Freitag, 5.November


Heute haben
John Berger * 1926
Hanns-Joseph Ortheil * 1951
Geburtstag
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„Ich setzte mich an eines der großen Fenster, durch die man den Verkehr auf dem Largo beobachten konnte, ganz in der Nähe hatte der junge Thomas Mann mit der Niederschrift seiner Buddenbrooks begonnen, ich wusste das seit ewigen Zeiten, aber ich hatte mir nie vorstellen können, wie man angesichts der römischen Verhältnisse rings um diesen Largo ausgerechnet mit so etwas wie einer hanseatischen Kaufmannsgeschichte hatte beginnen können.“
Hanns-Josef Ortheil: „Die Erfindung des Lebens“
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Dr.Leon Windscheid: „Besser fühlen
Eine Reise zur Gelassenheit
Rowohlt Verlag € 16,00

Hey Hirn!
Warum wir ticken, wie wir ticken
Heyne Verlag € 9,99

Dieser Mensch, dieser Autor hat es drauf.
Ich bin sehr unbedarft ins Ulmer Stadthaus geradelt, um den Büchertisch zu betreuen.
Seit Wochen ausverkauft, war der Saal mit 350 jungen Menschen voll, die Leon Windscheid von seinen Podcasts kennen. Dann steht der Autor allein auf der Bühne und unterhält die Zuhörer:innen über zwei Stunden lang.
Klug witzig, pointiert nimmt er den Saal mit auf seine Reise, erzählt, stellt Rätsel, holt Menschen auf die Bühne, fordert Applaus, bekommt in rauschend und bringt die Menschen zum Lachen und Nachdenken.
Er erwähnte am Ende seines Vortrages, dass im Foyer ein Büchertisch steht, betreut von einer örtlichen Buchhandlung, und dass er gerne (nicht nur) von dort gekaufte Bücher signiert.

So kam ich also sehr spät und voll von Eindrücken ins Bett und lasse den Psychologen selbst zu Wort kommen:

Der Psychologe Dr. Leon Windscheid begibt sich auf eine bewegende Reise durch unser Innenleben. Gefühle bestimmen unser Leben, und doch wissen wir wenig über sie. Hat Angst auch eine gute Seite? Gibt es sie, die ewige Liebe? Wofür brauchen wir eigentlich Langeweile? Windscheid verbindet überraschende wissenschaftliche Erkenntnisse mit Einsichten aus Tausenden Jahren Menschheitsgeschichte. Er zeigt, was gerade starke Emotionen wie Trauer und Wut so wertvoll macht und wie sie uns als Menschen helfen. Am Ende gewinnen wir ein neues Bild von uns selbst und verstehen, wieso Fühlen unsere größte Stärke sein kann. 

Wikipedia stellt Sie knapp als «bundesdeutschen Unternehmer» vor, obwohl Sie doch eine ganze Menge mehr sind: Psychologe, promovierter Wirtschaftswissenschaftler, Buchautor, Keynote-Speaker, Podcaster, Science-Slammer, Juror, Kapitän der MS Günther etc. Wie schaffen Sie es, all das unter einen Hut zu kriegen – zeitlich, mental, emotional?
Es ist gut möglich, an die eigenen Leistungsgrenzen zu gehen, wenn man es schafft, für einen Ausgleich zu sorgen. Das mache ich ganz bewusst. Für mich gibt es nichts Schöneres, als am Wochenende aufs Fahrrad zu steigen und in die Münsteraner Rieselfelder zu fahren – ein Vogelparadies und Naturschutzgebiet, wo dann wirklich nichts ist als man selbst und die Natur. Das erdet mich komplett, hier kommen meine Gedanken zur Ruhe. Ich brauche solche Phasen, in denen in meinem Kopf mal gar nichts passiert. Damit sich all das, was aufgewirbelt wurde, setzen kann. Kurz: tiefruhige Momente, in denen all das einsortiert, verarbeitet und vor allem verstanden wird, was wir aus der Welt mitgenommen haben. Solche Inseln schaffe ich mir ganz bewusst.

