Freitag, 9.Juni

Heute haben
Bertha von Suttner * 1843
Rudolf Borchardt * 1877
Richard Friedenthal * 1896
Curzio Malaparte * 1898
Jurij Brezan * 1916
Patricia Cornwell * 1956
Wolfram Fleischhauer * 1961
Geburtstag
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Wer die Opfer nicht schreien hören, nicht zucken sehen kann, dem es aber, sobald er außer Seh- und Hörweite ist, gleichgültig ist, daß es schreit und zuckt – der hat wohl Nerven, aber – Herz hat er nicht.
Bertha von Suttner, Friedensnobelpreis 1905
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Manchester by the Sea
Regie: Kenneth Lonergan
Schauspieler: Casey Affleck/Michelle Williams/Kyle Chandler u a,
USA 2016 € 14,99
FSK ab 12

Endlich gibt es dieses Film auf DVD. Ein Film, für den Casey Affleck den Oscar für die beste Hauptrolle bekommen hat und in dem Michelle Williams so grandios spielt.
Eine Großstadt in den USA. Ein irisches Quartier. Wir sehen Lee Chandler wie er immer und immer wieder Schnee schnippt, Rohre repariert und anderen Hausmeistertätigkeiten nachgeht. Er ist verstockt, redet kaum, hebt nicht die Augen. Es scheint eine selbstgewählte Einsamkeit zu sein, in die er sich gezwängt hat. Nur während seinen abendlichen Trinkgelagen geht er aus sich raus, in dem er Schlägereien provoziert und somit seinen Körper wieder spürt. Wenn auch sehr schmerzhaft.
Aus diesem Alltag wir er herausgerrissen, als sein Bruder stirbt und er das Sorgerecht für dessen Sohn bekommt. Ein Unding für ihn. Er, der seinen Job dafür aufgeben und wieder nach Manchester-by-the-Sea ziehen muss. Ein kleines Fischer- und Arbeiterstädtchen an der Ostküste der USA. Dort hat er gelebt, bis ihn ein grausamer Vorfall aus der Spur geworfen hat. Seine Frau lebt noch dort. Hochschwanger von einem neuen Mann.
Wie Blitze, wie Einschüsse bekommen wir in kurzen Sequenzen Stück für Stück mit, was damals vorgefallen ist und wie Lee und seine Frau den Boden unter den Füßen verloren haben.
Der Film hat jedoch auch jede Menge humorvolle, slapstickartige Szenen. So jongliert sein Neffe, der ihm zugewiesen worden ist, den ganzen Film über mit zwei Schulfreundinnen. Die Dialoge der beiden Männer sind voller kleiner Weisheiten, Fragen an die Welt und Witz, der gut zu den beiden Alleinstehenden passt.
„Manchester by the Sea“ ist ein ruhiger Film über die Trauer, über das Versuchen das Leben, das neue Leben zu meistern. Verluste und Hoffnungen sind eng miteinander verbunden. Und wenn sie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ gelesen haben, finden Sie auch dort mit Jude einen Mann, der sein Leben lang versucht, sein Leben zu meistern und sich bei seinen Freunden für sein Fehlverhalten entschuldigt. Dort geht es nicht gut aus. Hier in diesem Film gibt es ein Happy- mit einem Nicht-Happy-End. Ein Ende das zeigt, daß Lee auf dem für ihn passenden Weg ist. Daß er es versucht und die neuen Kontakte nicht verbricht.

Mittwoch

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Rasmus Schöll empfiehlt:

1

„Citizenfour“
DVD  ca. € 16,00

„Beobachtet zu werden macht unfrei“
Glenn Greenwald

Citizenfour war das Pseudonym Edward Snowdens, unter dem er mit Glenn Greenwald und Laura Poitras 2013 Kontakt aufnahm, ehe sein wahrer Name so weltberühmt werden sollte und er zur Speerspitze der Freiheit wurde. „Citizenfour“ steht für die Veranwortlichkeit der Zivilgesellschaft und dient, so Snowden zu zeigen, dass er nicht der Erste und nicht der Letzte sein wird. Der gleichnamige Film von Laura Poitras erhielt dieses Jahr den Oscar für den besten Dokumentarfilm 2015 und ist Teil der Triologie in der die Regisseurin die Folgen des „Kriegs gegen den Terror“ nach dem 9/11 aufzeigt. Wir alle haben mehr oder weniger den Namen Edward Snowden und seine Taten wahrgenommen. Doch wer ist Edward Snowden und was ist seine Motivation? Dies verrät dieser Film. Es werden die Tage Snowdens, vor dem großen Scoop, in Hongkong gezeigt. Ein kleines Hotelzimmer. Es wird gefilmt, während Snowden Greenwald die Dokumente erklärt, es wird gefilmt, als mehrfach der Feuerarlam angeht und man die Sorge in den Snowdens sieht. Im Laufe des Films wird immer mehr und mehr klar, welch skrupellose Macht von den Geheimdiensten ausgeht und wie allumfassend die Überwachung und Abschaffung der Demokratie und der freien Ordnung mittlerweile vorangeschritten ist. Wie berechtigt, die Sorge in Snowdens Blick. Und was für ein mutiger Mensch.
Dieser Film  zeigt mutig und spektaktulär die Tage der Enthüllung der NSA-Dokumente.
Laura Poitras ist eine begnadete Regisseurin und Beobachterin.
Eine absolute Empfehlung.

