Mittwoch, 20.Juli


Heute haben
Francesco Petrarca * 1304
Erik Axel Karlfeldt * 1864 (Nobelpreis 1931)
Thomas Berger * 1924
Pavel Kohout * 1928
Lotte Ingrisch * 1930
Cormac McCarthy * 1933
Uwe Johnson * 1934
Geburtstag
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August 1967

Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit
Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand
kippen. Der straffe Überschlag, schon weißlich gestriemt, umwik-
kelt einen runden Hohlraum Luft, der von der klaren Masse zer-
drückt wird, als sei da ein Geheimnis gemacht und zerstört worden.
Die zerplatzende Woge stößt Kinder von den Füßen, wirbelt sie
rundum, zerrt sie flach über den graupligen Grund. Jenseits der
Brandung ziehen die Wellen die Schwimmende an ausgestreckten
Händen über ihren Rücken. Der Wind ist flatterig, bei solchem
drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern ausgelaufen. Das
Wort für die kurzen Wellen der Ostsee ist kabbelig gewesen.

Uwe Johnson aus dem Beginn der „Jahrestage
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Unser Buchtipp:


Osuma Okamura, David Böhm, Jiří Franta: „Eine Stadt für alle“
Handbuch für angehende Stadtplanerinnen und Stadtplaner
Aus dem Tschechischen von Lena Dorn
Karl Rauch Verlag € 25,00

Ein unglaubliches Buch. Im ersten Moment weiss man gar nicht, was das ist. Ein Kinderbuch, ein Kunstobjekt, ein Buch für Architekten, oder ein großer Spaß für Bastelfreunde?
Ich denke, es ist eine Mischung aus allem und es steckt ein großer Gedanke dahinter:
Wie wollen wir leben in der Stadt?
Die meisten Menschen wohnen heute in einer Stadt. Riesige Gebilde entstehen daraus. Manchmal aus dem Nichts. Aber wie funktionieren diese menschlichen Ansammlungen? Mit welchen Problemen haben wir es damit zu tun? Wie werden sich unsere Städte entwickeln? Was muss sich verändern, in den Zeiten des Klimawandels? Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Aus dem Inhalt:
Wer plant die Stadt und bestimmt ihre Form?
Kann ich in der Stadt bauen, was mir gefällt?
Wer versorgt die Stadt mit Energie?
Was verbirgt sich unterirdisch unter der Stadt?

Was dieses Buch aber vorallem ausmacht, ist die Idee dahinter, diese vielen Gedanken in große Installationen aus Pappe, Haushaltsgegenständen, Kartons, Fundstücken und uralten, verbeulten Matchboxautos umzusetzen. Großartig!!!
Sie müssen sich das in Ruhe anschauen.

Leseprobe

Osamu Okamura ist Architekt und Dekan der Fakultät für Kunst und Architektur der Technischen Universität Liberec und u.a. Kurator des Projekts Shared Cites: Creative Momentum. Er ist für den Mies van der Rohe Preis der Tschechischen
Republik nominiert..
David Böhm ist Absolvent der Akademie der Bildenden Künste in Prag, eine Arbeiten waren bereits in Galerien in New York, Berlin, Kiew und anderen Städten zu sehen. Als Autor und Illustrator wurde er mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Bologna Ragazzi Award und dem höchsten Tschechischen Buchpreis, dem Magnesia Litera..
Jiří Franta ist ein Künstler, dessen Spektrum sich nicht aufs Zeichnen und Malen beschränkt. Als Illustrator und Comicautor wurde er mehrfach ausgezeichnet..
Lena Dorn (wir kenen sie, seit sie noch ganz klein in unserem Buchladen Kinderbücher durchgestöberte) hat Slawistik und Geschichte studiert und arbeitet als Wissenschaftlerin, Übersetzerin, Autorin und Kuratorin. Sie lebt in Berlin und übersetzt Kinderbücher, Sachtexte, Lyrik und Prosa aus dem Tschechischen und Slowakischen.
2021 wurde sie mit dem Sonderpreis Neue Talente des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet.
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Hardy on Tour
Tag 54

