Samstag, 10.Juli

Heute haben
Marcel Proust * 1871
Günther Wiesenborn * 1902
Paul Wühr * 1927
Alice Munro * 1931
Kurt Brasch * 1937
Geburtstag
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Joseph von Eichendorff
Morgendämmerung

Gedenk ich noch der Frühlingsnächte
Vor manchem, manchem Jahr,
Wie wir zusammen im Garten standen
Und unten über den Landen
Alles so still noch war.

Wie wir standen in Gedanken,
Bis eine Morgenglocke erwacht‘ –
Das alles ist lange vergangen;
Aber die Glocken, die da klangen,
Hör ich noch oft bei Nacht.
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Verena Güntners Lesung aus dem Buch „Power“ haben wir vom März 2020 auf den Juli 2020 verschoben und dann ist, wegen Corona, gar nichts daraus geworden. So ist es eines dieser Bücher geworden, die wir zwar gut verkauft haben, viel besprochen wurde und dennoch untergegangen ist.
Jetzt gibt es diesen starken, verwirrenden, intensiven Roman als Taschenbuch und ich empfehle ihn immer noch auf’s Wärmste.

Sarah hat ihn damals besprochen.


Verena Güntner: „Power
Penguin Verlag € 12,00

Power ist verschwunden. Der Hund der alten Hitschke, die sonst niemanden mehr hat, seit ihr Mann verschwunden ist. Die Hitschke bittet das Nachbarmädchen Kerze, ihr zu helfen, weil Kerze immer Rat hat und außerdem keine Angst. Kerze nimmt den Auftrag ernst und schart immer mehr Kinder aus dem Dorf um sich, die mit ihr, auf der Suche nach Power, tiefer und tiefer im Wald verschwinden.

Während die Kinder über Wochen auf allen Vieren halb nackt durch den Wald streunen, um am Ende mehr Hund als Mensch zu sein, ist die Verwandlung der verzweifelten, nach ihren Kindern suchenden, Erwachsenen scheinbar marginal. Denn eigentlich lauert sie schon immer unter dem Deckmantel von Anstand und Moral. Der kleinste Anlass aber, den sorgfältig antrainierten Benimm über Bord zu werfen, macht aus den Dorfbewohnern in Güntners Geschichte eine immer enthemmtere Ausschlussgesellschaft, die sich wehrlose Opfer sucht und vor nichts zurückschreckt. Die Hitschke, die ja der Auslöser für die Power-Suche und das Verschwinden der Kinder war, kommt da gerade recht.

Der Ausweg der Kinder, allen gesellschaftlichen Konsens bzw. die menschliche Spezies als denkende Kreatur, hinter sich zu lassen, aus Unverständnis über die Einfalt und die Angst der Erwachsenen und die stets schwelende Rückfälligkeit in archaische Strukturen, scheint total konsequent. Denn schon vor dem Ausnahmezustand und dem Verschwinden der Kinder, haben die Erwachsenen Angst vor Kerze, einem Kind. Weil sie keine Angst hat. Angst ist das, was Gesellschaft zerfrisst und hier eben auch das Dorf. Ausgeschlossen haben sie schon davor. Diejenigen, die anders waren. Einen Oberbauern, der diktatorisch die Gemeinde führt, gibt es auch. Richtige Nazis hingegen gibt’s nur im Nachbardorf. Bei Henne, dem Nachwuchsnazi möchte keiner mitmachen. Nazis sind die, so vermutet Kerze, die Angst haben, dass ihnen was weggenommen wird. Aber vor Henne hat keiner Angst. Das funktioniert hier also nicht. Vielmehr muss Henne sich unterordnen im Kinderhunderudel, wenn er dazugehören will.
Angst ist das zentrale Motiv in diesem Roman. Angst und was sie mit uns als Individuum und als Gemeinschaft macht. So ist dieses Dorf gleichwohl eine ziemlich zeitgemäße Parabel auf unser Heute, das von der Angst vor dem Fremden bestimmt wird.

Und am Ende ist der ganze Spuk mit einem Mal vorbei. Als hätten wir das alles nur geträumt. So jedenfalls endet der Roman.
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Wenn wir in Deutschland nur die Hälfte unserer Lebensmittel nicht wegwerfen würden, würden wir 6 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Ein Fünftel weniger Fleisch essen ergeben 10 Millionen Tonnen CO2 Ersparnis. 12 Millionen Tonnen sind es beim Verzicht auf ein Fünftel neuer Kleidung und der Umstieg von innerdeutschen Flügen auf die Bahn ergeben 2 Millionen.
Nur vier einfache Rechenbeispiele.
Hier geht es zum Artikel auf tagesschau.de

Montag, 20.April

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Wir haben wieder „ganz normal“ geöffnet.
Also irgendwie doch nicht normal.

Wir haben ein Einbahnstraßensystem im Laden installiert, an das wir uns alle erstmal gewöhnen müssen. Es gibt Schilder mit Sicherheitsabstand, Desinfektionsmittel und eine Klingel, wenn jemand den Laden betreten will.