Ihr Buch «Besser fühlen» ist eine Einladung zu einer Reise durch zehn unterschiedliche Gefühlslandschaften: Angst, Verliebtsein, Zeitgefühl, Wut, Hunger, Selbstmitgefühl, Trauer, Langeweile & Geduld, Leidenschaft, Glück. Was macht Gefühle zu unserer größten Stärke?
Der Mensch definiert sich über seine Intelligenz, deswegen nennen wir uns Homo sapiens, der weise Mensch. Es war dieses Mehr an IQ, wovon wir dachten, dass uns das von allem und allen anderen absetzt. Seit 300.000 Jahren standen wir evolutionär immer ganz oben an der Spitze. Doch seit wenigen Jahren überholen wir uns mit unserer Technologie selbst. Wir haben Maschinen geschaffen, die so schlau, so smart sind, dass wir nicht mehr allein auf dem Intelligenzthron sitzen. Das macht mächtig Druck, und der Druck wächst. Denn wir wollen mithalten, wollen immer mehr Leistung liefern und Energie aus unserem Kopf pressen, um mit den künstlichen Intelligenzen mitzuhalten. 
Wenn wir uns bewusst machen, dass es in Wirklichkeit nicht unsere Intelligenz ist, die uns einzigartig macht, sondern die große Bandbreite unserer Gefühle, bleiben wir einzigartig. Es ist selbst in den kühnsten Fantasien der Technikjünger einfach unvorstellbar, dass eine Maschine Mitgefühl empfindet, dass ein Roboter Empathie zeigt oder dass ein Algorithmus versteht, was Liebe ist. Wir hingegen können alle diese Emotionen empfinden und für uns selbst und im sozialen Miteinander nutzen. Die größte Stärke der Gefühle ist, dass sie uns Menschen so einzigartig macht. 

Im Kölner Talk bei Bettina Böttinger haben Sie auf den Dauerclinch zwischen dem Hier-und-jetzt-Selbst und dem Zukunfts-Selbst hingewiesen. Ein Stichwort war da: Wir müssen den sprichwörtlichen Geduldsfaden spinnen. Ist Geduld erlernbar?
Geduld erscheint uns erst einmal nicht als Gefühl, sondern als eine Fähigkeit. Doch das ist nicht ganz korrekt. Denn wenn wir an Ungeduld denken, ist sofort klar, dass das ein Gefühl ist. Wir fühlen uns ungeduldig, wenn wir an der Kasse warten müssen oder einen Tag länger als angekündigt auf ein Paket. Genauso ist es mit der Geduld: Wir spüren sie. Denn wie andere Gefühle auch können wir die Geduld trainieren, wie einen Muskel. Indem wir ihn benutzen, wird der Geduldsfaden in unserem Kopf zu einem dickeren, strapazierfähigeren Strang. In vielen Köpfen ist offensichtlich der Geduldsfaden gerissen. Wir leben in einer Now-Economy – wir wollen alles im Jetzt, im Hier, im Sofort. Aber gerade die langfristigeren Ziele und die komplexeren Probleme brauchen oft den langen Atem, das Durchhaltevermögen, die Marathonmentalität. Dieser «Geduldsmuskel» bekommt ein kleines Workout, indem ich die kleinen Geduldsproben des Alltags akzeptiere und mich nicht ablenke, indem ich über ein Handy wische oder mich in irgendeine Wut hineinsteigere. Das macht mich für die Langstrecke geduldiger – aus meiner Sicht eine wichtige Gefühlskompetenz. 

Die komplexe Intelligenz als Alleinstellungsmerkmal unserer Spezies wird uns von immer smarteren KI-Maschinen streitig gemacht. Sie sagen, etwas zugespitzt: Dummheit ist unsere Chance, «try being stupid». Ein bisschen «stupid» zu sein – was bringt uns das in der globalisierten digitalen Moderne? 
Die Zukunft der Menschheit liegt auch in der Vergangenheit. Wenn wir verstehen, wo wir Menschen herkommen, verstehen wir auch, wo unsere Zukunft liegen könnte – weil wir erkennen, was uns wirklich ausmacht. Sehr vieles von dem, was wir heute als «dumm» bezeichnen, weil es auf den ersten Blick nicht rational ist und nicht in unsere IQ-Gesellschaft passt, ist trotzdem etwas extrem Wichtiges – ob es sich um die Angst vor einer Rede handelt, um Liebeskummer nach einer Trennung oder schallendes Lachen über einen simplen Witz. Gerade auch die negativen Gefühle, die wir gerne verdrängen möchten und die uns «dumm» vorkommen, bringen uns in unserer Entwicklung voran. Deswegen ist ein bisschen «stupid» sein auch sehr menschlich, weil: Maschinen sind niemals dumm. 