158 km von Vencimont in den Ardennen über Sedan und Verdun nach Woimbey


Radfahren, so heisst es ja, sei gesund.
Mein Radtag heute geht definitiv nicht als gesundheitsfördernde Betätigung durch und dies lag an den Elementen Hitze und Wind. Die 37 Grad allein waren ja schon heftig genug, aber den Gegenwind dazu hätte es echt nicht gebraucht. Hab mich ziemlich platt gestrampelt heute und hoffe, ich bin morgen wieder radtauglich munter. Und ich hab schlecht geplant, da ich nicht dran gedacht hatte, daß die Geschäfte über Mittag geschlossen haben und so ging mir das Wasser aus und das war richtig übel.
Wie wertvoll Wasser ist, schätzt man besonders dann wenn man keines hat. Diese Erfahrung durfte ich heute machen. Um die Mittagszeit war es heut überall wie ausgestorben, niemand zu sehen in den Dörfern, Roll- und Fensterläden der Häuser dicht. Meine „Rettung“ war schließlich der Wasserhahn im Friedhof und ich war echt glücklich als ich den entdeckte und noch mehr als auch tatsächlich herrlich kühles Wasser aus dem Hahn kam.
Immer sehr bewegend ist es, die Soldatengräber rund um Verdun zu sehen. Ich war schon mal mit Freunden hierhergeradelt und wir hatten uns damals das eindrucksvolle Museum und das ganze Gelände drumherum angeschaut. Kann ich jedem nahelegen. Es macht den unfassbaren Schrecken dieses Krieges damals deutlich und wenn man an die Situation in der Ukraine dabei denkt und weiß, daß auch heute wieder Menschen dort gestorben sind, dann ist das nur unsagbar traurig und man begreift nicht, warum sowas immer wieder geschieht.
Mich erfüllt es mit Dankbarkeit, daß unsere Völker, die sich vor 100 Jahren hier so brutal niedergemetzelt haben, es geschafft haben, sich zu versöhnen und darüberhinaus ein gemeinsames Europa geschaffen haben. Nur so kann die Zukunft funktionieren. Es lohnt sich.

Sonntag, 17.Juni

135 km von Armentieres über Lille und Valenciennes nach Hirson

Bis 17:55 Uhr war meine Welt schwer in Ordnung. Ich kurbelte recht munter durch die Landschaft und fand es einfach schön. Nicht zu heiß, leichter Wind, sehr gute Straßen und in den Städten immer prima Radwege, wenig Verkehr. Selbst in Lille war es total entspannt auf dem Rad und ich konnte meine Blicke schweifen lassen. So feine Backwaren und das Baguette schmeckt nirgends so gut wie eben in Frankreich. Auch das Angebot an frischem Obst ist überragend und von allerbester Güte. Frankreich ist da schon besonders, was feines Essen anbelangt. Nur verstehen tu ich halt leider gar nix. Mein Wortschaft begrenzt sich auf „Mercie & Pardon“ und auf „bonne journée & Au revoir“.
Die Franzosen sind mega freundlich zu mir und es klappt prima beim Einkaufen und kurzem gestenreichen Smalltalk. Aber das war es dann auch.

So kurbelte ich also durch die leicht wellige Landschaft ohne groß Spektakuläres zu erleben und war mit mir und der Welt ganz zufrieden,
bis eben 17:55 Uhr.