Wir freuen uns auf Ihren/Euren Besuch, auch wenn es zu kleinen Wartezeiten kommt.
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Verena Güntner hätte bei uns lesen sollen.
Jetzt gibt es eine Stunde Interview bei Spiegel lesen mit
Volker Weidermann.

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/verena-guentner-spiegel-liest-roman-power-a-8c98d5e2-4afc-423d-803f-d0d506bfa627?jwsource=cl

Freitag, 13.März

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Heute haben
Oskar Loerke * 1884
Hugh Walpole * 1884
Frank Thieß * 1890
Jannett Flanner * 1892
Erich Kästner * 1904
Juri Andruchowytsch * 1960
Geburtstag
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Oskar Loerke
Ein Flittern geistert durch die Hecke

Ein Flittern geistert durch die Hecke.
Es jagen, Diebe mit dem Hort,
Vor mir die Wolkenschattenflecke
Auf Siebenmeilenstiefeln fort.
Es ist, als ob die Leere
Einkehre.

Im Winde turnen Kiefernzapfen,
Sie knallen auf das Laubendach
Und hinter mir in meine Tapfen
Und hüpfen fast ihr Totes wach.
Dann liegen sie, als ob die Leere
Erst ganz in sie einkehre.

Am Fuß vergraben sich die Käfer,
Die Würmer mahlen nächtig tief.
Das späte Jahr ist wie ein Schäfer,
Dem seine Herde weit entlief.

Er kommt des Weges ohne Trauern.
Bespricht er mich? Er sagt mir dies:
„Es überrieselt dich ein Schauern,
Es wächst dir bald ein weiches Vlies,
Womit ich dich in meine Herde
Einreihen werde.“
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Die Veranstaltung mit Verena Güntner und ihrem Buch: „Power“ bei uns in der Buchhandlung ist vom 30.März auf den 22.Juli verschoben worden und Sarah Wiltschek empfiehlt es heute:
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Verena Güntner: „Power“
DuMont Verlag € 22,00

Power ist verschwunden. Der Hund der alten Hitschke, die sonst niemanden mehr hat, seit ihr Mann verschwunden ist. Die Hitschke bittet das Nachbarmädchen Kerze, ihr zu helfen, weil Kerze immer Rat hat und außerdem keine Angst. Kerze nimmt den Auftrag ernst und schart immer mehr Kinder aus dem Dorf um sich, die mit ihr, auf der Suche nach Power, tiefer und tiefer im Wald verschwinden.

Während die Kinder über Wochen auf allen Vieren halb nackt durch den Wald streunen, um am Ende mehr Hund als Mensch zu sein, ist die Verwandlung der verzweifelten, nach ihren Kindern suchenden, Erwachsenen scheinbar marginal. Denn eigentlich lauert sie schon immer unter dem Deckmantel von Anstand und Moral. Der kleinste Anlass aber, den sorgfältig antrainierten Benimm über Bord zu werfen, macht aus den Dorfbewohnern in Güntners Geschichte eine immer enthemmtere Ausschlussgesellschaft, die sich wehrlose Opfer sucht und vor nichts zurückschreckt. Die Hitschke, die ja der Auslöser für die Power-Suche und das Verschwinden der Kinder war, kommt da gerade recht.

Der Ausweg der Kinder, allen gesellschaftlichen Konsens bzw. die menschliche Spezies als denkende Kreatur, hinter sich zu lassen, aus Unverständnis über die Einfalt und die Angst der Erwachsenen und die stets schwelende Rückfälligkeit in archaische Strukturen, scheint total konsequent. Denn schon vor dem Ausnahmezustand und dem Verschwinden der Kinder, haben die Erwachsenen Angst vor Kerze, einem Kind. Weil sie keine Angst hat. Angst ist das, was Gesellschaft zerfrisst und hier eben auch das Dorf. Ausgeschlossen haben sie schon davor. Diejenigen, die anders waren. Einen Oberbauern, der diktatorisch die Gemeinde führt, gibt es auch. Richtige Nazis hingegen gibt’s nur im Nachbardorf. Bei Henne, dem Nachwuchsnazi möchte keiner mitmachen. Nazis sind die, so vermutet Kerze, die Angst haben, dass ihnen was weggenommen wird. Aber vor Henne hat keiner Angst. Das funktioniert hier also nicht. Vielmehr muss Henne sich unterordnen im Kinderhunderudel, wenn er dazugehören will.
Angst ist das zentrale Motiv in diesem Roman. Angst und was sie mit uns als Individuum und als Gemeinschaft macht. So ist dieses Dorf gleichwohl eine ziemlich zeitgemäße Parabel auf unser Heute, das von der Angst vor dem Fremden bestimmt wird.

Und am Ende ist der ganze Spuk mit einem Mal vorbei. Als hätten wir das alles nur geträumt. So jedenfalls endet der Roman.