Können Psycho-Apps (zu Gehirnjogging, Glückscoaching etc.) uns helfen, aus dem Hamsterrad von Hirnstress und Selbstoptimierung herauszukommen? Oder ist dieser ständige Wunsch nach Upgrading nicht genau das Problem?
Ich sollte mich immer fragen, warum ich diese App benutze. Denn wenn ich eine Achtsamkeits-App nutze, um meine Leistung zu pushen, meine Performance zu steigern, dann mache ich das Gegenteil von dem, worauf diese App abzielt, nämlich auf eine ehrliche Betrachtung meiner selbst. Ich soll mich so verstehen, wie ich wirklich bin. Ich möchte auch die schlechten Gefühle annehmen und zulassen. Deswegen würde ich bei diesen Apps immer zuerst fragen, um was es mir geht. Bei Gehirnjogging-Apps zeigt sich, dass sie uns genau in dem Bereich besser machen, den wir trainieren (Sudoku lösen, Zahlenreihen etc.); aber das heißt nicht, dass man sich im Alltag Dinge besser merken kann. Apps, bei denen es um Achtsamkeit, um Meditation geht, darum, in dieser hektischen, gestressten Welt zu uns zu finden und aus dem inneren Hamsterrad rauszufinden, haben absolut ihre Daseinsberechtigung. 

Wie finden wir zur Ruhe? Können wir überhaupt noch Langeweile und Alleinsein ertragen? Lassen wir uns Zeit zu trauern? Es sind viele existenzielle Fragen, die in Ihrem Buch aufgeworfen werden. Müssen wir nun alle in Therapie – oder kann es uns in Eigenregie gelingen, «besser zu fühlen»?
Jeder dritte Deutsche erfüllt einmal im Jahr die Kriterien einer psychischen Störung; nur ein Bruchteil dieser Menschen holt sich Hilfe (oder versucht es, weil man oft Monate auf einen Therapieplatz warten muss). Das heißt, unser Gesundheitssystem ist komplett auf Kante genäht. Es wäre fatal, wenn alle zur Therapie rennen würden. Das würde denen schaden, die wirklich auf dem Zahnfleisch gehen und am Ende sind. Trotzdem gilt, dass wir bei psychischen Problemen viel zu lange warten, weil das noch immer für viele ein Tabuthema ist. Wir rennen permanent zum Zahnarzt, auch wenn wir nichts haben: zur Kontrolle, zur Vorsorge. Wir machen Sport, um für unseren Körper was zu tun. Wann aber tun wir etwas für unsere Psyche, wann spendieren wir uns so etwas wie Psychohygiene – jenseits von Therapie oder Krankenschein? Man kann einiges für sich tun, auch ohne sich direkt in Therapie zu begeben. Vielleicht gibt mein Buch «Besser fühlen» da eine Reihe wichtiger Impulse. 

(Gefunden auf der Internetseite des Rowohlt Verlages)



Mittwoch

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Heute haben
Hans Sachs * 1494
und Hanns-Josef Ortheil * 1951
Geburtstag.
Aber auch uns Uwe Seeler.
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Ich denke, ich sollte diesem Blog einen anderen Namen geben. Vielleicht „Das literarische Netz“. Immer wieder tauchen Verknüpfungen auf und lassen mich merken, dass in der Literatur im Literaturbetrieb vieles sehr eng miteinander verwoben ist

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Gestern packte ich einen Karton mit Büchern aus dem Suhrkamp Verlag aus. Mittendrin u.a. Neuauflage von Lutz Seiler, der den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und Jürgen Becker, dem Preisträger des diesjährigen Büchner Preises.
Ich blättere im Gedichtband „pech und blende“ und bleibe bei „doch gut war“ hängen. einem Gedicht, das Lutz Seiler Jürgen Becker widmete.

“ zu atmen, aus
& ein ging die atmung im gipsschiff

& einsam wie crusoe im schiefer,
tief
im radio schlief das radiokind …
ich sah crusoe, meinen vater;“

