Dienstag, 29.September

Heute haben
Miguel de Cervantes Saavedra * 1547
Christian Friedrich Hunold * 1680
Miguel de Unamuno * 1864
Ingrid Noll * 1935
Gaston Salvatore * 1941
Geburtstag
und es ist der Todestag von Carson McCullers
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Christian Friedrich Hunold
Der Streit der Liebe

Die Welt liegt stets im Streit: doch dencket nicht ihr Helden/
Die ihr der Erden-Kreiß mit Stahl und Eisen zwingt/
Daß ich von eurem Kampf/ von Mord und Blut will melden/
Und wie ihr Land und Leut in eure Feßel bringt.

Ich meine diesen Krieg/ den wir mit Lieben führen/
Mit Liebe/ die diß Rund in ihre Bande schlägt/
Durch welche wir Gewalt an Leib und Seele spühren/
Und die die Helden auch zu ihren Füßen legt.

Die Liebe heißt das Band des Himmels und der Erden/
Wenn sie vollkommen ist: Wenn wir an Gott verknüpft/
Und mit der Welt in Gott zugleich verbunden werden/
Denn ist die Freude rein/ die in dem Hertzen hüpft.

Wenn aber uns die Welt zu ihren Gütern reißet/
Zur Schönheit die vergeht/ zu eitler Ehr und Lust/
Und uns mit Leib und Seel darein verlieben heißet:
So brennt verbotne Gluht in der verkehrten Brust.

Mit dieser Liebe hat ein Irdischer zustreiten.
Löscht er ihr Feuer aus und zündet neues an/
Das Oehl vom Himmel hat/ so schmeckt er Süßigkeiten/
Und fühlt was oben her ein Freuden-Feuer kan.
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Annette Mingels: „Dieses entsetzliche Glück“
Penguin Verlag € 20,00

Annette Mingels dritter Roman entführt uns in eine kleine Stadt im Nirgendwo der USA.
So richtig angemacht hat mich das Buch nicht. Eines unter vielen auf unserem Neuerscheiunungstisch. Dann der erste Satz, der erste Abschnitt:

Retter

Ziemlich genau vor einem Jahr hatten Robert und Amy eine Vereinbarunggetroffen: sie durften beide mit anderen schlafen. Das Problem war nur, dass Robert das gar nicht wollte.

Stark!, dachte ich und las weiter, tauchte ein in das Leben der beiden, mitten in der Provinz auf der Suche nach etwas Glück, Zerstreuung, einem anderen Ausblick. Annette Mingels hatte mich mit diesem ersten Abschnitt gepackt. Nicht wegen des Themas, sondern mit einem gekonnten Trick. Und so nahm mich die Autorin an die Hand und zeigte mir noch mehr Menschen in dieser kleinen Stadt, die sich täglich über den Weg laufen, die sich grüßen und gar nicht richtig kennen (aber wir, da sie in den Kapiteln davor schon aufgetaucht sind) und wieder aus den Augen verlieren. Wir erfahren gerade so viel über ihre Wünsche und Hoffnungen, damit wir weiterlesen wollen, um zu erfahren: warum, weshalb.
Annette Mingels webt gekonnt einen Roman in einzelnen Erzählsträngen, verknüpft Personen und Geschichten, springt auch mal in den Zeiten und macht am Ende einen perfekten Knopf an diesen Teppich.
Und die Menschen vor Ort? Sie suchen und finden das Glück, sie benutzen es und lassen es durch ihre Finger rieseln. Es ist dieses entsetzliche Glück, das wir auch kennen und oft nicht zupacken, wenn es vorbeikommt.
Für mich eine literarische Entdeckung, die ich allen LeserInnen hiermit empfehle.
Ein Roman, den Sie sicherlich in einem Rutsch lesen werden.

Dienstag, 14.Mai

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Heute haben
Arthur Schnitzler *1862
Katherine Anne Porter * 1890
Max Frisch * 1911
Michael Lentz * 1964
Judith Hermann * 1970
Geburtstag
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Arthur Schnitzler
Wie wir so still …

Wie wir so still an einem Tische saßen,
Als hätten wir uns früher nie gesehn,
Und ganz geruhig unsern Spargel aßen,
Als wäre gar nichts zwischen uns geschehn,

Und wie sie mir – als wenn ich es nicht wüßte! –
Im Flüsterton erzählten, wer du bist,
Und ich zum Abschied dir das Händchen küßte,
Als hätt‘ ich deinen Nacken nie geküßt ..!
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Ich und meine Mutter von Vivian Gornick

Vivian Gornick: „Ich und meine Mutter“
Aus dem Englischen von pociao
Penguin Verlag € 20,00

Vivian Gornick wurde 1935 in der New Yorker Bronx als Kind jüdischer Einwanderer geboren. 1987 erschien dieser Roman in den USA. Jetzt, über 30 Jahre später, gibt es endlich eine deutsche Übersetzung. Aktueller könnte es gar nicht sein. Der Roman passt in unsere Zeit, in der Bücher von Didier Eribon und Annie Ernaux große Erfolge feiern. Freichlich  ist es schon verwunderlich, dass es das Buch nicht schon lange in diversen Auflagen hier zu lesen gibt.

