greise erscheinen. Eine Katze huscht über den Weg.
Die Betrunkenen bleiben stehen, die Lässigkeit ist aus ihren Gliedern gewichen, ein Rausch ballt sich zusammen. Sie jagen dem Tier nach, verstellen den Weg, sie schlagen mit ihren Stöcken – als ob das Tier schuld wäre an ihrer Jugend und ihrer Betrunkenheit, so schlagen sie.
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frerk

Finn-Ole Heinrich:Frerk, du Zwerg!
Illustrationen von Rán Flygenring
dtv € 8,95
Deutscher Jugendliteraturpreis 2012.
Jetzt als Taschenbuch.

Jargs Blog hat mich drauf gebracht, dieses tolle Buch auch hier vorzustellen. Sein Grund ist allerdings die Hör-CD von Finn-Ole Heinrich selbst gesprochen. Und diese Aufnahme lobt er sehr.
Nachdem wir sein letztes Buch (Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich“) auch schon auf unserem Blog vorgestellt haben, jetzt also die Taschenbuch-Ausgabe des prämierten „Frerk, du Zwerg!„.
Frerk hat es nicht leicht. In der Schule wird er gehänselt. Den Spruch kennen Sie jetzt ja schon: „Frerk, du Zwerg“, obwohl er doch nur der Zweitkleinste in der Klasse ist. Es reimt sich halt so schön. Und eigentlich hätte Frerk gerne einen Hund. Aber keinen kleinen, schnuckeligen, sondern einen großen, einen Wolfshund, der brüllen und heulen kann. Der ihm treu ergeben ist und der sooo groß sein soll, dass Frerk gerne so klein wie ein Zwerg neben im aussähe. „Ein wilder Hund riecht nämlich wie Waldboden, Sauerkirschen und Baumrinde, wie Abenteuer und Apfelblüten und Heu, wie Erde und Salzwasser, das auf der Haut getrocknet ist.“ Aber: Hund is nich, da Frerks Mutter allergisch ist. Allergisch gegen ganz vieles und wennn es ihr zuviel wird, dann bekommt sie Migräne und Migräne ist wie Kopfweh, nur viel schlimmer und das kann sich niemand vorstellen, der sie nicht selbst hat. Sprich: Keine Chance für Frerk einen Hund zu bekommen. Zusätzlich wird Frerk auch noch sehr gesund ernährt und fragt sich jeden Morgen beim Müsliessen, warum seine Mutter das Obst so klein schnippelt, wo er doch eh alles in der Milch schwimmend bekommt und auch locker größere Brocken wegessen könnte. Sie merken schon, Frerk hat es nicht leicht. Dazu noch der große Junge, der ein paar Klassen über ihm ist und ihn ordentlich trietzt. So auch an diesem Tag. Er steckt Frerks Nase mit dem Spruch: „Friss Mist, du Wurst!“ ganz tief in den Sand. Frerk denkt, warum Mist und warum Wurst und merkt, dass der große Junge nicht alle Tassen im Schrank hat. Doch diesmal entdeckt Frerk ein kleines Ei im Sand. Größer als ein Hühnerei, aber deutlich kleiner als ein Straußenei. Irgendetwas scheint sich darin zu bewegen. Er nimmt es mit nach Hause, legt es in die Schublade seines Tisches. Aus dem Ei schlüpfen 5 Zwerge, die schnell wachsen und nur Blödsinn im Sinn haben. Sie werfen mit Spielzeug, sie schneiden Frerk die Haare ab und bringen ihm viele Wörter bei, die er daheim nicht sagen soll. Aber wie soll er seinen Eltern das mit den Zwergen erklären? Wer wird ihm glauben? Also: Er sagt gar nix, lässt die Zwerge toben und lernt nebenbei, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Nach ein paar Tagen sind die Zwerge plötzlich verschwunden. Sie haben ihm einen Brief hinterlassen. Zwergenklein, in Zwergenschrift.
Was darauf steht, sei nicht verraten.
Jedoch: Dieses Buch ist so frech, so witzig, so politisch unkorrekt, voller Wortwitz und Worterfindungen, dass es kaum zu glauben ist. Diesen wilden Text hat die Isländische Malerin Rán Flygenring genial umgesetzt und weiter entwickelt.
Ein klasse Vorlesebuch, ein tolles Buch zum Selberlesen ab acht Jahren.
Und wenn die Hör-CD wirklich so toll gelesen ist, wie Jarg schreibt, dann kann ich die ungehört empfehlen.
Erschienen bei der Hörcompanie für € 12,95

p.s. und aufgepasst. Die kleinen Körner im Müsli sehen zwar aus wie Körner, sind in echt aber Zwergenka… .

p.p.s Vielen Dank nochmals an Jarg.
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