Wer den Gewinneroman „Kruso“ von Lutz Seiler gelesen, oder über ihn gelesen hat, dem fallen sofort die Bezüge auf. Kruso, sowieso, und auch das Radio, das dauernd in der Küche dudelte, bis es mit einer Küchenutensilie ermordert worden ist. Dazu kommt noch die Widmung für Jürgen Becker, der in seinen Aufzeichnungen „Schnee in den Ardennen“ u.a. über Ahrenshoop und eine dort ansässige Künstlerin schreibt, über die uns Herr Seidel in der Buchhandlung schon einen kurzen Vortrag gehalten hat.
„Das Netzwerk, an dem die Galeristin arbeitete, dehnte sich weit und weiter aus.“
Ahrenshoop hat natürlich wieder direkt mit Uwe Johnson, Mecklenburg, den „Jahrestage“ zu tun und Jürgen Becker schreibt einige Seiten weiter vorne auch ein Kapitel über das große Werk. Er schreibt über Johnsons Umgang mit seinen Personen. Mit Gesine und Marie. Wie er sie sich ausdachte und wie sie sich während seines Aufenthaltes in New York vermenschlichtigten und selbstständig machten.
„In Mecklenburg, sagt Jörn, finde ich eine Landschaft des Verlust, den das Gedächtnis des Schriftstellers auzuheben versucht hat.“
„Ob Gesine Cresppahl mit ihrer Tochter Marie in New York noch lebt?“, schreibt Becker und berichtet, wie Johnson seiner Gesine in der 42.Straße über den Weg gelaufen ist und er sie in seinen Roman gepackt hat. Als dies geschehen war, ließen sie ihn nicht mehr los und er musste wissen, wie es ihnen nach den 1.700 Seiten ging.
„- Hello?
– Please, ähm, I’m speaking with gesine Cresspahl?
– Who are you?
– My name ist Winter, Jörn Winter, coming from Germany, and …
– What do you what?
…“
So stellt sich Jürgen Beckers Figur (Jörn Winter) ein erstes Gespräch mit Gesine vor, wenn er sie denn suchen und finden würde in ihrem Appartment im Riverside Drive. So könnte er die Biographie der beiden Damen fortschreiben, die zur Zeit des Romanes von Jürgen Becker siebzig, bzw. Mitte vierzig sein müssten.
So sind wir also mitten in den Jahrestagen, aus denen wir Ende August von 19.00 bis 1.00 in der Nacht vorgelesen haben. Und am Rednerpult hing eine Fotografie des großen Hauses, in denen die Cresspahls wohnten, das ich gemacht hatte, als ich sie in New York besuchen wollte, mich aber nicht bis zum Klingelbrett vorgewagt hatte.
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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, sagt einst Sepp Herberger. Und nach einer schönen, vollen „Ersten Seite“ in unserer Buchhandlung, möchte ich Ihnen in den nächsten Tagen immer wieder Texte von Karen Köhler zeigen, die am Freitag, den 14.11. ab
19 Uhr aus ihrem Buch „Wir haben Raketen geangelt“ bei uns lesen wird.
Diesen Text hat sie exklusiv für die Ulmer Südwestpresse geschrieben, nachdem sie, wegen einer Krankheit, die Teilnahme am Ingeborg Bachmann-Wettbewerb absagen musste.

„Ich puller mich ein“

Protokoll eines Zweifels: Die Autorin Karen Köhler liest beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

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Ich habe diese Angewohnheit, mir immer das Schlimmste vorzustellen, mir mein privates Worst-Case-Scenario auszumalen, um irgendwie aufs Leben vorbereitet zu sein. Als ich eine Mail mit dem Betreff „Winkels“ von meinem Verlag erhalte, denke ich zum Beispiel, dass sich darin eine wohlformulierte höfliche Absage verbergen wird und lasse die Mail erstmal ungeöffnet in meinem Postfach liegen.

Ich kenne Hubert Winkels aus dem Fernsehen. Er ist einer der Juroren, die in Klagenfurt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur über Texte urteilen, sie auseinandernehmen, interpretieren, analysieren, sie bei Bedarf auch verreißen oder loben, um am Ende, nach drei Tagen dann einige Preisträger zu bestimmen. Und das alles eben auch noch live im Fernsehen. Seit ein paar Jahren verfolge ich das Ingeborg-Bachmann-Wettlesen über Livestream und Twitter. Sieben Juroren laden jeweils zwei Autoren mit einem Text ein. Mein Verlag hat Winkels zwei Texte von mir geschickt.

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Klick. Mail geöffnet. Da steht, dass Hubert Winkels mich mit einem Text einladen wird. Klagenfurt. Ingeborg-Bachmann-Preis. Wettlesen. Das, das sind die anderen, die richtigen, die echten Literaten. Das sind die Katja Petrowskajas und die Benjamin Maacks. Das bin doch nicht ich. Das muss ein Irrtum sein. Ein Scherz. Ein Missverständnis vielleicht. Kurt Felix, kannst rauskommen. Nicht lustig.