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Mittwoch

Heute haben
Charles Baudelaire * 1821
Ludwig Hohl * 1904
Lew Kopelew * 1912
Johannes Bobrowski * 1917
Carl Amery * 1922
Arnold Stadler * 1954
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Letzten Dienstag hatten wir Ludwig Hohl kurzen Text „Bergfahrt“ im Buchladen vorgestellt und hier auf dem Blog gepostet. Heute hat er seinen 110.Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch
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Gut, dass es Kunden gibt; gut, dass es Kunden gibt, die mich immer wieder darauf hingewiesen haben, dass dies ein toller Film sei und dass ich den doch bitte aufnehmen solle und ob ich ihn schon gesehen hätte. Nein, hatte ich noch nicht, aber in den Laden gestellt sofort und oft schon verkauft. Jetzt habe ich ihn angeschaut und bin hin und weg.

Sugar

Searching for Sugarman
Regie: Malik Bendjelloul
Schweden/Grossbritannien 2012
DVD € 16,99
Auch als Soundtrack auf CD erhältlich € 14,99

2013 ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm, zeigt er uns ein Popmärchen, eine Geschichte, die eigentlich gar nicht wahr sein kann. Und doch ….
Sixto Rodriguez lebt in Detroit, arbeitet auf dem Bau, entbeint alte Häuser und streicht nachts durch die Bars und Clubs seiner Stadt, um mit seiner Musik aufzutreten. Es sind die 60er, 70er Jahre. Irgendwann werden zwei Musikagenten auf ihn aufmerksam und versuchen mehr über ihn herauszufinden. Doch niemand weiss genau, wo er wohnt, wo er auftritt, oder wie er wirklich heisst. In einer nebligen Nacht klappt es endlich. In einer Bar am Hafen ist es drinnen genauso vernebelt, wie draußen und sie treffen ihn auf der Bühne singend – mit dem Rücken zum Publikum. Weitere Treffen folgen immer an irgendwelchen Straßenecken, die er kurz vorher am Telefon durchgibt. Sie nehmen eine Platte auf, die Manager sind begeistert. Sie haben so etwas noch nie gehört.  Endlich wieder eine politische Stimme, die es ehrlich meint. Doch die Platte flopt, genauso, wie eine zweite. So verschwindet Rodriquez wieder im Nirgendwo in Detroit. Irgendwie gelangt seine Platte „Cold Fact“ nach Südafrika. Dort herrscht eine gnadenlose Apartheid. Die Regierung schlägt jede Gegenbewegung brutal nieder. Die Lieder dieser Platte machen die Runde und werden zum Soundtrack des Widerstandes. Niemand weiss etwas über den Künstler. Es gibt noch kein Internet; Recherchen ergeben nichts. So dass die Menschen dort nur die Platte mit einem Bild von ihm vorne und den Texten hintendrauf. Das erste Lied ist der Regierung nicht genehm und sie zerkratzt auf den Schallplatten in den Radiosendern diese Rillen, damit sie nicht gespielt werden können. Das feuert jedoch den Mythos immer mehr an. Seine Platten verkaufen sich mehr, als die der Rolling Stones und Elvis. Jeder Plattenbesitzer hatte wohl Abbey Road von den Beatles im Regal und halt auch Sixto Rodriquez. Aber: Keiner kennt ihn und er selbst weiss nicht von seinem Erfolg. Kein Geld fließt von Kapstadt nach Detroit. Es heisst, er habe sich auf der Bühne erschossen, er habe sich angezündet. Er ist tot und es gibt nur diese Platte von ihm.
Es gibt jedoch einige Männer, die das nicht wahrhaben wollen und forschen mit dem, was sie haben. Sie lesen jede Textzeile hundertfach, um Informationen darauszuziehen. Und tatsächlich: Eines nachts klingelt in Kapstadt das Telefon und am anderen Ende ist Rodriquez. Unglaublich. Er lebt. Sie können es alle nicht fassen und er ist sprachlos über seinen Erfolg in Südafrika. Er gibt dort sechs ausverkaufte Konzerte. Die Zuhörer sind extatisch, dass sie endlich ihr Idol erleben können. Eine Legende, die von den Toten auferstanden ist.
Die Filmemacher lassen die Nachforscher auftreten, seine ehemaligen Manager, Plattenbosse und seine Kinder zu Wort kommen. Sie verfolgen den Weg dieses Mythos der Popgeschichte bis in die Gegenwart und treffen ihn in Detroit. Arbeitskollegen erzählen von seinem Leben dort und wir erfahren, wie er denkt, was in ihm vorgeht.
Ein unglaublich guter Film, der mich wirklich gepackt hat. Er nähert sich ganz langsam dem Musiker und wird immer intensiver. Die Nachforschungen, wo das viele Geld geblieben ist, bleibt genauso ein Mysterium, wie das, dass niemand davon wusste, dass Rodriquez ein Superstar war, in den USA nirgends seine Platten zu kaufen waren.
Ein Märchen, ein rührende Geschichte, die packend bis zum Ende ist und fast zu Tränen rührt.
Eine überwältigende Geschichte über einen Mann, der seinen Weg geht, egal was passiert.