Freitag, 12.Mai

Heute haben
Werner Bräuning * 1934
und Eva Demski * 1944
Geburtstag
und Helene Weigel, Katherine Hepburn, Joseph Beuys.
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Paul Ernst
Auf dem Hof

Sonnenschein fällt in das letzte Sprühen des Mairegens.
Der neue Leiterwagen dampft in die Sonne.
Ein Tropfen blitzt.
Unter ihm, in einer kleinen Lache, blauer Himmel und weiße Wölkchen.
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Henning Sußebach: „Deutschland ab vom Wege
Eine Reise durch das Hinterland
Rowohlt Verlag € 19,95

Der Zeit-Reporter Henning Sußebach wandert von Nord nach Süd. Von der Ostsee bis zur Zugspitze. Na und?, werden Sie fragen. Kennen wir doch schon. Es wird doch gewandert, was das Zeug hält. Kerkeling, Büscher waren mit ihren Berichten auf den Bestsellerlisten. 1980 war Michael Holzach erster mit seinem Buch „Deutschland umsonst“. Was ist besonders an Sußebachs Buch? Warum brauchen wir es? Warum sollen wir es sogar lesen?
Die Idee hinter seiner Wanderung war, Deutschland auf ungeteerten Wegen zu durchqueren. 6,2 Prozent Deutschlands sind asphaltiert, betoniert. Er sucht den ungepflasterten Weg. Straßen überquert er im rechten Winkel, um möglichst wenig Asphalt unter den Schuhen zu spüren. Verrückt? Nein!, gar nicht.
Es wird natürlich keine Abenteuerreise, eine Wie-bin-ich-toll-Wanderung, sondern ein Weg durch die Randbezirke Deutschlands, durch Gegegenden, die in Zeitungen und im Fernsehen nicht vorkommen. Dort, wo es keine Schnellimbisketten gibt, keine Tankstellen, keine megaschnelles Internet. Dort, wo das aktuelle Leben an den Menschen vorbeizieht. Dort wo stramm rechts gewählt wird.
Für Sußebach wird es auch eine Reise von Ost nach West und eine Reise durch die Geschichte Deutschlands. Er trifft nicht die hippen Start-up-Jungs, sondern eine demente Frau, einen rumänischen Arzt, einen Hotelbesitzer und Menschen, die das laute, hektische Leben in den Metropolen nicht kennen. Er meidet diese großen Städte, läuft an deren Periferien entlang. Nur München lässt sich aufgrund der Isar locker unasphaltiert durchqueren.
Für Sußebach wird es auch eine Reise zu sich selbst. Raus aus dem Stress als Zeit-Journalist.

Henning Sußebach interviewt sich selbst.

Dienstag, 7.März

Heute haben
Alessandro Manzoni * 1786
Paul Ernst * 1866
Milo Dor * 1923
George Perec * 1936
Robert Harris * 1957
Breat Easton Ellis * 1964
Joanne Harris * 1964
Geburtstag
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Paul Ernst
Völker und Zeiten im Spiegel ihrer Dichtung
Indische Lyrik 1911


Berauscht vom Honig sät im Mangobaum
Der Kuckuck Küsse auf die Blüten nieder,
Die Bienen überm Lotus summen schwärmend
Und taumeln trunken tief in den Geliebten.
Die Mango-Blütenzweige schwanken tief,
Die rötlichen, von Blumentrauben schwer;
Ein sanfter Wind bewegt sie und bewegt
Der Frauen Sinn zu lauter Liebeslust.

Das letzte Geheimnis fremder Lyrik wird ja niemand erraten, denn das liegt in der Sprache verborgen, und die schönste Übersetzung kann immer nur eine Ahnung von ihm geben, etwa wie die Photographie von einem Bilde. Aber auch so gewährt das zierliche Heft eine reine dichterische Freude und einen schönen, klaren Genuß.
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David Van Reybrouck:Zink
Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert
Suhrkamp Verlag € 10,00

Die Zinkhütte von Kelmis im Mikrostaat Neutral-Moresnet / Quelle: SSPL via Getty Images

Im Mittelpunkt der 70 Seiten steht Neutral-Moresnet, eine Mikronation zwischen den Niederlanden bzw. Belgien und Preußen bzw. dem Deutschen Reich, die von 1816 bis 1919 Bestand hatte. Schon die wechselnden Namen der Nachbarstaaten erinnern an die kriegerische Vergangenheit des Kontinents.
Van Reybrouck erzählt die Geschichte des knapp vier Quadratkilometer umfassenden Territoriums einerseits sehr persönlich. Er nimmt sich einzelne Schicksale vor und verfolgt sie von der Geburt bis zum Tode. Er geht in Altersheime, redet mit uralten Bewohner des kleinen Landes, das so oft hin und her gerissen worden ist, wie seine Mitbewohner.
Gleichzeitig hat er wohl auch viele Akten und Archive durchforstet, Lexika gewälzt und im Netz recherchiert. Was dabei herauskam, ist eine aberwitzige Geschichten mitten in Europa, mitten in der Geschichte zwischen den zwei Weltkriegen. Wirtschaft, Politik, Esperanto, Leben und Sterben, Schmuggel und Prostitution baut er zu einem großen Kosmos im Kleinen zusammen und läßt uns erahnen, wie es diesen Menschen in diesem kleinen Flecken Erde ergangen sein mag. Skuril für uns nach all der langen Zeit, dramatisch sicherlich für die Menschen, die plötzlich gegen Freunde und Bekannte in den  Krieg ziehen mußten, weil die Staatsangehörigkeiten zu konfus waren.
Daß es das Land des Esperanto werden sollte, klingt dagegen schon sehr entspannt und es hätte dann „Amikejo“ geheißen: „Ort der Freundschaft“.