3
Vielleicht überlegt Hubert Winkels sich’s noch mal. Oder: Vielleicht kommt in den nächsten Tagen eine Mail, in der drinsteht, dass es sich um ein furchtbares Missverständnis handle, man habe die Texte verwechselt und eingeladen werden sollte eigentlich jemand anderes. Ich warte ab. Es kommt eine weitere Mail mit dem Betreff „Winkels“. Klick. Meine Agentur gratuliert mir. Ich fürchte: Spätestens in Klagenfurt wird dann rauskommen, dass ich gar nicht schreiben kann.

4
Ein paar Wochen später: Mein Telefon klingelt. Hubert Winkels ist dran. Es scheint zu stimmen. Er lädt mich zum Wettlesen ein. Ich wurde nicht vertauscht.

Holy shit. Die Worstcase-Turbine in meinem Kopf läuft: Wer sind die anderen Autoren? (Hoffentlich MitleserInnen mit Humor. Damit lässt sich vieles überstehen. Wenn schon scheitern, dann wenigstens umgeben von Intelligenz.) Was, wenn ich die Startnummer 1 ziehe und als Erste lesen muss? Wer leiht mir seine Elefantenhaut? Was, wenn ich mich einpullere, live? Oder was, wenn ich einen Migräneanfall habe? Oder Lippenherpes? Zack. Oder schlimme Schweißflecken unter den Armen? Oder Nasenbluten? Oder einen endlosen Hustenanfall? So einen hatte ich schon mal im Theater. Es war furchtbar. Oder was, wenn ich mich ständig verhasple? Wie überlebt man das? Soll man sich die Jury nackt vorstellen? Überhaupt: Was ziehe ich an? Kann man die Socken auch sehen? Wie laut soll man lesen? Muss man sein Manuskript selber mitbringen? Soll man das Wasserglas ansehen, es berühren, daraus trinken? Es exen? (Antworten bitte an @KareninaKoehler twittern)

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Mein Vater sagt, das ist wie bei einer Olympiade: Dabeisein ist alles. Klar. An die Preise wage ich ja auch gar nicht zu denken. Die sind für die echten, richtigen Literaten. Ich will das nur überleben, will da in Würde irgendwie durch gelangen.

6
Die ersten Mails vom ORF und 3 Sat trudeln ein. Organisatorisches. Die Texte müssen in der Endfassung abgegeben werden. Porträtfilme sollen gedreht werden. In mir ist großes Widerstreben, irgendwie auf diese Art vermarktet zu werden. Ich will nicht vor der Kamera an repräsentativen Orten meiner Stadt vor einer bewegten Menschenmenge stehen. Mir Notizen machen. Oder auf meinem Sofa sitzen und über mich sprechen. Das geht niemanden was an, wie mein Sofa aussieht. Ich entscheide also: Ich will in meinem Porträtfilm gar nicht vorkommen, und bastle aus Raumfahrtarchivmaterial der 60er Jahre etwas zusammen, unterlege es mit einem Miniaturtext von mir, und hoffe, dass mir niemand dafür den Kopf abreißt.

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Zum Glück habe ich bis kurz vor dem Wettbewerb noch einen Mount-Everest-Arbeitsberg zu erklimmen, da bleibt wenig Zeit für weitere Zweifel. (Dachte ich.) Aber sie tauchen immer wieder auf: Mein Text ist zu punk, zu wenig Literatur, zu dick zu dünn, zu dies zu das. . .

8
Die Teilnehmerliste wird veröffentlicht. Tatsächlich. Ich bin dabei. Da stehen die Namen der anderen Autoren und meiner mittendrin. Auf einige freue ich mich. Manche sagen mir nichts, so wie auch ich manchen wohl gar nichts sagen werde. Ein Bekannter fragt mich, ob ich jetzt lesen übe. Und dass die anderen Autoren jetzt meine Feinde seien. Quatsch, sage ich.

9
Auf einmal denke ich, dass meine Arbeit ja schon gemacht ist: Der Text ist ja bereits geschrieben. Er wurde ausgewählt, nun muss ich ihn nur noch vorlesen. Wer dann was dazu sagt, und wie wer das findet, das hat mit mir und meiner Arbeit nichts mehr zu tun. Das ist die Metaebene, auf der die anderen tanzen. Vielleicht gefällt er nicht, vielleicht fällt er durch, vielleicht mag ihn jemand, aber das alles kann ich nicht mehr beeinflussen, das ist Show, das ist Politik, das ist der Literaturbetrieb. Da kann ich nur zusehen, an die Heisenbergsche Unschärferelation in der Kunst denken und daran, dass die messenden Instrumente das Messergebnis bereits beeinflussen.