Was dann passierte ist allen ja eh klar. Speiche Nr. 11 ist gebrochen und das Hinterrad blöderweise völlig unrund, sodass der Reifen am Schutzblech schleift. Ich hab vergeblich versucht das zu reparieren und Samstagabend ist natürlich kein Radladen mehr geöffnet, wo Hilfe zu haben wäre.
Hab die Felge jetzt so hingekriegt, dass das Rad nicht mehr schleift und hab es bis Hirson (mein geplantes Tagesziel) geschafft.
Diesmal bedurfte es zwei Frustdosenbiere und immer noch bin ich unschlüssig, was ich tun werde morgen. Sitze bei einem Cappuccino bei Mc Donald wegen des Wi-Fi’s und versuche die Lage zu checken. Ich brauche ein neues Hinterrad, alles andere macht einfach keinen Sinn. Ich ärgere mich auch über mich selber, da ich dies eigentlich schon in London gedacht hab und dort hätte ich Zeit und Angebot gehabt. Naja, hinterher ist man halt oft schlauer. Letztlich ist es ja auch nur ein Hinterrad, es gibt wahrlich weitreichendere Probleme als dies.
Klar, es ist echt nervig und nimmt viel zu viel Raum ein auf dieser Reise, aber ich hab weiß Gott keinen Grund mich zu beklagen. Ich muß nur eine Entscheidung treffen, wie es morgen weitergehen soll und schlaf nun am besten mal drüber, wenn ich jetzt dann einen Zeltplatz irgendwo hier gefunden habe.

Donnerstag, 14.Juli


Heute haben
Irving Stone * 1903
Issac B.Singer * 1904
Natalia Ginzburg * 1916
Polina Daschkowa * 1960
Geburtstag
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Auf einer Veranstaltung, im Rahmen der Lyrikwoche in Ulm, drücke mir jemand ein schmales Buch in die Hand. Ich solle einfach mal reinschauen. Dieser Jemand ist Milan Gonzales, deutscher Journalist, Dichter, Fotograf, Filmemacher mit bolivianischen Wurzeln, der seine neuesten Gedichte unter dem Titel „Sieben“ veröffentlicht hat.
Mal zärtlich intim, mal kritisch mit sich und der ganzen Welt, kämpferisch und genauhinschauend, zeigt der Autor verschiedene Facetten unserer Welt und unserem Zusammenleben.
Die folgenden Gedichte und Illustrationen hat er mir für den Blog zugeschickt.


Milan M.A.Gonzales: „Sieben“
Gedichte
Illustrationen von Alex Subkoff
herbst Verlag € 20,00

Das Lant*
*vom Protogermanischen: hlanda ̧

Es heißt der Rhein, die Zugspitze,
weil ein Mann wie ein Berg
den Äther erreichen kann,
vom Bodensee bis Kleve,
es heißt mein Lant.

Das Grundgesetz regiert uns,
über diesem steht nur der Himmel
und die Macht des Herrn.

Gegen den Hass unsere Waffe ist die Hoffnung.
Um unser Lant zu verteidigen
brauchen wir Mühe,
Engagement und Loyalität.

Wir haben zwei Weltkriege inszeniert,
verloren und dadurch eine neue
Bewusstheit erlangt.

Wir existieren,
wir haben eine Struktur,
eine Form, ein Ziel,
ein neues Konstrukt ist entstanden.

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Der Bäcker

Zwei Drittel der Stadt schlafen,
auf der Straße tanzen Fuchs und Kaninchen,
das andere Drittel gleichmäßig
verteilt zwischen Puffs, Insomnia und Tankstellen.

Im Süden verdaut ein Dorf
die Träume seiner Mitbewohner,
im Norden übergibt sich die Stadt
auf die Psyche der Millennials mit Burnout und Cuts.
Ein paar Süchtige spielen noch online,
woanders suchen Zuschauer
etwas im Leben der Anderen,
Asoziale Medien für die Vampire
Stoff für die Tratschtanten und Demagogen.

Stamsried ist nicht Berlin, Gott sei Dank!
Doch ab 4 Uhr morgens sind beide eins,
auf dem Hügel wie auf meiner Straße
bringt ein Bäcker das Licht mit.

Moment mal!
Heißer Dampf kommt aus der Bäckerei.

Manchmal lohnt sich
nur eine Bushaltstelle in dem ganzen Dorf
anstatt der Dekadenz der Metropole.

Hauptsache beide backen
das Abendbrot des Volkes.
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Der Garten

Strahl von stillen Kometen,
eine Sekunde Dämmerung und Niemandsland.
Ist der Fleischfresser in die Tiefe gegangen?