Mehr über das Buch erfahren sie sachkundig in der Buchbesprechung des SWR.
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Werner Färber Ungereimtheit der Woche
Allergische Reaktion

Allergisch war er gegen Nüsse
schon seit einer Ewigkeit.
Zugleich genoss er ihre Küsse,
egal zu welcher Tageszeit.
Nach intensivem Nussgenuss
verführte sie zum Schmusen ihn.
Nach ihrem langen, heißen Kuss
fand er kein Antihistamin …

Donnerstag

Heute haben
Alessandro Manzoni * 1785
Paul Ernst * 1866
Mio Dor * 1923
Georges Perec * 1936
Geburtstag
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Demnächst beginnt die Leipziger Buchmesse und Sie haben heute noch die Möglichkeit beim Publikumspreis mit abzustimmen. Voten heisst das neudeutsch!
Einfach die Titel noch einmal durchschauen und anklicken.
Hier geht es zur Auswahlliste.

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Nach dem es gestern ein sehr konstruiertes Buch gab, das eigentlich keinen Autoren hat, sondern aus 2584 Zitaten besteht, stelle ich heute eines vor, das auch von seiner Konstruktion, dem Aufbau lebt, aber natürlich vom Inhalt her überzeugt.
Sofi Oksanas Buch: „Fegefeuer“ gibt es schon als Taschenbuch und alle die es gelesen haben war sehr begeistert. Ich hatte bis her keine Zeit, das Buch zwischenreinzuschieben und habe es nun im Auto als Hörbuch gelesen.
Die gekürzte Lesung lebt von den VorleserInnen: Anna Thalbach, Katharina Thalbach, Julia Nachtmann, Heikko Deutschmann, Thomas Thieme. Das sind doch mal Namen.
Wie soll ich diese Geschichte kurz zusammenfassen, die sie so verschachtelt konstruiert, auf mehreren Erzählebenen lebt und doch sehr verständlich geschrieben worden ist? Jedes Kapitel wird mit der dazugehörigen Jahreszahl und dem Ort der Handlung überschrieben und reicht von den 30er Jahren bis 1992. Die Orte sind meist Estland, aber auch Deutschland, Russland.
Manchmal blieb mir die Luft weg, wie Sofi Oksanen brutale Szenen beschreibt. Meist Gewalt gegen Frauen. Und das dann morgens im Autoradio kommt, haut das schon ordentlich rein. Diese Beschreibungen sind jedoch notwendig, da sie die Hintergründe der jeweiligen Frauen besser verständlicher machen.

Fegeuefeuer

Sofi Oksanen: „Fegefeuer
456 Minuten auf 6 CDs
Hörbuch Hamburg € 24,95
als Taschenbuch € 9,99

Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, findet morgens bei sich im Garten ein Bündel, das sich als eine junge Frau herausstellt, die wohl irgendwie auf der Flucht zu sein scheint. Die alte Frau ist voller Misstrauen gegenüber jedem Fremden hier in diesem abgelegenen Dorf. Sie wird auch nachts immer wieder von Jugendlichen „besucht“, die nicht nur Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen. Letztendlich nimmt sie diese junge Frau doch ins Haus, steckt sie in ihre Badewanne und beginnt ein sehr zögerliches Gespräch. Was Aliide Tru nicht weiss, ist, dass Zara, so heisst die junge Frau, auf der Flucht vor ihren brutalen Zuhältern ist und als einzigen Anhaltspunkt Aliides Adresse hat, die wahrscheinlich die Schwester ihrer Grossmutter ist. Zara, ihre Mutter und ihre Grossmutter leben allerdings in der Sowjetunion und Zara kam nur in den Westen, um Geld für ihr Medizinstudium zu erarbeiten. Dabei kam sie in die Fänge der beiden Zuhälter.
Dies reicht eigentlich schon für einen Roman.
Sofi Oksanen erzählt jedoch, nicht chronologisch, die Jugend von Aliide und ihrer Schwester, die sich beide in den gleichen Mann verlieben. Aliide geht jedoch leer aus und überwindet diese Schmach nie.
Die politische Wandlungen in Estland sind brutal. Russen, Deutsche und wieder die Russen. Geheimdienste, Lager und KZ, Misstrauen und Bespitzelung bestimmen den Alltag. Was heute noch gut war, kann einem am nächsten Tag schon den Gulag einbringen. Aliide heiratet für ihrer aller Sicherheit einen Russen, der aktiv in der Partei ist.
Dass dies nicht einfach und zum Teil auch voller Brutalität ist. Dazu kommt diese Gegenwartsgeschichte, in der sich die beiden Frauen immer näher kommen, aber die Wahrheit nie so richtig ans Licht kommt.
Eines kann ich ihnen aber verraten. Für Zara geht es gut aus.
Die Kritikerstimmen sind voller Lob und das auch zurecht. Sofi Oksanen hat einen wahnsinnig spannenden Roman geschrieben, der die Gewalt in der Politik und die Gewalt der Männer an Frauen so beschreibt, wie es dem Alltag entspricht. Durch diese wenigen Figuren kann man sich gut vorstellen, wie dieses Estland jahrzehntelang gequält worden ist, bis sie zu Beginn der 90er Jahre ihre Unabhängigkeit erlangt haben. Auch das nicht gewaltfrei.

Iris Radisch über: „Fegefeuer“
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