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Ich rede mir ein: Toll: Österreich, Wörthersee, Schwimmen, Sonne, Kasnudeln, Ferien. . . Mein Po ist trotzdem auf Eis.

(Alle Rechte bei der SWP, Ulm und der Autorin)

Dienstag

Heute hat H.J.Ortheil (* 1951) Geburtstag
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Und gestern abend hat Tim Berne mit seinem Snakeoil Quartett das Ulmer Stadthaus leergefegt.
Zumindest bei einem guten Teil der Zuhörer ist es ihm nach dem ersten Teil gelungen. Der harte Kern war nach dem Konzert sehr begeistert, aber auch sichtlich geschafft.

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Richard Hughes:Orkan über Jamaika
Aus dem Englischen von Michael Walter
Originaltitel: A High Wind in Jamaica
Dörlemann Verlag € 19,90

Nach „In Bedrängnis“ folgt nun der erfolgreichste Roman von Richard Hughes in einer Neuübersetzung von Michael Walter. Ein großes Lob an den Dörlemann Verlag und ein Dankeschön noch hinterher. Für den Inhalt und für die Verpackung. Das ist doch genau diese Gegenbewegung zu Internet und eBook, die wir so lieben. Eine gute Übersetzung eines guten Stoffes. Schön gesetzt und gedruckt und sehr schön verpackt in Leinen. Bitte machen Sie weiter so.
Richard Hughs wurde 1900 in Surrey / England geboren. Dieser Roman erschien 1928, „In Bedrängnis“ zehn Jahre später. Auch hier nimmt uns der Autor mit auf See. War es beim letzten Roman noch eine romanhafte Beschreibung eines Hurrikans, so befinden wir uns jetzt auf einem Seeräuberschiff, die Kinder mit an Bord haben. Diese Kinder, die zehnjährige Emily Bas-Thornton, John, Emily und die „Krümel“ wurden von ihren Eltern nach einem Sturm in Jamaika auf ein Schiff gebracht, damit sie wieder nach England zurückkehren können. Der direkte Weg blieb ihnen jedoch versperrt und sie befinden sich nun unter der Kontrolle dieser Männer, die Schiffe überfallen, aber kein Blut vergießen wollen. So ganz erfolgreich sind die Piraten dann auch nicht. Einmal kapern sie ein Schiff mit Zirkustieren. Was wollen sie denn damit? Auch der geplante Kampf zwischen Tiger und Löwe gestaltet sich zuerst sehr zäh, da die beiden wilden Katzen seekrank in ihren Käfigen hocken.
Hughes packt hier seinen feinen Humor aus und lässt uns diese Überfahrt von einem Beobachter erzählen, der immer sehr nah dran ist und manch drastische Szene sehr lapidar schildert. Wer sind nun eigentlich die Hauptakteure? Die Piraten, das Schiff, das Meer, oder die Kinder? Keine Frage, Hughes präsentiert uns einen wilden Haufen Geschwister, die zum Teil vorpubertär das Schiff aufmischen und bald sind sie den Seeleuten kopfhoch überlegen. Dieser Machtkampf zwischen Kindern und Erwachsenen, diese Ungleichgewicht zwischen Seeleuten und Landratten nimmt Hughes mit so viel Humor aufs Korn, dass es eine wahre Freude ist. Aber wie es mit Kindern und Pubertierenden so ist – manches ist weit mehr als nur ein Spaß und den Kindern ist nicht zu trauen. Sind sie die eigentlichen Piraten, diejenigen, die am Ende Menschenleben auf dem Gewissen haben und eigentlich als Mörder angeklagt werden sollten? Da würde ich aber schon das Ende vorwegnehmen und das will ich Ihnen nicht antun.
Ein herrlicher Roman, für den Ehemann, der eine Abenteuergeschichte lesen will und die Ehefrau, die es lieber psychologisch hat, oder einfach für alle, die schöne Bücher lieben.

Leseprobe
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Heute abend im Ulm ROXY um 20 Uhr.
Peter Stamm liest aus seinem neuen Roman.
Wir sehen uns.