Wenn die Seele sprechen muss,
bleibt die Ruhe des Windes,
das Abendbrot des Kindes.

Ist die Sehnsucht und das Feld
der Abgrund des Grünen?

Ist das Fenster eine Tür
und der Garten ein Wald?
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Etwas Neues

Wir lassen es darauf ankommen

Es sind die Kleinigkeiten
Die Kindheit erzählen
Mit einem Freund strahlen
Eine Neuigkeit mitteilen Die Wahrheit sagen
Langsam sprechen
Langsam hören
Langsam schreiben
Langsam lieben
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Vor dem Einschlafen

Ich bohre ein Loch in die Erde,
immer tiefer und tiefer,

Schnurgerade durch den Erdball,
und komme auf der anderen Seite wieder heraus.

Ob da wohl auch ein Haus steht und auch einer,
der im Bett liegt und bohrt,
irgendwo treffen wir uns,

hoffe ich doch.
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Hardy on Tour
Tag 48

110 km von Brentford über Greenwich, Dantford und Rochester nach Faversham

Da lagen heut morgen, als ich aufgewacht bin, doch tatsächlich einige meiner Sachen, die im Außenzelt platziert waren, wild verstreut auf der Wiese. Auch die Einlegesohlen der Radschuhe. Ich hatte anscheinend – tierischen???- Besuch heute Nacht und hab nix davon mitbekommen. Das nennt man dann wohl einen gesunden Schlaf.
Heut bin ich sicherlich 60 Kilometer nur durch Städte und Vorstädte geradelt und hab ordentlich Ruß und Bremsgummi und was weiß ich sonst noch alles geschluckt und dies bei ordentlich warmen Schwitzwetter. Zeitweise ging es wieder neben der Autobahn entlang und dann gab es noch diesen unendlich langen Stau am späten Nachmittag, wo gar nix mehr ging. Es sei dann man hatte ein Fahrrad. Die Autofahrer taten mir echt leid. War wohl ein Unfall, der da zum völligen Verkehrskollaps führte und sämtliche Straßen kilometerweit blockierte.
The never ending Story schrieb heut auch eine einfach nur nervige Fortsetzung:
Kaum aus London raus, brach mal wieder ne Speiche und sämtliche Radläden auf der Strecke sahen sich außerstande, diese heut noch zu reparien oder mir ne andere Felge zu verpassen. Jetzt radle ich halt mit einer Speiche weniger und hoffe voll und ganz auf Canterbury morgen und die Radmechaniker dort!
Schön dagegen war meine Pause in dem netten Cafe in Rochester mit leckerem Apple-Pie und das feine Brot vom Vortag bekam ich, inklusive netter Plauderei, sogar geschenkt von der symphatischen Verkäuferin, die vor 12 Jahren vom Plattensee mit ihrer Familie nach England umsiedelte.
Und ganz überraschend entdeckte ich dann doch tatsächlich am frühen Abend noch eine Obstplantage mit mega leckeren, dicken Kirschen und konnte mich dort so richtig sattessen. Dass ich das in diesem Sommer noch erleben darf. Es hatte was Paradiesisches.
Emotionales Highlight war dann definitiv der Besuch bei der Old Bunce Court School und bei Fam. Miller, die dort nun seit 35 Jahren leben.
Anna Essinger leitete diese so besondere Schule. Sie floh 1933 mit den Kindern aus Ulm vor den Nazis und fand dort im Destrikt Kent glücklicherweise eine neue Heimat. Dieses Jahr erst ist in England ein Buch über diese Schule und ihre Menschen erschienen.
„The School that Excaped the Nazis“ von Deborah Candbury.
Und diese Buch bekam ich nun von den Millers geschenkt, verbunden mit herzlichen Grüßen an die Menschen rund um Herrlingen.
Es war echt ein sehr bewegender Besuch dort und als Herr Miller die alte Schulglocke ertönen ließ bekam ich Gänsehaut.