Vivian Gornick beschreibt auf mehreren Ebenen, was es heisst als jüdisches Mädchen in einem Wohnhaus aufzuwachsen, in dem gewaltätige Männer und frustierte Frauen verschiednester Nationalitäten wohnen. Die jüdische Religion bestimmt den Alltag und ein entkommen aus dieser Enge fast unmöglich. Und gäbe es nicht den Zusammenhalt der Frauen, sähe es noch schlimmer aus. Gornick schreibt über ihr Heranwachsen, ihre sich entwickelnde Sexualität und ihre Emanzipation hin zu einem kämpferischen Feminismus. Parallel dazu begibt sie sich auf viele Spaziergänge mit ihrer alten Mutter durch Teile von Manhattan. Hier erfährt die Autorin vieles, was ihr als Kind verborgen geblieben ist. Die beiden unterschiedlichen Lebensentwürfe bleiben auch Jahrzehnte später unvereinbar. Und doch merkt die erwachsene Tochte, wie ähnlich sie in manchen Dingen ihrer eigenwilligen, zum Vergessen neigenden Mutter ist.

„Ich und meine Mutter“ ist ein starker, direkter, brutal offener Lebensrückblick.

Interview in der ZEIT

Leseprobe
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Mittwoch, 15.Mai ab 19 Uhr
Das Theater Ulm zu Besuch: Wortreich
IM DICKICHT DER STADT – LITERATUR AUS BERLINS ASPHALTDSCHUNGEL

Eintritt € 8,00. Bei uns in der Buchhandlung.

Die Gesellschaft im Umbruch und die Künste auf der Suche nach einer Sprache für die chaotischen Zeitläufte: Viele Dichter wählten die Großstadt Berlin als (Zerr-)Spiegel und Brennglas ihrer Beobachtungen: Mit Georg Kaiser und seinem Stück »Von morgens bis mitternachts« steht einer der bedeutenden Wegbereiter von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit in der Literatur der 1910er- und 20er-Jahre auf dem Spielplan des Theaters. »Wort-Reich« bringt Werke dichtender Zeitgenossen zu Gehör, die in ihren Erzählungen, Gedichten und Romanen ebenfalls das Dickicht der Stadt durchqueren und die Lebenswirklichkeit ausdrucksstark abbilden – von Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler bis Alfred Döblin und Hans Fallada.

Donnerstag, 8.November

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Heute haben
Bram Stoker * 1847
Margaret Mitchell * 1900
Peter Weiss * 1916
Kazuo Ishiguro * 1954
Geburtstag
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Karl Henckell
Feuerbrand

Ich bin ein Feuerbrand und schwimme
In einem Eismeer hin und her.
Es kommt die Nacht, wo ich verglimme,
Dann sprüh ich keine Funken mehr.

Die Robben und die weißen Bären,
Sie glotzen grimm auf meine Glut.
Wenn meine Flammen kraftlos wären,
Gleich fräße mich die kalte Brut.

Die Brut muß Brand und Lohe scheuen,
Sie watschelt weit herum im Kreis –
Ich muß die roten Funken streuen,
Bis ich vergeh in Nacht und Eis.
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Seit heute als Taschenbuch:

Acht Berge von Paolo Cognetti

Paolo Cognetti:Acht Berge
Penguin Verlag € 10,00

Claudia Wiltschek empfiehlt:

Pietro lebt mit seinen Eltern in Mailand, eine Stadt, in der sich sein Vater, aber auch seine Mutter nicht zurechtfinden, sind sie doch beide in den Bergen aufgewachsen. So oft wie möglich wird in die Berge gefahren, der Vater schnürt die Wanderschuhe und stürmt jeden nur möglichen Gipfel. Mit sieben Jahren ist auch Pietro soweit und möchte mit und damit beginnt ihre gemeinsame Zeit der grossen Bergtouren und Gipfeleroberungen. In Grana, einem kleinen Bergdorf im Aostatal wird eine kleines primitives Haus gemietet , in dem Mutter und Sohn den ganzen Sommer verbringen, der Vater kommt dazu, wenn es die Arbeit erlaubt. In Grana leben nur noch 14 Menschen, früher waren es einmal hundert und einer davon ist Bruno, das einzige Kind in diesem Dorf.
Bruno ist ganz anders als der gleich alte Pietro, meist sich selbst überlassen und muss die Kühe seines Onkels hüten. Nach anfänglichem Fremdeln freunden die beiden sich an, täglich sind sie gemeinsam unterwegs, streifen an endlosen Sommertagen durch schattige Wälder und folgen dem Wildbach bis zu seiner Quelle, oder erklimmen zusammen mit Pietros Vater die Gipfel.
„Acht Berge“ folgt dem Leben der Freunde über drei Jahrzehnte, aus der Perspektive von Pietro erzählt. Als der Vater stirbt, hinterlässt er seinem Sohn ein Grundstück bei Grana und nach vielen Jahren und ganz verschiedenen Lebenswegen treffen sich beiden wieder.
Man schlägt „Acht Berge“ auf und ist sofort in der Höhe, geniesst die Gipfel und die Natur und möchte nicht mehr absteigen. Ein stilles, berührendes Buch, das uns nicht nur in die Berge führt, sondern auch ganz feinfühlig über Freundschaft, Familie und den Lauf des Lebens erzählt.
Paolo Cognetti, 1978 in Mailand geboren, verbringt die Sommermonate immer in seiner Hütte im Aostatal auf 2000 Metern Höhe. Er hat Mathematik studiert, die Filmhochschule in Mailand besucht und gemeinsam mit einem Freund eine Produktionsfirma für Dokumentarfilme geleitet. Paola Cognettis neuestes Buch „Acht Berge“ stand wochenlang in den Top Ten der italienischen Bestsellerliste.